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Gerd Ludwig: The long shadow of Chernobyl

Cover Gerd Ludwig: The long shadow of Chernobyl = Der lange Schatten von Tschernobyl - L´ombre de Tchernobyl. Edition Lammerhuber (Baden) 2014. 252 Seiten. ISBN 978-3-901753-66-4. 75,00 EUR.

Deutsch, Englisch, Französisch.
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Thema

Der großformatige Bildband befasst sich mit der Katastrophe von Tschernobyl im April 1986. Er enthält Fotografien aus dem Zeitraum zwischen 1993 bis 2013 und in drei Sprachen (deutsch, englisch, französisch) verfasste Texte und Kommentare.

Fotograf und Autoren

Gerd Ludwig ist für National Geographic tätig. Sein Interesse gilt der Dokumentation des sozioökonomischen Wandels in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Er hat für sein fotographisches Werk viele Preise erhalten. Er ist der Fotograf und zugleich Autor und Kommentator der Fotos im Bildband. Michail Gorbatschow, der zum Zeitpunkt der Katastrophe Präsident der Sowjetunion war, hat ein Vorwort zu dem Buch geschrieben.

Aufbau

Das Buch beginnt mit drei doppelseitigen Fotos. Es folgt das Vorwort von Michail Gorbatschow „Wendepunkt in Tschernobyl“. Nach einem doppelseitigen Foto schließt sich der Text von Gerd Ludwig „Der lange Schatten von Tschernobyl“ an. Danach folgt der Bildteil mit den großformatigen Fotos mit Kommentaren von Ludwig. Am Ende des Bandes wird die große Zahl an Dokumenten zu der nuklearen Katastrophe aufgelistet. Der Band schließt mit einer Satellitenaufnahme von der Sperrzone, die anhand der gemessenen Kontaminationen festgelegt wurde.

Inhalte

Vorwort. In dem Vorwort schildert Michail Gorbatschow, was unmittelbar nach der Explosion des vierten Reaktors im Kernkraftwerk geschah, dass das Politbüro nur wenige Stunden danach zusammentraf, um die Lage zu besprechen und Maßnahmen zu ergreifen, dass man sich jedoch über das Ausmaß der Katastrophe noch nicht im klaren war. Er räumt ein, dass die Welt zuerst von schwedischen Wissenschaftlern vom wahren Ausmaß der Katastrophe erfahren habe. Gorbatschow spricht von einer Lektion, die der Welt 1986 erteilt wurde: Es wurden die furchtbaren Folgen der Kernkraft sichtbar, auch wenn diese für nicht militärische Zwecke genutzt wird. Er plädiert dafür, ernsthaft an der Produktion alternativer Energiequellen zu arbeiten.

Beitrag von Gerd Ludwig. Der Fotograf Gerd Ludwig ist viele Male in Tschernobyl gewesen, zuerst 1993 und zuletzt 2013. Die eindringlichsten Erfahrungen machte er bei einem Ausflug ins Innere des Reaktors #4, um dort zu fotografieren. Er durfte Arbeiter begleiten, die dort tätig sind, um diesen Bereich zu sichern. Dieser darf nur mit besonderer Schutzkleidung und nur für maximal 15 Minuten pro Tag betreten werden. Über den hochradioaktiven Resten des zerstörten Reaktors wurde ein sogenannter Sarkophag aus einer Beton- und Stahlverkleidung errichtet, der inzwischen Risse aufweist. Eine Schutzhülle, das New Safe Confinement, soll darüber gebaut werden, um eine erneute radioaktive Verseuchung und radioaktiven Tod zu verhindern. Zwei Entwicklungen werden von Ludwig thematisiert, zum einen der Tourismus und zum anderen die Macht der Natur. Seit 2011 darf das Sperrgebiet von Touristen besucht werden. Ludwig spricht von einem Katastrophentourismus: „Die Geisterstadt Prypjat ist für Besucher aus aller Welt eine fesselnde Attraktion“ (S. 21). Die Natur überwuchert das Gelände. Wie Ludwig kommentiert, ist es am Ende die Natur, welche die Reste der Besiedelungsgeschichte um Tschernobyl tilgt.

Bildteil. Der Bildteil, der Kern des Bandes, beinhaltet die Fotos zu folgenden Themen: den Opfern, dem Ort Prypjat in drei Kilometer Entfernung zum Kernkraftwerk, an dem die Mitarbeiter mit ihren Familien gewohnt haben und das heute eine Geisterstadt ist, dem Reaktor #4, der explodiert ist, und der Sperrzone, aus der die Menschen zwangsevakuiert wurden, wobei manche und zwar vor allem die Älteren nach einiger Zeit trotz der radioaktiven Verseuchung wieder zurück gekehrt sind. Die Menschen und die Umwelt kamen zu Schaden. Die Verwüstungen kommen auf den großformatigen Bildern von Prypjat und der Sperrzone zum Ausdruck. Immer wieder hat Ludwig Gasmasken fotografiert, die dadurch zu einem Symbol radioaktiver Verseuchung sowie allgemein der Gefährlichkeit nuklearer Energie werden. Symbolcharakter haben auch die kaputten Puppen in einem Kindergarten, der von den Touristen besucht werden darf. Die Puppen sind zu einem ihrer Standardmotive geworden. Auf einem der Fotos im Innern des Reaktor #4, dem sogenannten Sarkophag, sieht man eine Uhr an der zerbröckelnden Wand, die am 26. April 1986 nachts um 1: 23: 58 für immer stehen geblieben ist. In seinem Kommentar zum Reaktor #4 spricht Ludwig von einer Wanderung durch eine Geisterwelt, in der er Angst und Grausen erlebte, was die Fotos ahnen lassen.

