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Uwe Sielert: Einführung in die Sexualpädagogik

Cover Uwe Sielert: Einführung in die Sexualpädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. 184 Seiten. ISBN 978-3-407-25733-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Autor

Uwe Sielert hatte von 1992- 2017 einen Lehrstuhl für Pädagogik, mit dem Schwerpunkt Sozialpädagogik, an der Christian- Albrechts- Universität in Kiel inne.

Im Verlauf seiner wissenschaftlichen Karriere arbeitete er vorher u.a. an der TU Dortmund und in Köln bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA). Er war aktiv in verschiedenen wissenschaftlichen Gesellschaften (u.a. Gründungsmitglied der „Gesellschaft für Sexualpädagogik“) und wurde vielfach als Experte in Kommissionen berufen, in denen es immer um die Fragen von Sexualität und Gesellschaft ging.

In pädagogischen Fachkreisen wurde er vor allem bekannt durch seine Arbeit im „Institut für Sexualpädagogik Dortmund“ (ISP), das er mitbegründet hatte und in dem Sexualpädagogen und -pädagoginnen aus- und weitergebildet wurden.

Aus seiner Arbeit in Dortmund, Köln und Kiel entstanden zahlreiche Publikationen aus dem Bereich Sexualpädagogik. Sielert hat die Diskussion zur Sexualpädagogik und -erziehung seit den 70er/80er Jahren im universitären Raum, in der außerschulischen Kinder und Jugendarbeit und in der Entwicklung der schulischen Sexualerziehung maßgeblich mitgestaltet.

Entstehungshintergrund und Thema

Der vorliegende Band „Einführung in die Sexualpädagogik“ ist eine überarbeitete und erweiterte Fassung von 2005 (vgl. die Rezension der 1. Auflage). Sielert nennt als Begründung für diese Neufassung, dass sich die Sexualpädagogik in den letzten 15 Jahren als Disziplin und Profession stark entwickelt habe, neue Themen hinzugekommen sind, aber auch starke Gegenströme aus konservativ/kirchlichen Kreisen, vor allem gegen die schulische Sexualerziehung, feststellbar sind. Auch die Begrifflichkeit hat sich inhaltlich entwickelt.

Die Grundlage für die 1. Auflage von 2005 war eine Vorlesung an der Universität Kiel für alle erziehungswissenschaftlichen Studiengänge in einem viersemestrigen Rhythmus, die mit dem Titel „Sexualität und Sexualpädagogik“ angekündigt war. Aus diesem Script entstand dann modifiziert und angereichert die „Einführung in die Sexualpädagogik“. Beide Auflagen sind keine Einführung in die Sexualerziehung, d.h. die Umsetzung, die Anwendung im pädagogischen Feld der Schule oder in der außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit bedarf eines didaktisch/methodischen Konzeptes für die Unterrichtsgestaltung. Es ist vielmehr so etwas wie ein Basiscurriculum, das die Sexualpädagogik in einen größeren gesellschaftstheoretischen und erziehungswissenschaftlichen Kontext stellt und Erkenntnis- und Verstehensprozesse der agierenden Lehrer und Lehrerinnen, der Erzieher/Erzieherinnen und er Jugendarbeiter/Jugendarbeiterinnen anstoßen soll. Sexualpädagogik ist die wissenschaftsfundierte Grundlage der Sexualerziehung.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in elf Kapitel, die sich in fünf thematische Bereiche/Teile zusammenfassen lassen. Die Deutsche Nationalbibliothek bietet das vollständige Inhaltsverzeichnis.

Im 1. Teil (Kap.1-3)geht es um einen Überblick, was Sexualpädagogik ausmacht, wie sie sich historisch entwickelt hat und um die Klärung der Begrifflichkeiten. Unter dem Einfluss feministischer Forschungsergebnisse und anderer empirischer Studien im sozialwissenschaftlichen Bereich vollzieht Sielert einen Paradigmenwechsel von der „emanzipatorischen“ (Ansatz von H. Kentler aus den 70er Jahren) zur „kritisch- reflexiven Sexualpädagogik“. Dieses Verständnis ist die Grundlage für die Entfaltung in den nachfolgenden Kapiteln.

Der 2. Teil (Kap.5-7) greift die in den letzten Jahren intensiv geführte Diskussion um die sexuelle Identität eines Individuums auf. Die alten Säulen der Hetero- und Homosexualität werden dekonstruiert zugunsten eines Konzeptes der „sexuellen Vielfalt“. Der Autor folgt der von J. Butler vorgenommenen Dreiteilung von „Sex, Gender und Begehren“. Auf das Individuum bezogen beinhaltet es, dass jeder für sich klären muss, wie sein Verständnis zum eigenen Körper, zu seinem Geschlecht und zu seiner sexuellen Orientierung ist.

