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Celalettin Kartal: Deutsche Yeziden

Rezensiert von Prof. Dr. Hartmut M. Griese, 04.03.2016

Cover Celalettin Kartal: Deutsche Yeziden ISBN 978-3-8288-3676-1

Celalettin Kartal: Deutsche Yeziden. Geschichte, Gegenwart, Prognosen. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. 152 Seiten. ISBN 978-3-8288-3676-1. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Vorbemerkung

Bücher über Religionen bzw. Glaubensgemeinschaften zu rezensieren, ist meist sehr schwierig, da es bekanntlich bei spirituell-emotionalen Themen nahezu unmöglich ist, objektiv zu bleiben. Hinzu kommt, dass ich einerseits nach einer protestantisch-lutherischen Sozialisation seit Jahren konfessionslos und quasi Agnostiker und Freidenker bin und auf der anderen Seite nähere Kontakte zum Ezidentum und Erfahrungen mit Eziden hatte und habe, d.h. konkret: Ich war vor einigen Jahren mehrmals in (Süd-)Kurdistan/(Nord)Irak und auch in Lalish, am heiligen Zentrum bzw. Wallfahrtsort der Eziden und ich habe vor wenigen Jahren zusammen mit der Ezidischen Akademie in Hannover u. a. eine „summer school“ für junge Eziden mit-organisiert und -geleitet. Hinzu kommt, dass ich während meiner Hochschullehrertätigkeit auch akademische Abschlussarbeiten zum Thema „Eziden/ Yezidentum“ betreut und bewertet habe (vgl. Literatur).

Schwierig wird die Sache u. a. auch, weil es im Deutschen keine einheitliche Schreibweise für die zentralen Termini gibt, so z.B. für Ezidi (auch Yeziden, Yesiden; Yezidi), für Lalish (auch Lalisch) oder für Tawisi Melek (auch Melek Taus oder Taus-i Melek = der „Chefengel“ oder „Engel Pfau“) usw.

Thema und Aktualität

Spätestens nach den in den letzten Jahren zunehmenden und aktuell immer noch erschreckenden Medienberichten über unvorstellbare Gräueltaten und Menschenrechtsverbrechen des IS (ISIS, „Islamischer Staat“) an der Bevölkerung in Syrien und Irak, insbesondere an den Eziden (ich bleibe bei dieser Schreibweise), wurde diese „Glaubensgemeinschaft“ (andere Bezeichnungen sind „Religionsgemeinschaft“, „Religionskultur“, Volk, Ethnie, Kultur, Religion), in Deutschland (und wohl auch anderswo) erst bekannt. Über ihre Herkunft, ihre historische Entwicklung, ihre Gegenwart sowie ihre Lebensweise in Deutschland, wo mittlerweile die meisten Eziden – man schätzt mittlerweile über 50.000 – leben, gibt es wenig gesichertes Wissen und Erkenntnisse – dagegen umso mehr Gerüchte und Behauptungen, da es sich um keine „Schrift- oder Buchreligion“ handelt.

Die Geschichte der Eziden ist eine Geschichte der Leiden. Als „Teufelsanbeter“, „Mystiker“, „Schriftlose“ („keine Religion des Buches“) und Abtrünnige wurden die Eziden, insbesondere von radikalen Moslems, verfolgt, erniedrigt, zwangskonvertiert und getötet. Mittlerweile „handelt es sich bei den Eziden weltweit um eine Gemeinschaft von wenigen Hunderttausend“ (Vorwort vom Reihenherausgeber Bertram Schmitz, S. 8). Die Folge davon ist mit Blick auf die gegenwärtige Situation, dass viele (immer mehr) geflüchtete Eziden ihre Zukunft und vor allem die ihrer Kinder und ihrer Glaubensgemeinschaft in Deutschland sehen, womit auch die Frage nach der Zukunft des Ezidentum bzw. nach einem überlebensfähigen, d.h. modernisierten (deutsch-europäischen) Ezidentum relevant wird, zumal es sich bei dieser „Religion“ um ein oral überliefertes Traditionskorpus ohne einen „fixierten Grundstock der Lehre“ (Vorwort, S. 9) wie im Islam (Koran) oder Christentum (Bibel) handelt.

