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Ruben Hackler, Katherina Kinzel (Hrsg.): Paradigmatische Fälle

Cover Ruben Hackler, Katherina Kinzel (Hrsg.): Paradigmatische Fälle. Konstruktion, Narration und Verallgemeinerung von Fall-Wissen in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Schwabe Verlag (Basel) 2016. 192 Seiten. ISBN 978-3-7965-3520-8. 48,00 EUR, CH: 48,00 sFr.
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Thema

Die Herausgeber skizzieren in ihrem einleitenden Beitrag kurz und prägnant die Geschichte der Fallgeschichte in den Geistes- und Sozialwissenschaften. So dienten Fallgeschichten seit dem 18. Jahrhundert zunehmend dazu, juristisches, medizinisches und psychologisches Wissen in einer narrativ geschlossenen und sprachlich verständlichen Form einem größeren Publikum nahezubringen. Eine weitere Epoche, in der das narrative und epistemische Potenzial der Fallgeschichte und der umfangreicheren Fallstudien entdeckt wurde, folgte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Einerseits durch die psychoanalytischen Falldarstellungen von Sigmund Freud sowie andererseits durch eine ethnographisch und biografisch orientierte Sichtweise der Sozialforschung in Chicago auf Soziale Welten und Milieus mittels umfassenderer Fallstudien. Hierzu zählt auch die bekannte Feldstudie über die Arbeitslosen von Marienthal von Jahoda, Lazarsfeld und Zeisel. Ein systematischer und disziplinenübergreifender Bestimmungsversuch der Form und Funktion von Fallgeschichten erfolgte jedoch erst in jüngerer Zeit, auch und gerade in engem Zusammenhang mit der hermeneutisch-rekonstruktiv ausgerichteten empirischen Sozialforschung. Der Sammelband möchte im Zuge der „reflexiven Wende“ in der Diskussion um Funktionen und Formen der Fallbezüglichkeit einen neuen Aspekt herausarbeiten: den paradigmatischen Charakter von „Fällen“.

Mit Verweis auf Kuhns allgemeinen Paradigmenbegriff als „disziplinäre Matrix“ und seiner spezifischen Variante – als in andere Bereiche übertragbares „Musterbeispiel“ wissenschaftlicher Praxis- werden von den Autoren verschiedene Dimensionen von Fallgeschichten unterschieden: Fallgeschichten gewähren Einblicke in das Allgemeine oder Typische von Strukturen und Normen sozialer, technischer, politischer, juristischer Alltagspraxis sowie der Normalitätsunterstellungen der Akteure. Die fallbezogene Rekonstruktion von handlungsleitenden Kategorien und Typen erfolgt nach wissenschaftlichen Regeln der Erkenntnisgewinnung im Spannungsverhältnis von Spezifischem und Allgemeinem sowie der fallvergleichenden Kontrastierung. Nicht zuletzt im mikro- und alltagsgeschichtlichen Fallbezug eröffnet sich ein von den allgemeingeschichtlichen Betrachtungen nicht erfassbarer analytischer Zugang zu den sozialen und persönlichen Handlungsmöglichkeiten und insbesondere den restriktiven Bedingungen der Individuen in ihrer Lebenswelt. Des Weiteren fungieren Fallgeschichten als Korrektiv zu etablierten großen Erzählungen, deren Leitbegriffe und Theorien durch historische Detailstudien einer kritischen Überprüfung unterzogen werden können. Sie eröffnen ein episodales Wissen, das sich in einem Spannungsfeld zwischen Allgemeinem und Besonderem etabliert. Durch die systematische Rekonstruktion wird ebenso eine kritisch prüfende Perspektive ermöglicht, die für das Verhältnis von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und individueller Fallstruktur sowie der Verhältnisbestimmung von Normalität und Abweichung von Bedeutung ist. Die Frage, ob Narrative reale Strukturen repräsentieren oder fiktiv sind, lässt sich im Anschluss an Hayden Whites Verständnis der Erkenntnisleistung von Fallgeschichten dahingehend beantworten, dass historische Ereignisse erst durch ihre Transformation in Erzählungen bedeutungsvoll werden. Der Fall wird hierbei als ein kohärentes, von anderen Fällen unterscheidbares und hinsichtlich zentraler Merkmale vergleichbares Objekt konstituiert. Als Musterbeispiele sind Fallgeschichten gleichfalls anschlussfähig für spätere Forschungen und allgemeine Entwicklungen, so etwa für die Behandlung und das Verständnis eines wissenschaftlichen Phänomens oder eines gesellschaftlichen Problems.