Der 3.Teil (Kap.7 und 8) enthält neuere sexualwissenschaftlichen Studien zur Lebensphase Kindheit und Jugend, weil diese Phasen natürlich im Zentrum des sexualerzieherischen Bemühens stehen. Dieser Teil musste grundlegend überarbeitet werden, weil in den letzten 15 Jahren der „Gefährdungsdiskurs“ von Kindheit aus sehr unterschiedlichen Gründen stark zugenommen hat.

Im 4.Teil (Kap.9 und 10) werden die Entwicklung von Ethik und Moral aufgezeigt, die durch die immer stärker ausgeprägte multikulturellen Milieus neue Sichtweisen und Handlungsmuster erzwingen. Aber auch in der angestammten deutschen Gesellschaft hatte es vorher schon starke Veränderungen gegeben, weil normgebende Institutionen ihre Definitionsmacht für das moralische Handeln längst verloren hatten. Seit den 90er Jahren hat sich der Wechsel zur „Verhandlungsmoral“ vollzogen (vgl. empirische Jugendstudien), die für Jugendliche zwar Befreiung von auferlegten Normen bedeutete, aber gleichzeitig Arbeit verlangte, um einen „Verhaltensvertrag“ unter Partnern/Partnerinnen zu erstellen. Eng damit verbunden sind auch eine Neubewertung und der Umgang mit den „dunklen Seiten“ der Sexualität.

Der 5.Teil (Kap.11) ist in der vorliegenden Auflage auch neu hinzugekommen. Dem Kap. „Sexualerziehung in der Schule “liegt eine empirische Studie zur Sexualerziehung an den Grundschulen zugrunde. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ und bezieht sich in erster Linie auf Schleswig- Holstein. Die Daten zur Sexualerziehung in der Lehrerausbildung sind hingegen auf die Bundesrepublik bezogen.

Diskussion

Nach dem Lesen des Buches entsteht am Ende ein sehr ambivalenter Eindruck bezüglich der Entwicklung dieser Thematik in Deutschland.

Einerseits: Der Erkenntnisgewinn in der Profession Sexualpädagogik und der angrenzenden Disziplinen hat erheblich zugenommen gegenüber den 70er Jahren. Eine Fülle von Forschungsergebnissen, vor allem zur Kinder- und Jugendsexualität, zu dem Wandel der sozio-kulturellen Bedingungen in den unterschiedlichen Migrantenmilieus, zur Entstehung und Ausdifferenzierung sexueller Identitäten, zu den Entstehungsprozessen von Sexualmoral und dem daraus resultierenden Verhalten bis hin zu den vorsichtigen Diskussionsansätzen der „dunklen Seiten“ von Sexualität. In vielen dieser Bereichen kamen wichtige Ergebnisse und Impulse aus der dem Feminismus. Auf der gesellschaftlichen Ebene sind viele Bastionen der normgebenden Institutionen gefallen und die jüngere Generation hat ein entspanntes, pragmatisches Verhältnis zur eigenen Sexualität gefunden. Sie haben sich aus der unheilvollen Polarisierung zwischen Idealisierung und Dämonisierung der Sexualität befreit. Sexualität ist wichtig, aber nicht entscheidend, es ist eine Erlebnismöglichkeit unter anderen (vgl. G. Schmidt, S. 52). Zugenommen haben die Möglichkeiten von Beratung mit professionellen Kräften (z.B. pro familia), die Hilfestellung geben können bei den vielfältiger gelebten sexuellen Identitäten. Homosexualität kann heute, zumindest in vielen westeuropäischen und nordamerikanischen städtischen Milieus, offen gelebt werden. Die gesetzlichen Bedingungen dafür haben sich in vielen Ländern verbessert. Auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen und die entsprechende Rechtsprechung auf Länder- und Bundesebene haben die schulische Sexualerziehung seit 1968 institutionell abgesichert, sodass handelnde Lehrerinnen /Lehrer sich nicht mehr in einem rechtsfreien Raum befinden.

Andererseits: Sielert muss, um an den letzten Punkt anzuschließen, konstatieren, dass sich zwar auf der legislativen Ebene vieles positiv verändert hat, aber in der Schule selbst, in den außerschulischen Bildungsstätten und vor allem in den pädagogischen Studiengängen der Universitäten und Hochschulen es keine etablierte, durch sächliche und personelle Ressourcen abgesicherte Sexualerziehung gibt. Vorfindbar sind eher zufällige Einzelkonstellationen, häufig auf Zeit eingerichtet, um Krisensituationen zu bewältigen (vgl. AIDS- Krise). Die dort arbeitenden Kolleginnen und Kollegen sind in der Regel sehr engagiert, haben aber selten eine abgesicherte Position im Curriculum. Diese nach wie vor nicht gesicherte Position der Sexualerziehung als Unterrichtsprinzip (quer liegend zu den etablierten Fächern) in einer Leistungsschule nutzen in jüngster Zeit wieder religiös konservative Kreise (vgl. Baden- Württemberg und andere Bundesländer) um die curricularen Bausteine aus der Schule zu entfernen. Damit befeuern sie wieder den Gefährdungsdiskurs von Kindern, die vor zu vielen sexuellen Inhalten geschützt werden sollen. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung vom asexuellen Kind, wie es schon Christa Meves in den 70er Jahren in ihrem Schrifttum propagiert hatte und damit sehr erfolgreich war. Aber auch der „Schutz des Kindeswohls“ im Zusammenhang mit der Missbrauchsdebatte hat durch eine immer stärker werdende „schützende“ Rechtsprechung einen ähnlichen Effekt.

