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Marlies W. Fröse: Transformationen in "sozialen" Organisationen

Cover Marlies W. Fröse: Transformationen in "sozialen" Organisationen. Verborgene Komplexitäten. Ein Entwurf. Ergon Verlag (Würzburg) 2015. 584 Seiten. ISBN 978-3-95650-111-1. D: 58,00 EUR, A: 59,70 EUR.
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Thema

Technologischer und sozialer Wandel sind der Motor für Transformationen in sozialen Organisationen. Transformationen umfassen sowohl die Organisation mit ihren internen Prozessen wie auch ihre externen Umweltbeziehungen. Die Organisationswissenschaft steht damit vor einem grundlegenden Dilemma. Einerseits muss sie Fragen nach der Steuerung von Organisationen beantworten, andererseits stößt sie an die Grenzen der Planbarkeit von komplexen Systemen. Um dem Dilemma zu entkommen, entwirft die Organisationswissenschaft häufig Modelle der Komplexitätsreduktion. Marlies W. Fröse geht nicht diesen Weg. Sie lädt mit ihrem Buch ihre Leser dazu ein, eine „Art Reise in den Bereich zunehmender Komplexität“ (23) in Organisationen zu unternehmen. Nur so kann die Vielfalt aber auch die Widersprüchlichkeit der Komplexität in Organisationen wahrgenommen werden. Dies geht nicht ohne Irritationen für die Leser von statten. Eingefahrene Überzeugungen werden in Frage gestellt und liebgewonnene Erkenntnisse sind zu revidieren. Wer allerdings die Bereitschaft mitbringt, sich auf diese Herausforderung einzulassen, der erhält die Chance, den Prozess der Transformationen in Organisationen neu zu sehen, zu erklären und zu verstehen.

Autorin

Marlies M. Fröse ist eine bundesweit ausgewiesene Expertin im Bereich von Organisation und Management in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft. Von 1998 bis 2010 war sie Professorin für Management in sozialen Organisationen an der Evangelischen Hochschule Darmstadt. Von 2010 bis 2015 arbeitete sie als Projektleiterin und Dozentin am Institut für Sozialmanagement, Sozialpolitik und Prävention (ISP) und im Zentrum Lernen und Bildung (ZLB) an der Hochschule Luzern – Soziale Arbeit. Seit 2015 lehrt sie als Professorin für Organisations- und Personalentwicklung in der Sozial- und Gesundheitswirtschaft an der Evangelischen Hochschule Dresden.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Habilitationsschrift von Marlies W. Fröse, in der sie unter anderem ihre vielfältigen Forschungserkenntnisse und praktischen Erfahrungen aus dem Handlungsfeld Führung und Leitung in sozialen Organisationen verarbeitet hat.

Aufbau und Inhalte

Das Buch ist in neun Kapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel werden die begrifflichen Grundlagen zu „Komplexität“ und (soziale) Organisationen gelegt. Dazu werden zunächst einige Bilder, Geschichten und Metaphern zur Beschreibung von verborgenen Komplexitäten vorgestellt. Diese kreisen um das Verhältnis von Wahrheit und Wirklichkeit, stellen historische Vordenker zu Führung und Leitung vor, beschreiben die Bedeutung der Tugenden für das Führen und Leiten und deuten Organisationsmetaphern und Menschenbilder, die unser Denken prägen. Außerdem wird der Organisationsbegriff der vorliegenden Untersuchung in seinen Aspekten entwickelt und die Merkmale des Organisationsverständnisses werden entfaltet.

Im zweiten Kapitel steht das Thema „Transformationen in Organisationen“ in Gegenwart und Zukunft im Mittelpunkt. Mit Transformationen sind Umwälzungen gemeint, die eine grundsätzliche Neuausrichtung zur Folge haben. Zunächst wird beschrieben, wie das Thema im Change-Management, in der Organisationsberatung, in der Arbeitspsychologie und in der Gesellschafts- und Sozialpolitik Eingang gefunden hat. Transformationen, wenn sie nicht gelingen, wirken auf zwei Ebenen: Auf der individuellen Eben entstehen psychosoziale Konflikte und Krankheiten. Auf der Organisationsebene gerät das System als Ganzes in einen Zustand der Erschöpfung und Überforderung. Als Antreiber für das Misslingen von Transformationen werden unter anderem die Debatten um die Messbarkeit und die Wirkung von Leistungen, die wachsende Monetarisierung des Lebens sowie die Verknappung von Zeit identifiziert. Marlies W. Fröse spricht sich angesichts dieses Befundes dafür aus, die aufgezeigten Spannungsfelder nicht zu ignorieren, sondern sie bewusst wahrzunehmen und auszuhalten. Damit dies gelingt, fordert sie ein entschleunigtes Human Resource Management, das auf die Zeit als Quelle des Nachdenkens und der Reflexion setzt.

