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Eva-Maria Heinke: Terrorismus und moderne Kriegsführung

Cover Eva-Maria Heinke: Terrorismus und moderne Kriegsführung. Politische Gewaltstrategien in Zeiten des ´War on Terror´. transcript (Bielefeld) 2016. 324 Seiten. ISBN 978-3-8376-3326-9. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Zwischenzeitlich, also in Lektürepausen, meinte der Rezensent, er habe sich mit der Aufgabe, das vorliegende Buch zu rezensieren, doch etwas überhoben. Zumindest zwei der Kapitel von insgesamt fünf waren für ihn, den Rezensenten, eine wirkliche Herausforderung. Aber dazu später.

Im Jahre 2015 kamen mehrere tausend Menschen durch Terroranschläge ums Leben. Die meisten Terroranschläge wurden in Afghanistan, Irak, Nigeria sowie Pakistan und Syrien verübt. Aber auch Europa war und ist vom Terrorismus bedroht. Es begann mit den Anschlägen am 7. Januar in Paris auf Mitarbeiter der Satirezeitschrift Charlie Hebdo und ein Geschäft der Supermarktkette Hypercacher, bei denen zwölf Menschen erschossen wurden. Bis zum zweiten Terroranschlag in Paris am 13. November 2015 (hier starben 130 Menschen) verübten Dschihadisten bzw. dem „Islamischen Staat“ nahestehende Terroristen Anschläge in Dänemark, Somalia, Mali, Tunesien, Kenia, Kuwait, Nigeria, in der Türkei, in Ägypten, im Libanon. Bei den Anschlägen am 22. März 2016 in Brüssel starben schließlich durch Selbstmordattentate 35 Menschen. Am 16. April 2016 verübten zwei junge Männer, die mutmaßlich mit dem Islamischen Staat sympathisierten, einen Anschlag auf ein Sikh-Zentrum in Essen, bei dem drei Menschen verletzt wurden. Am 12. Juni wurden von einem vermeintlichen Islamisten in Orlando/USA 49 Menschen ermordet und 53 verletzt. Einen Tag später tötete ein 25 Jahre alter Mann im Namen des Islamischen Staates (IS) in der Nähe von Paris einen Polizisten und dessen Partnerin. Wenige Tage vor dem EU-Referendum, in dem es um den Verbleib Großbritanniens in der EU geht, ermordete ein 52-jähriger Brite die Labour-Abgeordnete Jo Cox. Und in Deutschland wurden im Jahre 2015 nach Zählung des Bundeskriminalamtes 1005 Angriffe auf Flüchtlingsheime gezählt (http:www.spiegel.de). In der Süddeutschen Zeitung meint Robin Schroeder vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel: „Bei politisch motivierten Angriffen auf Flüchtlinge und Brandanschlägen auf bewohnte Asylunterkünfte, bei denen die Täter die Verletzung oder den Tod von Menschen zumindest billigend in Kauf nehmen, handelt es sich eindeutig um Terrorismus“ (Quelle: http://www.sueddeutsche.de/).

Terror scheint wieder über den Ländern des Westens zu liegen. Wirklich? Wenn Politiker/innen, wie der deutsche Innenminister Thomas de Maizière am 15. Juni die deutsche Bevölkerung wegen der anhaltenden Terrorgefahr zu mehr Wachsamkeit aufrufen (http://www.stuttgarter-zeitung.de), dann darf man zunächst einmal annehmen, dass einem solchen Aufruf nicht nur eine faktengestützte Beurteilung der Sicherheitslage zugrunde liegt, sondern der Aufrufer auch weiß, wovon er spricht. Bekanntlich ist der Terrorismus-Begriff ein unscharfer Begriff. Einschätzungen möglicher Terrorbedrohungen sind demzufolge ebenfalls vage. Eva-Maria Heinke will dem ein Ende machen bzw. eine Methode vorstellen, die sich aus den „…empirischen Entwicklungen ergebende Gleichzeitigkeit und Unschärfe in der Verwendung politischer Gewaltstrategien typisieren und somit eine graduelle Realitätswahrnehmung mit der analytischen Differenz einer Typologie verbinden kann, um bisherige Forschungslücken in der Typenbildung hinsichtlich der Modellierung von empirischer Unschärfe zu schließen“ (S. 29; Hervorh. durch die Autorin). Mal abgesehen von den nicht sehr leserinnen- und leserfreundlichen Formulierungen wird zumindest eine wichtige Ambition der Autorin deutlich: Es geht ihr um ein methodisches Instrument zur Begriffs- und Typenexplikation, das der o.g. Unschärfe des Explikats Rechnung trägt.

Autorin

Eva-Maria Heinke forscht im Bereich zeitgenössischer Gewaltformen, moderner Kriegsführung und (inter-)nationaler Sicherheitspolitik. Nach ihrem Studium der Politischen Wissenschaft, Soziologie und Psychologie promovierte und lehrte sie als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der RWTH Aachen University am Lehrstuhl für Allgemeine Soziologie. Ihr Doktorvater (darf man das noch so schreiben?)

