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Franz L. Neumann, Herbert Marcuse u.a.: Im Kampf gegen Nazideutschland

Cover Franz L. Neumann, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Im Kampf gegen Nazideutschland. Berichte für den amerikanischen Geheimdienst 1943-1949. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. 812 Seiten. ISBN 978-3-593-50345-5. D: 39,90 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.

Herausgegeben von Raffaele Laudani.
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Thema

Für das Office for Strategic Services (OSS), Vorläufer der CIA, verfertigten die emigrierten Wissenschaftler Neumann, Marcuse und Kirchheimer zwischen 1943 und 1949 die hier vorliegenden Analysen des Nazi-Regimes, für die ihnen auch Geheimdienstberichte und Vernehmungen von Kriegsgefangenen zugänglich gemacht wurden. Federführend für die Forschungen dieser Mitteleuropa-Abteilung war Neumann, der sich im Exil bereits 1942 (erweitert 1944) in seinem Buch „Behemont. Struktur und Praxis des Nationalsozialismus“ als Jurist und Politologe mit der nationalsozialistischen Herrschaft und ihren Zielen auseinandergesetzt hatte. Nicht nur in seinen Beiträgen wird auch die Situation der Weimarer Republik in die Analysen einbezogen, wobei auch die jeweilige Rolle und Politik der Sozialdemokratie und der KPD eingeschätzt wird. Etliche Beiträge wurden gemeinsam und zum Teil unter der Mitautorenschaft von Paul Sweezy, Felix Gilbert, Hans Meyerhoff und John H. Herz verfasst, letzterer ein ehemaliger Doktorand von Hans Kelsen (s.u.). Herz beschrieb die Wirkung des Dienstantritts der Emigranten unter den Mitarbeitern des Geheimdienstes in seiner Autobiographie ironisierend: „Es war, als hätte sich der linkshegelianische Weltgeist vorübergehend in der Mitteleuropäischen Abteilung des OSS angesiedelt.“ Allerdings meinte er dann auch weiter, dass von einer revolutionären Gesinnung nur die Auffassung geblieben wäre, das „nachnazistische Deutschland“ müsse sich demokratisch wandeln, und zwar in eine Form der Demokratie, „die den Weg zum Sozialismus zulassen würde“. (zit. S. 15) Zwar übernahmen Marcuse und Kirchheimer die im Gegensatz zur staatskapitalistischen Auffassung von Horkheimer, Adorno und Pollock stehende These eines „totalitären Monopolkapitalismus“, wie sie Neumann entwickelt hatte (später von Sweezy zu einer Theorie des Monopolkapitalismus differenzierter ausgebaut), was im Hinblick auf die Zerschlagung herrschender Gruppen relevant war. Die Reklamation von Demokratie war dabei durchaus als politisch-praktischer Schritt, als ‚Lernschritt‘ in Richtung Sozialismus gemeint. Axel Honneth vermutet in seinem Vorwort, dass sich für diese Gruppe aus der Reihe der Kritischen Theorie durch ihre Tätigkeit für das OSS die Chance ergab, „den seit Beginn des Exils schmerzlich empfundenen Abstand zwischen Theorie und Praxis endlich wieder zu verringern.“ (S. 17)

Aufbau und Inhalt

Der Band beginnt mit einem Vorwort von Axel Honneth, in der er in der Tätigkeit für den amerikanischen Geheimdienst eine der nach seiner Auffassung „zugleich spannendste und irritierendsten Phasen in der Geschichte der Kritischen Theorie“ ausmacht: „ihr Einsatz als praktisch gewendetes Analyseinstrument im geheimdienstlichen Kampf gegen das nationalsozialistische Deutschland.“ (S. 18)

Es folgen Anmerkungen der Übersetzerin Christine Pries, die nicht nur ihre mühevolle Arbeit deutlich werden lassen; sie verweist darauf, mit welchen erheblichen sprachlichen Probleme die Autoren bei der Abfassung ihrer Texte konfrontiert waren.

Nach einem Dank und knappen Bemerkungen zu den Verfassern seitens des Herausgebers Raffaele Laudani und Kurzbiographien der Verfasser folgt die Einleitung, in der nicht nur die Schwierigkeiten der Textbearbeitung dokumentiert werden, sondern in einer inhaltlichen Würdigung u.a. herausstellt wird, dass und wie sich die „Vertreter der Frankfurter Gruppe gezwungen“ sahen, „die innere Logik ihrer Forschungstätigkeit neu zu gestalten. Sie gaben die philosophischen und theoretischen Kategorien zugunsten einer Analyse auf, die anschaulicher wirkte, tatsächlich aber von spezifischen Fragen oder rein politischen beziehungsweise militärischen Phänomenen ausging. Diese Herangehensweise führte dazu, dass ihre Arbeit zeitweilig sogar noch kritischere Formen annahm“. (S. 46)

Danach ist der Band in sieben Hauptkapitel unterteilt, denen die einzelnen Beiträge zugeordnet sind. Nach „Feindanalysen“ und „Muster für den Zusammenbruch“ folgen „Politische Opposition“ und „Entnazifizierung und Militärregierung“. Wesentlich um ökonomische und politische, aber auch juristische Fragen geht es in „Ein neues Deutschland in einem neuen Europa“ und „Im Vorfeld von Nürnberg“. Unter „Ein neuer Feind“ fallen zwei Beiträge von Marcuse, in denen er sich mit „Gewerkschaften und Betriebsräten in Deutschland“ beschäftigt und abschließend mit den „Potentialen des Weltkommunismus“. Alle Beiträge werden über eine editorische Notiz eingeführt. Literaturverzeichnis und ein sehr ausführliches Register beschließen den Band.

