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Rita Werden: Schamkultur und Schuldkultur

Cover Rita Werden: Schamkultur und Schuldkultur. Revision einer Theorie. Aschendorff Verlag (Münster) 2015. 239 Seiten. ISBN 978-3-402-11932-7. D: 36,00 EUR, A: 37,10 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema

Rita Werden legt in ihrer Dissertation die These zugrunde, dass Schuld und Scham einerseits universale Emotionen sind, sie andererseits aber kulturspezifische Züge zeigen. Ihr Anliegen ist es, anhand der Kategorien der Scham- und Schuldkultur eine Typologie zu entwerfen und dabei anthropologische und soziologische Zugänge zu berücksichtigen. Grundlage ist dabei vor allem die Analyse von anthropologischen, psychologischen, soziologischen und philosophischen Sichtweisen auf Scham und Schuld.

Autorin

Rita Werden hat Theologie, Soziologie und Germanistik in Freiburg und Edinburgh studiert. Seit 2008 arbeitet sie als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Fundamentaltheologie und wurde 2013 im Fach Soziologie mit einer Dissertation zur Theorie von Schuld- und Schamkulturen promoviert. Sie ist Systemische Beraterin und Therapeutin. Ihre besonderen Forschungsinteressen richten sich u.a. auf Grenzbereiche von Theologie und Soziologie sowie von Theologie und Humanwissenschaften.

Aufbau und Inhalt

Als zentralen Ausgangspunkt ihrer Auseinandersetzung mit Scham und Schuldkulturen beschreibt Werden „Anliegen der Arbeit ist es, eine Theorie zu präsentieren, die einen Begriff sowohl von Schuld wie auch von Scham vorlegt und zugleich ausweist, dass die Charakterisierung von kulturellen Kontexten als Schuld- und Schamkulturen eine sinnvolle, weil wichtige Unterscheidungsmerkmale aufgreifende Differenzierung darstellt. Deshalb gilt es, sie unter Berücksichtigung ihrer anthropologischen Basis und ihrer soziologischen Logik und Funktionalität auszuführen. Es soll begründet werden, dass sich die kulturellen Variationen von Schuld- und Schamkulturen anthropologisch ableiten lassen: Schuld und Scham sind universale Emotionen. Dies folgt aus einer Anthropologie, die den Menschen als ein soziales Individuum beziehungsweise ein individuelles Sozialwesen betrachtet. Je nachdem, ob eine Kultur Bindungsfähigkeit als Adjektiv ‚sozial‘ zu seiner Individualität hinzufügt oder ob sie die Einbindung in eine Gemeinschaft großschreibt, unterscheiden sich auch das Schuld- und Schamempfinden der in dieser Kultur lebenden Individuen.“ (12).

Es geht der Autorin dabei um eine Revision der konventionellen Theorie von Schuld- und Schamkulturen. Dazu wählt sie im ersten Kapitel zunächst einen historischen interdisziplinären Zugang und setzt sich systematisch mit „ausgewählten Etappen der beiden zunächst untersuchten Debattentraditionen der Chronologie nach“ auseinander“ (16).

Dabei fokussiert die Auseinandersetzung die Scham-Schuldtheorien unter Berücksichtigung der soziologischen, psychologischen und philosophischen Erkenntnisse von:

  • Charles Darwin
  • Georg Simmel
  • Sigmund Freud
  • Gerhart Piers
  • Helen Block Lewis
  • Michael Lewis
  • June P. Tangney und Ronda L. Dearing
  • Julien A. Deonna, Raffaele Rodogno und Fabrice Teroni
  • Agnes Heller
  • Anja Lietzmann.

Dabei macht sie deutlich, dass die Diskurse um Schuld und Scham einerseits und um Schuld- und Schamkulturen andererseits weitgehend unabhängig voneinander geführt worden sind. Werden weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass die „Diskussion um Schuld und Scham ist im Vergleich wesentlich breiter ausgefallen und intensiver geführt worden als die um Schuld- und Schamkulturen“ (20).

Das zweite Kapitel – der Hauptteil der Arbeit – setzt vier Schwerpunkte unter Berücksichtigung wesentlicher anthropologischen und soziologischer Denkvoraussetzungen und Annahmen: Im ersten Teil widmet sie sich den Kulturstudien Margaret Meads, die eine wichtige Grundlage für Ruth Benedicts spätere Ausführungen zu Schuld- und Schamkulturen ihrem Rahmen ihrer Veröffentlichung „The Chrysanthemum and the Sword“ darstellte. Sodann beschäftigt sie sich mit Milton B. Singers Konzept von Scham- und Schuldkulturen, um dann im Schlussteil dieses Kapitels einen Bogen zu schlagen zu Maria-Sibylla Lotters Theorien zu Schuld- und Schamkulturen.

Im dritten Kapitel stellt Werden einen Entwurf einer eigenen Theorie vor, die beide Debattenstränge, den zu Schuld und Scham und den zu Schuld- und Schamkulturen, zusammenführt und in einer sog. Typologie von Schuld- und Schamkulturen integriert. Als Zielperspektive ihrer Überlegungen beschreibt sie die Entwicklung: „einer reformulierte, anthropologisch wie soziologisch eingebettete Typologie von Schuld- und Schamkulturen, ihr Gegenstand der Zusammenhang von individueller Emotionalität und kultureller Prägung, von anthropologischen und soziologischen beziehungsweise kulturtheoretischen Aspekten der Phänomene Schuld und Scham.“ (176-177).

