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Gabriele Goettle: Experten

Rezensiert von Gerd Schneider, 23.11.2004

Cover Gabriele Goettle: Experten ISBN 978-3-8218-4546-3

Gabriele Goettle: Experten. Eichborn (Frankfurt) 2004. 433 Seiten. ISBN 978-3-8218-4546-3. D: 28,50 EUR, A: 29,30 EUR, CH: 56,00 sFr.
Reihe: Die andere Bibliothek, Band 236. Limitierte & numerierte Erstausgabe. Mit Fotografien von Elisabeth Kmölniger.

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Autorin

Gabriele Goettle, 1946 in Aschaffenburg geboren, lebt in Berlin und arbeitet vor allem für die taz, in der ihre Reportagen seit vielen Jahren regelmäßig erscheinen. In der ANDEREN BIBLIOTHEK erschien ihre Deutschlandtrilogie ("Deutsche Sitten", 1991, "Deutsche Bräuche", 1994 und "Deutsche Spuren" 1997), die weithin bekannt wurde. Jahre war Goettle in einem alten VW-Bus zusammen mit der Fotografin Elisabeth Kmölniger unterwegs zu ungewöhnlichen Menschen und abgelegenen Orten. Sie besuchte Altenheime, stillgelegte Fabriken, Altersheime, Arbeits- und Sozialämter, Wärmestuben und Suppenküchen, um nur einige der zahlreichen Schauplätze ihre Beschreibungen zu nennen. In ihren Band "Die Ärmsten! Wahre Geschichten aus dem arbeitslosen Leben" (Eichborn 2000) beobachtete sie insbesondere das Leben derjenigen, die hierzulande am Existenzminimum leben.

Inhalt

Die Neugierde der Gabriele Goettle auf Menschen und auf das, was ihre Welt ausmacht, hat sich in diesem Band den so genannten Fachmann ins Visier genommen. Und zwar den echten Experten auf einem bestimmten Gebiet, nicht diese oft selbst ernannten, die nahezu täglich in den Medien ihren Wortschwall zu aktuellen Ereignissen von sich geben, ermuntert meist durch läppische Fragen von Moderatoren und umrahmt von endlosem eitlem Talkshow-Geschwätz der Mit-Diskanten aus Politik, Kultur, Medien- und Show-Welt. Im Buch "Experten" handelt es sich um die eher stillen Stars ihrer Fachgebiete, von denen die Öffentlichkeit wenig weiß. Schon die Aufzählung der in diesem Band versammelten Männer und Frauen mit speziellem Fachwissen zeigt an, wie ungewöhnlich die Mischung ist. Vorgestellt werden

  • ein Taxidermist (Tierpräparator),
  • ein theoretischer Physiker,
  • eine Prostituierte,
  • ein Ethnopsychoanalytiker,
  • ein Experimentalphysiker,
  • eine Hebamme,
  • eine Veterinärin,
  • ein orthopädischer Schuhmacher,
  • ein Kriminalbiologe,
  • ein Werkzeugmacher,
  • ein Mathematiker,
  • ein Rohrpostmeister,
  • eine Humangenetikerin,
  • ein Computerwissenschaftler,
  • ein Blindenlehrer,
  • ein Kulturkritiker,
  • eine Hochseilartistin,
  • ein Hirnforscher,
  • ein Wasserwerksdirektor,
  • ein Biowaffenexperte,
  • ein Parasitologe,
  • ein Neurologe,
  • ein Bombenentschärfer,
  • ein Kanalarbeiter,
  • ein Sozialpsychiater,
  • ein Prominentenschneider,
  • ein Prionenforscher,
  • ein Blutexperte,
  • ein Plasmaphysiker und Windmüller,
  • ein Gerichtsmediziner,
  • ein Hebewerksingenieur
  • und ein Fabrikant von Schneekugeln.