Autor und Entstehungshintergrund

Über den Autor erfährt der Leser am Ende des Buches bzw. im Werbeflyer: „Celalettin Kartal ist in der Türkei geboren. Mit 14 Jahren kam er in die Bundesrepublik Deutschland. Er ist seit 1993 eingebürgert. Im September 2001 wurde er zum Dr. jur. promoviert. Sieben Jahre hat er an Universitäten als Lehrbeauftragter gelehrt. Kartal ist spezialisiert auf Forschungsbereiche wie z.B. Islam, Menschenrechte, Integration, Migration sowie Eziden“. Über seine ethnisch-religiös-kulturelle Herkunft und Sozialisation werden keine Auskünfte gegeben, die jedoch zum Verständnis seiner Betroffenheit dokumentierenden, engagierten und oftmals subjektiven Darstellung des Ezidentums unabdingbar gewesen wären.

Aufbau und Inhalt

Der Herausgeber der Reihe „Religion aktuell“, Prof. Dr. Dr. Bertram Schmitz, informiert in seinem Vorwort (S. 8-10), quasi für Schnellleser, über einige Probleme und Fragen hinsichtlich der „Religionskultur“ der Eziden („keine Schriftreligion, keine Religion des Buches“, Orientierung an Traditionen und oraler „Überliegerung“, Probleme der „Assimilation“ in Deutschland, „kein fixierter Grundstock der Lehre“, „Stände und Heiratsordnung“, „Frage nach der Zukunft des Ezidentums“) und gibt einen Überblick über die zwei Hauptteile („Geschichte der Eziden“ sowie die „Situation der Eziden in Deutschland“) und deren insgesamt 21 (!) thematisch unterschiedliche Kapitel.

Es wird im gesamten Text zu Recht viel gefragt – und nicht immer eindeutig geantwortet, was aber bei der diffusen Kenntnislage über die Eziden sowie den oftmals, auch oder gerade von „Experten“ geäußerten, aber voneinander abweichenden Meinungen nur die logische Konsequenz ist. So lauten ausgewählte Überschriften:

  • „Wer sind die Eziden?“,
  • „Woher kommen die Eziden?“,
  • „Namensverwirrung?“,
  • „Eziden und die kurdische Identität?“,
  • „Eziden als Zoroastrier?“ (S. 21ff),
  • „Ezidentum und Alevitentum“ (S. 25ff) mit der Bemerkung „Alles deutet darauf hin, dass Eziden, Aleviten und Yarasan einen gemeinsamen Ursprung haben“ (S. 27),
  • „Geschichte der Wehrlosen?“ (S. 32-53),
  • „Flucht der Eziden nach Deutschland“ (aus der Türkei, Syrien und Irak, S. 53-58),
  • „Die Genozide an Eziden im 21. Jahrhundert“ (S. 58ff),
  • „Eziden in der neuen Heimat Deutschland“ (S. 63),
  • „Das Ezidische Glaubenssystem“ (S. 64-73) und seine „Divergenzen“ (S. 74-84) oder
  • „Die Stellung der Frau und die ezidischen Texte“ (S. 84-91) – ein besonders heikles und umstrittenes Thema.
  • Ab S. 91ff widmet sich Kartal dann dem Thema „Ezidentum und seine Praxis in Deutschland“, um sich dann wieder dem „Ezidentum und seiner Tradition“ zuzuwenden (S. 97ff).

Die letzten beiden Kapitel befassen sich dann mit dem eigentlichen Thema: „Die Einstellung der deutschen Eziden“ (S. 103ff) sowie „Ezidentum und seine Zukunft in Deutschland“ (S.114ff), um zuletzt dann die „bisherigen Überlegungen“ und „Ezidentum kurz zusammengefasst“ (S. 119-123) darzustellen.

Den Abschluss bildet eine ausführliche (S. 124-135) Auflistung „subjektiv“ gewählter Hinweise zu „Ezidenforschung und Autoren“/ „Forschungsthemen“ (N = 33!) sowie Literaturhinweise (9 Seiten) und ein „Glossar“ mit den nach Meinung des Autors wichtigsten themen- und ezidennahen Termini (z.B. fatwa = religiöses Gutachten; Kurmanci = Sprache der Eziden; murid, pir, sheikh = Schichten/ Kasten im Ezidentum; sufi = muslimische Mystiker; Sheikh Adi = Religionsstifter bzw. Reformator der Eziden etc.).

Kartal weist immer wieder darauf hin (z.B. S. 120), dass es an spezifischer Forschung zum Ezidentum mangelt, dass es kein eigenes Forschungsinstitut gibt, das z.B. eine „moderne Theologie“ des Ezidentums erarbeiten könnte oder dass ein „gemeinsamer Dachverband“ der deutschen Eziden fehlt.

