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Ursula Bylinski, Josef Rützel (Hrsg.): Inklusion als Chance und Gewinn ... (Berufsbildung)

Cover Ursula Bylinski, Josef Rützel (Hrsg.): Inklusion als Chance und Gewinn für eine differenzierte Berufsbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. 308 Seiten. ISBN 978-3-7639-1184-4. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.
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Thema

Seit 2009 ist die UN-Behindertenrechtskonvention in Deutschland „gültig“. Daher rückte diese gesamtgesellschaftliche Thematik immer stärker in die bildungspolitische und die allgemeine erziehungswissenschaftliche Diskussion. Nach einem nationalen Aktionsplan von 2011 wurden Maßnahmen zur Umsetzung entwickelt. Behinderung wurde nicht mehr nur medizinisch betrachtet, sondern als soziales Konstrukt verstanden. Kooperativ zu bearbeitende Handlungssituationen und die individuellen Lernbedürfnisse rückten in das Zentrum der Lernprozessgestaltung.

Dieser Weg zu einem inklusiven Berufsbildungssystem wird in diesem Buch aufgearbeitet und differenziert dargestellt. Dabei fällt der Professionalität der pädagogischen Fachkräfte eine „Schlüsselrolle“ zu, worauf vor allem auch die Herausgeber in ihrem einführenden Beitrag verweisen. Auch international bereitete Weggestaltung wird beispielhaft aufgezeigt.

Herausgeberin und Herausgeber

Prof. Dr. Ursula Bylinski von der Fachhochschule Münster und Prof. Dr. Josef Rützel (vormals) von der TU Darmstadt zeichnen als Herausgeberteam der zwanzig Beiträge von insgesamt 23 Autorinnen und Autoren aus dem Hochschulbereich.

Aufbau

Nach einem einführenden Beitrag der Herausgeber (9 ff.) und vor einem abschließenden Verzeichnis der Autorinnen und Autoren (303 ff.) wurden die Beiträge folgenden Abschnitten zugeordnet:

  1. Theoriebezüge und Zugänge zur Inklusion in der Berufsbildung aus der Perspektive von
    Berufs-, Sozial- und Sonderpädagogik (25)
  2. Bestehende Exklusionsrisiken sowie Chancen und Potenziale als Ausgangspunkt einer
    differenzierten Berufsbildung (69)
  3. Entwicklung von Inklusionsstrategien zum Aufbau einer differenzierten Berufsbildung (125)
  4. Ausbildung und Professionalisierung des Bildungspersonals für eine inklusive
    Berufsbildung (213)
  5. Von anderen Ländern lernen: Impulse für den Inklusionsdiskurs und die Ausgestaltung
    inklusiver Berufsbildung (259)

Inhalt

Rützel hebt in seinem Beitrag (27 ff.) hervor, dass insbesondere ein „Navigationssystem Inklusion“ die Bezugspunkte für ein „auf einem subjektorientierten Verständnis beruhenden biografieorientierten (Berufs-)Bildungssystem“ bilden und arbeitet dazu die Skizze eines interessanten Modells aus und stellt es anschaulich dar.

Im nächsten Beitrag wird der „sozialpädagogische Blick auf (mehr) Inklusion in der beruflichen Bildung“ gerichtet (43 ff.). Dabei geht es um Teilhabe und „nicht um Eingliederung in Arbeitsmärkte“ sowie darum, „dass die Beteiligten mitzubestimmen haben darüber, was für sie Teilhabe ist und wie die Einrichtungen beruflicher Bildung ebenso wie die Erwerbsarbeit zu gestalten sind“ (55).

Sehr informativ (auch für Nichtinsider) sind die folgenden Ausführungen mit dem zusammenfassenden Titel „Die Vielfalt der Behinderungen: Theoretische und empirische Beiträge der Sonderpädagogik zur beruflichen Bildung unter dem Anspruch von Inklusion“ (57 ff.): insbesondere bei der erziehungswissenschaftlichen Migrationsforschung (66 f.).

