socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Tobias Buchner, Oliver Koenig u.a. (Hrsg.): Inklusive Forschung

Cover Tobias Buchner, Oliver Koenig, Saskia Schuppener (Hrsg.): Inklusive Forschung. Gemeinsamkeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten forschen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 338 Seiten. ISBN 978-3-7815-2079-0. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Interesse an Forschung, die gemeinsam mit den Menschen durchgeführt wird, deren Lebensverhältnisse erforscht werden sollen, nimmt in den deutschsprachigen Ländern zu. Auch im Bereich der Behindertenpädagogik finden partizipative beziehungsweise inklusive Forschungsansätze vermehrt Anwendung. Der vorliegende Sammelband gibt einen Überblick über die Entwicklung der inklusiven Forschung mit Menschen mit Lernschwierigkeiten im deutschsprachigen Raum, wobei internationale Exkurse diesen Fokus immer wieder ergänzen.

HerausgeberInnen

  • Tobias Buchner ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsbüro queraum. kultur- und sozialforschung in Wien.
  • Dr. Oliver Koenig ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Bildungswissenschaft an der Universität Wien.
  • Dr. Saskia Schuppener ist Professorin an der Erziehungswissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig.

AutorInnen

Neben den drei genannten HerausgeberInnen haben 35 weitere Autoren und Autorinnen an dem Buch mitgewirkt.

Aufbau und Vorwort

Das Buch ist in vier Teile gegliedert:

  1. Grundlagen
  2. Forschungsprojekte
  3. Kritische Reflexionen und Erweiterung
  4. Inklusive Hochschule

Jan Walmsley und Kelley Johnson, die „Großmütter“ der inklusiven Forschung, wie sie sich selber nennen, geben in ihrem Vorwort einen ersten Einblick in die Entstehungsgeschichte inklusiver Forschung und verdeutlichen, wie stark dieser Forschungsansatz mit gesellschaftlichem Wandel verknüpft ist.

Zu Teil 1 – Grundlagen

Dieser Teil des Buches führt in das Thema der inklusiven Forschung ein. Dabei gehen Gottfried Biewer und Vera Moser zuerst den historischen Entwicklungen im Bereich der sogenannten Behindertenpädagogik nach.

Stephanie Goeke ergänzt diese Ausführungen durch den Fokus auf das gemeinsame Forschen. Sie bildet dabei nicht nur die Ursprünge, sondern auch den aktuellen Stand inklusiver Forschung ab und diskutiert zukünftige Entwicklungen.

Im nachfolgende Kapitel gibt Hella von Unger eine kurze und anschauliche Übersicht partizipativer und inklusiver Forschungsprozesse. Das Carlisle People First Research Team, ein inklusives Forschungsteam aus England, gibt daraufhin einen Einblick in ihre Arbeit und formuliert praktische Tipps für die Durchführung inklusiver Forschungsprojekte.

Mandy Hauser beschreibt schließlich Qualitätskriterien für inklusive Forschung, die sich zum Teil wesentlich von denen anderer Forschungsansätze unterscheiden.

Zu Teil 2 – Forschungsprojekte

Im zweiten Teil des Buches werden sieben Projekte vorgestellt, die in unterschiedlichem Maße und durch verschiedene Vorgehensweisen Menschen mit Lernschwierigkeiten in Forschungsprojekte einbeziehen.