In seiner Zusammenfassung betont er vor allem folgende Charakteristika des Ezidentums, die es m.E. Wert sind, in einer Rezension festgehalten zu werden:

  • Eziden glauben an einen Gott (Monotheismus) und seinen „Chefengel“ (Tawisi Melek) sowie sechs weitere Engel;
  • Es gibt im Ezidentum keine „negative Macht“ (Satan, Teufel, Hölle);
  • Eziden glauben an die Seelenwanderung und jeder Ezide muss sich einen „Jenseitsbruder“ aussuchen;
  • Als Ezide wird man in einer Kaste/ Schicht hineingeboren und darf auch nur innerhalb dieser Gruppe heiraten;
  • Der Glaube der Eziden findet sich wieder in Traditionen, Geschichten, Hymnen, Gebeten, Legenden, d.h. in oral überlieferten Texten;
  • Jeder Ezide sollte einmal im Leben eine Pilger- bzw. Wallfahrt nach Lalish unternehmen;
  • Hohe Werte des Ezidentum sind: Pazifismus, Respekt, Ehrlichkeit, Wahrheit, Toleranz, Gleichheit und Gerechtigkeit;
  • Das Ezidentum ist nicht missionarisch, kennt keinen Fanatismus und erhebt keine Absolutheitsansprüche (wie andere monotheistische Religionen);

Zuletzt listet Kartal nochmal „acht bis zehn Vorschriften bzw. Rituale“ auf: „Der Glaube an Tawesi Melek und die anderen sechs weiteren Engel, die Betreuung durch sheikhs und pirs, die Einhaltung von drei Fastentagen, das Auswählen eines Jenseitsbruders, die Knabenbeschneidung ähnlich wie bei Juden und Muslimen, die Feier zum Roten Mittwoch, die Verrichtung von freiwilligen Gebeten, der Respekt vor anderem Nationen und deren Gesetzen“ (S. 123).

Diskussion

Oftmals werden die Ausführungen des Autors ergänzt durch Sätze wie „In der Forschung ist unklar“ oder „Was ist daran richtig?“, so dass der Leser auch entsprechend ratlos bleibt. Wie unklar bzw. unübersichtlich das Ezidentum sich nach innen versteht und nach außen darstellt, zeigt sich exemplarisch auch an der Feststellung des Autors: Während „ein Teil der Eziden sich als eine ‚eigene Volksgruppe‘ (innerhalb der Kurden, H.G.) betrachtet, streitet ein anderer Teil jedoch jede Verbindung mit Kurden ab. Ein dritter Teil versteht sich als exklusiver ‚urkurdischer Glaube‘, als gelebte Kultur und Lebensphilosophie“ (S. 18). An anderer Stelle schreibt Kartal: „In Deutschland sind die Eziden voll integriert, wichtige Teile sind assimiliert. Mindestens drei ezidische Richtungen oder Gruppen mit zum Teil abweichenden Identitäten sind entstanden:

  1. Es gibt Eziden in Deutschland, die weitgehend säkular leben bzw. einer säkularen Philosophie anhängen.
  2. Eine zweite Gruppe der Eziden definiert sich über die Sprache und versteht sich als Zoroastrer. Auch diese Gruppe kann als säkular bezeichnet werden.
  3. Eine dritte Gruppe definiert sich als ezidisch ohne einen kurdisch-ethnischen Bezug“ (S. 116).

Es liegen also in jedem Fall „verschiedene Kollektividentitäten“ vor. Meine eigenen Kontakte und Erfahrungen mit Eziden in Kurdistan und Deutschland gehen in Richtung einer kurdischen Identität als „Angehörige einer uralten Gemeinschaft mit einer eigenen Religion, Geschichte, Ethik und Philosophie“ (S. 18).

