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Bob Bertolino, Michael Kiener u.a.: Therapie-Tools Lösungs- und ressourcen­orientierte Therapie

Cover Bob Bertolino, Michael Kiener, Ryan Patterson: Therapie-Tools Lösungs- und ressourcenorientierte Therapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 2., neu ausgestattete Auflage. 384 Seiten. ISBN 978-3-621-28302-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 51,90 sFr.

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Thema

Bei dem von Bob Bertolino, Michael Kiener und Ryan Patterson vorgelegten Buch handelt es sich um die 2015 erschienene zweite, neu ausgestattete Auflage des zunächst 2010 veröffentlichten Werkes. Es stellt insgesamt 97 Therapiematerialien, die sich für die therapeutische Arbeit mit Einzelnen, mit Familien und Gruppen eignen und auch für Beratung, Psychotherapie, Supervision und Organisationsentwicklung einsetzen lassen. Die meisten Übungen sind nicht nur für die therapeutisch Arbeit mit Erwachsenen, sondern ebenso für den Einsatz mit Kindern und Jugendlichen nutzbar. Die Übungen bieten zahlreiche Vorschläge für das ressourcen- und lösungsorientierte Vorgehen im Therapie- und Beratungskontext.

Autoren

  • Bob Bertolino ist promoviert in Philosophie, Paar- und Familientherapeut und Associate Professor an der Maryville University St. Louis, USA.
  • Michael Kiener ist Director eines Rehabilitation Counseling Program in St. Louis und Associate Professor an der Maryville University St. Louis, USA.
  • Ryan Patterson ist tätig für Youth in Need, St. Louis, USA.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst zunächst eine umfangreiche Einleitung und strukturiert dann die 97 Übungen in sieben Bereiche.

Alle Übungen – die als mehrseitige Arbeitsblätter strukturiert sind – sind gleich aufgebaut:

  • Zunächst werden einige Hintergrundinformationen gegeben und das Ziel beschrieben, bei dessen Erreichung das Arbeitsblatt zweckdienlich sein kann.
  • Es folgen Anwendungshinweise. Ist die Übung eher für Therapeut*innen gedacht oder für Klient*innen? Bei welcher Zielgruppe macht der Einsatz Sinn? Gibt es Querverweise zu anderen Arbeitsblättern etc.?
  • Es folgt eine kompakte Instruktion.
  • Es schließen sich die Arbeits- bzw. Übungsblätter selbst an.
  • Im Abschnitt „Hintergrund und Ziel“ werden kurz die der Übung zugrunde liegenden Prinzipen und Ziele erläutert.
  • Die Anwendungshinweise bieten Vorschläge hinsichtlich des Zeitpunkts und der geeigneten Klient*innengruppe sowie zum allgemeinen Therapiesetting.
  • „Querverweise“ stellen die Verbindung zu anderen Übungen im her.

Im Interesse einer übersichtlichen und einfachen Zuordnung der Übungen, sind die Arbeitsblätter jeweils mit verschiedenen Icons ausgestattet, die erläutern, für wen diese gedacht ist bzw. wie sie umgesetzt werden soll.

  • Der Icon „Therapeut*in“ steht für Übungen, die entweder nur von der/dem Therapeut*in ausgefüllt werden soll im Sinne der Selbstvergewisserung, des Perspektivwechsels etc. oder für diejenigen Arbeitsblätter, bei denen der/die Therapeut*in die Fragen des Arbeitsblattes den Klient*innen vorgibt und entsprechende Antworten festhält.
  • Das Symbol „Klient*in“ steht für die Arbeitsblätter, die als Arbeitsgrundlage den Klient*innen unmittelbar zur Verfügung gestellt werden.
  • Das Icon „Ran an den Stift“ taucht dann auf, wenn es Antworten und Einschätzungen direkt auf dem Arbeitsblatt zu notieren gilt.
  • Der Icon „Hier passiert was“ weist auf unmittelbare Handlungsanweisungen für Therapeut*innen und/oder Klient*innen hin.
  • „Ganz Ohr“: Dieses Icon kennzeichnet Abschnitte, in denen der/die Therapeut*in dem Klient*innen Fragen vorgibt und sich die Antworten notiert.
  • Der Icon „Input fürs Köpfchen“ gibt Anregungen für das Weiter- und Umdenken.
  • Der Icon „Mehr Wissen“ bietet Hinweise auf Quellen oder weiterführende Literatur.

Die Übungen sind so gestaltet, dass sie nicht in einer festen Reihenfolge ausgeführt werden müssen.

Teil I stellt einen Einstieg in das ressourcen- und lösungsorientierte Vorgehen dar und bietet Übungen an, die Therapeut*innen und Klient*innen dabei unterstützen wollen, einen Kontext für Veränderung schaffen. Dies zeigt bereits einen spannendes Aspekt des Konzeptes dieses Arbeitsbuches auf, nämlich den, dass das Buch sich zwar eigentlich an Therapeut*innen richtet, dennoch die meisten Übungen direkt von Klient*innen selbst erprobt bzw. durchgeführt werden können, gleichermaßen mit therapeutischer Unterstützung wie auch in der selbstgesteuerten Reflexion in Eigenregie.

