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Martina Böhmer, Karin Griese (Hrsg.): Ich fühle mich zum ersten Mal lebendig

Cover Martina Böhmer, Karin Griese (Hrsg.): Ich fühle mich zum ersten Mal lebendig. Traumasensible Unterstützung für alte Frauen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. 200 Seiten. ISBN 978-3-86321-298-8. D: 24,95 EUR, A: 25,70 EUR, CH: 31,60 sFr.
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Das Buch ist ein Sammelband von erprobten Praxiskonzepten in der traumasensiblen Pflege, Beratung, Psychotherapie, Ergotherapie und anderen Bereichen der Begleitung von älteren und alten Frauen mit traumatischen Erfahrungen.

Herausgeberinnen

  • Paula e.V. http://paula-ev-köln.de ist eine Beratungsstelle für Frauen ab 60 Jahren in Köln, die Traumata erfahren oder andere belastende Lebenserfahrungen gemacht haben.
  • Martina Böhmer ist Referentin und Beraterin in der Altenhilfe und Expertin für geriatrische Psychotraumatologie. Sie ist Geschäftsführerin von Paula e.V.
  • Karin Giese ist Soziologin und Traumaberaterin, leitet den Fachbereich Traumaarbeit bei medica mondiale e.V. und ist Mitbegründerin von Paula e.V.

Aufbau und Inhalt

I Einleitung: Traumasensible Unterstützung für alte Frauen (Martina Böhmer, Karin Giese) – Ein erster Überblick.

II Herausforderungen durch Langzeitfolgen von Gewalt und Traumatisierung

Projektergebnisse – Entwicklung von Pflegeanleitung und -dokumentation, Schulungskonzept sowie einem Gütesiegel zur traumasensiblen Pflege alter Frauen (Martina Böhmer) – Grundzüge der Entstehung der Pflegeanleitung, orientiert an den AEDLs, mit Beispielen, wie dies im Pflegealltag umzusetzen ist, außerdem Einblick in Schulungsmodule (mit Schwerpunkt Haltungsänderung).

Unsichtbare Wunden? Die Pflege und Versorgung von ZeitzeugInnen des Zweiten Weltkriegs (Inka Wilhelm) – Theoretische Hintergründe von Traumatisierungen im 2. Weltkrieg und den Spätfolgen von Kriegstraumatisierungen, Zusammenhänge zur Diagnose Demenz und Handlungsempfehlungen für die pflegerische Praxis, in einer potentiell retraumatisierenden Situation sowie allgemein zur Vermeidung von Trauma-Reaktivierungen; mit Fallbeispiel.

Transgenerationale Folgen von mütterlicher Traumatisierung. Auswirkungen auf das Beziehungsgeflecht zwischen Müttern (Vätern) und Töchtern sowie auf das Pflegeumfeld (Maria Zemp) – Sehr ausführliche Fallgeschichte einer durch die Geburt eines behinderten Kindes und der sozialen Folgen traumatisierten Frau in einem Dorf in der Schweiz. Beschrieben wird die Situation der Mutter bis hin zu ihrer demenziellen Erkrankung und dem Tod ebenso wie die ihrer vier Töchter, mit allen Verflechtungen auch durch die Traumatisierungen in beiden Generationen.

Frauenspezifische ambulante gerontopsychiatrische Dienste für Frauen aus unterschiedlichen Kulturen aufbauen – trotz Defiziten in den Hilfesystemen (Polina Hilsenbeck, Eva Gebhardt) – Beispielhafte Beschreibung der institutionellen wie personellen Herausforderungen in der gerontopsychiatrischen interkulturellen Arbeit, sowie Einblick in den psychosozialen Gesundheitszustand älterer Frauen (mit Praxisbeispiel).

III Psychosoziale Beratung und Psychotherapie

Ein Modell für die Behandlung kriegstraumatisierter alter Menschen (Luise Reddemann) – Einführung in die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) mit den Aspekten des Tröstens und der Nachbeelterung, ausführliches klinisches Beispiel einer Psychotherapie eines „Kriegskindes“.

Mit gezielten Traumatherapiegesprächen Entlastung schaffen – Lebensrückblick und traumatherapeutische Ansätze (Lydia Handke) – Kurzer Einblick in die Arbeit einer Psychotherapeutin u.a. in Senioreneinrichtungen.

Psychologische Begleitung traumatisierter alter Frauen mit der Diagnose Demenz (Brigitte Merkwitz) – Praxisbeispiele zur Begleitung von Frauen mit Demenz und Traumata mit der Psychodynamisch Imanginativen Traumatherapie, wobei sich auf die Phase der Stabilisierung beschränkt wird, mit Begründung der spezifischen Herangehensweise bei der Begleitung von Frauen mit Demenz.

Gewalt und Trauma im Leben heute alter Frauen – Vorstellung der Kölner Beratungsstelle Paula e.V. (Martina Böhmer) – Überblick über das Thema auch hinsichtlich der Situation von Migrantinnen und Arbeitsweise der Beratungsstelle, u.a. Inhalte, Beratungsdauer. Fallbeispiele, Überblick über die Besonderheiten in der Beratung älterer Frauen.

Ältere Frauen sind wenig damit vertraut, eine Beratung in Anspruch zu nehmen – Erfahrungen der Opferhilfe Sachsen e.V. (Anett Große, Silvia Mader) – Überblick über die Schwerpunkte und Prinzipien der Beratungstätigkeit, Arbeitsweisen, u.a. bei der Vorbereitung auf Zeugenaussagen im Gerichtssaal.

