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Wolfgang Tietze, Susanne Viernickel (Hrsg.): Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen für Kinder

Cover Wolfgang Tietze, Susanne Viernickel (Hrsg.): Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen für Kinder. Ein Nationaler Kriterienkatalog. verlag das netz (Berlin) 2016. 5., Vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. 272 Seiten. ISBN 978-3-86892-121-2. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Thema

Im Nationalen Kriterienkatalog werden Qualitätskriterien für die beste pädagogische Fachpraxis beschrieben. In 20 Qualitätsbereichen werden wissenschaftlich fundierte Merkmale für eine gute pädagogische Arbeit in Tageseinrichtungen für Kinder benannt.

Herausgeberin und Herausgeber

Herausgegeben wird der Nationale Kriterienkatalog von Prof. Dr. Wolfgang Tietze und Prof. Dr. Susanne Viernickel.

  • Tietze ist emeritierter Professor für Kleinkindpädagogik an der Freien Universität Berlin und Geschäftsführer der Pädagogischen Qualitäts-Informations-Systeme gGmbH (PädQUIS).
  • Viernickel ist Professorin für Pädagogik der frühen Kindheit an der Alice Salomon Hochschule Berlin.

Des Weiteren haben Irene Dittrich, Katja Grenner, Andrea Hanisch und Julia Marx an der überarbeiteten fünften Auflage mitgewirkt.

Entstehungshintergrund

Entstanden ist der Kriterienkatalog ursprünglich im Rahmen einer von 1999 bis 2006 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend geförderten nationalen Qualitätsinitiative im System der Tageseinrichtungen für Kinder (NQI). Im Jahr 2016 ist eine fünfte vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage in einem neuen Verlag erschienen. Realisiert wurde die Überarbeitung in dem vom Europäischen Sozialfond (ESF) zwischen 2011 und 2013 geförderten Projekt „Entwicklung, Erprobung und Evaluation eines systematisierten betrieblichen Fort- und Weiterbildungsangebots für Kindertageseinrichtungen“.

Aufbau

Der Nationale Kriterienkatalog (272 Seiten; 4 Abbildungen) gliedert sich in einen einführenden ersten Teil (S. 12-50) und einen zweiten Teil, in dem die 20 Qualitätsbereiche (S. 51-264) ausgeführt werden.

Es gibt ein Glossar mit wichtigen im Katalog vorkommenden Begriffen und ein Literaturverzeichnis.

Zu 1. Einführung

Im ersten Kapitel der Einführung wird auf den veränderten Auftrag von frühkindlicher Bildung, Betreuung und Erziehung eingegangen („Bildung, Betreuung und Erziehung von Kindern – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe“). Dabei wird die Bedeutung der frühen Bildung für die weitere Bildungsbiographie betont.

Es folgt ein Einführung in das zugrundeliegende Professionalitäts- und Qualitätsverständnis des Kriterienkatalogs („Professionalisierung und Qualitätsentwicklung in der Frühpädagogik“). Der Nationale Kriterienkatalog wird als Ergänzung zu den Bildungsprogrammen/-plänen der Länder verstanden und soll pädagogischen Fachkräften bei der Umsetzung von Bildungsaufgaben und Bildungszielen Orientierung bieten.

Im dritten Kapitel wird auf wichtige fachliche Herausforderungen im System der Bildung, Erziehung und Betreuung eingegangen („Aktuelle Herausforderungen an Entwicklung und Sicherung pädagogischer Qualität“). Es wird auf steigende Aufenthaltszeiten von Kindern in Kitas, die Erweiterung des Alters- und Entwicklungsspektrums und das Bemühen um eine inklusive Bildung, Betreuung und Erziehung verwiesen.

Im vierten Kapitel wird das Bild vom Kind und Bildungsverständnis, welches dem Nationalen Kriterienkatalog zugrunde liegt, dargestellt („Das Bild vom Kind und das Bildungsverständnis im Nationalen Kriterienkatalog“). Das entworfene Bild vom Kind und Bildungsverständnis nimmt Bezug auf aktuelle gesellschaftliche, rechtliche, fachliche und wissenschaftliche Entwicklungen.