Aufbau und Inhalt

Im zweiten Beitrag des Bandes erörtert Stephanie Baumann auf Basis der ästhetischen und medientheoretischen Überlegungen von Siegfried Kracauer zum Verhältnis von Allgemeingeschichte und historischem Fragment die Möglichkeiten, diese für eine genauere Justierung bei der Bestimmung von Fallgeschichten heranzuziehen. Demgemäß bewegen sich die Historikerinnen und Historiker wie mit einer Filmkamera ausgestattete Beobachter in divergierenden und meist unverbundenen Zeiträumen. Der Perspektive einer aus großer Distanz erfolgenden „Luftaufnahme“ der allgemeinen Geschichte, die Tendenzen einer reduktionistischen und ideologischen Geschlossenheit aufweist, steht die Perspektive der „Großaufnahme“ gegenüber, die das Kleinflächigere und mehrdeutig Fragmentarische, das ungewohnt Brüchige, das Abweichende und Ungleichzeitige in den Blick nimmt. Dieses allgemeine subsumtionslogische Kategorisieren und einzelfallanalytisch rekonstruierende Changieren des Historikers zwischen unterschiedlichen Abstraktionsebenen wird von Baumann eindringlich auch anhand der integrierten Darstellungsform von Saul Friedländers Geschichte der Shoah vorgestellt. Eine angemessene Gesamtsicht dieser Ereignisse ist nur möglich, wenn neben der von Friedländer geforderten Schlichtheit und Nüchternheit in der allgemeinen Darstellung menschlichen Leidens auch die zahlreichen fragmentierten Falldokumente des individuellen Leids derer in den Blick genommen werden, die der Verfolgung und Vernichtung ausgesetzt waren. „Auf der Mikro-Ebene, die einer Collage gleicht, wird die Orientierungslosigkeit und Unsicherheit der Opfer spürbar“, so die Verfasserin.

Im danach folgenden, einzigen englischsprachigen Beitrag analysiert Jouni-Matti Kuukkanen die Geschichtstheorien von Hayden White und Paul Ankersmit, die Narrativität als zentrales Merkmal historischer Darstellungen postulieren. Er wendet sich gegen die verabsolutierende philosophische Behauptung, dass „Fälle“ per se eine narrative Struktur aufweisen, und zeigt, dass Fallgeschichten zur Prüfung geschichtsphilosophischer Entwürfe herangezogen werden können, wobei historische Erzählungen gegenüber empirischen Herausforderungen durch Fallstudien gleichsam immun seien. Erörtert werden dabei zunächst die dem Fallstudienansatz zugrunde liegenden erkenntnistheoretischen und erzählstrukturellen Prämissen für eine Bestimmung des Verhältnisses von Fallphänomenen und allgemein wissenschaftlich-theoretischen Paradigmen. Einerseits benötigen Historiker präempirische Kategorien, die uns die Welt begrifflich fassbar werden lassen. Im Licht empirischer und fallbezogener Prüfung müssen sie gleichermaßen ihre Evidenz unter Beweis stellen. Erzählende Darstellungen werden oft mit „Geschichte“ gleichgestellt, sie sind jedoch als holistische Einheiten zu betrachten, die keinen zwingend chronologischen Aufbau erfordern. Narrativität sei eher ein Metacode mit gleichsam empirischer Immunität und daher nicht falsifizierbar, sondern könne unter ästhetischen, moralischen oder rationalen Standards wie Kohärenz und Konsistenz gesehen werden. Anhand der Fallstudie „Die Schlafwandler. Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog“ von Christopher Clark zeigt der Autor, dass die Annahmen des Narrativismus die Chronologie und Struktur des Werkes nicht hinreichend erklären können, vielmehr liege der Studie eine argumentativ ausgerichtete Textstruktur zugrunde. Historische Fallstudien können insoweit als empirisch gestützte Argumentationen angesehen werden.