Die Analysen und Vorschläge der Verfasser decken das Spektrum aller relevanten Bereiche ab, wie sie vom Nationalsozialismus für eigene wie die Zwecke der herrschenden Gruppen nach dem ‚Führerprinzip‘ durchorganisiert wurden: „‚In allen Angelegenheiten der Bewegung, des Volkes und des Reiches hat der Führer die alleinige letzte Entscheidungsgewalt. (…) Ihm kommt nicht nur die gesamte Exekutive in voller Unabhängigkeit zu, sondern auch Gesetzgebungs- und Gerichtsgewalt sind in seine Hand gegeben.‘“ (Huber, 1937, zit. bei Kirchheimer/Herz, S. 597) Wie willfährig dabei die Juristen waren, hebt Kirchheimer hervor: „Von daher gehört die Justiz zu denjenigen, die die Gruppen, die auf dem Boden einer aggressiven nationalsozialistischen Politik gediehen, am stärksten gefördert haben“ (S. 319), und darum gehörten „deutsche Gerichte“, so Kirchheimer in einem anderen Beitrag zur Entnazifizierung, „gründlich gesäubert“. (S. 438) Das galt auch im Hinblick auf Wirtschaftsführer, weil, so Kirchheimer und Herz mit Blick auf strafrechtliche Verantwortung, „die Wirtschaft eine ‚Führungswirtschaft‘ geworden“ war, „an deren Spitze Göring als Bevollmächtigter für den Vierteljahresplan“ stand. (S. 599) Was immer auch die Autoren als Maßnahmen gegenüber Industriellen, Juristen, Professoren und allen anderen vorschlugen, die aktiv das System trugen, letztlich bleibt doch: „Im Grunde kann der Nazismus nur von innen, durch eine politische Bewegung in Deutschland selbst überwunden werden.“ (Marcuse, S. 342) Dass dabei die Potentiale des Weltkommunismus eine Rolle spielen oder ein Einfallstor finden könnten, sieht Marcuse nach pointierter Analyse nicht, weil die Arbeiter im „‚Übergang zum Sozialismus‘ durch raschen technischen Fortschritt (…) auf die traditionellen Gewerkschaftsziele verzichten müssen, die ihnen am meisten am Herzen liegen; sie müssen länger und härter arbeiten, ohne dadurch spürbar in den Genuss eines besseren und freieren Lebens zu kommen.“ (S. 771) Dem stünden die erfolgreichen Anstrengungen des Westens hinsichtlich einer dauerhaften „Besserung der Lage“ gegenüber, wodurch „die Wirkungen der kommunistischen Propaganda nachzulassen beginnen und der Rückhalt, den die Kommunisten außerhalb der Reihen ihrer eigenen Kämpfer gefunden haben, schwindet.“ (S. 777) Und die „ernsthafteste Schwachstelle des Kommunismus“ besteht nach Marcuse darin, „dass die westliche Welt weiterhin eine lebensfähige Gesellschaftsordnung darstellt, hinter der die Ressourcen und die Macht der Vereinigten Staaten stehen.“ (S. 769) Selbst diejenigen, so Neumann, die dazu tendierten, „den Kommunismus als Nachkriegslösung zu akzeptieren, wollen eindeutig keine bolschewistische Gesellschaft, sondern allenfalls eine, in der die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien mit der vollen Wahrnehmung der demokratischen Rechte und Freiheiten kombiniert wird.“ (S. 195) Und im Hinblick auf mögliche „Muster für den deutschen Zusammenbruch“ stellen Neumann, Marcuse und Gilbert lakonisch fest: „Die Möglichkeit einer Revolution (…): Keine wirkliche Möglichkeit.“ (S. 177) Allerdings, so Neumann in Vorausschau von „Alltagsproblemen“: „Man wird mit Demoralisierung und bitterer Armut rechnen müssen.“ (S. 546)