32 Portraits also, hintereinander gereiht. Jedem etwa gleich langen Beitrag vorangestellt ist ein Foto und eine biografische Skizze zum beruflichen Werdegang und zu Veröffentlichungen. Die Autorin hat sich, das wird bald deutlich, sehr kundig gemacht über ihre Interviewpartner. Sie hat viel gelesen über jeden einzelnen und sein Fachgebiet, ehe sie sich mit ihm verabredete. Sie gibt einen Abriss über die Gebiete, auf denen diese Experten - Berühmte und Unbekannte - forschen, in die sie sich lebenslang vergraben haben. Goettle weiß Bescheid über Stand und Entwicklung im Bereich der Genetik, über die Geschichte von Biowaffen, über die Psychiatrie-Reform oder das geheimnisvolle Gebiet der subatomaren Teilchen. Das geht auch nicht anders, denn wie sonst könnte die Reporterin über all dieses Spezialwissen so verständlichen Darstellungen in Beschreibung und Interviewtext geben, wie man es hier findet. Sie hat die Fachleute an ihrem Arbeitsplatz und zu Hause besucht, lange mit ihnen gesprochen. Aufmerksam beobachtete sie scheinbar nebensächliche, dennoch typische Kleinigkeiten im Privat- und Arbeitsleben ihrer Interviewpartner; berichtet zum Beispiel, wie locker die Kenntnisse in der Betriebskantine des Genfer CERN ausgetauscht werden und wie sich dann ihre Gespräche mit den Experten in deren Umfeld bei Kaffee und selbstgebackenem Pflaumenkuchen, wie etwa bei dem Mathematiker Friedrich Hirzebruch in seinem Haus bei Bonn.

Gewiss, diese auf ihrem Terrain hoch Spezialisierten sind auch nur Menschen, möchte man sagen, allerdings mit einem Wissen, an dem in der Regel nur wenige teilhaben können. Die Allgemeinheit weiß in Wirklichkeit nur wenig von der Teilchenforschung, von der Genetik, von der Prionenforschung oder davon, wie die Fabrikation von Schneekugeln funktioniert und wie genau das mit der Bombenentschärfung geht. Es kann den Leser durchaus ein magischer Schauer erfassen, wenn ihm der Experimentalphysiker Rolf Landua in einem der Buch-Kaptitel unter der Überschrift "Destination Cern", mitteilt, als er gegenüber der Reporterin von einem Besucherzentrum-Projekt spricht, das ihm sehr am Herzen liegt, denn: "Es ist doch sehr wichtig, dass die Leute sehen, dass die Physik, mehr als sie denken, mit ihnen zu tun hat, mit ihrem Ursprung und mit ihrem Universum. Das ist den Menschen ja gar nicht so vertraut, dieser Gedanke. Und für viele ist es eine interessante Information, dass jedes einzelne Atom in unserem Körper mindestens sechs Milliarden Jahre alt ist - wenn nicht sogar fünfzehn. All diese Teilchen ... kommen mehr oder weniger direkt vom Urknall... Oder eine andere Information, die auch ein Gefühl dafür vermittelt, wie viele solcher Teilchen eigentlich umherschwirren: Also jedes Mal, wenn Sie einatmen, geschieht es ... Nehmen wir einen Schriftsteller, vielleicht Kafka: Vom letzten Atemzug, den er gegangen hat, bevor erstarb, ist eines dieser Atome jetzt im Moment in Ihrer Lunge."

Und was erfährt man von dem Computerwissenschaftler Josef Weizenbaum? Früher waren meist Frauen Programmierer und die erste die erste überhaupt war Lady Lovelace, Tochter Lord Byrons.