Der literaturtheoretische Beitrag von Arne Höcker führt den Leser ein in die Fallkonstitution als prekäres „Fall-Wissen“ im Spannungsfeld zwischen einem historisch verbürgten Rechtsfall und dessen literarischer Bearbeitung. Anhand von Friedrich Schillers „Verbrecher aus Infamie“ (1786), Georg Büchners „Woyzeck“ (1837) und der Figur „Moosbrucker“ in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ (1930/32) werden die jeweiligen stilistischen und ästhetischen Prämissen der Autoren herausgearbeitet. Im Spannungsverhältnis von individuellem Fall und seiner allgemeinen Bedeutung, der dokumentierten juristischen Einschätzung sowie der dominanten narrativen Gestaltungsformen der Autoren konstituieren sich eigenlogische literarische Fallgeschichten. Schillers Novelle „Verbrecher aus Infamie“ steht in historischer Nähe zu dem von Karl Philipp Moritz, Salomon Maimon und Carl Friedrich Pockel herausgegebenen „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“. Dessen Credo gemäß habe das Beobachten, Beschreiben und Systematisieren als wissenschaftlich-systematisches Programm zu gelten und es sei eine „neutrale“ Erzählweise zu bevorzugen. Die Aufforderung zum „kalten“ Beobachten wird bei Schiller gemäß seiner Vorrede zur Aufforderung zum „kalten“ Erzählen und somit zu einem poetologischen Problem. Die von Schiller in der Vorrede diskutierte Unterscheidung von Dichtung und Geschichtsschreibung wird obsolet, die Geschichte als erzählter Fall einer individuellen Lebensgeschichte ist an einem allgemeinen Begriff des Lebens ausgerichtet und weder historiographische Genauigkeit noch der bloße Effekt eines affektfreien Erzählens. Demgemäß könne man den Beobachtungsmodus als das zentrale Orientierungsprinzip in Schillers Fallgeschichte identifizieren. Das Drama „Woyzeck“ von Büchner nimmt Bezug auf das von Johann Christian August Clarus verfasste Gutachten zur Zurechnungsfähigkeit des Mörders Woyzeck und galt immer wieder als ein Gegenentwurf, der dem Menschen Woyzeck jene Stimme zurückgeben sollte, die ihm die forensische Falldarstellung genommen habe. Zwar tritt auch im Drama Büchners Woyzeck als Fall auf, jedoch geht es primär um die Vorführung selbst. Hier steht die halluzinatorische Wahrnehmung des Angeklagten auf dem Spiel, der angibt, vor dem Mord von Stimmen getrieben worden zu sein. Im Gutachten erscheinen allein die Stimmen als direktes Zitat, alle anderen Äußerungen werden in indirekte Rede oder narrativ umgeformt. So werde die Zurechnungsfähigkeit Woyzecks als Resultat des Zitierens erkennbar und der Fall entfalte sich durch seine spezifische Zitathaftigkeit. Der Fall Moosbrucker in Robert Musils Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“ beruht auf dem historischen Fall des Frauenmörders Christian Vogt, der als Grenzfall der Auseinandersetzung zwischen Jurisprudenz und Gerichtsmedizin um die Konzeption der verminderten Zurechnungsfähigkeit bekannt wurde. Als „Kompromiss zwischen Gesundheit und Krankheit, Vernunft und Unvernunft, zwischen Strafbarkeit und Strafunfähigkeit, zwischen Justiz und Psychiatrie sowie Verbrechen und Wahnsinn“ bilde sich ein „Sowohl als auch“. Das strafrechtliche Verfahren werde in Gang gehalten, der vermindert Zurechnungsfähige sei verfahrensgemäß zurechnungsfähig und muss nach Musil einer noch härteren Strafe zugeführt werden, damit die Abschreckungsgefahr gegenüber den „Zurechnungsfähigen“ gleich groß sei. Dieser paradox anmutenden Logik folgt der Angeklagte Moosbrucker im vorliegenden Fall, indem er auf seiner Zurechnungsfähigkeit und dem Todesurteil besteht und zugleich betont, dass man einen Irrsinnigen verurteilt habe. Im dominanten Modus des prekären Urteilens um Wahrheit und Glaubwürdigkeit steht der Fall zwischen wissenschaftlich-rationaler und literarisch-ästhetischer Darstellung. Aus einer weitergehenden Perspektive verliere nach Musil das Ich im Zuge wachsender Formalisierung an Bedeutung, es müsse sein Handeln an den funktionalen Systemabläufen ausrichten und entwickele eine Form der Eigenschaftslosigkeit. Die Geschichte des Subjekts im Roman werde nur noch als Fallgeschichte sichtbar.