Was Hintergründe und Absichten der Judenverfolgung betraf, waren sich die emigrierten Wissenschaftler im Dienste des amerikanischen Geheimdienstes nicht ganz einig. „Die Juden“, so Neumann, „dienen lediglich als Versuchskaninchen, um eine Unterdrückungsmethode auszuprobieren.“ Der Nationalsozialismus brauche einen Feind, über den die antagonistischen Kräfte innerhalb der Gesellschaft integriert werden könnten. Dieser Feind dürfe nicht zu schwach sein, weil er sonst gegenüber der Bevölkerung als „Hauptgegner“ nicht glaubhaft wäre. Zu stark dürfe er aber auch nicht sein, „weil die Nazis sonst in einen ernsthaften Kampf mit einem mächtigen Feind hineingezogen würden. (…) Es sind die Juden, die die Rolle, weder zu stark noch zu schwach zu sein, in bewunderungswürdiger Weise ausfüllen.“ (S. 70) Gegen dieses scheint´s rationale Kalkül der Nazis hält Marcuse, die Juden verkörperten alles, „was schon von seinem Wesen her dem Nazismus feindlich gegenübersteht. Eine Versöhnung ist deshalb nicht möglich: Judentum und Nazismus können nicht nebeneinander bestehen; überall auf der Welt ist der Krieg zwischen ihnen ein Kampf auf Leben und Tod.“ Allerdings räumt auch er ein, dass die Juden „der schwächste Feind des Nazismus“ waren; „deshalb war der Angriff auf sie am aussichtsreichsten und risikolosesten.“ Und sie waren „der einzige Feind, bei dem die Nazis darauf hoffen konnten, ansonsten divergierende Anhängermassen vereint hinter sich zu bringen.“ Die „Allgegenwart des jüdischen Erzfeindes“ erlaubte es ihnen zudem, „im Ausland potentielle Nazi-Verbündete zu mobilisieren“ und rechtfertigte, „den Kampf um die Macht“ über die Reichsgrenzen hinauszutragen, das „‚jüdisch-bolschewistische Russland‘“ anzugreifen und die „‚jüdisch-plutokratischen Demokratien‘“. (S. 641)

Wo „Muster für den Zusammenbruch“ ins Auge gefasst werden, kommt Marcuse (unter Mitarbeit von Neumann und Meyerhoff) auf Moral in einer totalitären Gesellschaft zu sprechen. Wie der Arbeiter, zieht er eine Parallele, nicht aus dem „Förderbandsystem“, der „Arbeitsgeschwindigkeit“ und überhaupt den Vorgaben durch „technische Vorrichtung“ aussteigen, höchstens kündigen könnte, was in Deutschland nicht möglich sei, so könne generell niemand „aussteigen, wenn er nicht sein Leben oder seine Freiheit zu riskieren bereit ist.“ Wie seine Arbeitsbedingungen „nicht mehr durch die Moral des Arbeiters bestimmt“ werden, ist allenthalben „Moral (…) sozusagen zu einem demokratischen Luxusgut geworden“ (S. 156): „Von daher ist Moral für die Nazis entbehrlich“ (S. 150), meinte Neumann, der in einem anderen Beitrag auch zu bedenken gab, dass der „jungen Generation die Demokratie völlig unbekannt“ sei, „und die ältere erinnert sich wahrscheinlich noch an die Ohnmacht und das Scheitern der Weimarer Republik.“ (S. 216) Entsprechend laute der Tenor von Informationen aus Deutschland: „Das deutsche Volk ist ‚müde‘ und nicht an politischen Aktivitäten interessiert“. (Marcuse, S. 275) Und zusammen mit Neumann und Meyerhoff hatte Marcuse vor allem aus den Berichten von Kriegsgefangenen geschlossen, „dass die Massen in ihrer Mehrheit keine Nazis sind. Aber das bedeutet nicht, dass sie Nazigegner wären“, deren Zahl klein sei und weshalb „die Naziführung vermutlich von den Bevölkerungsmassen wenig zu befürchten“ hätte. „Apathie, Müdigkeit und Misstrauen sind die hervorstechenden Charakterzüge der Massen.“ Dies und „Domestizierung arbeiten mithin der Naziführung direkt in die Hände, die weniger Zwangsmaßnahmen und einen kleinen Terrorapparat braucht, als wenn die Massen politisch aktiv oder sogar wach wären.“ (S. 161)