  • Gertraud Kremser gibt einen Einblick in ihr Dissertationsprojekt „Biografische Erzählungen von Menschen mit Lernschwierigkeiten in (totalen) Institutionen“, das sie selbst als „Forschung so inklusiv wie möglich“ (S. 100) beschreibt. Im Rahmen der Arbeit wurden Biografien in Zweiersettings erhoben und gemeinsam ausgewertet. Die Autorin gibt einen Einblick, wie im Prozess neben der Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte eine Auseinandersetzung mit der Geschichte von totalen Institutionen angeregt wurde und das Thema Macht gemeinsam reflektiert wurde.
  • Karen Kohlmann und Anne Goldbach berichten von zwei aufeinander aufbauenden inklusiven Forschungsprojekten, die darauf abzielten, in Leipzig „Kultur für ALLE“ zu verwirklichen. Die Autorinnen zeichnen den Forschungsverlauf detailliert nach und vermitteln so einen guten Eindruck, wie inklusive Forschung konkret aussehen kann. Zudem diskutieren sie die Schwierigkeiten, denen sie im Prozess begegnet sind.
  • Monika Seifert stellt die Teilhabestudie „Leben im Quartier“ vor. Sie beschreibt die sozialraumbezogenen Methoden, zum Beispiel Kiez-Begehungen und das Erstellen von Stadtteil-Karten, durch die eine hohe Beteiligung von Menschen mit Lernschwierigkeiten erreicht werden konnte. Außerdem teilt sie die Ergebnisse der Studie mit.
  • Raphael Zahnd und Barbara Egloff geben einen kurzen Einblick in die Schweizer Forschungslandschaft, bevor sie ihr inklusives Forschungsprojekt „Lebensgeschichten“ vorstellen. Vier Menschen mit Lernschwierigkeiten haben in diesem Projekt gemeinsam mit WissenschaftlerInnen ihre Lebensgeschichten verfasst. Die AutorInnen beschreiben den Prozess und geben u. a. Auskunft über die aufgetretenen Probleme im Forschungsverlauf.
  • Petra Flieger und Volker Schönwiese stellen das Projekt „Das Bildnis eines behinderten Mannes“ vor. In diesem kunsthistorischen Projekt wurde ausgehend von einem Gemälde, welches einen behinderten Mann zeigt, die historische und gegenwärtige Darstellung behinderter Menschen in Bildern analysiert. In ihrem Beitrag beschreiben die AutorInnen, wie Menschen mit Beeinträchtigungen im Rahmen einer Referenzgruppe zusammenarbeiteten und welche Ergebnisse sowie Erfolge erzielt werden konnten.
  • Tobias Buchner, Rainer Grubich, Ulrike Fleischanderl, Oliver Koenig und Sylvia Nösterer-Scheiner berichten von dem Forschungsprojekt „Inclusive Spaces“, in dem Schülerinnen und Schüler einer inklusiven Jahrgangsstufe die sozialen Räume ihrer Schule mit Hinblick auf Inklusion und Exklusion untersuchten. Neben Hintergrundinformationen geben die AutorInnen Einblicke, wie sie im Rahmen von Forschungsworkshops mit den Jugendlichen gearbeitet haben.
  • Jana Zehle verlässt für das letzte Beispiel den deutschsprachigen Raum und skizziert ein inklusives Forschungsprojekt, das im Norden Äthiopiens mit jungen Menschen mit Behinderungen durchgeführt wurde. In dem Photovoice-Projekt namens „Eye and I of the Camera – Der Blick auf mich“ haben die Beteiligten mithilfe von Fotos ihre eigene Lebenssituation analysiert und ihre Ergebnisse im Rahmen einer Foto-Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt.

Zu Teil 3 – Kritische Reflexionen und Erweiterungen

Der dritte Teil des Sammelbandes widmet sich aktuellen Diskursen und Herausforderungen der inklusiven Forschung. Der Blickwinkel weitet sich dabei und bildet auch internationale sowie interdisziplinäre Perspektiven ab.

Die britische Professorin Melanie Nind beschreibt etwa, wie sich die inklusive Forschung derzeit weiterentwickelt. Dabei geht sie davon aus, dass sich aufbauend auf früheren Fragestellungen und Erkenntnissen derzeit ein Wandel vollzieht. So könne sich die neue zweite Generation von inklusiver Forschung vornehmlich mit den Outcomes und der Qualität von inklusiver Forschung beschäftigen und nicht mehr nur, wie zu Beginn, mit dem Wie und Warum. Sie geht dabei auch auf das Forschungsprojekt „Doing Research Inclusively, Doing Research Well?“ ein, welches sich mit den Erfahrungen von Mitforschenden mit Lernschwierigkeiten beschäftigt. Abschließend listet Nind zehn Punkte für die Reifung und Weiterentwicklung inklusiver Forschung auf.

Tina Goethals, Geert Van Hove, Lien Van Breda und Elisabeth De Schauwer beschäftigen sich dann mit dem Konzept der Stimme („voice“) in inklusiver Forschung. Die AutorInnen beziehen sich in ihrer Methodenreflexion auf eine belgische Studie, welche die politische Partizipation von Menschen mit Lernschwierigkeiten untersuchte. Mit Beispielen aus dieser Studie erklären sie sechs unterschiedliche Arten von Stimmen, die im Rahmen von inklusiver Forschung aufkommen können (zum Beispiel: Stimme der Autobiografie, Stimme der Interpretation). Kritisch diskutieren sie politische und ethische Fragen bezogen auf die unterschiedlichen Stimmen, die durch die Forschung hörbar gemacht werden.

Monika Wagner-Willi beleuchtet inklusive Forschung aus der Perspektive der praxeologischen Wissenssoziologie. Sie beschäftigt sich in ihrem Text mit der Begründung der Einbeziehung von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Forschung. Dabei beschreibt sie unterschiedliche Dimensionen von Fremdheit und Standortgebundenheit der Beteiligten. Die Autorin spricht sich schließlich für eine Kontrolle der Standortgebundenheit aus, denn „Vertrautheit und Fremdheit von Forschenden gegenüber Forschungssubjekten stehen je nach Erkenntnisinteresse und personeller Ausrichtung eines Projekts in stets neu zu reflektierenden Verhältnissen zueinander“ (S. 228).

Val Williams gibt einen Einblick in die inklusive Forschungslandschaft Großbritanniens, die maßgeblich durch Initiativen von Interessenvertretungen geprägt ist. Durch die Analyse von Interaktionen, die im Forschungsprozess mit Menschen mit Lernschwierigkeiten entstehen, werden Charakteristika inklusiver Forschung vorgestellt und Strategien der Beteiligung und Teilhabe diskutiert.

