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Gerald Hüther: Mit Freude lernen – ein Leben lang

Cover Gerald Hüther: Mit Freude lernen – ein Leben lang. Wie wir lernen, um zu leben – und weshalb wir leben, um zu lernen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 224 Seiten. ISBN 978-3-525-70182-9. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,50 sFr.
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Thema

Lernen ist eine Grunderfahrung alles Lebendigen, denn ohne Lernen könnte kein Überleben in sich verändernden Umgebungen stattfinden. Insbesondere bei Menschen kommt außer der evolutionären Notwendigkeit hinzu, dass sie ganz intentional ihr Interesse auf etwas richten können, und solange dieser Gegenstand, dieses Wissen für sie von Bedeutung ist, es auch lernen können. Die Bedeutung muss allerdings vom Menschen selbst zugeschrieben werden, ein Gedanke, der der reinen Instruktion von Wissen diametral gegenübersteht, weshalb Hüther sein Werk als wichtig, jedoch auch provozierend für alle Lehrenden einschätzt.

Autor

Prof. Dr. rer. nat. Dr. med. habil. Gerald Hüther ist Neurobiologe an der Universität Göttingen. Wissenschaftlich befasst er sich mit dem Einfluss früher Erfahrungen auf die Hirnentwicklung, mit den Auswirkungen von Angst und Stress und der Bedeutung emotionaler Reaktionen. Er ist Autor zahlreicher wissenschaftlicher Publikationen und populärwissenschaftlicher Darstellungen. (Autorenseite des Verlags)

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in zwei Teile, wobei im ersten Teil sieben Thesen zum Lernen aufgestellt, erläutert und begründet werden, im zweiten Teil „Beiträge zur Untermauerung“ werden diese Thesen dann für das menschliche Lernen illustriert und angewendet.

Die Thesen bilden dabei das theoretische Grundgerüst für die Argumentation des Buches, sie lauten:

  1. Die Evolution des Lebens ist eine fortschreitende Erweiterung der Lernfähigkeit lebender Systeme.
  2. Lernen ist ein sich selbst organisierender Prozess zur Wiederherstellung von Kohärenz.
  3. Lernen führt über die Herausbildung labiler Beziehungsmuster zur Ausformung stabiler Beziehungsstrukturen.
  4. Gelernt werden kann nur das, was für ein Lebewesen bedeutsam ist.
  5. Lernen ist ein auf vorangegangenen Lernerfahrungen aufbauender Prozess.
  6. Kein Lebewesen kann etwas lernen ohne Anregung durch andere und ohne selbst mit dem, was es gelernt hat, andere zum Lernen anzuregen.
  7. Nur Menschen können lernen, die Lernfähigkeit anderer zur Verfolgung eigener Ziele und Absichten zu benutzen.

Die Quintessenz des zweiten Teils des Buches „Beiträge zur Untermauerung“ ist die Gegenüberstellung von Bedingungen für gelingendes Lernen und den Bedingungen, unter denen Lernen nicht stattfinden kann. Diese werden teilweise nur neurobiologisch erläutert, oft jedoch auch an Beispielen aus Kommunen und Schulen genauer dargestellt.

Grundsätzlich lässt sich festhalten, dass laut Hüther das Lernen dann gelingt, wenn neues Wissen und Können bedeutsam, anknüpfbar an bereits Bekanntes, ganzheitlich und emotional erfahrbar und als praktisch nutzbar erkannt und erlebt werden kann. Um dies zu realisieren, bedarf es eines wertschätzenden und achtungsvollen Miteinanders, das auf Vertrauen und Beziehungen auf Augenhöhe basiert.