Von solchen Analysen sind auch die Empfehlungen gegenüber dem OSS gespeist, welche absehbare Fragen (u.a.) um Entnazifizierung und Kriegsverbrecherprozesse, regulierende Eingriffe in Politik und Ökonomie und insgesamt das Problem eines neuen Deutschland in einem neuen Europa zum Thema haben. Nach Niederschlagung des Nationalsozialismus könnte insbesondere die „überzeugte nationalistische Jugend“ auf die „enorme innere und äußere Stärke der UdSSR verweisen“ und versuchen, „sich mit der deutschen Arbeiterklasse zu verbünden“, und zwar in der Hoffnung, „dass Deutschland mit Russlands Unterstützung wieder in den Rang einer Großmacht aufsteigen würde“. Insoweit wären solche Gruppierungen dann bestrebt, „eine Versöhnung von Nationalismus und Kommunismus herbeizuführen und ihre Politik auf ein Einvernehmen mit Russland hin auszurichten“, gibt Neumann zu bedenken. (S. 212) Im Hinblick auf „geringstmögliche Bedrohung“ empfiehlt er eine „dauerhafte Übereinkunft zwischen den drei Mächten“, wobei der „Wiederaufbau einer deutschen Gesellschaft“ so ausgerichtet sein müsse, dass diese „Gesellschaft notwendigerweise Bestandteile sowohl der angloamerikanischen als auch der sowjetischen Gesellschaftsstruktur und -praktiken aufweisen. Nach dieser Konzeption wäre das künftige Deutschland eine Demokratie mit konkurrierenden politischen Parteien, bürgerlichen Freiheiten und geschützten Kleineigentümern; gleichzeitig hätte es sozialistische Züge wie etwa die Verstaatlichung von Schlüsselindustrien, Banken, Versicherungseinrichtungen und die Entflechtung des Großgrundbesitzes.“ (S. 531 f.) Und eine verfassunggebende Versammlung müsse „die Freiheit haben, über Enteignungs- und Vergesellschaftungsmaßnahmen zu verfügen und für weitreichende Gesetze zur Beseitigung des Aggressionspotentials in der deutschen Gesellschaft zu sorgen.“ (S. 558)

„Die Ursachen der deutschen Aggressionsbereitschaft“, so Neumann im Hinblick auf den „Umgang mit Deutschland“, „müssen von den Siegermächten und vom deutschen Volk beseitigt werden“ (S. 563), wobei vorab zu berücksichtigen war, dass die Deutschen fürchteten (was von der Nazi-Propaganda ausgenutzt worden war), „zu einem ‚Spießgesellen‘ der vom Regime begangenen Verbrechen“ gemacht zu werden. Diese Ängste müssten durch die Versicherung zerstreut werden, so Kirchheimer und Herz, „dass Kriegsverbrechen auf der Grundlage von Gesetzen und eher nach dem Prinzip der individuellen und nicht nach dem Prinzip der kollektiven Verantwortung geahndet werden“. Zustimmend zitieren sie Roosevelt: „Wir haben die Absicht, die Rädelsführer des organisierten Mordes an Tausenden von Unschuldigen und das Begehen von Greueltaten gerecht und ausnahmslos zu bestrafen, bei denen alle Grundsätze des christlichen Glaubens mit Füßen getreten worden sind.“ (zit. S. 582 f.) Dass sich so mancher dahinter verschanzen würde, „auf dienstlich bindenden Befehl gehandelt“ zu haben, sah Neumann voraus. Wie mit Mitgliedern etwa von Erschießungskommandos umzugehen sei, die im Falle der Befehlsverweigerung ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt hätten, stellte sich als Frage. Da solche Rechtfertigung auch „für Mitglieder von Parteiverbänden wie der SS gilt, sollte bei der politischen Grundsatzerklärung berücksichtigt werden, ob die betreffende Person der Organisation freiwillig beigetreten ist oder nicht.“ Sollte ersteres der Fall sein, müsse diese Person „ihren Teil der Verantwortung tragen“. (S. 588) Damit waren nicht nur Fragen um Recht und Gesetz aufgeworfen, sondern auch das Problem von Gerechtigkeit berührt. Für Kirchheimer und Herz war es unzweifelhaft, dass das ‚Nazi-Gesetz‘ „in Wahrheit die Abwesenheit jeder rechtlichen Grenze“ war und ihre Handlungen im Gegensatz zu dem gestanden hätten, „was die überwiegende Mehrheit der Völker und Nationen für die Grundregeln von Recht und Moral halten. Diese Grundregeln auf die Naziführer anzuwenden, bedeutet deshalb nicht Rechtlosigkeit, sondern ein Eintreten für Gerechtigkeit.“ (S. 606) Zu dieser Rechtfertigung strafrechtlicher Verantwortung nach Zusammenbruch des Naziregimes wird zu „Recht und Moral“ angemerkt: „In vielen Fällen sogar tatsächlich im Widerspruch zu Normen, die die Nazis selbst zeitweise als rechtlich bindend anerkannt haben, wie zum Beispiel die Haager Landkriegsordnung oder die Genfer Konventionen.“ (ebd., Anm. 34) Was Wunder: schließlich war Moral „für die Nazis entbehrlich.“ (s.o.)