Susanne Düwell nimmt in ihrer Analyse Bezug auf den Fall des Tagelöhners Schimaidzig, der seine Frau 1788 in Schlaftrunkenheit erschlug und aufgrund dieses Zustandes freigesprochen wurde. Der Fall steht im Kontext eines bedeutsamer werdenden Fallbezugs im 18. Jahrhundert und der Etablierung entsprechender Fall- und Handbuchsammlungen in den Humanwissenschaften sowie einer enger werdenden Beziehung zwischen Psychologie und Jurisprudenz. Die fehlende Zuordnung und Unterscheidung von Normalität des Täters und seiner gleichsam motivationslosen und spektakulären Tat forderte die Disziplinen zu einer neuen kategorialen Sichtweise heraus. Der Fall Schimaidzig wird fortan bis ins zwanzigste Jahrhundert ausschließlich unter dem Titel der Schlaftrunkenheit rezipiert. Düwell zeigt, dass die später erfolgte paradigmatische Beziehung des Falls zur Schlaftrunkenheit im Verfahren keinesfalls evident ist und Zweifel an der Zurechnungsunfähigkeit des Täters bleiben. Jedoch wird der Fall auf jene Merkmale reduziert, die mit der Schlaftrunkenheit in Verbindung stehen, und die Rezeptionen erfolgen nicht in Form der Hypothesenbildung, sondern als Tatsachenbeschreibung. Mit dieser Form der psychologischen Reduzierung und Subsumtion werde der Fall aus den komplexen Fragen des juristischen Zusammenhanges gelöst. Das Beispiel zeigt, wie Einzelfälle für die Erweiterung des Wissens und regelhafte Etablierung von Kategorien konstruiert werden, nicht zuletzt im Zuge der Transformation von provisorischem Zeitschriftenwissen in homogenes Handbuchwissen.

Hannes Mangold zeigt in seiner Perspektive auf den größten und teuersten Kriminalfall in der Geschichte der Bundesrepublik, wie der öffentlichkeitswirksame Fall von Bruno Fabeyer, der 1965 während eines Einbruchs auf einen Postbeamten geschossen und während seiner anschließenden 573 Tage dauernden Flucht auch einen Polizisten erschossen hatte, zur Entwicklung und Etablierung des Kommunikations- und Informationssystems der Kriminalpolizei in den 1960er Jahren beigetragen hat. Er zeigt, wie Fälle durch die Produktion, Zirkulation und Transformation des Fallwissens auf der Basis medialer, materieller und institutioneller Bedingungen gemacht werden und die etablierten Machtkonstellationen verfestigen oder destabilisieren können. In Bezug auf den „Fall Fabeyer“ wurden die formalen Registrierungs- und Meldesysteme zwar verfeinert und das Kommunikationsnetz enger geschnürt, die Fahndung blieb jedoch vor dem Hintergrund der geschickten Taktik des Täters sowie der primär bürokratischen und abkürzenden polizeilichen Routinepraxis lange Zeit erfolglos. Bruno Fabeyer wurde schließlich nach Hinweisen aus der Bevölkerung 1967 von zwei örtlichen Schutzpolizisten widerstandslos festgenommen und der Justiz überstellt. Der Fall präsentiert in seiner diskursiven Funktion ein verändertes Verständnis von Verbrechen, den neuen digitalen Prozeduren der Fahndung und Informationsverarbeitung.

Cécile Stehrenbergers Beitrag „Katastrophen-Fall-Wissen. Zur Geschichte der sozialwissenschaftlichen Katastrophenforschung“ zeigt anhand der in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in den USA forcierten Feldforschungen zum Katastrophenverhalten von Menschen das Bestreben, durch Wissenskumulierung und Analogiebildung der verschiedenen kriegsbedingten und zivilen Katastrophenfälle ein übergreifendes Katastrophenmodell zu erarbeiten. Die 1949 gegründete und 1954 aufgelöste, interdisziplinär ausgerichtete Katastrophenforschungsgruppe des National Opinion Research Centers (NORC) bezeichnete ihre Forschungen nur gelegentlich als „case studies“, folgte aber einem dezidiert fallstudienanalogen Erkenntnisinteresse und -methodologischem Vorgehen. Katastrophen wurden zudem als naturwüchsige und im Weiteren gleichermaßen in künstliche Laboratorien zu transformierende Modelle angesehen. Die Forscher versprachen sich, durch Analysen menschlicher Verhaltensweisen in diesen kollektiven Krisensituationen zu einem anwendungsorientierten Wissen zu gelangen. Stehrenberger untersucht hierbei aufschlussreich die der Fallkonstitution unterlegten Voraussetzungen, ihre Legitimationsbasis sowie die paradigmatische Funktion von Feldstudien bei der Etablierung dieses Forschungszweiges.