IV Biografiearbeit, Schreiben, Erzählen

Traumasensible Biografiearbeit als Suizidprävention im Alter (Ingrid Reich, Frauennotruf München) – Kurzer Bericht über eine wöchentliche traumasensible Biografie-Frühstücksgruppe, die der Frauennotruf München für Frauen ab 60 Jahren geschaffen hat.

„Dass es dafür Worte gibt …“ – Geschützte Gesprächsräume und biografisches Schreiben für (Nach-)Kriegstöchter (Kathleen Battke) – Kurzer Abriss verschiedener Aspekte der Biografie, Bedeutung des empathischen Zuhörens und Einblick in ein Modell für biografisches Schreiben für die Zielgruppe der weiblichen Kriegskinder.

„Wir sind keine Zeitzeugen, wir waren mittendrin …“ – Beistand für ältere Menschen mit belastenden Lebensereignissen durch Erzähl- und Begegnungscafés mit NS-Verfolgten (Sonja Schlegel) – Überblick über den Aufbau und die Herausforderungen der Erzählcafés, der auch die Gefahr beschreibt, innerhalb der Gespräche Traumareaktivierungen auszulösen.

V Ergotherapie und Yoga

THEAmobil – ein ergotherapeutisches Projekt für ältere Frauen vom FrauenTherapieZentrum München (Karoline Meyer, Polina Hilsenbeck) – Projektskizze und Fallbeispiel über die ergotherapeutische Begleitung einer Arbeitsmigrantin mit vielfachen Einschränkungen.

Traumasensible Stabilisierung und Harmonisierung durch Kundalini Yoga (Astrid Ewers) – Überblick über die Wirkung von Kundalini Yoga bei einer Posttraumatischen Belastungsstörung, aber auch bei Demenz. Methoden, Setting, Fallbeispiel.

Diskussion

Dieser Sammelband stellt sehr unterschiedliche Ansätze zu einer traumasensiblen, wertschätzenden, stärkenden Begleitung von älteren und alten Frauen vor, die zumeist auf kleinen Projekten und viel Engagement Einzelner basieren.

Nach einer theoretischen Einführung gibt der folgende Abschnitt des Buches sowohl praxisorientiert als auch theoretisch fundierte Einblicke in die Pflege (kriegs-)traumatisierter Frauen, z.T. mit Pflegeanleitungen. Daneben zeigen sehr ausführliche Fallgeschichten aus der Pflege alter traumatisierter Frauen die konkreten Herausforderungen, wobei zum Teil Traumata des 2. Weltkriegs, aber auch Traumata aus anderen Situationen, wie z.B. durch Stigmatisierung infolge der Geburt eines behinderten Kindes im Mittelpunkt stehen.

Im dritten Abschnitt zeigen verschiedene Beratungsstellen und Ansätze der Traumatherapie, welche Möglichkeiten der Unterstützung es in diesem Bereich gibt. Hier steht mehrfach der Ansatz der Psychodynamisch Imaginativen Traumatherapie (PITT) im Fokus, aber auch andere Methoden der Begleitung, die gemeinsam durch viele Fallgeschichten sowohl berührende wie auch zugleich ermutigende Beispiele dafür geben, wie eine traumasensible Begleitung von zum Teil hochalten Frauen und auch von Frauen mit Demenz aussehen kann.

Die letzten beiden Abschnitte zeigen sehr anschaulich mehrere Projekte und Ansätze, wie traumatisierte Frauen mit biografischen Methoden wie Zuhören, Erzählen, Schreiben, mit Ergotherapie und mit Yoga bei der Bewältigung ihrer Erfahrung und bei der Stabilisierung ihrer Lebenssituation begleitet werden können. Neben den in Deutschland immer mehr in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückten kriegstraumatisierten Frauen und Kriegskindern werden hier auch Projekte für traumatisierte Frauen aus anderen Kulturen, wie z.B. Arbeitsmigrantinnen vorgestellt.

Insgesamt ein sehr umfangreiches Buch mit sehr vielen sehr unterschiedlichen Projekten und Methoden, das sowohl theoretischen Hintergrund über (Kriegs-)Traumata wie auch Posttraumatische Belastungsstörungen vermittelt als auch Orientierung und Anregungen zu den Möglichkeiten der Begleitung bietet.

Fazit

Ein breit gefächerter Überblick, praxisorientiert wie theoretisch fundiert, über sehr unterschiedliche Methoden und Arbeitsweisen in der Begleitung von traumatisierten älteren und alten Frauen, von der Opferhilfe über die Begleitung von Frauen mit Demenz wie auch Migrantinnen bis zu Kriegskindern.


Rezensentin
Dipl.-Pädagogin Bettina Wichers
Gerontologin (M.Sc.), Dipl.-Pädagogin & Coach
CommuniCare. Kommunikation im Gesundheitswesen, Göttingen
Homepage www.xing.com/profile/Bettina_Wichers
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Zitiervorschlag
Bettina Wichers. Rezension vom 02.09.2016 zu: Martina Böhmer, Karin Griese (Hrsg.): Ich fühle mich zum ersten Mal lebendig. Traumasensible Unterstützung für alte Frauen. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2015. ISBN 978-3-86321-298-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20529.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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