Das dritte Kapitel ist den Grundbestimmungen von Sozialmanagement und Sozialwissenschaft gewidmet. Differenziert wird die Verortung der beiden Grundbegriffe in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen und dazugehörigen Netzwerken untersucht. Das Ergebnis dieser Betrachtung macht deutlich, dass eine Theorie des Sozialmanagements bzw. der Sozialwirtschaft bisher nicht ausreichend fundiert vorliegt. Um aus dieser Sackgasse herauszukommen wird vorgeschlagen, stattdessen von Management sozialer Organisationen zu sprechen und dieses zu entfalten und damit auf einen eigenen Managementbegriff zu verzichten.

Das vierte Kapitel wendet sich exemplarisch Alltagsphänomen sozialer Organisationen zu. Dazu werden das Feld der Organisationsberatung und insbesondere dessen häufiges Scheitern untersucht. Transformationen in Organisationen können aber nur dann erfolgreich sein, wenn sie nicht nur als äußere Anpassung an den Wandel, sondern als qualitative Entwicklung angelegt sind. Dies geschieht nach Auffassung von Marlies W. Fröse im Darmstädter Management-Modell, dessen Grundideen deshalb vorgestellt werden.

Im fünften Kapitel werden die Themen Organisationsentwicklung und insbesondere Konfliktmanagement am Beispiel der Biografie von Friedrich Glasl analysiert. Grundlage dafür ist ein dreitägiges Interview mit dem Nestor des Konfliktmanagements. Dabei wird deutlich, wie sich persönliche Biografie, Interesse für die Konfliktforschung sowie die Entwicklung einer am Menschen ausgerichteten Organisationsentwicklung miteinander verschränken.

Im sechsten Kapitel steht das Thema Leadership und neue Herausforderungen für Führung und Leitung im Zentrum. Dies geschieht zunächst durch die Gegenüberstellung von „Management“ und „Leadership“. Während unter Management die technokratische Anwendung von betriebswirtschaftlichem Wissen und Handwerkszeug („to do the things right“) verstanden wird, umfasst Leadership mehr, nämlich die Kompetenz zur Gestaltung von persönlichen und organisatorischen Transformationen („to do the right thing“). In einem Vergleich der Curricula von Masterstudiengängen in europäischen Ländern, den USA und Südafrika wird untersucht, wie dort das Thema Leadership verankert ist. Ergänzend dazu werden die Ergebnisse von Interviews mit ausgewählten Führungskräften vorgestellt. Als Fazit dieser Analyse werden verschiedene Elemente von Leadership als ein Teilbereich reflexiver Professionalisierung beschrieben.

Im siebten Kapitel wird das Thema Leadership durch die Themen Mixed Leadership und Gender noch vertieft. Dazu werden unter anderem die Erkenntnisse der Gender-Forschung für Organisationen nachgezeichnet und mit dem Konzept „Gendered Management in Gendered Organizations“ die strukturellen Voraussetzungen von Mixed Leadership herausgearbeitet. Mixed Leadership verweist darauf, dass im Rahmen von Transformationen in Organisationen auch die Ebenen von geschlechtsbestimmten Kommunikationsmustern, Verhaltenscodices, kulturellen Stilen und Strukturen Beachtung finden sollten.

Das achte Kapitel versteht sich als ein Zwischenschritt, der durch interdisziplinäre Dialoge erste „Zwischenantworten“ sichtbar machen soll. Der sich wie ein roter Faden durch das Buch ziehende Anspruch, eine technokratisch-bürokratische Engführung der Sozialmanagement- bzw. Sozialwirtschaft-Diskurse aufzubrechen, wird hier noch einmal eindrucksvoll durch die Erweiterung der Perspektive auf gesellschaftskritische Diskurse dargelegt. Exemplarisch wird dazu kritisch auf die Debatte um die Optimierung menschlicher Eigenschaften verwiesen („Human Enhancement“). Die Umsetzung dieses Konzepts führe zu einer Entwertung des Normalen. Im Gegensatz dazu ist eine neue Debatte über Menschenwürde, die gesellschaftliche und die individuelle Bedeutung der Arbeit und über die ethischen Grundlagen eines „guten Wirtschaftens“ dringend erforderlich.

