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Stefan Pohlmann: Altershilfe - Band 1: Hintergründe und Herausforderungen

Cover Stefan Pohlmann: Altershilfe - Band 1: Hintergründe und Herausforderungen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2016. 180 Seiten. ISBN 978-3-945959-07-7. D: 18,00 EUR, A: 18,00 EUR, CH: 20,00 sFr.

Band 1 und 2 als 978-3-945959-06-0.
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Thema

Das Alter wird unterschiedlich durchlaufen. Das hängt aber nicht nur mit Schicksalsschlägen, Verlusten und Krankheiten im höheren Lebensalter zusammen. Sondern auch mit der Art und Weise, wie die alternden Individuen die ihnen unweigerlich widerfahrenden Einschränkungen verarbeiten. Die Altershilfe hat darum die Persönlichkeiten ihrer Adressaten in besonderer Weise in Rechnung zu stellen. Von den Momenten des Alterserlebens beleuchtet darum der von der Psychologie her kommende Stefan Pohlmann in seinen beiden von der Münchener Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise AG SPAK heraus gegebenen Bänden „Altershilfe“ die interdisziplinär-gerontologischen Selbst- und Fremd-Stützungen für die Altenpopulation (zu Band 2 vgl. die Rezension).

Autor

Professor Dr. phil. habil. Diplom-Psychologe Stefan Pohlmann lehrt an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München Gerontologie und leitet dort die Forschungsabteilung für interdisziplinäre Gerontologie.

Aufbau und Inhalt

Der erste, fünf Kapitel umfassende Band „Hintergründe und Herausforderungen der Altershilfe“ behandelt die Pluralität bei den Hilfsmöglichkeiten für alte Menschen, aus der die individuell passgenauen Einzelschritte ausgewählt werden können.

In der Altershilfe sieht Pohlmann die kompensierende Altenhilfe von Diensten wie auch die den alten Menschen zur Selbsthilfe motivierende soziale Altenarbeit in der Pflicht. Selbsthilfe und Fremdhilfe haben sich zusammen zu schließen. Die Altershilfe soll Pluralität walten lassen. Dazu sollen sozialgerontologische Studiengänge vermehrt werden.

Zur Wegbereitung eines gelingenden Alter(n)s bedarf es nach einer individuellen Sichtung der Situation passgenauer Hilfsangebote. Dazu wird Altern aus den verschiedenen gerontologischen Blickwinkeln vorgestellt: Biologisch, psychologisch, soziologisch und pädagogisch. Ausführlich werden die entwicklungspsychologischen Schritte zur Generativität und zur Gerotranszendenz erörtert. Bei der Behandlung der Persönlichkeitspsychologie schildert Pohlmann die „Big Five“ der Traits der Individuen:

  1. Neurotizismus,
  2. Gewissenhaftigkeit,
  3. Extraversion,
  4. Verträglichkeit und
  5. Offenheit.

Der Autor warnt vor vorschnellen Verhaltens-Ratgebern, die konstante Bedingungen übersehen, in die alternde Individuen eingebunden sind. So wird die Betrachtung von Sozialräumen wichtig, in die Individuen eingebettet sind. Hier werden über eine ökologische Gerontologie dosierte Umweltanreize wichtig.

Zu korrigieren gilt es negative Altersbilder, da sie das Selbstständig- und Autonom-Bleiben des Individuums behindern. Negativ wirken sich die vielen öffentlichen Belastungs-Diskurse und nicht einlösbare Überforderungen alter Menschen aus. Durch differenziertere Betrachtungen im Gefolge von Altersnähe können sich realistischere Altersbilder ergeben. Noch zeitigen Helfersyndrom und Hilflosigkeits-Generierung, von Wolfgang Schmidbauer und Martin Seligman beschrieben, negative Einflüsse. Helfen können hier eine produktive Gestaltung des individuellen Alterns sowie die Maßgaben des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes AGG, um ageism entgegen zu wirken. Austausch- und Gelegenheits-Strukturen zur interessen-geleiteten und nicht kalendarisch proportionierten Begegnungen von Jung und Alt sind zu fördern.

Die Lebensqualität als Zustand möglichst hoher Eigenständigkeit und Selbstwirksamkeit selbst bei nachlassenden Eigenkräften ist aufrecht zu erhalten. Im Anschluss an M. Powell Lawtons Definition von gutem Leben werden Autonomie und Sicherheit als auch im Alter verbleibende Ziele vorgegeben.

