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Hiltrud Schwetje-Wagner, Andreas Wagner: Wider die Verplanung der Kindheit

Cover Hiltrud Schwetje-Wagner, Andreas Wagner: Wider die Verplanung der Kindheit. Ganztagsschule – oder Raum zum Leben? Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. 144 Seiten. ISBN 978-3-525-70181-2. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 24,90 sFr.
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Thema

Das vorliegende Buch will ein inspirierender Beitrag in der (Ganztags-)Schuldebatte sein. Aus Sicht der beiden Verfassenden braucht es „neue Ideen“ und „frische Gedanken“, „anstatt unreflektiert auf den Ausbau staatlicher Systeme zu setzen“ (S. 10). Um diesen Ansatz umzusetzen, haben die Verfassenden entschieden, keinen abwägenden, neutralen Text zu schreiben, sondern positionieren sich „deutlich für die Halbtagsschule“ (S. 9) als Gegenmodell zur „Verplanung der Kindheit“ (Titel). Zudem schreiben sie in einem auffallend zuspitzenden, teils „polemisch[en]“ (S. 9) Schreibstil, wie sie selbst konstatieren, und binden an das Märchen von „Hase und Igel“ angelehnte Dialoge als zusammenfassende, resümierende Textabschnitte ein. Sowohl inhaltlich wie in seiner Form fällt der Beitrag daher innerhalb der Literatur zur (Ganztags-)Schulentwicklung tatsächlich markant auf.

Autorin und Autor, Entstehungshintergrund

Hiltrud Schwetje-Wagner arbeitet seit vielen Jahren als Instrumentalpädagogin in Trier und führt ehrenamtlich Projekte im Bereich Kultur und Freizeitgestaltung durch. Dr. Andreas Wagner ist als Gymnasiallehrer für Geschichte und Musik tätig und zudem Fachberater. Insofern ist das Buch nicht nur aus Sicht der unterrichtlichen und außerunterrichtlichen Arbeit mit Kindern geschrieben, sondern die Verfassenden schreiben auch aus einer „gemeinsame[n] Elternsicht“ (Umschlagtext).

Gekennzeichnet ist das Buch von einer Kritik daran, dass die Einführung der Ganztagsschule, getragen von Politik, Wirtschaft und Wissenschaft das Land „überflutet“ habe (S. 8) und nicht in der Gesellschaft verwurzelt sei.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in insgesamt 19 Kapitel gegliedert. Im Vorwort wird die Stoßrichtung des Werkes erläutert. Wie die einzelnen nachfolgenden inhaltlichen Kapitel, deren Titel nicht in jedem Fall selbsterklärend sind, zusammen hängen, wird nicht eingeführt. Dies ist Dokument dafür, dass es sich hierbei um eine Sammlung von Gedanken handelt, die einzeln ausgeführt werden. Die Kapitel sind im Einzelnen wie folgt überschrieben:

  1. „Investitionen in die Zukunft“
  2. Individuelle Förderung
  3. Hausaufgaben
  4. Die Quadratur des Kreises
  5. Unternehmergeist
  6. Schule als Medienwelt
  7. Leben im „Ghetto“
  8. Die „neue Lernkultur“
  9. Macht Ganztagsschule krank?
  10. Wo ist Bullerbü?
  11. Empirische Bildungsforschung und Ganztagsschule
  12. Die Ganztagsschul-Lobby
  13. Die Halbtagsschul-Lobby
  14. Das Gesetz von Angebot und Nachfrage
  15. Familienpolitik und Ganztagsschule
  16. Demografiepolitik und Ganztagsschule
  17. Gärtnernde Köche verderben den Brei
  18. 25 Thesen – vier Modelle

Die Grundaussagen aller Kapitel werden im letzten Abschnitt in 25 Thesen zusammengefasst. Problematisiert werden die Doppelfunktion der Ganztagsschule als Bildungs- und Betreuungseinrichtung, die damit im Zusammenhang stehenden wirtschaftspolitischen Interessen und der Einfluss auf die Familie. Zudem wird eine ungerechte Verteilung der Staatsmittel zugunsten der Ganztagsschule angeprangert.

Des Weiteren wird eine unzureichende individuelle Förderung in der Ganztagsschule konstatiert, gepaart mit einer Kritik daran, dass die Ganztagsschule Individualität, Motivation, und den für die deutsche Wirtschaft kennzeichnenden Unternehmergeist gewissermaßen zumindest erschwert.