Diskussion

Wie Moral „entbehrlich“ war, so waren Fragen nach Gerechtigkeit allein schon durch das ‚Führerprinzip‘ höchst überflüssig, war doch „der NS-Theorie zufolge“ der Führer als eben auch ‚moralisch‘ höchste Instanz „einzig seinem ‚Gewissen‘ und dem ‚Urteil der Geschichte‘ verantwortlich.“ (Kirchheimer/Herz, S. 597) Damit konnte nicht nur, sondern musste ‚Gewissensnot‘, musste ‚Gerechtigkeitsgefühl‘ abgeschattet werden. Das hat die für den Geheimdienst arbeitenden Emigranten aus der Reihe der Kritischen Theoretiker allerdings im Hinblick auf Ahndung von schuldhaftem Verhalten implizit und gerade im Hinblick auf Befehlsnotstand beschäftigt, bis auf eben diese eingesprengte Formulierung zum „Eintreten für Gerechtigkeit“ bei Kirchheimer und Herz (insofern hat ‚Gerechtigkeit‘ auch keinen Eintrag im Register). Herz, der 1931 bei Kelsen, der 1940 in die USA emigriert war, promoviert hatte, dürfte mit Problemen der ‚Gerechtigkeit‘ über den rechtstheoretischen Horizont seines Doktorvaters vertraut gewesen sein, zumal dessen völkerrechtlichen Überlegungen zur bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht von Bedeutung waren. Zwar datiert Kelsens Schrift „Was ist Gerechtigkeit“ im Erstdruck von 1953, doch formuliert er hier, was tragend auch für seine völkerrechtlichen Handreichungen war: „Die Frage der Gerechtigkeit aber ist in letzter Linie die Frage: ob eine Rechtsordnung in ihrer Anwendung des Vergeltungsprinzips gerecht ist, d.h. aber, ob der Tatbestand, gegen den das Recht als gegen ein Unrecht mit dem Übel der Unrechtsfolge reagiert, wirklich ein Übel für die Gesellschaft ist, und ob das Übel, das das Recht als Unrechtsfolge statuiert, als entsprechend angesehen werden darf. Das ist die eigentliche Frage, die Frage nach der Gerechtigkeit des Rechts. Und auf diese Frage ist das Vergeltungsprinzip keine Antwort.“ Von dieser rechtstheoretischen Überlegung ist getragen, was Neumann, insbesondere allerdings Kirchheimer und Herz im Hinblick auf eine eben auch rechtliche Neuordnung Deutschlands und im „Vorfeld von Nürnberg“ einbrachten. Dass sie sich nicht näher auf eine sozialphilosophische, kritisch theoretische Erörterung des Begriffs ‚Gerechtigkeit‘ einließen, wird zum einen den eher pragmatischen Erwartungen ihrer Auftraggeber geschuldet gewesen sein, „ihre Arbeit der strategischen Vorbereitung der Nachkriegssituation zu widmen“ (Honneth, S. 16 f.), und möglicherweise als quantité négligeable da erschienen sein, wo sie, wie der Verfasser der Einleitung (nicht klar ersichtlich Laudani) betont, ihre Theorie politisch praktisch umsetzen konnten (s.o.). Hinzu kommt, dass Kelsen selbst bekundet hatte, er wisse nicht und könne auch nicht sagen, „was Gerechtigkeit ist, die absolute Gerechtigkeit, dieser schöne Traum der Menschheit“, er sich mit einer „relativen Gerechtigkeit“ begnügen müsse und nur sagen könne, „was Gerechtigkeit für mich ist“, wobei er auf die „Gerechtigkeit der Freiheit, die Gerechtigkeit des Friedens, die Gerechtigkeit der Demokratie, die Gerechtigkeit der Toleranz“ abhob. Man könnte sich mit Derrida damit begnügen: „Die Gerechtigkeit ist eine Erfahrung des Unmöglichen“ oder sich mit Rawls eines „als politische Konzeption verstandenen Gedankens der Gerechtigkeit als Fairneß“ vergewissern, womit das hier scheint´s marginale Problem aufgeworfen ist, wie sich ein kritisch theoretisches Verständnis von Gerechtigkeit in eine konstruktive Theorie sozialen und politischen Handelns übersetzen lässt; ein theoretisch belangvoller Aspekt, dessen Diskussion den Wert der politisch scharfsinnigen praktischen Vorschläge der Verfasser nicht schmälert, der sich aber gleichwohl besonders da aufdrängt, wo man sich parallel auf die Arbeiten von Adorno und Horkheimer besinnt. Honneth berührt diese Frage in seinem Vorwort:

Angesicht der detaillierten Analysen und weithin pragmatisch erscheinenden Anregungen der Verfasser möchte man trotz vieler zu erschließenden Rückbezüge über lange Passagen von einer Spurensuche nach Gehalten der Kritischen Theorie reden, wenngleich sie zumal im Hinblick auf den (Monopol-)Kapitalismus, den Sozialismus und nicht zuletzt die Judenverfolgung deutlich aufscheinen. Auch ist unübersehbar, dass man daran festhielt, es bedürfe „zur Vorbereitung weiterer Schritte der Redemokratisierung zunächst einer Entmachtung der monopolistischen Eliten und im Gleichklang damit einer Wiedererstarkung der Arbeiterorganisationen“. (Honneth, S. 18) Klar wird auch, dass Marcuse, „der im Triumvirat als der eigentlich spekulative Kopf galt, stark darum bemüht war, der manipulativen Rolle der kulturindustriellen Medien mehr an herrschaftssichernden Funktionen einzuräumen, als es Neumann in seiner Studie getan hatte.“ (ebd., S. 16) Allerdings schien Neumann in „deutlichem Unterschied zu der pessimistischen Geschichtsbetrachtung, die zur selben Zeit um Horkheimer und Adorno im Zentrum des Instituts vorherrschte, (…) weiterhin von der Unempfindlichkeit großer Teile der deutschen Bevölkerung gegenüber der nationalsozialistischen Propaganda überzeugt; es bedurfte aus seiner Sicht nur der alliierten Unterstützung bei der Wiederaufrichtung der zuvor gewaltsam ausgeschalteten Arbeiterorganisationen, um in einer gemeinsamen Kraftanstrengung das Übel des monopolistisch organisierten Wirtschaftssystems überwinden zu können“. (ebd., S. 14)