In den Beziehungen zwischen den Generationen wird den Älteren eine integrative Kraft zugeschrieben. Ökonomische Transfers laufen überwiegend von Alt zu Jung. Ein gesellschaftlicher Ausgleich ermöglicht noch Austausch und Solidarität zwischen den Generationen, die für Pohlmann in großstädtischen Milieus mit getrennten Lebenswelten von Alt und Jung aber bereits zu bröckeln beginnen. Die sozialpolitisch garantierte Generationen-Solidarität sollte konsensuell bleiben und nicht hinterfragt werden. Dazu könnte eine Sozialkapital-Bilanz zugunsten der Alten erarbeitet werden.

Diskussion

Die individual- und sozialpsychologisch gut untermauerten Vorschläge Stefan Pohlmanns zu Eigenständigkeit, Produktivität und Autonomie im Alter zeigen den sozialgerontologisch versierten Forscher und Hochschullehrer. Die Herleitungen lesen sich flüssig und sind mit vielen Schaubildern auch optisch anregend illustriert.

Der Begriff „Altershilfe“ als ein Konglomerat von Selbsthilfe des alten Menschen und von Diensten von ihm sowie für ihn durch andere mag manchen irritieren, der sich in erster Linie glaubt, für Schwache und Hilfsbedürftige engagieren zu müssen. Wenn Hilfe zur Selbsthilfe und Empowerment tragende Maximen im Beistand für Ältere sein sollen, ist Pohlmann indes recht zu geben.

Die Frage ist allerdings, ob im assistierenden Beistand für alte Menschen die Fülle an entwicklungs- und persönlichkeitspsychologischen Gesichtspunkten, die Pohlmann für das „gelingende Altern“ ausbreitet, nutzbar gemacht werden können. Auch sind die Raster der Lebensqualität mit objektiven und subjektiven, physischen, psychischen, sozialen, ökologischen, ökonomischen und kulturellen Elementen so vielgestaltig, dass sie in der praktischen Altenhilfe kaum mehr alle verfolgbar sind. Auch darin, dass es zu wenig sozialgerontologische Studienangebote gibt, kann Pohlmann nicht gefolgt werden. Mit Leichtigkeit sind für Deutschland gut zwei Dutzend solcher gerontologischer Studienmöglichkeiten mit den „Leuchttürmen“ Vechta, Dortmund, Köln, Kassel, Heidelberg, Freiburg und München zu finden und zu benennen. Der Fachkräfte-Mangel in der Altenhilfe liegt eher auf dem hauswirtschaftlichen und pflegerischen als auf dem sozialarbeitlichen Feld. Auch hätte der Autor mehr zum Defizit an den vielfach aus guten Gründen eingeforderten niederschwelligen, vorpflegerischen und hauswirtschaftlichen Hilfen ausführen können.

Denn so negativ wie von Pohlmann mit Belastungen, Verdrängungen, Anti-Ageing und Ageism dargestellt, ist die Situation alter Menschen in Deutschland nicht. Dafür geben bereits die sich mit einem Drittel der Gesamtpopulation ehrenamtlich betätigenden alten Menschen ein zu positives Bild vom alten Menschen ab, was Pohlmann ja in seinem fünften Kapitel über die Generationen-Beziehungen auch wiederum einräumt. Insofern widersprechen sich seine negativen Altersbilder in Kapitel drei mit den positiven intergenerationellen Bezügen von Kapitel fünf. Der Blick ist hier in Band 1 der „Altershilfe“ allerdings noch zu wenig auf die wirklich Belasteten, die Dementen, Pflegebedürftigen, die Todkranken und Sterbenden sowie ihre Angehörigen gerichtet, die sicherlich negativ konnotiert werden. Ihnen widmet sich der Autor vorwiegend im zweiten Band „Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen“ seiner Altershilfe.

Fazit

Stefan Pohlmann legt mit den als Band 1 „Hintergründe und Herausforderungen“ seiner zweibändigen „Altershilfe“ erschienenen Überlegungen ein Plädoyer vor für eine gerontologisch umfassende Einschätzung der Situation des alternden und alten Menschen vor. Das multidisziplinäre Setting ermöglicht einen umfassenden Zugang zum lebensaltrigen Menschen und zum Bereich Alter in Deutschland. Die differenzierten Raster im Alltag zum Tragen zu bringen setzt eine hohe Kunst der Akteure voraus.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 14.04.2016 zu: Stefan Pohlmann: Altershilfe - Band 1: Hintergründe und Herausforderungen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2016. ISBN 978-3-945959-07-7. Band 1 und 2 als 978-3-945959-06-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20526.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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