Anliegen der Übungen in diesem Kapitel ist das Herbeiführen eines tieferen Verständnisses von Leitbildern und deren Wirkung auf die Therapie. Die Übungen laden ein zu einer Reflexion der eigenen Weltsicht und der persönlichen Haltung gegenüber Menschen und deren Veränderungsfähigkeit und -willigkeit. Außerdem werden Übungen angeboten, die die Aufmerksamkeit auf den Einfluss der Sprache richten und die zeigen, wie Wertschätzung, Respekt, Anerkennung und Lösungsvorschläge im Therapiegespräch vermittelt werden können.

Teil II widmet sich unter dem Stichwort Das Sammeln von Informationen der Vertiefung auf dem stärken- und lösungsorientierten Weg: Im Mittelpunkt stehen die Hauptaspekte ressourcen- und lösungsorientierter Therapien. Der Teil beginnt mit Übungen zum Storytelling, Rollentausch und Perspektivwechsel, aber auch zur Entwicklung neuer Ziele und Visionen. So werden Klient*innen angeregt, sich mit der Ursache und Wirkung ihrer Problem zu beschäftigen, Ziel und Ergebnisse zu unterscheiden oder durch Phantasiereisen und der Entwicklung ihrer Zukunftsvisionen entsprechende Veränderungsprozesse einzuleiten. Im Mittelpunkt steht das Anliegen, die Nöte und Bedarfe der Klient*innen zu erkennen und zu verstehen, damit in der Therapie Lösungsschritte zur Entwicklung und Nutzung der notwendigen Stärken und Ressourcen erkannt und umgesetzt werden können. Intendiert ist die Aktivierung des individuellen Veränderungsprozesses und das Erkennen der Effektivität der Therapie.

Teil III ist getitelt „Wiederbegegnung mit dem Selbst: Erfahrung, Affekt und Emotion“. Hier steht die Erkenntnis im Mittelpunkt, dass es für viele Klient*innen für ihren Veränderungsprozess wichtig ist, ihre inneren Erfahrungen ganz bewusst zu erleben und zu reflektieren. Die Autoren gehen davon aus, dass dieses Bewusstsein zu mehr Entspannung, Selbstkenntnis und Erfüllung führen kann. Folgerichtig werden in diesem Kapitel daher Übungen angeboten, die innere Erfahrungen mit dem Ziel der Heilung und Veränderung ermöglichen. Das soll durch Selbstreflexionsübungen oder auch durch Körperübungen erreicht werden. Ziel ist es, Wege zur Wiederherstellung der Verbindung zwischen dem Selbst und den wechselnden (z. B. visuellen, auditiven und kinästhetischen) Sinneserfahrungen aufzuzeigen (16). Angeboten werden auch Übungen, die Musik einbeziehen oder mit Visualiserungen arbeiten, wie etwa der Vorstellung von „therapeutischen Tattoos“ (195) oder Entspannungsübungen (z. B. 172).

Unter dem Motto „Ein Strauß voller Möglichkeiten“ nimmt Teil IV insbesondere „die Veränderung von Wahrnehmung und Perspektive“ in den Blick. So sollen die hier vorgestellten Übungen die Klient*innen dabei unterstützen, veränderte Wahrnehmungspositionen einzunehmen und vertraute Ansichten, Urteile, Überzeugungen und Identitäten durch Wahrnehmungsübungen, Reflexionsaufgaben oder Neuformulierung der eigenen Lebensgeschichte oder der Entwicklung des eigenen Lebenspuzzles aufzulockern und neu zu definieren. Dahinter steht die Vorstellung, dass die Klient*innen, indem sie ihre Lebensgeschichte selbst neu schreiben, auch ein neues Selbstbild entwickeln: „Diese durch die Beschäftigung mit Affekten, Erfahrungen und Emotionen ganz natürlich erfolgte Horizonterweiterung anzuerkennen, öffnet die Tür zu weiteren Möglichkeiten.“ (17).

Dies wird in Teil V vertieft. Unter den Stichworten „Leben in Bewegung: Die Veränderung von Aktions- und Interaktionsmustern“ werden Übungen präsentiert, die Therapeut*innen und Klient*innen dabei unterstützen, problematische Denk- und Verhaltensmuster zu identifizieren und zu verändern, zusätzlich aber auch neue, lösungs- und ressourcenorientiertere Aktions- und Interaktionsmöglichkeiten zu entdecken. Die Autoren ordnen die vorgeschlagenen Übungen in ihre theoretischen Referenzrahmen ein: „Behaviorale und interaktionale (familiensystemische) Ansätze betonen, wie wichtig es ist, Menschen bei der Veränderung ihrer eigenen Handlungsweisen und ihrer Beziehungsgestaltung zu helfen. Lösungsorientierte Ansätze konzentrieren sich außerdem darauf, was Menschen anders machen und wie sie das tun können.“ (17). Ihr Anliegen ist dabei, die Klient*innen durch die Erschließung der eigenen Stärken und Ressourcen zu ermutigen und zu erkennen, dass auch kleine Veränderungen nachhaltig und effektiv sein können, in dem Sinne, dass sie größere systemische Veränderungen in Gang bringen können. Da alle Autoren ursprünglich aus dem Kontext der Kinder- und Jugendtherapie kommen, sind viele Übungen hier verortet. Aber insbesondere in diesem Kapitel sind viele Anregungen besonders gut für die Arbeit mit Paaren und Familien geeignet.