Eine kurze Reminiszenz an Kritische Theorie nach Horkheimer und Adorno mag das Wort von der „pessimistischen Geschichtsbetrachtung“ relativieren. Nach Adornos Ideologiekritik bemisst sich die Realität der bürgerlichen Gesellschaft an ihren nicht realisierten Idealen (wie Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit) und dies mit ggf. realen emanzipativen Auswirkungen. So bemerken Horkheimer und Adorno im „Begriff der Aufklärung“ und in der „Vorrede“ zur „Dialektik der Aufklärung“ im Anschluss an eine Frage von Bacon, ob es nicht ein Grundsatz auch der Gerechtigkeit sei, „wenn Du Ungleiches zu Gleichem addierst kommt Ungleiches heraus“ (Bacon): „Die bürgerliche Gesellschaft ist beherrscht vom Äquivalent. Sie macht Ungleichnamiges komparabel, indem sie es auf abstrakte Größen reduziert.“ Und sie halten gegen die „eisernen Faschisten“ und die ‚naiven‘ „anpassungsfähigen Experten der Humanität“: „die rastlose Selbstzerstörung der Aufklärung zwingt das Denken dazu, sich auch die letzte Arglosigkeit gegenüber den Gewohnheiten und Richtungen des Zeitgeistes zu verbieten. Wenn die Öffentlichkeit einen Zustand erreicht hat, und dem unentrinnbar der Gedanke zur Ware und die Sprache zu deren Anpreisung wird, so muß der Versuch, solcher Depravation auf die Spur zu kommen, den geltenden sprachlichen und gedanklichen Anforderungen Gefolgschaft versagen, ehe deren welthistorische Konsequenzen ihn vollends vereiteln.“ Und darum bemerken diese beiden Vertreter der Kritischen Theorie 1969 gleich eingangs in „Zur Neuausgabe“: „Kritisches Denken, das auch vor dem Fortschritt nicht innehält, verlangt heute Parteinahme für die Residuen der Freiheit, für Tendenzen zur realen Humanität, selbst wenn sie angesichts des großen historischen Zuges ohnmächtig scheinen.“ Eine als pessimistisch unterstellte ‚Geschichtsbetrachtung‘, eher theoretische Analyse und Erklärung als ‚Betrachtung‘, ist durchaus über ‚Parteilichkeit‘ für emanzipative ‚Residuen‘ und in ihrer Folge für emanzipatorische politische Praxis als theoretische Vergewisserung – und ggf. als Korrektiv – von Belang. Darum ist daran festzuhalten, so Adorno in seinen „Marginalien zu Theorie und Praxis“, dass „Praxis (…) als fragwürdig wegen ihrer Spannung zur Reflexion“ problematisiert werden kann und zudem, dass gegen „praktische Verwertbarkeit“ als „Kriterium von Erkenntnis“, den „praktische(n) Nutzeffekt der Erkenntnis“, zu halten ist: „Wird aber am Ende Theorie, der es ums Ganze geht, wenn sie nicht vergeblich sein soll, auf ihren Nutzeffekt jetzt und hier festgenagelt, so widerfährt ihr dasselbe, trotz des Glaubens, sie entrinne der Systemimmanenz. Dieser entwände Theorie sich allein, wo sie die gleichviel wie modifizierte pragmatische Fessel abstreifte.“ Politisch praktische Abstinenz ist nicht die Botschaft; die Aufgabe von kritischer Theorie wird konturiert, sie nimmt Partei „für die Residuen der Freiheit, für Tendenzen zur realen Humanität“ und bietet darin Emanzipationsbewegungen eine Orientierung für kritische Selbstreflexion, ohne Handlungsempfehlungen für Praxis im Beipackzettel mitzuliefern. Ernst zu nehmen ist, was Adorno der 68er Studentenbewegung vorhielt, nämlich „eine Ungeduld gegenüber der Theorie“. Was er in „Soziologie und empirische Forschung“ hervorhebt, pointiert die Problematik solcher „Ungeduld“, was generell gilt und gegenwärtig prekär evident ist: „Nicht nur die Theorie, sondern ebenso deren Absenz wird zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift.“