Erstaunlich auch, was die Humangenetikerin Silja Samerski, die Goettle und Kmölniger in ihrer Bremer Wohnung besuchen, erklärt, während die Amseln im Innenhof des Hauses singen: "So wie es in den Lehrbüchern und populärwissenschaftlichen Abhandlungen steht, gibt es GENE nicht. GEN bezieht sich auf keine nachweisbare Tatsache, es gibt keine einheitliche Definition des Begriffs. Wenn Genetiker von GENEN sprechen, so bezeichnet das etwas ganz Unterschiedliches." Samerski erntet für ihre Thesen auch entsprechende Kritik von ihrer Zunft. Und wir Normalbürger, hatten wir nicht geglaubt, heutzutage, da kaum ein Tag vergeht, ohne dass man in der einen oder anderen Form etwas über Gene und Genforschung erfährt, man wüsste allmählich, wovon da gesprochen wird?

Kontrast - und noch ein Streiflicht, um aufzuzeigen, auf welch breiter Skala sich die Themen dieses Buches bewegen. Goettle und Kmölniger haben die Prostituierte Grisélidis Réal in Genf besucht. Als Referentin auf zahlreichen Kongressen, als Verfassung von Büchern, zahlreicher Reden und Aufrufe sowie als Gründerin des "Hurenarchivs" und einer Beratungsstelle setzt sich Madame Réal für die Belange ihrer Berufsgruppe ein. "Ich als Prostituierte weiß", sagt sie, während ihre Hündchen aufmerksam unter dem Tisch hervorlugen, "wie wenig frei unsere freizügige Sexualität in der Wirklichkeit ist... Also das wäre ein letzter Kampf um die uns zustehenden juristischen und moralischen Rechte; darum, dass wir und unsere Honorare respektiert werden. Aber wir wollen nicht nur, dass wir anerkannt werden. Wir wollen auch, dass die Sexualität anerkannt wird - denn die wird ja auch nicht anerkannt!"

Fazit

Man sieht bereits aus dem wenigen Zitierten, wie anregend dieses Buch ist. Die Reportagen der Goettle zeichnet ein präziser schnörkelloser Stil aus. Er hat mitunter fast unspektakuläre, doch immer charakteristische Merkmale im Blick und basiert auf genauen Recherchen. Es sind nicht nur die sachlichen Informationen, welche diese Gespräche mit den Experten vermitteln. Der Leser erhält einen ungewöhnlichen Blick auf ihre Arbeitsfelder, die der Öffentlichkeit meist nicht oder nur in Teilen bekannt sind. Es ist auch hervorzuheben, wie kurz und treffend der Autorin die kulturhistorischen Hinleitungen zu Beginn eines jeden Beitrages gelingen. Sie nimmt ihre Gesprächspartner ernst, verbringt viele Stunden mit ihnen, beschreibt manchmal ihre Suche nach ihnen ("Herr Professor Prokop war derart unauffindbar, dass ich dachte, er sei bereits tot."); sie skizziert das Lebensumfeld ihrer Protagonisten und befragt alle mit gleicher Neugierde und Intensität. Und wenn etwas vom Wissen der Experten gleichsam en passant vermittelt wird, umso besser, denn diese Beiträge enthalten viel Wissenschaftlichkeit, ohne Wissenschaft zu sein. Ihre Subjektivität macht ihren Reiz aus. Sie sind insgesamt höchst lesbar, wobei man bei allem Interesse, dass man diesen Reportagen schnell entgegenbringt, nicht vergisst, wie aufgesplittert das Wissen heutzutage ist, wie wenig man doch noch von den komplexen Vorgängen um uns herum verstehen und wie leicht man dem Laien etwas vorgaukeln kann. Es ist zu hoffen, dass Gabriele Goettle in ihrem Kleinbus zusammen mit der Fotografin Elisabeth Kmölniger noch oft durch die Lande fährt, um uns in ihren unverwechselbaren Reportagen diese genauen und ungewöhnlichen Blicke auf das Leben zu vermitteln. Diesen sehr eigenen Journalismus wollen wir noch oft lesen.

Rezension von
Gerd Schneider
Schriftsteller, Drehbuchautor

Es gibt 21 Rezensionen von Gerd Schneider.

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ISSN 2190-9245