An mehreren Stellen des Buches wird deutlich, dass Kartals Erkenntnisinteresse sich auf das Problem der Zukunft der Eziden und ihres Glaubens, insbesondere in Deutschland, bezieht, da man davon ausgehen kann, dass die überwiegende Mehrheit hier bleiben wird und mittlerweile „mehr als zwei Drittel von ihnen eingebürgert“ sind (S. 11). Seine These dazu ist: „Als Religionsgemeinschaft, die auf oral tradition fußt, müssen sie sich neu erfinden, wenn sie in ‚westlich liberal-säkularen Gesellschaften‘ überleben wollen“ (S. 11). Dazu macht Kartal gegen Ende auch Reformvorschläge: Reduktion der Kasten auf zwei und dann deren Auflösung und damit einhergehend die Auflösung der Heiratsregeln; Öffnung des Ezidentums nach außen und Entwicklung einer verbindlichen modernen Theologie (S. 119) mit dem Ziel, ein Buch für alle Eziden zu erarbeiten. Ob dieses Buch in deutscher Sprache erscheinen soll, bleibt unerwähnt. Aber im Internet findet „der Kommunikationsverkehr unter Eziden nahezu vollständig auf Deutsch statt“ (S. 111) und „sie sprechen im Alltag und zu Hause Deutsch. Ihre Denk- und Arbeitssprache ist nicht mehr das Kurdische“ (S. 106). Fazit nach Kartal: „Festzustellen ist, dass bei den deutschen Eziden eine neue deutsche bzw. europäische Identität entstanden ist“ (S. 108). Welche Position der „Zentralrat der Eziden in Deutschland e.V.“ bei all diesen Themen und Problemen vertritt, erfährt man im Buch nicht.

Es muss jedoch darauf hingewiesen werden, dass in jüngster Zeit auf Grund der unmenschlichen IS-Attacken viele Eziden nach Deutschland gekommen sind, die nicht mit der zweiten und dritten Generation der „deutschen Eziden“, was Tradition, Sprache, Glaube, Lebensweise etc. betrifft, vergleichbar sind. Für die „deutschen Eziden“ gilt nach Kartal: „In Deutschland, der neuen Heimat der Eziden, verändert sich das Ezidentum komplett und definiert sich neu. Dies gilt ebenfalls für seine Normen, Philosophie und Ethik“ (S. 91). Was ist mit den neuen Eziden in Deutschland? Dazu gibt es keine Prognosen.

Exkurs: Vor wenigen Jahren wurde ich als Soziologe über meine kurdisch-ezidischen Kontakte zur Universität in Dohuk/ Nordirak/ Südkurdistan gefragt, ob ich als „Berater in methodisch-empirischen Fragen“ bei einem geplanten Forschungsprojekt mitwirken könnte, das sich zum Ziel gesetzt hatte, das noch vorhandene tradierte Wissen über das Ezidentum mittels Experten-Interviews und der Methode der „oral history“ zu erforschen, um darüber einen empirisch abgesicherten Überblick zu bekommen und so das Ezidentum und seine wesentlichen Merkmale, Wissensbereiche, Eigenschaften und Regeln auf ein konsensfähiges Fundament und ein „strukturiertes Wissen“ stellen zu können. Kartal bemerkt dazu in einer Fußnote: „Im Moment arbeitet eine Kommission an einem Buch für alle Eziden“ (S. 120). Unser damals anvisiertes Projekt jedenfalls wurde nach kurzer Zeit aus finanziellen Gründen gestoppt. Was es mit dem „Buch für alle Eziden“ auf sich hat, weiß ich nicht. Ich werde aber mit Kartal diesbezüglich in Kontakt treten, da es mich auch biographisch tangiert und interessiert.

Diskussion

Etliche Mythen und Kontroversen um das Ezidentum sowie Ungereimtheiten und Divergenzen im Buch lassen sich wahrscheinlich auf unterschiedliche Interpretationen eines diffusen Ezidentums und seiner wenigen konsensfähigen Wissensbestände zurückführen, z.B. die Rechte, Stellung und „Rolle der Frau“, das Verhältnis der Kasten zueinander, der Einfluss Zarathustras oder was das „kurdische Element“, die „kurdische Identität“ (die Sprache „Kurmanci“) oder der Einfluss des Islam, Yarasan oder Alevitentums im Ezidentum bedeutet (hat). Auch müsste man sicher zwischen den Eziden in unterschiedlichen Regionen/ Nationen und ihrer Tradition unterscheiden. Man könnte mit Blick auf all die offenen Fragen mit Kartal sagen: „Die Forschung hat diesen Aspekt noch nicht hinreichend gewürdigt“ (S. 23).

Die einzelnen Kapitel sind oft charakterisiert durch Wiederholungen und m.E. unsystematische Beschreibungen der wesentlichen Merkmale, Eigenheiten, Daten und Regeln der Eziden, wobei manchmal die relevanten Fakten in den Fußnoten zu finden sind, z.B.: „Schätzungen zufolge gibt es 300 000 Eziden im Irak, in Armenien und Georgien leben ca. 70 000, in Russland 60 000“ (S. 11) oder „Allein in Schengal und in der gleichnamigen Region lebten bis Anfang August 2014 zwischen 250 000 und 300 000 Eziden“ (S. 56). Über die Gesamtzahl und die Anzahl der in Syrien lebenden Eziden erfährt man hier nichts, außer einen auf die jüngste Gegenwart bezogenen Satz wie (S. 12): „Zwei Drittel aller Eziden dürften bereits Syrien verlassen haben“.