Ein problematisches Verhältnis von Theorie und Praxis wird kaum über eine „zureichende Vorstellung von Adorno“ geglättet, „wenn man in ihm auch den um die Demokratisierung Westdeutschlands bemühten Intellektuellen wahrzunehmen bereit ist“. (Honneth, S. 9) Viel mehr aber gelte für die am Institut für Sozialforschung tätigen Juristen und politischen Wissenschaftler, „dass sie kontinuierlich am Kampf der Arbeiterbewegung um Verbesserung der Lebensbedingungen des Proletariats beteiligt waren“. Mit ihnen sei das „Bild dieser anderen, politisch aktiven Seite der Frankfurter Schule (…) zu gewinnen“, von dem die im Band versammelten Berichte Zeugnis ablegten und eben dieses Bild vervollständigten. (ebd.) Das ist überzeugend, aber nicht mit einer unterschwellig dagegen gehaltenen Praxisabstinenz von Horkheimer und Adorno zu kontrastieren, deren theoretische Überlegungen eher erhellen, warum jene andere Gruppe der Frankfurter Schule ihre Ziele mit ihrer ‚Praxis‘ der Intervention mittels ihrer Berichte nicht erreichen konnten – so nach eigenem Bekunden.

Zwar übernahmen die Militärregierungsbehörden mehrfach Empfehlungen der Mitteleuropa-Sektion, gleichwohl „nahmen Neumann und seine Gruppe ihren Beitrag zum demokratischen Wiederaufbau Deutschlands als Fehlschlag wahr.“ (Laudani, S. 57) Maßgeblich ging es den Behörden um die Verhinderung einer sozialen Revolution und einer neuen Form des deutschen Imperialismus. Eine „Revolution mit legalen Mitteln“, wie sie die Frankfurter Gruppe über ihre Beiträge zu lancieren gedachte, wurde durch diese amerikanische Politik hinfällig, weil „die progressive politische Energie verlorenging“, die aus dem antifaschistischen Kampf der Arbeiterklasse hätte folgen können. Sie wurde „auf jenen ‚sozialdemokratischen Kompromiss‘ abgemildert (…), aus dem sich die von Marcuse später in den 1960er Jahren kritisierte ‚komfortable, reibungslose, vernünftige, demokratische Unfreiheit‘ speiste“, wie es in der differenzierten Einschätzung des Herausgebers vermerkt wird. In seinem Bericht zu Gewerkschaften und Betriebsräten in Deutschland aus dem Mai 1946 nimmt Marcuse an diesem Gegenstand den Tenor seiner Kritik vorweg: Die „meisten Gewerkschaften“ seien „nach wie vor eher sozialdemokratisch, was de facto heißt: Sie akzeptieren die bestehende Gesellschaftsform, die gewerkschaftliche Betätigung konzentriert sich auf die Vertretung der Arbeiterinteressen im Rahmen dieser Gesellschaft, und von daher wird an der Strategie der Klassenkollaboration anstelle des Klassenkampfes weiterhin festgehalten.“ Und er sieht die politische Verzahnung einer solchen Gewerkschaftsbewegung mit einer Verwaltung voraus, „die die Integration der Arbeiterklasse in ein demokratisch-kapitalistisches System anstrebt. Daher wäre die Situation der Gewerkschaften ähnlich wie während der Weimarer Republik.“ (S. 751)

Wie recht er behalten sollte, davon künden zahlreiche Publikationen der westdeutschen Linken zur Gewerkschaftskritik aus den 1970er Jahren. Wie es um die Entnazifizierung bestellt war und um die Mentalität der Deutschen, darüber sind Hinweise einem Brief von Horkheimer an seine Frau vom 13. Juni 1948 zu entnehmen. Über die politische Lage an den Universitäten ließe sich nur spotten: „Die alten erzreaktionären Professoren beherrschen die Verhältnisse. Man hat sie – ihrer alldeutschen und prohitlerischen Gesinnung sicher – nicht gezwungen in die Partei einzutreten oder zumindest ihnen das Hervortreten erspart. Der junge liberale und anständige Privatdozent aber stand vor der Wahl, entweder jeder Schikane sich auszusetzen oder wenigstens pro forma in irgend einen N.S. Verein einzutreten. Da nun ein solcher Mann, nach einer sogenannten Entnazifizierung, um wieder lesen zu dürfen, erst von der Universität wieder angefordert werden muß, lehnen ihn dann die reaktionären Herren aus Rache gegen seine anständigere Gesinnung mit der Begründung ab, er sei eben doch ein P.G. gewesen. Unter dem Titel Nazi werden also auf den Universitäten vornehmlich deren Gegner verfolgt!“ – Ein Muster, das nicht nur im universitären Betrieb zu finden war. Das hatte die Frankfurter Gruppe als ‚politisch aktive Seite‘ der Frankfurter Schule sicher nicht mit Entnazifizierung gemeint und sicher auch eine ganz andere Mentalität und einen Meinungswandel angezielt, als ihn Horkheimer ein paar Zeilen später beschreibt: „Das Schlimmste an der gegenwärtig hier herrschenden Geistigkeit ist nicht etwa der Antisemitismus, der natürlich in Blüte steht, sondern der Mangel an Veränderung. Die früheren Denkweise sind alle noch da – versteinert, mumienhaft. Was die Menschen selbst betrifft, so sind sie – fast ohne Ausnahme – gleichsam unberührt von dem was geschah. ‚Das Leben geht weiter.‘“ Und in einem Brief an Popper vom 20. Juni 1948 bemerkt er lakonisch: „Im Ganzen tritt hier das die Welt beherrschende Gesetz vom Erfolg der Tüchtigen besonders deutlich hervor.“ Und in annähernder Übereinstimmungen mit Einschätzungen in Berichten der für das OSS tätigen Kollegen hält er trotz des immer noch in Blüte stehenden Antisemitismus fest: „Auch daß einem in Deutschland der Antisemitismus deutlich offen entgegentrete, ist eine Täuschung. Ich glaube, es ist selbst heute noch so, daß er nach Belieben an- und abgedreht werden kann, er ist keine Herzenssache mehr. On apprend vite!“