Im folgenden fünften Kapitel („Die Ausbildung professioneller Handlungskompetenz“) wird erläutert, was es von Seiten des pädagogischen Personals braucht, um den professionellen pädagogischen Anspruch zu gewährleisten. Folgende Kompetenzen für das pädagogische Personal werden hervorgehoben:

  1. Biografische Kompetenz und Selbstreflexivität
  2. Empathie, sensitive Responsivität und adaptive Interaktionsgestaltung
  3. Ressourcenorientierung
  4. Offenheit und Wertschätzung von Diversität

Im sechsten Kapitel werden aufbauend auf den zuvor beschriebenen Grundzügen pädagogischer Qualität in Tageseinrichtungen, „Grundsätze für die Gestaltung der pädagogischen Arbeit in Kindertageseinrichtungen“ aufgeführt. Folgende Grundsätze waren bei der Entwicklung des Nationalen Kriterienkatalogs handlungsleitend:

  • „Die Kindertageseinrichtung sichert allen Kindern – unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sozialem Status – Lern- und Entwicklungschancen“
  • „Die pädagogische Arbeit orientiert sich an der Lebenswelt und am Bedarf von Kindern und ihren Familien“
  • „Kinder sind Träger und Trägerinnen eigener Rechte“
  • „Kinder sind aktiv Lernende“
  • „Kinder konstruieren Wissen und Bedeutung“
  • „Kindern lernen in sozialen Zusammenhängen“
  • „Emotionale Sicherheit und Zuwendung bieten die Basis für kindliche Lernprozesse und die Entwicklung des Selbst“
  • „Kinder bilden sich durch spielerische Aktivität und aktives Spiel“
  • „Kinder bilden sich durch Teilhabe und Aushandlung“
  • „Kinder haben das Recht auf Anerkennung ihrer Individualität“
  • „Pädagogische Fachkräfte gestalten eine anregende Lern- und Erfahrungsumwelt“
  • „Pädagogische Fachkräfte sind Dialogpartnerinnen und Impulsgeberinnen“

Im siebten Kapitel „Zur Weiterentwicklung des Nationalen Kriterienkatalogs: Was bleibt? Was ist neu?“ wird auf die Entstehung und Weiterentwicklung des Nationalen Kriterienkatalogs eingegangen (siehe Entstehungshintergrund). In der aktuellen Auflage reduzieren sich die Qualitätsbereiche von 21 auf 20. Die früheren Qualitätsbereiche „Kulturelle Vielfalt“ und „Integration von Kindern mit Behinderungen“ wurden zusammengefasst und vollständig überarbeitet und heißen jetzt „Individualität, Vielfalt und Gemeinsamkeit“. Auch der Qualitätsbereich „Leitung“ wurde gründlich überarbeitet. Mit dem neuen Namen „Leitung und Team“ kommt ein verändertes Führungsverständnis zum Ausdruck. Im Qualitätsbereich „Sprache und Kommunikation“ wird nun dem Thema sprachliche Vielfalt und Mehrsprachigkeit eine größere Bedeutung eingeräumt. Dieser Bereich wurde nun „Sprache Mehrsprachigkeit und Bilinguale Erziehung“ genannt. In den Qualitätsbereich „Soziale und Emotionale Entwicklung“ wurde der Themenkomplex psychische Gesundheit integriert. Der Qualitätsbereich „Natur-, Umgebungs- und Sachwissen“ wurde um den Themenkomplex einer nachhaltigen Bildung ergänzt. Der Qualitätsbereich „Körperpflege“ heißt nun „Körperpflege und Hygiene“.

„Der Aufbau und die Systematik des Nationalen Qualitätskriterienkatalogs“ werden im achten Kapitel erläutert. Die 20 Qualitätsbereiche repräsentieren zentrale Bereiche pädagogischer Qualität in Kitas. Die Qualitätsbereiche werden jeweils Anhand von sechs Leitgesichtspunkten erläutert:

  1. Räumliche Bedingungen
  2. Pädagogische Fachkraft-Kind-Interaktion
  3. Planung
  4. Nutzung und Vielfalt von Material
  5. Individualisierung
  6. Partizipation

Im neunten Kapitel der Einführung wird auf die vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten des Nationalen Kriterienkatalogs eingegangen („Die Arbeit mit dem Nationalen Kriterienkatalog“). Der Katalog soll Verantwortlichen auf allen Ebenen im System der Bildung, Betreuung und Erziehung dabei helfen, die pädagogische Arbeit zu reflektieren und Orientierung bei der stetigen Qualitätsentwicklung bieten.