Ich hätte mir gewünscht, dass der Autor seine Person, seine Biographie und seine Erfahrungen mit dem Ezidentum stärker in die Diskussion einbringt, dass er seine Behauptungen exakter empirisch belegt und somit verdeutlicht, woher sein Wissen über das Ezidentum kommt. Deutlich wird auch, dass Kartal eben Jurist und kein Sozialwissenschaftler ist, denn sonst hätten Fragen und Themen der „Generationen“ (vgl. Typologie, S. 63), der „Sozialisation“, der „Milieus“ (Regionen) oder der „Identität“ einen größeren Stellenwert bekommen.

Festzuhalten bleibt sicher die Erkenntnis von Kartal, dass die Beantwortung der ezidischen „Gretchenfrage“ (Sag´, wie hast Du´s mit dem Kastensystem und seinen Heiratsregeln?) über die Zukunft der Eziden und des Ezidentums (in Deutschland) entscheiden wird. Andererseits muss aber auch konstatiert werden, dass die „Integration“ der Eziden, vor allem der Einwanderungsgruppe aus der Türkei in den 80er Jahren, eine Art „Erfolgsstory“ ist (vgl. Sido 2009).

Fazit

Das Buch ist jedem zu empfehlen, der Neugierde und Interesse zeigt bezüglich einer zumeist unbekannten, einer historisch und vor allem gegenwärtig vom IS verfolgten und unterdrückten bis liquidierten Glaubensgemeinschaften sowie einer besonderen Einwanderungsgruppe, die unser Land und unser Denken – trotz etlicher für aufgeklärte Bürger seltsamen Regeln und Eigenheiten – in Bezug auf Pazifismus, Toleranz, Naturverbundenheit sowie Gleichheits- und Gerechtigkeitsempfinden durchaus bereichern kann. Daher ist es m.E. äußerst empfehlenswert, sich ausführlich(er) mit dem Ezidentum zu befassen, sei es als Mit-Mensch, als aufgeklärter Zeitgenosse oder als Sozialwissenschaftler.

Literatur

  • Abdu Slo, Hatab (2008): Die Ezidi (Yeziden). Historische Traumatisierungen und ihre intergenerative Weitergabe im Kontext von Migrationserfahrungen. Magisterarbeit Hannover
  • Schneider, Robin (Hrsg.) (1984): Die kurdischen Yezidi. Ein Volk auf dem Weg in den Untergang. Pogrom Taschenbücher Nr. 110. Göttingen
  • Schulz, Aniko (2009): Die besonderen traditionellen Regeln der Partnerwahl der Yeziden und deren Auswirkungen auf die Integration. Diplomarbeit Hannover
  • Sido, Karmal (2009): Yeziden in Deutschland. Erfolgreiche Integration wider Erwarten. In: pogrom, Heft 4/ 2009
  • Wunn, Ina (2009): Yezidentum in Deutschland – eine ethnische Religion im Wandel. In: Zeitschrift der Ezidischen Akademie. Hannover
  • Yeziden. Eine uralte Religionsgemeinschaft in großer Bedrängnis. Flyer der Gesellschaft für bedrohte Völker
  • Yeziden. Flyer des REMID e.V. (Bearbeitung: Helga Barbara Gundlach)
  • Zeitschrift der Ezidischen Akademie. Forum für Diskussionsbeiträge zum Ezidentum: Mehrere Ausgaben seit 2009
  • Dies. (Hrsg.) (o.J.): Das Ezidentum. Kinderleicht zu verstehen. Glaube, Feste, Bräuche und Symbole. Hannover

Rezension von
Prof. Dr. Hartmut M. Griese
Leibniz Universität Hannover, Philosophische Fakultät, Institut für Soziologie und Sozialpsychologie.
ISEF-Institut (Institut für sozial- und erziehungswissenschaftliche Fortbildung
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Es gibt 85 Rezensionen von Hartmut M. Griese.

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Zitiervorschlag
Hartmut M. Griese. Rezension vom 04.03.2016 zu: Celalettin Kartal: Deutsche Yeziden. Geschichte, Gegenwart, Prognosen. Tectum-Verlag (Marburg) 2016. ISBN 978-3-8288-3676-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20500.php, Datum des Zugriffs 18.08.2022.


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