Dabei versteht sie Scham als konstitutiv „selbstreflektive Emotion“ (201), in dem Sinne, dass das Selbst durch bzw. in der Scham in Frage gestellt wird, zugleich ist sie aber eine „relationsbezogene Emotion“ (201), da Menschen anerkennungsbedürftige Wesen sind, beeinflußt Scham die Beziehung zu einem „signifikanten, also subjektiv als bedeutsam angesehenen Anderen“ (201).

In Abgrenzung dazu macht sie deutlich, dass bei der Schuld „der Fokus auf die Handlung gerichtet, die im Schuldempfinden als falsch, oder besser: als mindestens nicht gut, wenn nicht verwerflich gewertet wird“ (202).

Auf der Basis dieser Differenzierung verortet sie beide Begrifflichkeiten in spezifischen kulturellen Kontexten, um dann auf der soziologischen Ebene die Konzepte individualisiert und kollektivorientiert mit den entsprechenden ausgeführten Implikationen die wesentlichen Charakteristika von Schuld- und Schamkultur herauszuarbeiten. Zunächst betont sie, dass „in einer kollektivorientierten Kultur Existenz und Wohlergehen einer Gemeinschaft Vorrang vor den Interessen eines Individuums haben. Dessen Entwicklungsaufgabe besteht darin, ein insofern eigenständiges Mitglied dieser Gemeinschaft zu werden, als es auch ohne Fremdzwang zu dessen Wohlergehen beiträgt; bezogen auf das Individuum lautet das Anliegen – und die tatsächlich anzunehmende Konsequenz –, dass es die Anerkennung der Gruppe und damit die Zugehörigkeit zur Gemeinschaft wahrt“ (204).

Die Autorin arbeitet heraus, dass Scham hier insbesondere mit der Angst vor Exklusion aus dem Kollektiv verbunden ist und folgerichtig auch in einem solchen, kollektivorientierten Kontext „Beschämung beziehungsweise Scham im Vergleich zu Beschuldigung und Schuldempfinden die dominante Sanktion darstellt“ (207). Hingegen wird Schuld definiert als die „emotionale Realisierung des Verstoßes gegen eine anerkannte Norm (208, 224). Sie schlußfolgert: „In einer Schamkultur setzt Schuldempfinden Schamempfinden voraus. Im Zusammenspiel von Scham und Schuld ist Scham die initiale Emotion.“ (208, vgl. auch 221ff). In einer individualistischen bzw. individualisierten Kultur stellt sich dies anders da. So führt Werden aus: „Eine Schuldkultur priorisiert das Individuum gegenüber der Gemeinschaft in ihrer die Ordnung des Kollektivs strukturell prägenden Wertsetzung so deutlich wie möglich, das heißt innerhalb der Grenzen, die das Kollektiv als solches konstituieren. Sie ist also durch Individualisierung auf der soziologischen und die Förderung von Autonomie als dem dann gegenüber der Einbindung des Einzelnen vorrangigen anthropologischen Charakteristikum gekennzeichnet;“ (224). Dies führt dazu, das die kulturspezifische Form der Scham hier eine individuelle ist: „Sie stellt die emotionale Realisierung eines Verstoßes gegen selbst gewählte und als solche die Identität bestimmende Werte dar. In der Scham wird das Selbst abgewertet beziehungsweise radikal infrage gestellt, insofern es der eigenen Wertsetzung, die sich im Selbstbild widerspiegelt, nicht gerecht geworden ist und von daher der Verlust der eigenen Anerkennung schmerzlich wahrgenommen wird. Die mit der Scham verwandte Angst bezieht sich hier nicht auf Exklusion, sondern auf den Verlust der eigenen Anerkennung.“ Durch die Scham wird also das Selbst in Frage gestellt. In einer solchen Konstellation ist es die Schuld, die die Scham auslöst, denn der Normverstoß stellt auch die eigene Identität in Frage.

Diskussion und Fazit

Werdens Buch bietet eine solide recherchierte und vielseitige Auseinandersetzung mit der Scham-Schuldthematik in kollektivorientierten und individualisierten Gesellschaften. Sie berücksichtigt sowohl soziologische, psychologische als auch philosophische Zugangsweisen, bindet aber auch die anthropologische Perspektive mit ein. Sie skizziert wichtige historischen Meilensteine der Auseinandersetzung um Scham- und Schuldkonzepte sowie der Debatte um Scham- und Schuldkulturen. Sie entwirft eine neue spannende sog. Typologie, „die einen Begriff sowohl von Schuld wie auch von Scham vorlegt und zugleich ausweist, dass die Charakterisierung von kulturellen Kontexten als Schuld- und Schamkulturen eine sinnvolle, weil wichtige Unterscheidungsmerkmale aufgreifende Differenzierung darstellt.“ Dieses Buch ist eine empfehlenswerte Lektüre für alle, die sich eine grundlegende, die aktuelle Diskussionen aufgreifende und interdisziplinäre Einführung und Interpretation des Themas Scham- und Schuldkultur wünschen.


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 03.08.2016 zu: Rita Werden: Schamkultur und Schuldkultur. Revision einer Theorie. Aschendorff Verlag (Münster) 2015. ISBN 978-3-402-11932-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20539.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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