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Claudia Mahs, Thomas Viola Rieske u.a. (Hrsg.): Erziehung, Gewalt, Sexualität

Cover Claudia Mahs, Thomas Viola Rieske, Barbara Rendtorff (Hrsg.): Erziehung, Gewalt, Sexualität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. 180 Seiten. ISBN 978-3-8474-0705-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Im Zentrum des Sammelbandes stehen die vielschichtigen strukturellen Verknüpfungen von Erziehung, Gewalt und Sexualität. Der Band umfasst 12 Beiträge. Diese nähern sich entweder aus einer historischen, theoretischen oder empirischen Perspektive der Thematiken. Untersuchungen zu pädagogischem Handeln im Kontext von sexuellen Übergriffen in der Schule (Sandra Glammeier) sind genauso Thema wie die Darstellung der langen Tradition repressiver Erziehung und Körperstrafe (Jana Johannson). Die Beiträge werfen einen erziehungswissenschaftlichen Blick auf die Thematik und beziehen konsequent die Geschlechterperspektive mit in die Analyse ein.

Entstehungshintergrund

Der Band zur gleichnamigen Jahrestagung der Sektion Frauen- und Geschlechterforschung in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaften 2015.

Aufbau

Der Band gliedert sich in drei Teile:

  1. Der erste Teil umfasst Beiträge zur historischen und theoretischen Perspektive,
  2. der zweite Teil beleuchtet familiale Erziehungsverhältnisse und
  3. im dritten Teil, überschrieben mit „pädagogische Institutionen“, werden Forschungsergebnisse zu unterschiedlichen Handlungsfeldern wie Jugendarbeit, Schule und Hochschule vorgestellt.

Inhalt

Im ersten Teil zu den historisch und theoretischen Perspektiven legt Meike Sophia Baader einen Beitrag vor, der sich mit der komplexen Verschränkung von Erziehung, Gewalt und Sexualität sowie Geschlechtergeschichte beschäftig (History and gender matters. Erziehung-Gewalt-Sexualität in der Moderne in geschlechtergeschichtlicher Perspektive). Dabei stellt sie die unterschiedlichen Phasen der Thematisierung von sexuellen Übergriffen und „Kindesmissbrauch“ im deutschsprachigen Raum dar. Der Diskurs um die Odenwaldschule wird in einen weiteren gesellschaftlichen Zusammenhang gestellt, insbesondere wird verwiesen auf die, von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, Untersuchungen zu sexueller Gewalt gegen Kinder und Jugendliche in bundesrepublikanischen Heimen in den 1940er bis 1970er Jahren. Die Autorin stellt, mit Verweis auf Judith Butler fest: „nicht jedes Leid wird gleichermassen betrauert“. Die Autorin fordert in ihrem Beitrag einen konsequenten Einbezug der Machtverhältnisse in die pädagogische Reflexion des Generationenverhältnisses sowie eine weite Auslegung des Gewaltbegriffs, der auch symbolische und verbale Gewalt miteinbezieht. Jana Johannson legt in ihrem Beitrag (der Körper als Kriegsschauplatz von Erziehung) eine Darstellung der Geschichte der körperlichen Züchtigung und erzieherischer Übergriffe vor.

Dieser Beitrag ergänzt den Beitrag von Meike Sophia Baader in idealer Weise. Thomas Viola Rieske (zur These der Verleugnung männlicher Betroffenheit von sexualisierter Gewalt im pädagogischen Feld) sowie Mirja Silkenbeumer (Gewalt und Geschlecht in der Schule, Gewalthandlungen von Schülerinnen und Schüler im geschlechtertheoretischen Perspektive) legen in ihren Beiträgen je spezifische geschlechtertheoretische Überlegungen im Zusammenhang mit verbaler, körperlicher Gewalt sowie sexueller Gewalt dar.

Im zweiten Teil zu familialen Erziehungsverhältnissen werden zwei empirische Studien vorgestellt.

Sebastian Winter geht der Frage nach, wie die veränderten normativen Ansprüche an Väter von diesen wahrgenommen werden. Die Aufforderung nach Nähe, Pflege und Intimität führt bei den Männern zu inneren Konflikten, dem Erleben starker Ambivalenzen. Winter legt auf Grund seiner tiefenhermeneutischen Interviewinterpretationen unterschiedliche Konfliktdynamiken offen und thematisiert beispielsweise die Ängste der Väter vor Pädophilie.

Milena Noll stellt im zweiten Beitrag die Auswirkungen sexualisierter Gewalterfahrung von Frauen auf die Erziehung ihrer Kinder dar. Sie hat 10 narrative Interviews geführt mit betroffenen Frauen und stellt die verschiedenen Auswirkungen auf das Generationenverhältnis dar. Im Zentrum steht die Frage nach der Erzählbarkeit, respektive nicht Nichterzählbarkeit, des Erlebten. Der Beitrag führt präzise aus, welche Auswirkungen gerade die Sprachlosigkeit für die familiären Beziehungen hat.