Solche wie hier Seitenblicke oder Randbemerkungen desavouieren nicht das Bestreben von Neumann, Marcuse und Kirchheimer, mittels ihrer Berichte politisch-praktisch wirksam zu werden und dies fußend auf kritischer Theorie, „einem der wenigen Versuche, die Kritische Theorie der Frankfurter Schule zu einem praktischen Werkzeug im Kampf gegen den Faschismus zu machen“. (Laudani, S. 37) Als praktisches Werkzeug hatte der Versuch nicht dazu geführt, den Nazismus „von innen, durch eine politische Bewegung in Deutschland selbst“, zu überwinden. (Marcuse, s.o.) Die Aktivitäten der Gruppe um Neumann fielen in die Zeit, in der Horkheimer und Adorno im kalifornischen Exil ihre „Dialektik der Aufklärung“ schrieben. Die Berichte und Analysen der anderen Vertreter der Kritischen Theorie haben nicht nichts bewirkt, aber ihre eigentlich Absicht konnte einer Zurichtung auf „Systemimmanenz“, um Adornos Wort zu bemühen (s.o.), nicht entrinnen – entlang Horkheimers und Adornos theoretischen Überlegungen (aus heutiger Sicht) nicht verwunderlich, gleichwohl kein Grund, sich nicht mit einer menschenverachtenden Gegenwart zu konfrontieren: gestern wie heute. Dabei wird man sich an Horkheimers hinlänglich bekannte und immer noch gültige Mahnung gegenüber seinen Mitemigranten erinnern: „Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Faschismus schweigen.“

Fazit

Cohn-Bendit, damals noch einer der Protagonisten der französischen Studentenbewegung, unterbrach 1968 Herbert Marcuse bei einem Vortrag und forderte wiederholt von ihm ein Bekenntnis zu seiner skandalösen Vergangenheit als CIA-Agent (die es damals als CIA noch nicht gab). Nicht erst im Nachhinein ist ein solches Verlangen und eine solche Selbstinszenierung peinlich bis albern (ob jemand aus den Reihen der jüngeren Linken ihn ebenso inquisitorisch danach gefragt hat, ob er mit den Grünen kollaboriert hat und von 1994 bis 2014 sogar als deren Mitglied Abgeordneter im Europaparlament war, entzieht sich der Kenntnis). Endgültig ausgehebelt wird solche Sottise durch die Lektüre dieses dickleibigen Bandes, der einmal mehr die Diskussion um Positionen innerhalb der Kritischen Theorie provoziert, zudem durch seine differenzierten und sehr genauen Analysen des Nazideutschland vertiefte Einblicke in jene Zeit gibt, deren Nachwehen spürbar sind. Besondere Aufmerksamkeit wird man dem Vorwort von Axel Honneth schenken und dank der ebenso informativen wie kritischen Einleitung wird das Verständnis der Berichte in ihren Zusammenhängen und hinsichtlich ihrer Hintergründe erleichtert. Insofern ist dieser Band nicht nur von akademischem Interesse, wiewohl er für kritische Soziologen, auch Philosophen wie ebenso Historiker unverzichtbar sein dürfte. Wer nach Möglichkeiten emanzipatorischer Praxis sucht und zugleich wissen will, wie wir wurden, was wir sind, wer aus der Geschichte lernen will und deren Ballast im Hier und Heute zu überwinden trachtet, wer Theorie und vor allem Kritische Theorie dabei nicht als blutleer abtut, für den wird die Lektüre ein Gewinn sein.


Rezensent
Arnold Schmieder
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Zitiervorschlag
Arnold Schmieder. Rezension vom 18.04.2016 zu: Franz L. Neumann, Herbert Marcuse, Otto Kirchheimer: Im Kampf gegen Nazideutschland. Berichte für den amerikanischen Geheimdienst 1943-1949. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-593-50345-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20528.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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