Zudem wird die Einflussnahme von EU und wirtschaftsnahen Lobbygruppen problematisiert und ausführlich die aus Sicht der Verfassenden wissenschaftlich unzureichend qualifizierte Begleitforschung kritisiert. Letztlich erscheint die Ganztagsschule als Einrichtung, die nicht pädagogisch inspiriert von innen, sondern programmatisch gesteuert von außen angestoßen wurde und einen massiv nachteiliger Entwicklungsweg der deutschen Schule darstellt.

Diskussion

Das Buch ist insofern bemerkenswert, dass es anderen Begründungen der Ganztagsschulentwicklung jenseits der Bildung nachspürt, die verantwortlich dafür sind, dass dieses gesellschaftliche Großprojekt in dieser Form vorangetrieben wurde und wird. Dieser Ansatz ist berechtigt, denn die Tatsache, dass die Ganztagsschule landesweit in einer Form vorangetrieben wurde, die heute übereinstimmend qualitativ als „ausbaubedürftig“ gekennzeichnet wird, wirft genau diese Frage nach den anderen Begründungen und Funktionen der Ganztagsschule auf.

Nur ist die Zusammenarbeit von Politik, Wirtschaft und auch Wissenschaft wesentlich weniger „verschwörerisch“, als es die Verfassenden in diesem Buch herausarbeiten wollen. Denn bereits in der Verwaltungsvereinbarung zum Investitionsprogramm „Bildung und Betreuung“ werden die bildungspolitischen und wirtschaftlichen Interessen klar benannt, wenn der Ganztagsausbau u. a. dazu dienen soll, „das vorhandene Potential an gut ausgebildeten Arbeitskräften besser“ (Bundesrepublik Deutschland 2003, S. 2) auszuschöpfen. Die Auseinandersetzung mit dem empirischen Forschungsstand zur Ganztagsschule erfolgt verkürzt und leider zu polemisch aufgeladen. Wer die Kritik am Entwicklungsstand der Ganztagsschule in abgeklärter Form nachlesen will, findet in den aktuellen Diskursbeiträgen der Forschungsprojekte mittlerweile differenzierte Aussagen. Auch die eigene Rolle der empirischen Schulforschung in der Ganztagsschulentwicklung wird dabei, zugegebener Maßen in nicht umfassend reflektierter Form, hinterfragt (siehe bspw. den Beitragsband von Hascher u. a. 2015, vgl. die Rezension).

Indem die Verfassenden die Halbtagsschule als die zu bevorzugende Schulform proklamieren, ohne dafür empirische Befunde vorlegen zu können, gehen sie denselben Weg, den sie bei der Einführung der Ganztagsschule kritisieren. Problematisiert werden muss zudem, dass die Verfassenden nur unzureichend offen legen, in welcher Weise sie persönlich von der einen oder anderen zeitlichen Organisationsform von Schule beruflich betroffen sind oder gar profitieren. Dies würde zur im Buch angemahnten Redlichkeit dazu gehören.

Fazit

Das Buch ist als Anregung dazu geeignet, die Ganztagsschulentwicklung aus einer anderen Perspektive zu betrachten. All jene, die der Ganztagsschule generell kritisch gegenüber stehen und die traditionelle deutsche Halbtagsschule mit Hausaufgabenpraxis bevorzugen, werden sich garantiert nach der Lektüre bestätigt fühlen. Aufgrund der Darstellungsart und der nur fehlenden Anbindung an den Fachdiskurs kann das Werk nicht als Quelle für Studium und forschende Arbeit empfohlen werden.

Literatur

  • Bundesrepublik Deutschland (2003): Verwaltungsvereinbarung Investitionsprogramm „Zukunft Bildung und Betreuung“ 2003 – 2007. Verfügbar über: www.bmbf.de/pubRD/20030512_verwaltungsvereinbarung_zukunft_bildung_und_betreuung.pdf [21.07.2015].
  • Hascher, Tina/Idel, Till-Sebastian/Reh, Sabine/Thole, Werner/Tillmann, Klaus-Jürgen (2015): Bildung über den ganzen Tag. Opladen; Berlin; Toronto: Budrich.

Rezensent
Dr. Thomas Markert
Hochschule Neubrandenburg, Fachbereich Soziale Arbeit, Bildung und Erziehung
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Thomas Markert. Rezension vom 23.05.2016 zu: Hiltrud Schwetje-Wagner, Andreas Wagner: Wider die Verplanung der Kindheit. Ganztagsschule – oder Raum zum Leben? Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-525-70181-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20518.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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