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Simone Wustrack: Gedenkstättenpädagogik

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 12.10.2004

Cover Simone Wustrack: Gedenkstättenpädagogik ISBN 978-3-932011-47-4

Simone Wustrack: Gedenkstättenpädagogik. Arbeit mit Jugendlichen zu Spuren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft im Harzer Raum. Blumhardt Verlag (Hannover) 2004. 113 Seiten. ISBN 978-3-932011-47-4. 5,50 EUR.
Reihe: Diplomarbeiten der Evangelischen Fachhochschule Hannover - 6
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Politische Bildung als soziale Arbeit

Die Erkenntnis, dass die Fähigkeit, sich über historische und aktuelle politische Fragen ein eigenes Urteil zu bilden, Voraussetzung für die Teilnahme am politischen Geschehen darstellt, ist mittlerweile gesicherter Bestandteil bei der Bedeutungseinschätzung der Politischen Bildung für Kinder und Jugendliche in unserer Gesellschaft. Philosophische, politische und "Alltags"- Urteilsbildung gehören von Anfang an zum Kanon der politischen Bildung als allgemeinbildende und für alle Menschen in der Gesellschaft geltende Anforderungen für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben (Tilman Grammes). Der Diskurs darüber, welche Themen dabei die jeweiligen gesellschaftlichen Instanzen - Familie, Schule, Erwachsenenbildung - zu übernehmen haben, wird kontrovers geführt. Besonders bei der Thematik "Nationalsozialismus" scheiden sich die Geister in zweierlei Hinsicht: Zum einen gibt es ein Für und Wider bei der Frage, ob, in welchem Maße und zu welchem Zeitpunkt Kinder und Jugendliche heute sich mit den Ursachen und Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa (noch!) beschäftigen sollen; eher mit der Tendenz - "Lasst es jetzt gut sein damit!". Zum anderen werden die Anteile der schulischen und außerschulischen Bildung dabei eher diffus und curricular wenig reflektiert vorgenommen. Was soll die Schule als ihren Bildungsauftrag verstehen und was die außerschulische Jugend- und Erwachsenenbildung?

In den Schulgesetzen der Bundesländer, wie auch in den entsprechenden Bestimmungen zur Sozialgesetzgebung, etwa im "Sozialgesetzbuch" (SGB 8, § 11), werden entsprechende Anforderungen für die Politische Bildung formuliert. Mit dem bekannten Adorno-Verdikt "Dass Auschwitz nicht noch einmal sei" wird daran erinnert, dass die Gestaltung der Gegenwart und Zukunft der heute lebenden jungen Menschen nicht ohne die Kenntnis und Auseinandersetzung mit der Vergangenheit möglich ist. Während in der schulischen curricularen Verortung die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus - wenigstens theoretisch - eindeutig ist, stellt sich dies in der außerschulischen Jugendarbeit als nicht so klar dar. Es lohnt also, auf dieses Feld der politischen Jugendbildung einen besonderen Blick zu werfen.

Entstehungshintergrund

Das tut Simone Wustrack von der Evangelischen Fachhochschule Hannover (EFH) mit ihrer Diplomarbeit. Sie wurde mit dem Margarethe-von-Wangenheim-Preis ausgezeichnet. Die Herausgabe der Arbeit ermöglichte die Gesellschaft der Freunde und Förderer der EFH.

Inhalt

Die Frage "Was geht mich das an?", in einem Gedicht einer 18jährigen Jugendlichen, könnte gleichsam der Schlüssel zur o. a. Arbeit darstellen. Sowohl die zeitliche als auch die kulturelle Distanz der heute lebenden jungen Menschen zur Zeit des Zweiten Weltkriegs und zum Nationalsozialismus führen dazu, dass Interesse und Informationsbedürfnis an der Thematik weitgehend peripher angesiedelt sind. Das mag man bedauern; eine wirkliche Veränderung der Problematik wird dadurch jedoch nicht erreicht. Vielmehr geht es darum, in ehrlicher und konsequenter Weise die Lebenswelt der Jugendlichen zu betrachten und nach Anlässen und Exempli zu suchen, wie das Thema in das Bildungsinteresse und in den Bildungshorizont der Heranwachsenden gebracht werden kann. Wie die öffentlichen Auseinandersetzungen um eine "Gedenkstättenkultur" in Deutschland zeigen, wird die Bedeutung an ein Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus sehr kontrovers diskutiert. Ein "Vergessen" oder "Verdrängen" der Gewalttaten in der nationalsozialistischen Zeit sowohl in der Verwischung der "Opfer -Täter"-Argumentation, als auch durch neofaschistische und nationalistische Lockrufe, gerade an junge Menschen gerichtet, scheinen eine Renaissance im neonazistischen Denken und Handeln zu bewirken.