Im neunten Kapitel werden die weiterführenden Fragen zum Thema entwickelt. Drei Begriffe sollen wie eine Konklusion das Werk einbinden und zusammenhalten. Sie sind die Prämissen von Leadership im hier entwickelten Sinne und heißen „Verstehen“ als reflexive Sinnwahrnehmung, „Verantwortung“ als ethische Fundierung und die „innere Stimme von Leadership“ als ein erweitertes Bildungsverständnis. Es geht Marlies W. Fröse, um es mit Hannah Arendt zu sagen, um ein „Denken ohne Geländer“.

Diskussion

Die Debatte insbesondere um die betriebswirtschaftlichen und organisatorischen Herausforderungen der Sozialwirtschaft wird seit über 20 Jahren intensiv geführt. Eine Vielzahl von Fachpublikationen, Tagungen und institutionelle Netzwerke sind in dieser Zeit entstanden. Rein zahlenmäßig stehen dabei jene Veröffentlichungen im Mittelpunkt, die pragmatische Handlungskonzepte zur Bewältigung der enormen Herausforderungen darstellen und entwickeln. Das Buch von Marlies W. Fröse geht weit über diesen Standard hinaus. Es bewegt sich mit seinen Fragen, Analysen und Konzepten auf einer sehr grundlagentheoretischen Ebene. Marlies W. Fröse nimmt die Leser mit auf eine spannende Reise. Sie identifiziert nicht nur die Widerspüche der Debatten zum Sozialmanagement, sondern arbeitet auch tiefschürfend deren Wurzeln und Sackgassen heraus. Dabei geht sie keineswegs kulturpessimistisch vor, sondern sieht sehr klar den enormen Veränderungsdruck, der als Ergebnis des Modernisierungsprozesses unserer Gesellschaft, auf den sozialen Organisationen lastet. Es sind jedoch nicht die einfachen Lösungen, die sie entwickelt. Sie kapituliert nicht vor der Komplexität ihres Gegenstandes. Ihr Anspruch ist es, die Komplexität des Transformationsprozesses der Moderne mit komplexen Anregungen zur Führung und Leitung sozialer Organisationen zu verbinden. Dazu spannt sie den Bogen inhaltlich sehr weit und sucht methodisch auf unterschiedlichen Ebenen den Zugang zu ihrem Gegenstand. Diese Vorgehensweise fordert ihre Leser intensiv heraus. Das Buch lässt sich nicht leicht lesen und schon gar nicht quer. Es fordert von seinen Lesern Respekt. Dieser beinhaltet ein aufmerksames Lesen, die Disziplin des eigenständigen Denkens und die Bereitschaft, die eigenen Positionen und Erkenntnisse kritisch hinterfragen zu lassen. Wenn es so rezipiert wird, kann es die Debatten um das Management sozialer Organisationen intensiv befruchten.

Fazit

Gesellschaftliche und soziale Transformationsprozesse haben zu einer wachsenden Dynamik und Komplexität von Organisationen geführt haben. Die Fähigkeit, sich auf diese Veränderungen und Entwicklungen einzustellen, wird zur notwendigen Überlebenskompetenz von Organisationen. Damit der Prozess der Transformation erfolgreich von statten gehen kann, sind die verborgenen Komplexitäten in sozialen Organisationen wahrzunehmen, zu erklären und zu verstehen. Das Buch liefert dazu eine differenzierte Analyse und eine Fülle von Reflexionsmöglichkeiten. Diejenigen, die sich nicht mit kurzfristigen technokratischen Lösungsstrategien zufrieden geben wollen, finden hier ein riesiges Reservoir an Anregungen zum Nachdenken.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Joachim Puch
Präsident i.R. Evangelische Hochschule Nürnberg
Homepage www.evhn.de/fh_tv_detail.html?adr_id=1
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Zitiervorschlag
Hans-Joachim Puch. Rezension vom 15.04.2016 zu: Marlies W. Fröse: Transformationen in "sozialen" Organisationen. Verborgene Komplexitäten. Ein Entwurf. Ergon Verlag (Würzburg) 2015. ISBN 978-3-95650-111-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20524.php, Datum des Zugriffs 18.02.2019.


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