Thomas Kron gehört zu den Spezialisten der fuzzy-logischen Modellierung der Systemtheorie (siehe auch www.socialnet.de/rezensionen/19384.php) und ist wohl auch der wichtigste Ideengeber für das vorliegende Buch. Es handelt sich um die überarbeitete Dissertation von Eva-Maria Heinke, die sie 2015 unter dem Titel „Strategien politischer Gewalt. Eine Typologie politisch motivierter Gewaltstrategien auf der Grundlage von Fuzzy-Inferenzsystemen“ an der RWTH Aachen verteidigt hat.

Aufbau und Inhalt

Im Vorwort macht die Autorin klar, worin die Unterschiede zwischen ihrem Buch und „bereits vorliegenden Studien zur politischen Gewalt“ (S. 7) bestehen: Sie, also die Autorin, vermag a) „eine ausgearbeitete Typologie politischer Gewalt vorzulegen, die über die bisherigen eher zusammenfassenden Beschreibungen bestehender politischer Gewaltformen deutlich hinausgeht“ (S. 7) und sie liefert b) eine „erstmalige(n) Implementation bestehender Berechnungsvorgänge, sogenannter Fuzzy-Inferenzsystem auf den sozialwissenschaftlichen hochrelevanten Forschungsbereich der politischen Gewalt“ (S. 8). Ein ambitioniertes Unternehmen mithin; immerhin beabsichtigt Eva-Maria Heinke nicht nur diverse Terrorismen zu typologisieren, sondern politische Gewaltstrategien schlechthin.

Im Kapitel 1 („Zu den Herausforderungen einer Typisierung der Unschärfe politischer Gewalt“) formuliert die Autorin vier Thesen, die im weiteren Prozess geprüft werden sollen. In These I wird die dringende Notwendigkeit angemahnt, die verwendeten Begriffe zur Typisierung politischer Gewalt zu präzisieren und dabei die empirische Vagheit der Begriffe systematisch einzubeziehen. Dass gegenwärtige Typisierungen politischer Gewalt methodisch modifiziert werden müssen, um die Unschärfe „eines sowohl-als-auch bzw. mehr-oder weniger“ (S. 26, Hervorh. durch die Autorin) in der Beschreibung politischer Gewalt zu berücksichtigen und Vergleichsdimensionen formuliert werden können, die dem komplexen Merkmalsraum entsprechen, ist Inhalt von These II a und II b. These III bezieht sich implizit auf den schon vorhandenen Forschungsstand zu den Typen politischer Gewalt, die nur noch in eine tragfähige und theoriefähige Typologie überführt werden müssen. These IV schließlich thematisiert „ein regelbasiertes Fuzzy-Inferenzsystem“ (S. 29), mit dem es möglich ist, einzelne Idealtypen politischer Gewalt graduell verbal und formal (numerisch) voneinander zu unterscheiden. Die ausführliche Wiedergabe der Thesen in dieser Rezension hat einen Grund, der auch mit dem eingangs erwähnten Überforderungserleben des Rezensenten zu tun hat. Er fragte sich nämlich bei der Lektüre des klugen Buches immer wieder: Cui bono? Warum eine Typologie? Wem nutzt sie? Explizite und überzeugende Antworten auf diese Fragen fand der Rezensent im Kapitel 1 noch nicht.

Kapitel 2 („Strategien politischer Gewalt“) liefert die Grundlage für die angestrebte Typologie und der „Vermessung“ möglicher Idealtypen. Keine Probleme hat der sozialpsychologisch fokussierte Rezensent mit den Überschriften der ersten zwei Unterkapitel: Politische Gewalt als soziales und strategisches Handeln. Interessant und fast unter der Hand erfährt die Leserin/der Leser in diesen Unterkapiteln nun doch, warum eine Typologie nützlich sein könnte. Die Autorin stellt in ihrer Literaturrecherche quasi eine Inflation von Merkmalen fest, mit denen die Facetten der politischen Gewalt differenziert werden. Ein Grund für besagte Inflation sieht Eva-Maria Heinke im Fehlen einer umfassenden „Typisierung politischer Gewalt“ (S. 42). Aber, so die Autorin, eine vollständige Typologie aufzustellen, sei gar nicht ihr vorrangiges Ziel; vielmehr gehe es darum aufzuzeigen, dass sich politische Gewalt „nicht nach einem entweder/oder-Prinzip typisieren lässt“ (S. 143; Hervorh. durch die Autorin). Wer mag daran zweifeln?! In den anschließenden Unterkapiteln werden die Formen politischer Gewaltstrategien vorgestellt und beschrieben, die als mögliche Idealtypen für die angestrebte Typologie in Frage kommen: Krieg (Westfälischer Krieg, neue Kriege, konventionelle Kriege), Terrorismus (Konventioneller Terrorismus, Ideolokaler Terrorismus, Islamistischer Terrorismus), Guerillakrieg, bewaffneter Widerstand. Die Beschreibungen sind ausführlich und lesenswert, wenn auch nicht so überraschend neu. Zwei Sätze aber zum Begriff des ideolokalen Terrorismus: Mit diesem Begriff will die Autorin den Begriff des transnationalen Terrorismus ersetzen, um die Ideologie hervorzuheben, die den Raum markiert, den diese neue Form des Terrorismus besetzt. Überzeugt ist der Rezensent von dem Paralexem Ideolokalität indes noch nicht. Das betrifft auch die am Ende von Kapitel 2(S. 145f.)vorgeschlagenen sechs Merkmale, die einerseits allen fünf o.g. Idealtypen gemeinsam sind und in denen sich andererseits diese Typen graduell unterscheiden (Systemerhalt, Raum-/Zeitabstand, militärische Symmetrie, Unterstützungsleistung, Umwegigkeit, Gewaltausmaß). Dass diese Merkmale nicht unplausibel sind, belegen die weiteren Ausführungen der Autorin. Aber woher kommen diese Merkmale und warum sechs und nicht sechsundsechzig? [1]