Da ist es verdienstvoll, dass (auch) in der außerschulischen Bildungsarbeit nach curricularen Beispielen Ausschau gehalten wird. Simone Wustrack zeigt in ihrer Arbeit auf, dass mit der "Gedenkstättenpädagogik" Gelegenheiten geschaffen werden können, dass die Jugendlichen

  • historische Faktenkenntnisse am authentischen Ort erfahren und vertiefen können,
  • "vor Ort" eine Annäherung an die Opfer erfahren,
  • in der Konfrontation mit dem "Unvorstellbaren" und "Unvermittelbaren" Anfragen an ihr eigenes Leben und Handeln möglich werden,
  • in der direkten Auseinandersetzung sich selbst in den Kontext von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu stellen vermögen.

Mit der Darlegung von grundlegenden Aspekten der Gedenkstättenpädagogik und in der Darstellung von vielfältigen Methoden für diese Bildungsarbeit bietet die Autorin eine gute Grundlage und Mut zum Nachmachen. Besonders die Landschaft des Harzes mit seiner rund 2.200 Quadratkilometer Fläche, dem bundesländerübergreifenden "Ferien- und Erholungsgebiet" (Niedersachsen - Sachsen-Anhalt - Thüringen), zeigt zahlreiche Orte des nationalsozialistischen Schreckens (in diesem Zusammenhang wird auch auf die Arbeit von Andrea Tech, "Arbeitserziehungslager in Nordwestdeutschland 1940 - 1945", Göttingen 2003, verwiesen). Die Spuren der NS-Zwangsarbeit im Harzer Raum, z. B. mit dem Konzentrationslager Mittelbau-Dora, den Orten der "Todesmärsche", sind teilweise sichtbar und werden durch engagierte Projekte vor allem von jungen Leuten in das öffentliche Bewusstsein gebracht; sie sind aber andererseits auch verwischt und vergessen. Die Gedenkstättenpädagogik steht an einer Wende: Diejenigen, die diese Zeit als Opfer und Täter erlebt haben, werden immer weniger; und die Gefahr des Vergessens wird immer größer.

So ist es eine eminent wichtige, schulische und außerschulische, aktuelle und lebenslange Bildungsaufgabe, vor allem jungen Menschen die Notwendigkeit zum "Gedenken" bewusst zu machen.

Fazit

Die von Simone Wustrack aufgezeigten konkreten Projekterfahrungen und -ideen sind ein Baustein für die Weiterentwicklung der Gedenkstättenpädagogik. Gioconda Belli hat in ihrer Auseinandersetzung mit den Menschen- und Freiheitsrechten in ihrer lateinamerikanischen Heimat davon gesprochen, dass Solidarität die Zärtlichkeit der Völker sei. Die aktive Erinnerung an die nationalsozialistische, unmenschliche Gewaltherrschaft erfordert dann ein "solidarisches Gedenken", damit die "Zärtlichkeit" im globalen Zusammenleben der Menschen siegt.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1545 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 12.10.2004 zu: Simone Wustrack: Gedenkstättenpädagogik. Arbeit mit Jugendlichen zu Spuren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft im Harzer Raum. Blumhardt Verlag (Hannover) 2004. ISBN 978-3-932011-47-4. Reihe: Diplomarbeiten der Evangelischen Fachhochschule Hannover - 6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2052.php, Datum des Zugriffs 19.05.2022.


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