Vertrauen ist dabei das Fundament für Entwicklungsprozesse und muss auf dreierlei Ebenen vorhanden sein:

  • als Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten
  • als Vertrauen in gemeinschaftliche Bewältigung schwieriger Situation zusammen mit anderen Menschen
  • als Vertrauen in eine mit Sinn ausgestattete oder ausstattbare Welt, in der man heimisch sein kann und möchte (110)

Beziehungen auf Augenhöhe sind dann realisiert:

  • wenn wir Menschen nicht mit guten Ratschlägen überschütten,
  • ihnen nicht sagen, was sie zu tun und zu lassen haben, sondern
  • wenn wir sie ernst nehmen im Austausch über Erfahrungen und so
  • von und miteinander Neues lernen. (141)

So entsteht eine Form des Miteinanders, in der jedeR eigene Fähigkeiten, Talente, Begabungen und Wissen einbringt, um eine Gemeinschaft zu bilden in der man sich angenommen und aufgehoben fühlt.

Dem steht entgegen, dass in einer von Leistungsdruck und Konkurrenzdenken geprägten Gesellschaft bereits Kinder dazu angehalten und ermutigt werden, ihr „Ich“ auf Kosten und durch Abwertung anderer zu stärken. Effizienzdenken, Machbarkeitswahn und Konkurrenzkampf nehmen Achtsamkeit, Behutsamkeit, Wertschätzung und Kooperation jeglichen Sinn. (132)

Dieses egozentrische Selbstbild des Mehr-Habens, Besser-Könnens und darum Mehr-Wert-Seins steht einer hirn- und damit lern- und lebensfreundlichen Beziehungskultur entgegen. (152) Der Leistungs-, Konkurrenz- und Zeitdruck sowie die ständige Bewertung meiner Selbst und Anderer führen zu Gefühlen der Verunsicherung, Angst, Abwertung und Ohnmacht. Sie werden verknüpft mit den Situationen und Institutionen (z.B. Elternhaus, Bildungsinstitutionen), in denen ich sie erlebe und denen gegenüber ich Flucht- und Vermeidungstendenzen entwickle.

Wenn es um konkrete Lernziele insbesondere in der Schule geht, so sieht Hüther v.a. die von ihm sogenannten Metakompetenzen als wichtig und zentral an. Dazu zählt er:

  • vorausschauendes Denken und Handeln unter Berücksichtigung der Handlungsfolgen
  • konzentriertes und ausdauerndes Suchen nach einer Lösung für Probleme
  • flexibler Umgang mit Problemen bei der Lösungssuche
  • Offenheit für alternative Lösungen
  • kontrollierter Umgang mit Frustration und dem Impuls, lieber etwas anderes zu tun als die gegenwärtige Aufgabe

Gemeinsam ist diesen Metakompetenzen, dass sie sich nicht direkt unterrichten, geschweige denn mit den traditionellen Bewertungsinstrumenten der Schule, der Vergabe von Noten, sinnvoll messen lassen.

Diskussion

Hüther zeigt die Bedeutung des Lernens vom Einzellern über Vielzeller bis hin zum Menschen. Dabei vermeidet er den „Neuro-Reduktionismus“ einiger Fachkollegen und räumt dem gesellschaftlichen Kontext von Lernerfahrungen gebührend Raum ein. Dies ist daran zu erkennen, dass er gelingende Beziehungen als Grundlage für Lernen ansieht, denn alles, was wir als Menschen lernen, lernen wir VON jemandem. Interaktion ist demnach ein Schlüssel zum Lernen und je vielfältiger unsere Interaktionserfahrungen sind, desto mehr lernen wir, desto variantenreicher wird auch unser Handeln, da wir immer mehr Lösungen für Probleme kennen lernen.

Für Hüther ist Lernen also problemlösendes Handeln, wobei nicht das Problem zum Lernen führt, sondern erst die Lösung. Allerdings ließe sich die Gleichsetzung von Lernen und erweiterten Handlungsspielräumen als instrumentalistisch kritisieren. Die enge Anbindung von Lernen an Handeln kann als eine Präferenz für praktische Nutzenorientierung beim Lernen gesehen werden. Dies bedeutet wiederum, dass ein Wissen, welches nicht handlungsrelevanten praktischen Nutzen hat, auch nicht gelernt werden kann und vielleicht auch nicht gelernt werden sollte.