Dokumente. Insgesamt wurden 4010 Seiten Dokumente über den Unfall im Reaktor #4 gezählt und dann aufgeteilt nach Quellen, darunter CIA-Akten, Berichte ausländischer Medien, Mitschriften von Anhörungen usw. Mehr als die Hälfte der aufgeführten Dokumente stammt aus dem U. S. Department of Energy und dem U. S. Department of Defense.

Diskussion

Der Titel „Der lange Schatten von Tschernobyl“ bringt treffend zum Ausdruck, dass die Folgen der nuklearen Katastrophe von Tschernobyl sehr langfristig sind. Die Fotos, die Gerd Ludwig bei seinen Besuchen gemacht hat, sind eindringlich. Durch die großformatigen, mitunter über zwei Seiten reichenden Bilder und durch die stark vergrößerten Ausschnitte wird die Bildwirkung noch gesteigert. Eine Bildreportage wie die von Gerd Ludwig vermittelt einen tieferen Eindruck von den verheerenden Folgen einer nicht mehr beherrschbaren Kernkraft, als es ein Text allein vermag. Es ist „die Macht der Bilder“. Die erläuternden Kommentare zu den Fotos sind aufschlussreich, so dass man diese zeitlich und inhaltlich einordnen kann. Die große Zahl der Dokumente über das Unglück von Tschernobyl belegt das ungeheure Ausmaß der Katastrophe und die weltweite Diskussion darüber auf politischer Ebene.

Die Bilder von Gerd Ludwig zeigen dagegen die von der Katastrophe direkt Betroffenen und deren Auseinandersetzung mit dem Atomunfall, darunter auch die Rückkehr in das verstrahlte Gebiet. Und sie zeigen die Arbeiter, die hier tätig sind, um unter schwierigsten Bedingungen das New Safe Confinement zu errichten.

Anzumerken ist jedoch, dass ein einfaches Inhaltsverzeichnis zu Beginn des Buches hilfreich gewesen wäre, um sich darin leichter orientieren zu können, so auch in dem Bildteil mit den Abschnitten: Opfer, Prypjat, Reaktor #4, die Zone, die man erst beim Durchblättern erkennt. Wünschenswert wäre auch ein einführender allgemein verständlicher Text eines Experten zum Thema Atomenergie und deren Risiken gewesen. Auch einen kurzen erläuternden Text vor dem Bildteil, der über die Entstehungsgeschichte des Buches und die Edition Lammerhuber informiert, wäre erhellend gewesen. Die Mitteilung im Impressum „Idea and concept Lois Lammerhuber, Gerd Ludwig“ auf der letzten Seite ist für dieses besondere und bemerkenswerte Projekt etwas zu knapp.

Fazit

Das Buch „The long shadow of Chernobyl“ befasst sich mit der nuklearen Katastrophe in Chernobyl im April 1986. Das Vorwort hat Michail Gorbatschow verfasst. Das Buch enthält die kommentierten Fotos und einen einführenden Text des Fotografen Gerd Ludwig, in dem er seine Reisen nach Chernobyl beschreibt. Am Ende des Buches findet man eine zusammenfassende Auflistung der Dokumente über die Explosion im Atomkraftwerk.

Die Bilder von Gerd Ludwig vermitteln Eindrücke von den betroffenen Menschen und von der Verwüstung der Umwelt, wie sie in einer rein textlichen Abhandlung kaum so eindringlich hätten sein können. Das Buch ist eine wichtige Informationsquelle für alle, die mit Fragen der Energiegewinnung und des Energieverbrauchs befasst sind, sowie speziell für die Touristen, die in das Sperrgebiet von Tschernobyl reisen.

Summary

“The Long Shadow of Chernobyl“ is an illustrated book dealing with the Chernobyl nuclear catastrophe in April 1986. The prologue is by Michail Gorbatschow. The stunning pictures are commented on by the photographer Gerd Ludwig whose introductory text describes his visits to Chernobyl. There is a comprehensive list of documents recording the explosion in the nuclear power station at the end of the book.

The photographs of Gerd Ludwig convey vivid impressions of the human suffering and the scale of devastation caused to the natural world, expressed in a manner that could no way be conveyed by a mere text book. This documentation of the Chernobyl disaster is an important source of information for all who are occupied with questions of the generation of energy and energy consumptions and particularly for travellers to the restricted area of Chernobyl.


Rezension von
Dr. Antje Flade
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Zitiervorschlag
Antje Flade. Rezension vom 07.04.2016 zu: Gerd Ludwig: The long shadow of Chernobyl = Der lange Schatten von Tschernobyl - L´ombre de Tchernobyl. Edition Lammerhuber (Baden) 2014. ISBN 978-3-901753-66-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20509.php, Datum des Zugriffs 29.03.2020.


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