Teil VI widmet sich noch stärker den intendierten Veränderungsprozessen. Unter dem Titel „Geschichten des Wandels: Veränderung, Fortschritt, Übergang und Ende“ werden Therapeut*innen und Klient*innen dabei unterstützt, entsprechende Veränderungen zu erkennen und zu verstärken, aber auch mögliche Rückschläge und Blockaden möglichst gut handhaben zu lernen. Daher kommt diesem Teil des Buches aus Autorensicht auch eine besonders hohe Bedeutung zu: „Dieser Übungsteil ist ganz entscheidend wichtig, weil er, auf schon vollzogenen Veränderungen auf-bauend, den Klienten Mut macht, Veränderungen selbst in die Hand zu nehmen.“ (17). Hier werden die Klient*innen anhand der Arbeitsblätter beispielsweise bei der Entwicklung eines neuen Lebensmottos oder bei der Definition neuer Lebenszusammenhänge unterstützt, lernen, sich durch neue Rituale „auf Kurs zu halten“ oder sich durch einen reflektierten Blick in den Spiegel selbst neu zu entdecken.

Unter dem Motto „Eine Kultur der Achtsamkeit und des Respekts: Beratungsgespräch, Supervision und Organisationsentwicklung“ geht es in Teil VII darum, wie Veränderungen (an-)erkannt werden können und aufzuzeigen, wie es für die Klient*innen erfolgreich weiter gehen kann. Wichtige Übungen sind etwa die Sauerstoffmasken-Übung, bei der der/die Klient*in lernt, gut auf sich und die eigenen Bedürfnisse zu achten, oder auch die Windmühlen-Übung, die unterstützen soll, achtsamer und bewußter mit den vorhandenen Kraftquellen umzugehen. Weitere Arbeitsblätter bringen die organisationale Perspektive ins Spiel oder unterstützen in Supersionszusammenhängen.

Fazit

Diese umfangreiche Publikation enthält 97 sehr unterschiedliche Übungen auf fast 400 Seiten. Sie sind sehr gut strukturiert, ohne große Einarbeitungszeit einsetz- und handhabbar. Sie decken methodisch sehr vielfältige Zugangsweisen, Lern- und Erkenntniswege sowie Methoden ab. Man merkt den Autoren an, dass sie über umfangreiche und langjährige Erfahrung in der lösungs- und ressourcenorientierten therapeutischen Arbeit mit Einzelnen, mit Familien und Gruppen und in der Beratung verfügen. Dieses Buch birgt einen reichen Schatz an analytischem und therapeutischem Wissen, den zu entdecken und zu heben eine Freude ist! Auch erfahrenen Berater*innen und Therapeut*innen bietet es neue Inspirationen. Im Übrigen lassen sich viele Übungen in leicht modifizierter Form auch in pädagogischen Kontexten – wie der Erwachsenen- oder Jugendbildung – gut einsetzen. Es darf behauptet werden, dass der nicht ganz risikolose Spagat, einerseits ein Arbeitsbuch für Therapeut*innen anbieten, anderseits aber auch Klient*inen selbst ansprechen zu wollen bzw. zu können, als gelungen betrachtet werden darf.

Besonders lobend muss außerdem erwähnt werden, dass der Beltz-Verlag auch dieses Buch beim Kauf des Printexemplars kostenfrei zusätzlich als ebook bereitstellt! Dafür ist der Preis von 39,95 EUR mehr als gerechtfertigt. Auch der Registrierungszugang für die Bereitstellung des ebooks funktioniert leicht und unkompliziert. Dieses Buch ist ein Muss für alle lösungs- und ressourcenorientiert arbeitenden Therapeut*innen und Berater*innen!


Rezensentin
Elisabeth Vanderheiden
Pädagogin, Germanistin, Mediatorin; Geschäftsführerin der Katholischen Erwachsenenbildung Rheinland-Pfalz, Leitung zahlreicher Projekte im Kontext von beruflicher Qualifizierung, allgemeiner und politischer Bildung; Herausgeberin zahlreicher Publikationen zu Gender-Fragen und Qualifizierung pädagogischen Personals, Medienpädagogik und aktuellen Themen der allgemeinen berufliche und politischen Bildung
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Zitiervorschlag
Elisabeth Vanderheiden. Rezension vom 24.03.2016 zu: Bob Bertolino, Michael Kiener, Ryan Patterson: Therapie-Tools Lösungs- und ressourcenorientierte Therapie. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2015. 2., neu ausgestattete Auflage. ISBN 978-3-621-28302-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20540.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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