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Stefan Pohlmann: Altershilfe - Band 2 : Handlungsfelder und Handlungs­empfehlungen

Cover Stefan Pohlmann: Altershilfe - Band 2 : Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2016. 222 Seiten. ISBN 978-3-945959-04-6. D: 22,00 EUR, A: 22,00 EUR, CH: 24,00 sFr.

Band 1 und 2 als 978-3-945959-06-0.
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Thema

Das Alter wird unterschiedlich durchlaufen. Das hängt aber nicht nur mit Schicksalsschlägen, Verlusten und Krankheiten im höheren Lebensalter zusammen. Sondern auch mit der Art und Weise, wie die alternden Individuen die ihnen unweigerlich widerfahrenden Einschränkungen verarbeiten. Die Altershilfe hat darum die bei ihr vorstellig werdende Population einzubinden in ein Netz von Ressourcenspendern und der Klientel selbst. In diesen Aggregaten haben Klienten, Angehörig, Dienste, ehrenamtlich Tätige, zivilgesellschaftlich Verantwortliche, Forscher und Kommunalpolitiker ihre Plätze einzunehmen. Dieses prozessorientiert zu sehende und zu supervidierende Hilfe-Geschehen bedarf zur Qualitätsentwicklung und zur Qualitätssicherung der Überschau. Der von der Psychologie her kommende Gerontologe Stefan Pohlmann setzt in seinen beiden von der Münchener Arbeitsgemeinschaft sozialpolitischer Arbeitskreise AG SPAK heraus gegebenen Bänden „Altershilfe“ auf die interdisziplinär-gerontologischen Selbst- und Fremd-Stützungen der Altenpopulation (zu Band 1 vgl. die Rezension).

Autor

Professor Dr. phil. habil. Diplom-Psychologe Stefan Pohlmann lehrt an der Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften der Hochschule München Gerontologie und leitet dort die Forschungsabteilung für interdisziplinäre Gerontologie.

Aufbau und Inhalt

Nach Stefan Pohlmanns grundlegenden Überlegungen zur Altershilfe mit Lebensqualität, Persönlichkeitsvariablen, Altersbildern und Generationendynamiken in den Kapiteln eins bis fünf seines Bandes 1 seiner zweibändigen „Altershilfe“ behandelt er in den drei Kapiteln sechs bis acht des Bandes 2 Maßnahmen zu Qualitätssicherung und -steigerung und zur Qualitätsmessung altenhelferischer Maßnahmen. Dabei sind die Kapitel sechs und sieben zur Innovationskraft der Altershilfe und zur Innovationskraft der ambulanten und institutionellen Altershilfe mit je 80 Seiten recht umfangreich. Wie auch bereits in Band 1 sieht Pohlmann in der Altershilfe ein Zusammenwirken vieler Akteure unter Einschluss der Betroffenen selbst.

Kapitel sechs ist überschrieben mit „Innovationskraft der offenen Altershilfe“. Hier sollen Kontakte und Teilhabe der Älteren erhöht und ihr selbstbestimmtes Handeln gestärkt werden. Dazu sind vor allem vulnerable Gruppen zu motivieren. Problem-Statuspassagen sind prophylaktisch anzugehen, wobei ein Burnout aus Überforderung genauso wie ein Boreout aus Unterforderung zu beachten sind. Erfahrungen aus Programmen wie SILQUA (Soziale Innovationen für Lebensqualität im Alter) und PrimA (Prävention im Alter) werden eingebracht, wonach die Freiwilligen-Rekrutierung zugleich als Qualifizierungs-Offensive dienen kann. An Disziplin-übergreifender Beratung fehlt es Pohlmann zufolge noch. Er sieht die gerontologische Zusammenschau für Gebiete wie Fehlernährung, Folgen sozialer Verortung und Epidemiologie als notwendig an. Propagiert wird ein Risiko-Ressourcen-Ansatz, der auch die Potenziale der alten Menschen selbst mit berücksichtigt, um von einer rein ökonomisch bilanzierenden Qualitätsdebatte weg zu kommen. Hier werden eigene Untersuchungen des Verfassers eingeführt zur Steigerung der Eigenverantwortlichkeit der Adressaten. Die Wirksamkeitsprüfung kommunaler Altenberatung wird anhand des BELiA-Programms geschildert (Beratung zum Erhalt der Lebensqualität im Alter). Berater und Adressat sollen in einem kontinuierlichen Austauschprozess möglichst zur Übereinstimmung gelangen, der umfassen muss einen stetigen Kontrollprozess (Monitoring), Qualitätszirkel und punktuelle Überblicke (Survey).