Detailliert wird dieses Thema in folgendem Beitrag erörtert: „Herstellungsweisen und Wirkungen von Differenzkategorien im Zugang zu beruflicher (Aus-)Bildung“ (71 ff.). Dabei wird angesetzt „an einer grundlegenden Kritik an einseitig handlungspraktisch motivierten Inklusions- und Diversitätsstrategien“ mit der Entfaltung einer „konstruktivistischen Perspektive auf Verschiedenheit“.

Im nächsten Schritt werden „Institutionelle und individuelle Inklusionschancen und Exklusionsrisiken in der beruflichen Ausbildung“ skizziert (87 ff.). Offen bleibt jedoch die Frage, inwieweit sich das Konzept inklusiver Bildung in einem marktwirtschaftlich organisierten Ausbildungssystem realisieren lässt (98).

Anhand von quantitativen und qualitativen Befunden wird folgende Frage erörtert: „Risiko von Ausbildungsexklusion trotz (Fach-)Abitur?“ (101 ff.) und abschließend geschlussfolgert, „dass die heutigen (Fach-)Abiturientinnen und (Fach-)Abiturienten nicht unbedingt dem typischen Bild der Gymnasiastin/des Gymnasiasten mit kontinuierlichem Bildungsprozess aus akademischem Elternhaus entsprechen“ (110).

„Die Debatte um inklusive Berufsbildung im Spannungsfeld von Heterogenität und Standardisierung“ (113 ff.) wird dargestellt. Dabei wird besonders hervorgehoben, dass nach betrieblichen Meinungen hinsichtlich fehlender Ausbildungsreife nicht mehr nur Schwächen in schulischen Leistungen dominieren, sondern seit einiger Zeit verstärkt auch das Arbeits- und Sozialverhalten, das „in Diskrepanz zu betrieblichen Normalitätserwartungen steht“ (118).

Differenziert und fundiert werden im III. Abschnitt (Titel s. o.) entwickelte Inklusionsstrategien zum Aufbau eines differenzierten inklusiven Berufsbildungssystems vorgestellt und diskutiert, und zwar unter folgenden Themenschwerpunkten:

  • Bildungspoltische Grundüberzeugungen und ihr Einfluss auf den wahrgenommenen Reformbedarf zur Realisierung eines inklusiven Berufsausbildungssystems – Ergebnisse einer Befragung von Berufsbildungsfachleuten (127 ff.)
  • Produktionsschule: ein inklusives Konzept? (143 ff.)
  • Teilzeitberufsausbildung als Instrument zur inklusiven Gestaltung des Berufsbildungssystems (155 ff.)
  • Allen Schülerinnen und Schülern einen Zugang zu qualitativ hochwertiger Berufsorientierung ermöglichen (169 ff.)
  • Überlegungen zur Inklusion an Berufskollegs – Widerspruch, Anspruch und Herausforderung (183 ff.)
  • Professionalisierung durch die Kooperation von Berufs- und Sonderpädagogik – Erfahrungen und Anregungen (199 ff.)

Bylinski arbeitet für die erforderliche Ausgestaltung der Ausbildungspraxis auf der Ebene der pädagogischen Fachkräfte eine „neue Qualität“ dieser Gestaltungsaufgabe unter dem Titel aus: „Begleitung individueller Wege in den Beruf: Professionalisierung für eine inklusive Berufsbildung“ (215 ff.). Dabei bieten subjektive Theorien Erklärungsansätze sowie die reflexive Bearbeitung der eigenen Erfahrungen und des pädagogischen Handelns, wozu auch Vernetzung und Kooperation bedeutsam sind (221 f.).

Dem gleichen Themenschwerpunkt widmet sich der dann folgende Beitrag: „Lehrerbildung für berufliche Schulen neu denken: Inklusion erfordert Professionalität!“ (233 ff.). Dazu wird angeknüpft an das New Public Management der 1990er Jahre mit der Verpflichtung zur Mitwirkung im Sinne einer „Teilnahme“ und nicht zur „Teilhabe“ (235).