Mit ihrem Kapitel zu „Machtstrukturen im Kontext partizipativer Forschung“ reflektiert Wiebke Curdt auf Grundlage von Foucault die Rollen und Machtstrukturen in partizipativer Forschung mit Menschen mit Lernschwierigkeiten. Sie spricht sich klar dafür aus, die Komplexität sozialer Machstrukturen zu hinterfragen und auch gemeinsam mit Ko-Forschenden zu analysieren.

Mary Kellett bietet im letzten Abschnitt einen Einblick in partizipatorische Forschung mit Kindern mit Lernschwierigkeiten. Dafür beschreibt sie zuerst aktuelle Entwicklungen in diesem Bereich. Die Autorin deutet in diesem Zusammenhang darauf hin, dass Kinder und Jugendliche mit Lernschwierigkeiten noch sehr selten in Forschungsprojekte eingebunden werden. Mit der Schilderung des „WeCan2“ Projekt zeigt sie jedoch anschaulich, wie eine solche Beteiligung gelingen kann.

Zu Teil 4 – Inklusive Hochschule

Der letzte Teil des Buches beschäftigt sich mit der Frage, wie sich Hochschulen für Menschen mit Lernschwierigkeiten öffnen können.

Mandy Hauser, Saskia Schuppener, Gertraud Kremsner, Oliver Koenig und Tobias Buchner führen in das Thema ein, indem sie im internationalen Vergleich erörtern, welche Einflüsse eine Hochschulöffnung begünstigen oder auch erschweren. Außerdem geben sie Beispiele, die aufzeigen, wie Menschen mit Lernschwierigkeiten als Lehrende, Forschende oder Studierende Hochschulräume betreten können.

Karin Terfloth und Theo Klauß beschäftigen sich dann vertiefter mit Teilhabebarrieren im Hochschulsystem, aber auch mit methodischen Möglichkeiten, um eben jene Barrieren abzubauen. Schließlich stellen die AutorInnen zwei inklusive Seminare der PH Heidelberg vor, in denen Studierende der Sonderpädagogik gemeinsam mit Menschen mit Lernschwierigkeiten lernten.

Molly O´Keeffe, Edurne Garcia Iriarte, Zoe Hughes und John Kubiak zeigen anhand des „Certificate in Contemporary Living (CCL)“ am Trinity College in Dublin wie inklusive Kurse an Hochschulen auch aussehen können. In besagtem Bildungsangebot lernen Menschen mit Lernschwierigkeiten über 2 Jahre hinweg Inhalte, die ihrer persönlichen und beruflichen Entwicklung dienlich sein sollen (zum Beispiel: Lernen lernen, Kommunikation, Finanzmanagement, Sport und Ernährung oder Kunst).

Die HerausgeberInnen des Sammelbandes schließen ihr Buch mit einem Ausblick ab, in dem sie nochmals Bezug zu den einzelnen Beiträgen nehmen und so die inklusive Forschung im deutschsprachigen Raum verorten, Dilemmata, Herausforderungen und Möglichkeiten diskutieren, sowie relevante Themenbereiche für zukünftige Arbeiten identifizieren.

Diskussion

Auch wenn es in diesem Buch, um die Inklusion von Menschen mit Lernschwierigkeiten in Forschung geht, richtet es sich klar an die akademisierte Wissenschaftscommunity: Es beinhaltet Beiträge in Deutsch und Englisch und setzt teilweise Fachwissen aus dem sonderpädagogischen, sozialwissenschaftlichen und forschungsmethodischem Bereich voraus. Jedoch ist anzumerken, dass die Inhalte des Buches mittels einer eigenständigen Publikation in leichter Sprache auch Menschen mit Lernschwierigkeiten zugänglich gemacht werden sollen.

Fazit

Dieses Buch bildet die aktuellen Entwicklungen der inklusiven Forschungslandschaft in den deutschsprachigen Ländern sehr anschaulich ab. Es liefert Hintergründe, Beispiele sowie kritische Reflexionen und kann so eine Standortbestimmung des Forschungsansatzes vornehmen. Das Buch ist gut strukturiert, die Inhalte bauen aufeinander auf, können aber je nach Interessenslage auch einzeln gelesen werden. Der Sammelband empfiehlt sich daher für interessierte WissenschaftlerInnen, als auch für bereits inklusiv Forschende, die sich einen Überblick, als auch neue Anregungen für ihre Arbeit wünschen.


Rezensentin
Theresa Allweiss
Wissenschaftliche Mitarbeiterin in dem partizipativen Forschungsprojekt GESUND! (Menschen mit Lernschwierigkeiten und Gesundheitsförderung) am Institut für Soziale Gesundheit an der Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)
Homepage www.partkommplus.de/teilprojekte/gesund
E-Mail Mailformular


Alle 1 Rezensionen von Theresa Allweiss anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Theresa Allweiss. Rezension vom 02.11.2016 zu: Tobias Buchner, Oliver Koenig, Saskia Schuppener (Hrsg.): Inklusive Forschung. Gemeinsamkeit mit Menschen mit Lernschwierigkeiten forschen. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2079-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20491.php, Datum des Zugriffs 19.11.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung