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Till Briegleb: Die diskrete Scham

Cover Till Briegleb: Die diskrete Scham. Insel Verlag (Frankfurt) 2016. 170 Seiten. ISBN 978-3-458-24082-2. D: 11,95 EUR, A: 12,30 EUR, CH: 17,90 sFr.
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Thema

Briegleb beginnt sein Essay mit den Worten: „Die Macht, die die Scham über unser Leben hat, ist gewaltig. Sie berührt unser Liebesempfinden und dirigiert unsere Ängste, sie fesselt unsere Aktivität und Ehrlichkeit, aber befreit auch immer wieder ungeheure Widerstandskräfte, sie feuert unsere Kreativität und Intelligenz an, aber schafft auch verderbliche Mythen. Scham begegnet uns auf Schritt und Tritt als soziale Kontrolle und fragt ständig nach der Richtigkeit unseres Verhaltens.“ (9). So spannt er gleich zu Beginn das weite Bedeutungsfeld der Scham auf und benennt den damit verbundenen doppelten Dualismus: Scham als schützenden, entwicklungsfördernde Ressource einerseits und anderseits als pathologische bzw. pathologisierende Komponente, Scham aber auch in der individuellen und zugleich sozialen Dimension. Als zentrales Thema seines Essays benennt Briegleb zusammenfassend selbst: „Die Würde der Scham als Quelle von Glück, Erkenntnis und Kultur zu beschreiben.“ (19).

Autor

Till Briegleb, studierte Politische Wissenschaften und Germanistik in Hamburg, war als Kulturredakteur der Tageszeitung und der Wochenzeitung Die Woche tätig. Er war Textchef des Kunstmagazins art und ist seit 2007 Autor der Süddeutschen Zeitung und von art.

Aufbau

Brieglebs Essay widmet sich auf 170 Seiten in 14 „Kapiteln“ folgenden Aspekten der Schamfrage:

  1. Helden der Scham I: Christoph Marthaler
  2. Helden der Scham II: Charles Baudelaire
  3. Helden der Scham III: Curzio Malaparte
  4. Helden der Scham IV: Leigh Bovery
  5. Helden der Scham V: Elfriede Jelinek
  6. Helden der Scham VI: Beau Brummell
  7. Helden der Scham VII: Francis Bacon
  8. Helden der Scham VIII: Lucifer/Loki/Maldover
  9. Helden der Scham IX: Mary Shelley
  10. Helden der Scham X: Giovanni Giacomo Casanova
  11. Helden der Scham XI: Charlie Chaplin
  12. Helden der Scham XII: Hieronymus Bosch
  13. Helden der Scham XIII: Dominique Aury
  14. Helden der Scham XIV: Schwester Ruth (Pfau).

Seine Gedanken und Reflexion zu den vielfältigsten Aspekten und Dimensionen der Scham illustriert Breigleb anhand zahlreicher historischer und zeitgenössischer Künstler*innen, Denker*innen, die er als „Held*innen der Scham“ beschreibt. Zu Beginn des jeweiligen Kapitels steht ein ein- bis zweiseitiger Einführungstext, der die/den diversen Helden oder Heldin vorstellt und begründet. Beispielhaft seien an dieser Stelle vier Protagonist*innen vorgestellt.

Ausgewählte Inhalte

1. Helden der Scham I: Christoph Marthaler. Dass er den Schweizer Musiker und Regisseur Christoph Marthaler für seine Scham-Betrachtunegn ausgewählt hat, begründet Briegleb so: „Marthalers Schamtheater besitzt dabei nichts Demonstratives, denn das Demonstrative provoziert immer neuerliche Beschämung. Als hochmusikalischer Komponist des Scheiterns und liebenswürdiger Beobachter verleiht er der Blamage Melodie und Herzlichkeit. Wie er so die Scham offen ausspielt und zeigt, wie man sie schätzenlernt, schafft er diesem Gefühl einen Raum ohne Angst.“ (15). Briegleb geht es in seinen Ausführungen insbesondere auch darum in der Annahme der Anzeichen des Schamgefühles vor allem Zweierlei zu entdecken: zum einen: „unsere Freundlichkeit und unser Verständnis so zu verfeinern, dass wir einer souveränen Lebensführung, einer gelassenen Form der Selbstkontrolle und des zwischenmenschlichen Umgangs näher kommen…wie gerade die Rebellion gegen Schambarrieren erst zu den größten Kulturleistungen führt…“ (19f). Briegleb versteht Scham als „neuronales Phänomen“ im Sinne eines „weitverzweigten Netzwerkes sich inspirierender Erlebnisimpulse…dessen Gesamtschwingung für unser Wohlbefinden viel entscheidender ist als eine mehr oder weniger aus der Fassung geratene Kerninstanz.“ (23). Gleich zu Beginn seines Textes arbeitet er heraus, wie „an-sozialisierte“ und verinnerlichte Scham zu Paralyse (26) oder Traumatisierung (27) führen kann, aber ebenso, wenn es gelingt, „mittels einer gelassenen Selbstkontrolle die Energie der Scham nicht mehr aus der Verleugnung zu beziehen, sondern offensiv damit umzugehen, dass und wie wir uns schämen.“ (27)

2. Helden der Scham II: Charles Baudelaire. Den französischen Lyriker Baudelaire, dessen Leben Briegleb als „überaus reich an Beschämungen“ beschreibt, nimmt er als Helden der Scham wahr, weil er die vielfältigen Beschämungen und Verletzungen in sprachliche Inszenierungen verwandelte, „die eine überreiche Sehnsucht nach dem Irdischen ausdrückten, wie sie nur in die moderne Großstadt bot.“ (29) In diesem Zusammenhang thematisiert er Bezug nehmend auf Sartres Idee von der Scham, die „in ihrer primären Struktur Scham vor jedermann sei“ (31). Dieser verortete Scham im Kontext „der tatsächlichen oder potentiellen Blicke der Anderen, die respektiert werden als urteilende Instanz über unsere Erscheinung, und wir fühlen uns kontrolliert.“ (31). Briegleb verweist darauf, dass diese ständige Selbstkontrolle nicht unbedingt als belastend empfunden werden muss. Dies werde vor allem in Systemen so empfunden, die „dogmatisch“ sind, „uniforme Glücksversprechen“ anbieten oder sich als „Gemeinschaft von Brüdern und Schwestern“ verstehen, denn sie „verfolgen Anlässe für Beschämung und die Macht des Blicks als Träger von Schuld- und Vorwurfsinformationen.“ (34). Als deutliches Beispiel für die Schamdimension von Blickbeziehungen benennt Briegleb die Taliban-Diktatur. Einen Kontrapunkt dazu stellt aus seiner Sicht die offene, dichte Stadtgesellschaft dar, denn in dieser „endlosen Kette möglicher Schamanlässe wird das einzelne Erlebnis bedeutungsarm.“ (36), wenngleich „die Menge der Schammomente“ durchaus nicht geringer geworden ist. (37). Brigleb ist sich der Tatsache bewußt, dass Scham- und Schuldgefühle sich nicht gänzlich vermeiden lassen, aber schlägt eine neue Haltung beziehunsgweise einen neuen Umgang damit vor: „Wir können nur frei darin werden, wie wir sie bewerten.“ (38). Er arbeitet die Verankerung von Scham in der Kultur heraus, wenn er schreibt: „ Unsere Kultur besitzt ein sehr umfangreiches Rollenbuch über unverständliches Schamverhalten.“ (43)

3. Helden der Scham III: Curzio Malaparte. Den deutsch-italienische Schriftsteller, Journalist und Diplomat Curzio Malaparte, der Soldat im Ersten und Zweiten Weltkrieg war, nimmt der Autor als Helden der Scham wahr, weil ihn „als Mann mit übersteigernden Ehrbegriffen…die enthemmte Bestialität und das alles erfassende Unrecht aus Scham- und Schuldgefühlen quälte.“ (46). Hier geht macht sich der Autor auf die Suche nach dem Zusammenhang von Heroismus und Ehre und ihrem Verhältnis zur Scham und kommt zu der Einschätzung: „Ehre ist deshalb eine so verderbliche Variante des Schamgefühls, weil sie sich immer eines Idealbildes versichern muß, das zum einen in seiner Absolutheit unerreichbar und damit Quell dauernder Frustration bleibt, zum anderen aber beim Scheitern an äußeren Umständen dazu neigt, Dank der Absolutheit dieser Wertvorstellungen ins radikale Gegenteil umzuschlagen.“ (49)

4. Helden der Scham IV: Leigh Bovery. Anhand der Person Leigh Bovery, einem australischen Performancekünstler, Modedesigner, Nachtclubbetreiber und Model der 80iger und 90iger Jahre, führt Briegleb den Verlegenheitsbegriff ein, die Bowery selbst einmal als „einen schwarzen Fleck auf der Landkarte der Emotionen“ bezeichnet hat (55). Er nimmt Bezug auf Léon Wurmser, der die Angst davor „liebesunwert zu sein“ als eine bedeutsame Ursache großer Schamängste versteht (57), die ihren Ausdruck im Gelangweiltsein finden kann, aber auch in großer Leidenschaftlichkeit oder exzessiven Obsessionen (57), die als „schamabwehrende Deckaffekte“ (58) fungieren. Darauf reagieren Menschen mit Schamvermeidungsverhalten, z. B. dem Wunsch nach fehlerlosem und überlegenen Auftreten (62), aber auch mit Distanzierungsakten, denn die Entfernung verspricht Unverletzlichkeit (61), möglicherweise auch mit der Demonstration von Unterwürfigkeit oder zwanghafter Selbstinzenierung (63), aber auch darüber hinaus „kennt das Theater der Scham noch viel mehr Rollen.“ (64)

Diskussion und Fazit

Till Brieglebs Essay widmet sich in seinem Esssay der Scham in ihren vielfältigen Facetten: er blendet die Gefahren und negativen Seiten nicht aus, betont aber insbesondere die positive Kraft dieser Emotion „dieses scheinbar störende und verstörende Gefühl, das uns ständig begleitet, als zivilisatorische Triebkraft, als Quelle für Glück, Erkenntnis und Kultur“. Er bearbeitet insbesondere auch die Schamthematik in Hinblick auf die politische Dimension, sowohl historisch (z. B. in Bezug auf den Kolonialismus), aber auch auf aktuelle politische und soziale Phänomene heutiger Zeit hin.

Er folgt der Spur von Scham und Beschämung als Ausdruck von Macht (10), arbeitet darüber hinaus auch die Kulturgebundenheit und -bezogenheit von Schamkonzepten heraus (18).

Er stellt den Bezug zur Medienwirtschaft her (18) und stellt sie in den Kontext einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus (18). Briegleb führt die sozialintegrative Funktion von Scham ebenso aus wie das Potential, das sich aus der Scham für die Persönlichkeitsentwicklung ergibt.

Dieses Buch ist nicht nur inhaltlich inspirierend und wohltuend, auch die sprachliche Gestaltung macht die Lektüre zu einem Hochgenuß!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 02.08.2016 zu: Till Briegleb: Die diskrete Scham. Insel Verlag (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-458-24082-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20536.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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