Dieser Deutung steht entgegen, das Hüther Lernen nicht von Nützlichkeitserwägungen geprägt sieht, sondern immer wieder insistiert, dass es die individuelle Bedeutsamkeit ist, die Lernen ermöglicht oder verhindert. Dabei ist es offen, ob es um das Binden von Schnürsenkeln oder die Interpretation eines Gedichtes geht, beides kann für ein Individuum Bedeutung haben und deswegen gelernt werden. Bedeutung ist dann wiederum nicht nur ein Produkt individueller Neigungen und Präferenzen, sondern wird sozial vermittelt, eben durch Interaktion und durch Vorbilder.

Wer sich schon länger mit Hüthers Ansichten zum Thema Lernen beschäftigt oder den Dokumentarfilm Alphabet (2013) kennt, der/die wird von den Aussagen über menschliches Lernen nicht überrascht sein. Vielmehr wundert es, dass sich der Autor mit konkreteren Umsetzungsvorschlägen für bessere Lernumgebungen zurückhält. Insgesamt muss Hüther sich skeptischen Fragen wie den folgenden stellen, die mit dieser Publikation nicht beantwortet werden:

  • Kann die Neurobiologie wirklich beweisen und belegen, wie Lernen hier und heute und in Zukunft funktioniert? Und wenn ja, wie kann darauf aufbauend das Lernen in Bildungseinrichtungen reformiert werden?
  • Ist das begeisterte, bedeutsame Lernen für alle Themen, Fächer, Kompetenzen wirklich möglich? Oder gibt es nicht auch Dinge, die man lernen kann und vielleicht auch lernen sollte, obwohl sie weder Begeisterung auslösen noch individuelle Bedeutung besitzen?
  • Führt eine dauernde Orientierung an dem, was ich als Lerner als sinnvoll und interessant erachte, nicht dazu, dass ich einige wichtige Erfahrungen gar nicht mache?

Fazit

Die Neurobiologie gelingenden Lernens hat aufgrund ihres naturwissenschaftlichen Status eine hohe Überzeugungskraft. Allerdings finden sich viele Aussagen Hüthers auch in anderen Lerntheorien, wie z.B, im Pragmatismus (Dewey), der Idee der Communities of Practice (Lave/Wenger), oder der subjektorientierten Lerntheorie (Holzkamp), um nur einige zu nennen.

Lernen gelingt in einer Gemeinschaft Gleichgestellter, die einander achten, weil sie voneinander und miteinander lernen. Dabei sollen individuelle Interessen nicht im Kollektiv untergehen. Wichtig für das Lernen ist die Bedeutsamkeit eines bestimmten Wissens oder Könnens für den Einzelnen. Alle Lernenden müssen darauf vertrauen können, dass ihre Fertigkeiten, ihr Wissen, ihre Möglichkeiten und die ihnen bedeutsamen Themen und Tätigkeiten als „brauchbar“, als legitim angesehen werden.

Skepsis und Kritik sind den Hütherschen Überlegungen gegenüber durchaus angebracht. Eine generelle Ablehnung mit der Behauptung, das Lernen in Bildungseinrichtungen ließe sich nicht verändern und Hüther präsentiere eine schöne neue Lernutopie, kann allerdings keine Position sein, auf die sich Lehrende zurückziehen können. Dafür gibt es zu viele Indizien, dass Gerald Hüther im Grunde richtig liegt – gerade auch, weil er mit anderen Lerntheoretikern übereinstimmt.


Rezensent
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 02.06.2016 zu: Gerald Hüther: Mit Freude lernen – ein Leben lang. Wie wir lernen, um zu leben – und weshalb wir leben, um zu lernen. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-70182-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20496.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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