Zu 2. Die Qualitätsbereiche

Die Qualitätsbereiche werden jeweils anhand der sechs Leitgesichtspunkte dargestellt. Die 20 Qualitätsbereiche sind:

  1. Raum für Kinder
  2. Tagesgestaltung
  3. Individualität, Vielfalt und Gemeinsamkeit
  4. Mahlzeiten und Ernährung
  5. Körperpflege und Hygiene
  6. Ruhen und Schlafen
  7. Sicherheit
  8. Sprache, Mehrsprachigkeit und Bilinguale Erziehung
  9. Kognitive Entwicklung
  10. Soziale und emotionale Entwicklung
  11. Bewegung
  12. Fantasie- und Rollenspiel
  13. Bauen und Konstruieren
  14. Ästhetische Bildung
  15. Natur-, Umgebungs- und Sachwissen
  16. Eingewöhnung
  17. Begrüßung und Verabschiedung
  18. Zusammenarbeit mit Familien
  19. Übergang Kindertageseinrichtung – Schule
  20. Leitung und Team

Diskussion

Pädagogische Qualität ist keine für alle Zeit feststehende Größe. Was für pädagogische Qualität in Kindertageseinrichtungen spricht, ist einem kontinuierlichen Diskurs unterworfen. Umso wichtiges ist es, dass die in den Kriterienkatalog beschriebenen Merkmale pädagogischer Qualität immer wieder den aktuellen fachlichen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskursen angepasst wird. Deutlich wird dies am Themenkomplex Inklusion. Wurde Inklusion früher vor allem auf die Arbeit mit Kindern mit Behinderungen bezogen, so wird dies nun mehr als eine Aufgabe verstanden die jegliche Form von Exklusion – nicht nur von Behinderungen – verhindern möchte. Die fünfte Auflage des Nationalen Kriterienkatalogs geht auf solche aktuellen Entwicklungen ein.

Die vielen Überarbeitungen sind aber auch zugleich frustrierend für alle, die bereits seit längerem mit dem Werk arbeiten. Der Qualitätsbereich „Individualität, Vielfalt und Gemeinsamkeit“ (2016) beispielsweise hieß in der ersten Auflage noch „Interkulturelles Lernen“ (2003), wurde dann zu „Kulturelle Vielfalt“ (2007) und in der aktuellen Ausgabe nochmal grundlegend verändert. Hier wäre mehr Weitblick zu wünschen. Wie oben berichtet, wurden jedoch nicht alle Qualitätsbereiche so grundlegend verändert wie dieser. Interessant ist die Überarbeitung vor allem für diejenigen, die sich um eine Weiterentwicklung im Bereich der Inklusion, Mehrsprachigkeit und Diversität bemühen.

Fazit

In der jüngsten vollständig überarbeiteten Auflage des Nationalen Kriterienkataloges wurden wichtige fachliche Herausforderungen im System der Bildung, Erziehung und Betreuung berücksichtigt. Damit ist das Buch auch weiterhin gut geeignet, Orientierung bei der Weiterentwicklung der pädagogischen Qualität in bereits bekannten wie auch neuen Handlungsbereichen zu bieten.


Rezensent
Dr. phil. Samuel Jahreiß
wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziale Arbeit an der Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Fachgebiet: Sozial- und Kindheitspädagogik; Angewandte Sozial- und Bildungsforschung; Qualitätsentwicklung und Evaluation; Umgang mit sprachlich-kultureller Heterogenität in der Migrationsgesellschaft; Professionalisierung durch kompetenzorientierte Weiterbildung; Praxis- und Methodenlehre in sozialpädagogischen Arbeitsfeldern
Homepage www.samuel-jahreiss.de
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Zitiervorschlag
Samuel Jahreiß. Rezension vom 02.06.2016 zu: Wolfgang Tietze, Susanne Viernickel (Hrsg.): Pädagogische Qualität in Tageseinrichtungen für Kinder. Ein Nationaler Kriterienkatalog. verlag das netz (Berlin) 2016. 5., Vollständig überarbeitete und aktualisierte Auflage. ISBN 978-3-86892-121-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20511.php, Datum des Zugriffs 18.12.2018.


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