Der dritte Teil zu pädagogischen Institutionen versammelt fünf Beiträge.

Sandra Glammeier stellt Ergebnisse ihrer Studie zu nicht- intentionalen Aspekten im pädagogischen Handeln von Lehrkräften im Kontext sexueller Übergriffe vor. Dabei legt sie die Funktion der Zweifel an der Realität von sexuellen Übergriffen genau so offen, wie das Bedürfnis der Lehrpersonen nach Selbstschutz.

Ein verwandtes Thema nehmen Alexandra Retkowski, Johanna Hess und Martin Gross auf. Sie legen eine Untersuchung zu berufsbiografischen Verarbeitung von Sexualität und dem Umgang mit Nähe bei Pädgoginnen und Pädagogen vor. Aus einer geschlechter- und professionstheoretischen Perspektive erfolgt eine rekonstruktive Analyse von zwei Berufsbiografien. Beiden Beiträgen gemeinsam ist, dass sie die Funktion der Kategorie Geschlecht bei der Wahrnehmung sowie dem Umgang mit Intimität offenlegen.

Aspekte geschlechtlicher und sexueller Vielfalt im Kontext sexualisierter Gewalt thematisiert der Beitrag von Marte Busche, Sophie Domann, Daniela Krollpfeiffer, Thomas Norys, Tanja Rusack. Die Autorinnen und der Autor stellen auf Basis der Daten des Projektes Safer Places (www.safer-places.de) Aspekte der geschlechtlichen und sexuellen Positionierung von Jugendlichen dar. Ebenso werden empirische Erkenntnisse zur Sichtweise von Jugendlichen und Erwachsenen auf sexuelle Gewalt zwischen Peers dargestellt. Der Beitrag lädt ein zu weiteren Diskussionen und vermag die eine oder andere Vorannahme der Lesenden zu widerlegen. So sind die geschlechtlichen Festlegungen der Jugendlichen (typisch Mädchen, typisch Junge) zwar vorhanden, allerdings sind überraschende Abstufungen sichtbar. Wird Jugendlichen die Möglichkeit gegeben, sich ausserhalb der Kategorien weiblich, männlich, zu positionieren, dann Positioniert sich ein Teil durchaus in diesem Raum.

Der dritte Teil des Buches wird abgeschlossen mit zwei Beiträgen zu Fragen rund um die Thematisierung sexueller Gewalt und Heteronormativität an Hochschulen. Dabei stellen Folke Brodersen und Simon Volpers Ergebnisse aus ihrer Studie zur studentischen Orientierungsphase vor. Sie stellen dar, wie Heteronormativität immer wieder, zum Beispiel durch gewisse didaktische Interventionen oder Bemerkungen hergestellt wird und eine Positionierung jenseits dieser Norm, sowie der Norm der Zweigeschlechtlichkeit, unsichtbar macht oder gar verunmöglicht.

In einer kurzen Zusammenfassung eines Workshops stellt Eva Breitenbach von den Workshopteilnehmenden erarbeitete Bedingungen, die gegeben sein sollten, um sexuelle Gewalt angemessen an Hochschulen thematisieren zu können, vor.

Diskussion und Fazit

Der Sammelband bietet Einblicke in unterschiedlichste Forschungsprojekte/ Forschungsergebnisse zur Thematik. Es wird in der Fülle deutlich, welches Potenzial Geschlechterforschung auch und gerade in Bezug auf die Frage nach den Entstehungsbedingungen sexueller Gewalt und Grenzverletzungen im Kontext von Erziehung hat. Die Beiträge unterscheiden sich in Bezug auf methodischen Zugang wie auch Ausführlichkeit der Darstellung der Ergebnisse. Allen gemeinsam ist, dass sie zum Weiterdenken, Andersdenken und Diskutieren anregen. Nicht alle Beiträge sind dabei gleich gut zugänglich. Die eine oder andere Anstrengung wird den Lesenden abverlangt.


Rezensentin
Prof. Sonja Hug
Dozentin an der Hochschule für Soziale Arbeit der FH Nordwestschweiz in Olten, Schwerpunkte: Ethik, Beratung von Opfern sexueller Gewalt und Ausbeutung, klinische Sozialarbeit. Leiterin MAS Ethische Entscheidungsfindung in Organisation und Gesellschaft
Homepage www.fhnw.ch/sozialarbeit
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Zitiervorschlag
Sonja Hug. Rezension vom 13.07.2016 zu: Claudia Mahs, Thomas Viola Rieske, Barbara Rendtorff (Hrsg.): Erziehung, Gewalt, Sexualität. Verlag Barbara Budrich GmbH (Opladen, Berlin, Toronto) 2016. ISBN 978-3-8474-0705-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20507.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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