Im Kapitel 3 („Typologien und ihre fuzzy-logische Reformulierung“) werden zunächst einmal methodologische Grundlagen formuliert, die eher den Eindruck der eigenen Selbstverständlichung erwecken. Es geht noch einmal um Idealtypen und deren Konstruktion, um die Beschaffenheiten und Ziele von Typologien und natürlich um Fuzzy Sets und Fuzzy-Inferenzsysteme. Und an diesen Stellen erlebte der Rezensent erneut ein Versagensgefühl oder – im Sinne einer selbstwertstabilisierenden Taktik – die Einsicht in das Beharrungsvermögen wissenschaftlicher Denkstile (gemeint ist der sozialpsychologische des Rezensenten). Banal gesprochen: Obwohl dem dialektischen Denken und der Vagheit wissenschaftlicher Aussagen nicht abgeneigt, hat der Rezensent die „fuzzy-logische Reformulierung des Substruktionsverfahrens einer Typologie politischer Gewaltstrategien“ (S. 174ff.) nicht verstanden.

So ging es ihm überwiegend auch mit der Lektüre von Kapitel 4 („Substruktion des Merkmalraums einer Typologie politischer Gewaltstrategien durch ihre fuzzy-logische Reformulierung: Versuch einer ersten Anwendung mit Beispielen“). Hier werden – mit Hilfe der Fuzzy-Logik – die o.g. fünf Idealtypen der Gewaltstrategien im Hinblick auf die sechs vorgeschlagenen Merkmale, die auf zwei „komplexe Vergleichsdimensionen“ reduziert werden, verglichen. Am Ende wird eine Typologie politischer Gewaltstrategien in einer Mehrfeldertafel präsentiert, der eine Skalierung zugrunde liegt, über deren Äquidistanz sich trefflich streiten ließe.

Fazit

Der Rezensent zweifelt nicht daran, dass sich die Autorin auf dem Felde der Fuzzy-Inferenzsysteme gut auskennt. Auch die offenbar erstmalige Anwendung der Fuzzy Logik, um politische Gewaltstrategien zu typologisieren, beeindruckt ihn. Über den Wert einer solchen Typologie und über die Fruchtbarkeit fuzzy-logischer Reformulierungen eines Sustruktionsverfahrens kann er, der Rezensent, nicht urteilen. Das überlässt er den Vertretern entsprechend fokussierter Wissenschaftsgemeinschaften. Denen empfiehlt er gern die Lektüre des vorliegenden Buches.

Zitierte Literatur

  • http://www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlingsheime-bundeskriminalamt-zaehlt-mehr-als-1000-attacken-a-1074448.html; aufgerufen am 20.06.2016.
  • http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.innenminister-de-maizi-re-deutsche-sollten-auf-extremisten-achten.541298cf-8a15-43f0-b4b8-4694deb4f489.html; aufgerufen am 20.06.2016.
  • http://www.sueddeutsche.de/politik/interview-anschlaege-auf-fluechtlingsunterkuenfte-eindeutig-terrorismus-1.2703932; aufgerufen am 21.06.2016.
  • https://www.socialnet.de/rezensionen/19384.php; aufgerufen am 20.06.2016.

[1] Der alte Methodenlehrer des Rezensenten legte immer großen Wert auf die Feststellung, dass die Reihenfolge und der Abbruch einer Aufzählung wohlbegründet sein müssen.


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Frindte
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Institut für Kommunikationswissenschaft - Abteilung Kommunikationspsychologie
Homepage www.ifkw.uni-jena.de
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Zitiervorschlag
Wolfgang Frindte. Rezension vom 21.07.2016 zu: Eva-Maria Heinke: Terrorismus und moderne Kriegsführung. Politische Gewaltstrategien in Zeiten des ´War on Terror´. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3326-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20517.php, Datum des Zugriffs 27.05.2020.


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