Maurice Cottier zeigt anhand des Falles des 20-jährigen Bauern Pierre Rivière aus der Normandie, der seine Mutter, seine jüngere Schwester und seinen jüngeren Bruder getötet hatte, wie dieser mit seinem in der Untersuchungshaft selbst verfassten Memoire einem für diese Zeit stiltypischen und gleichermaßen tragischen Muster der Selbstpräsentation folgte. Umfangreiche Materialien zum Fall wurden bereits von Michel Foucault und seinem Team 1973 publiziert und verdeutlichten, wie die psychiatrische Disziplin und ihre Deutungsmuster sich im System der Strafjustiz zunehmend Einfluss verschafften. Während es Foucault um die kategoriale juristische und psychiatrische Analyse und Verwertung des Memoires ging, zeigt Cottier, dass das Dokument unter literarisch-ästhetischer Perspektive eine spezifische historische Lesart präsentiert. Der einfache Bauernjunge Riviere stilisiere sich durch seine Erzählung und die Tat als einen Helden, der als herausragender Außenseiter schließlich ruhmreich untergehe. Zugleich kann Cottier vor diesem Hintergrund zeigen, dass die Pariser Ärzte die tragische Struktur des Memoires in seiner Eigenlogik nicht rekonstruierten, sondern subsumtionslogisch für ihre Diagnose verwerteten. Der gegen die bestehende ungerechte Ordnung aufbegehrende tragische Held wird damit auf den Status eines Geisteskranken reduziert. In diesem Sinne lasse sich das Memoire sowohl als tragische Selbstinszenierung und eingebettet in die französische Geschichte des 19. Jahrhunderts verstehen wie gleichermaßen auch als Dokument der deutungshoheitlichen Vereinseitigung im Zuge der dominant werdenden strafrechtlichen und insbesondere psychiatrischen Deutungsmuster rekonstruieren.

Abschließend fasst Marietta Meier rückblickend die im Band präsentierten Beiträge hinsichtlich der übergreifenden Fragestellung zur paradigmatischen Bedeutung von Fällen zusammen und plädiert für eine pragmatische Position der Falldefinition, bei der die Grenzen zwischen Exemplarischem, Fall, Fallgeschichte und Fallstudie in den Disziplinen und Professionen der Geistes- und Sozialwissenschaften fließend verlaufen. Zu Recht weist sie auf die im Hintergrund bleibende Frage nach den theoretisch-methodologischen Regeln der Fallrekonstruktion und damit der disziplinären Produktion von Fallwissen hin. Auch die Geisteswissenschaften könnten von den methodologischen Verfahren einer fallorientierten und hermeneutisch-rekonstruktiv verfahrenden Sozialwissenschaft profitieren, bei der meist das Prinzip der systematischen Fallkontrastierung im Zentrum steht.

Fazit

Der von Ruben Hackler und Katherina Kinzel herausgegebene Band zu paradigmatischen Fällen bietet einen differenzierten disziplinären Überblick über die Vielfalt der Formen und Funktionen von Fallgeschichten in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Insbesondere für Lehrende und Studierende dieser Disziplinen werden facettenreich die Möglichkeiten fallbezogener Perspektiven eröffnet. Der Band regt zudem zu weiteren Forschungsfragestellungen an.


Rezensent
Prof. Dr. Eberhard Nölke
Hochschule Darmstadt
Homepage www.sozarb.h-da.de
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Zitiervorschlag
Eberhard Nölke. Rezension vom 21.02.2018 zu: Ruben Hackler, Katherina Kinzel (Hrsg.): Paradigmatische Fälle. Konstruktion, Narration und Verallgemeinerung von Fall-Wissen in den Geistes- und Sozialwissenschaften. Schwabe Verlag (Basel) 2016. ISBN 978-3-7965-3520-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20535.php, Datum des Zugriffs 20.09.2018.


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