Im Folgebeitrag wird dieses Thema mit dem Titel „Qualifizierung und Professionalisierung der Ausbilder/-innen für inklusive Berufsbildung“ (245 ff.) noch einmal bearbeitet mit der Schlussfolgerung, dass mit der Forderung nach einem radikalen Perspektivwechsel der Berufsbildung das Verständnis steht: „weg von einer am Qualifikationsbedarf der Arbeitswelt orientierten Verwertungsperspektive hin zu einer subjektorientierten Entwicklungsperspektive“ (254, zitiert ohne Hervorhebungen).

Im V. Abschnitt können aus drei Beiträgen Impulse für die eigene theoretische und/oder praktische Arbeit bei der Ausgestaltung inklusiver Berufsbildung gewonnen werden:

  1. durch den Bericht über die Arbeit in einem europäischen Projekt in vier berufsbildenden Schulen in Europa (Belgien, Norwegen, Österreich, Slowenien): INVESTT – Inklusive Berufsausbildung und spezialisiertes maßgeschneidertes Training (261 ff.) – www.investt.eu;
  2. durch einen Einblick in eine Region, in der das gesamte Bildungssystem inklusiv gestaltet wird: die italienische Autonome Provinz Bozen/Land Südtirol (277 ff.);
  3. durch die Erörterung von Programmen zur Berufsvorbereitung für fünfzigtausend Jugendliche in Brasilien zum Übergang junger Menschen in die Arbeitswelt (291 ff.).

Diskussion

  1. Es wird gefordert, bereits erprobte Jugendberufsagenturen in allen Kommunen zu installieren, um alle Förderleistungen zusammenzuführen (131). Ist dieser Vorschlag zu befürworten?
  2. In Baden-Württemberg wurde ein neues Unterrichtsfach „Wirtschafts-, Berufs- und Studienorientierung“ eingeführt, in anderen Bundesländern wurden an weiterführenden Schulen Lehrkräfte als Koordinatoren für die Berufsorientierung beauftragt (178). Sollten solche Regelungen generell getroffen werden?
  3. In Südtirol ist der persönliche Bildungsplan der Lernenden ein wichtiges Instrument für den Umgang mit Vielfalt bei der seit 1977 gemeinsamen Beschulung aller Kinder und Jugendlichen in der „Schule für Alle“ (285 ff.). Sollte dies grundsätzlich in Deutschland übernommen werden?

Fazit

Das Bundesinstitut für Berufsbildung gibt in einer Buchreihe „Berichte zur beruflichen Bildung“ heraus. 2016 ist bei einer Neuerscheinung erstmals „Inklusion als Chance und Gewinn für eine differenzierte Berufsbildung“ detailliert und aspektreich in mehreren Beiträgen bearbeitet worden. Nicht nur Menschen mit Behinderungen stehen im Zentrum der Analysen, sondern alle Menschen, die von einer Ausgrenzung aus der Gesellschaft betroffen oder bedroht sind. In dem Sammelband werden berufs-, sozial- und sonderpädagogische Theoriebezüge entfaltet zur anschließenden Diskussion der Chancen und Potenziale einer differenzierten, aber inklusiven Berufsbildung und zu deren Aufbau. Besonders bedeutsam bei diesem Veränderungsprozess ist dabei die erforderliche Professionalität der pädagogischen Fachkräfte und die dazu notwendige Teamfähigkeit auf ihrer Ebene. Von anderen Ländern mit teilweise jahrzehntelangen Erfahrungen auf diesem Gebiet kann gelernt werden, wozu die letzten drei Beiträge anregen. Ein interessantes, lesenswertes, anregendes Buch für Theoretiker und Praktiker der „allgemeinen“ Erziehungswissenschaft sowie der Berufs-, Sozial- und Sonderpädagogik.


Rezensent
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


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Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 29.04.2016 zu: Ursula Bylinski, Josef Rützel (Hrsg.): Inklusion als Chance und Gewinn für eine differenzierte Berufsbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-1184-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20522.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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