Hat Pohlmann die Altershilfe in Kapitel sechs als Gemisch aus Adressaten-Aktivitäten und zugehender professioneller Beratungs-Stützung definiert, so handelt er jetzt in Kapitel sieben bei der Untersuchung der von Trägern vorgehaltenen Dienste die ambulanten und institutionellen Hilfen gemeinsam ab. Auf beiden Gebieten misst er der Sozialen Arbeit eine hohe Bedeutung bei. Bei der Betrachtung der kurativen Hilfe wird nach der Wirksamkeit der seit 2008 eingeführten Pflegestützpunkte gefragt. Mit Case- und Care-Management mögen sie die Pflegeberatung effizienter gemacht haben. Ihre Neutraliät und Umfassenheit stehen aber doch in Frage. Hier stellt sich die Aufgabe der Qualitätssicherung. Unter den Entlastungsangeboten für pflegende Angehörige werden die arbeitsrechtlichen Freistellungen unzureichend und die Informationen über entlastende Dienste als unübersichtlich beurteilt. Ein vom Verfasser mit betriebenes Projekt zur Anforderungs-Passung älterer Arbeitnehmer wurde von den Betrieben nicht fortgeführt. Die rehabilitativen Angebote dienen der Vermeidung von Pflegebedürftigkeit und der Erhaltung der Partizipation. Grundsätzlich erfolgreiche geriatrische Rehabilitation kommt noch zu wenig zum Einsatz. Angesichts unbestreitbar menschenunwürdiger Zustände in der Altenbegleitung ist institutionelle Qualitätssicherung zu optimieren. Hier wird vor der lediglich messenden und dokumentierenden Prozess-Qualität einem hermeneutischen Erklären aus dem Benehmen mit den Akteuren – dem Personal wie den Leistungsempfängern und ihren Angehörigen – der Vorzug gegeben. Daraus kann eine fluide, verbraucher-verständliche, quantitativ wie qualitativ vorgehende Heim-Beurteilung erfolgen, wie sie der Verfasser für die bayerische Heimaufsicht FQA durchgeführt hat (Fachbereiche Pflege- und Behinderteneinrichtungen – Qualitätsentwicklung und Aufsicht). Mit derart differenzierten Qualitätsberichten mittels Wortprädikaten ist der Allgemeinheit eine Möglichkeit gegeben, ihrer Verantwortung für von anderen Abhängige besser gerecht zu werden. Künftige Optimierungen der Altenpflegelandschaft erblickt Pohlmann in einer effektiveren Kooperation von Ambulant und Stationär, in der Integration des bürgerschaftlichen Engagements, in besser informierten und dadurch wahlfreieren Nutzern sowie in der Aufrechterhaltung eines ethischen Kodex.

Damit sind bereits Gegebenheiten benannt für den in Kapitel acht erfolgenden Ausblick auf eine nachhaltige Altershilfe. Pohlmann plädiert für ein gelassen, aber souverän vorgehendes Altern zum Wohl der Älter-Werdenden bei hoher Lebensqualität. Kritische Lebenspassagen sollten vorausblickend abgestützt werden. Altershilfe und Einzelne möchten an Verlust-Kompensation arbeiten und negative Altersstereotype bekämpfen. Die Alten-Adressaten selbst sollen aktiv mit bürgerschaftlichem Engagement und mit Beteiligung an der Qualitätsdiskussion in die Altershilfe einbezogen werden. Den Professionellen wünscht er umfängliches gerontologisches Wissen und einen dem alten Menschen zugewandten, auch sozialphilosophisch untermauerten Habitus der Wertschätzung. Die Gerontologie soll ihren ethischen Impuls und ihr Wissen politisch wirksam in einen Age-Mainstreaming ummünzen.