Die sexuellen Identitäten, die in einer liberalen Gesellschaft gelebt werden können, sind vielfältiger geworden. Sie verhindern richtigerweise die „Schubladisierung“, bedeuten für das Individuum aber in der Vielfältigkeit auch Unübersichtlichkeit, Unsicherheit. Sein „Selbst“ zu entdecken in der sensiblen Jugendphase bietet zwar viele Chancen, aber auch viele Möglichkeiten des Scheiterns.

Ein letzter Punkt. Nie zuvor gab es so viele Informations- und Kontaktmöglichkeiten, die durch das Internet möglich sind. Natürlich sind auch beliebige sexuelle Inhalte (u.a. Pornographie) zugänglich, mit denen Jugendliche aber, entgegen den Befürchtungen der Erwachsenen, relativ souverän umgehen können. Viel bedenklicher sind aber die Diffamierungsmöglichkeiten im Netz und besonders „wirksam“ sind sexuell orientierte Bloßstellungen in der Gleichaltrigengruppe. Sie können wirksamer sein als Verbote oder Strafen von Eltern oder Lehrern.

Unter dem Strich bleiben, trotz aller Rückschläge und aktuellen Gefährdungen, die guten Möglichkeiten einer selbstbestimmten sexuellen Bildung, die von Sielert als eine ganzheitliche, lernbare Lebensenergie angesehen wird.

Fazit

Sielert ist Sozialpädagoge, der seinen Schwerpunkt immer in der Jugendarbeit gehabt hat. Diese Ausrichtung ist in seiner Darstellung erkennbar.

Dennoch ist das Buch auch für angehende oder schon im Dienst befindliche Lehrerinnen/Lehrer mit Gewinn zu lesen. Es ist in einer wirklich gut lesbaren Sprache geschrieben und enthält überschaubare Anmerkungen/Quellenhinweise, die den Lesefluss nicht stören. Vor allem in den Kapiteln Kinder- und Jugendsexualität und Ethik und Moral… im interkulturellen Kontext finden sich eine Fülle von Informationen und Basiswissen, die für alle im pädagogischen Feld Tätigen die Grundlage sein können, um in der Sexualerziehung handeln zu können. Wie schon erwähnt, müssen sie aber die didaktisch/methodischen Entscheidungen selbst treffen. Diese Informationen sind, im didaktischen Terminus, die Grundlage für eine fundierte „Sachanalyse“. Wohltuend ist auch die Unaufgeregtheit mit der der Autor seine Positionen entwickelt und begründet. Aber auch die übrigen Kapitel, vor allem über die sexuellen Identitäten, geben einen guten Überblick über die doch sehr differenzierte Diskussion zu diesem Thema.

Wünschenswert wäre gewesen, wenn Sielert das in dieser Ausgabe hinzugefügte Kapitel über die schulische Sexualerziehung stärker gewichtet hätte. Die empirischen Ergebnisse der Studie sind sehr pauschal vorgetragen, obwohl sie interessante und gewichtige Aspekte enthalten. Ein weiterer Kritikpunkt ist die Nichtbeachtung der Sexualpädagogik in der DDR. In der historischen Darstellung der Sexualerziehung in Deutschland hätte sie dargestellt, oder zumindest erwähnt werden müssen. Viele Annahmen der Entwicklung einer sozialistischen Persönlichkeit und der sexuellen Sozialisation in diesem Kontext wirken bis heute nach, u.a. in der Schule. Auffällig ist auch dass in einigen Bereichen die verwendete Literatur nicht über den Stand von 2005 hinausgeht. Natürlich sind viele Positionen bis heute gültig, aber vor allem einige Aussagen von empirischen Untersuchungen dürften nicht mehr aktuell sein.


Rezensent
Dipl.- Päd. Hubert Lohrenz
AOR i.R. im Institut für Angewandte Erziehungswissenschaften an der Stiftung Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Hubert Lohrenz. Rezension vom 05.06.2018 zu: Uwe Sielert: Einführung in die Sexualpädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 2., erweiterte und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-407-25733-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20497.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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