Diskussion

Mit vielen seiner Forderungen trifft Stefan Pohlmann auch in seinem zweiten Band seiner „Altershilfe“ auf wunde Punkte. Er zeigt überzeugende Besserungs-Wege wie Schnittstellen-Verzahnung, Kooperationen, prozessual vorgehende und verständlich formulierte Qualitätssicherungen sowie rehabilitative Strategien auf. Die Entlastung pflegender Angehöriger nimmt zu recht einen hohen Stellenwert in den Handlungsempfehlungen ein.

Zu fragen ist, ob der Autor nicht doch in ihrer Kompetenz stark eingeschränkte Personen mit seinen Aktivierungs-Vorschlägen überfordert. Abwegig ist der Vorschlag der Einbeziehung der Rentenversicherung als Rehabilitationsträger für nachberufliche Rehabilitanden auf Seiten 137 ff., weil dieser Träger jenseits des Erwerbsalters nicht mehr verpflichtet ist.

Pohlmanns Dilemma besteht darin, Akteure (Altenberatung) und Klient-Adressaten in seinen Aggregaten nicht genügend auseinander zu halten. So sind bei Qualitätssicherung und Qualitätsprüfung Professionelle und Kunden oft nicht mehr auseinander zu halten. Es wird vielmehr ein je eigenständiges, systemisches Prozess-Geschehen betrachtet, bei dem sich mit lediglich verbalen Beschreibungen keine vergleichbaren Daten mit anderen Diensten mehr ergeben. Entschuldigt wird dies damit, dass alte Menschen keine quantitativen Datenerhebungen wünschten. So wird die qualitative der quantitativen Erhebung vorgezogen. Im Ergebnis kann es dann zu subjektiven Bewertungen der Kontrollierenden kommen.

Die Überlegungen zur Qualitätssicherung nehmen einen zu großen Raum in Pohlmanns Darstellung ein. Dadurch kommen eigentlich zukunftsweisende gerontologische Überlegungen zu kurz. Vermisst wird beim Thema Zunahme der Pflegebedürftigen eine Auseinandersetzung zwischen dem Medikalisierungstheorem und der Kompensationstheorie nach James A. Fried. Die Lehre der Interventionsgerontologie mit vielen hilfreichen Ansätzen zur Fortentwicklung der stationären Altenhilfe wird nicht verfolgt. Auch die Bildung von selbstorganisierten Wohngruppen, ob generationsübergreifend oder generationshomogen, von in der Kompetenz Eingeschränkten im Anschluss an Klaus Dörner wird nicht dargestellt. Stattdessen akzentuiert Pohlmann seine Überlegungen zu sehr auf die Optimierung von Qualitätssicherungsmaßnahmen durch ein prozessual zu befragendes, teilnehmendes Qualitätsmanagement. Da gewinnt seine Leserschaft außer mit der Teilhabe an vielen empirisch-methodologischen Überlegungen mit zugegeben vielen modellhaften Übersichten zum Einblick in Institutionen der Altenhilfe nicht viel an Informationen über neue Ideen und Innovationen auf dem Terrain der Altenhilfe.

Fazit

Auch Band 2 der „Altershilfe“ von Stefan Pohlmann bringt viele weiter führende und beherzigenswerte Vorschläge wie geriatrische Rehabilitation und Entlastung von Angehörigen. Den alten Menschen auch bei Einschränkungen als Mit-Akteur zu sehen holt ihn aus seinem Klienten-Status erfreulich heraus. Die Schilderung der zu breit ausgeführten Forschungsbeteiligungen des Autoren lesen sich ermüdend. Unter dem Stichwort Innovation vermisst man Hinweise auf Kompressionstheorie, Interventionsgerontologie und selbstorganisierte Wohngruppen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 14.04.2016 zu: Stefan Pohlmann: Altershilfe - Band 2 : Handlungsfelder und Handlungsempfehlungen. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2016. ISBN 978-3-945959-04-6. Band 1 und 2 als 978-3-945959-06-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20527.php, Datum des Zugriffs 23.07.2017.


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