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Michael Kaess, Romuald Brunner (Hrsg.): Borderline-Störungen im Jugendalter

Cover Michael Kaess, Romuald Brunner (Hrsg.): Borderline-Störungen im Jugendalter. Früherkennung und Frühintervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. 160 Seiten. ISBN 978-3-17-024307-1. D: 29,00 EUR, A: 29,90 EUR, CH: 39,90 sFr.
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Entstehungshintergrund und Thema

Es gibt seit längerem eine umfassende kontroverse Diskussion um die Diagnosestellung von Persönlichkeitsstörungen – insbesondere der sogenannten Borderline-Persönlichkeitsstörung im Jugendalter (vgl. Schmeck & Schlüter-Müller, 2009). Obwohl mittlerweile nachgewiesen ist, dass die Vorteile einer entsprechenden frühzeitigen Diagnose die Nachteile deutlich überwiegen (ebd.) und die Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-5 dies auch klar vorsehen, ist dies im klinischen Alltag immer noch nicht zur geltenden Praxis geworden.

Herausgeber

PD Dr. med. Michael Kaess ist geschäftsführender Oberarzt an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg. Er leitet dort die Ambulanz für Risikoverhalten und Selbstschädigung (AtR!Sk).

Prof. Dr. med. Romuald Brunner ist leitender Oberarzt und stellv. Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Heidelberg.

Aufbau

Vor dem einleitend beschriebenen Hintergrund stellen die Herausgeber den aktuellen Forschungsstand in Sachen Früherkennung und Frühintervention bei Borderline-Persönlichkeitsstörungen des Jugendalters dar: Das Buch

  • gibt einen Überblick über aktuelle Forschungsergebnisse,
  • stellt Diagnostik- und Behandlungsansätze klinisch und wissenschaftlich vor,
  • und zeigt evidenzbasierte therapieschulenübergreifende Behandlungsansätze (insbesondere im Hinblick auf frühe Interventionen) auf, um abschließend
  • einen Ausblick auf weitere Entwicklungs- und Forschungsfelder zu liefern.

Zur Umsetzung konnten namhafte Autoren und Autorinnen gewonnen werden, die den aktuellen internationalen Stand der Forschung skizzieren.

Inhalt

Im Vorwort machen die Herausgeber die Zielsetzung ihrer Publikation deutlich. Vor allem sei es wichtig, die Borderline-Persönlichkeitsstörung frühzeitig zu erkennen und zu benennen, um entsprechende evidenzbasierten Unterstützungsmaßnahmen rechtzeitig zu implementieren und einer Chronifizierung oder gar Fehlbehandlung vorzubeugen.

Rationale zur Früherkennung und -intervention der Borderline-Persönlichkeitsstörung (Michael Kaess & Romuald Brunner). In diesem ersten Kapitel diskutieren die Herausgeber wie bereits oben beschrieben Sinn und Gefahren einer frühzeitigen Diagnose einer Borderline-Persönlichkeitsstörung des Jugendalters. Sie liefern Evidenz zur Diagnose, Stabilität und Therapierbarkeit um daraus abzuleiten, dass die rechtzeitige Diagnosestellung nicht nur gerechtfertigt, sondern auch „ethisch richtig, evidenz-basiert und dringend notwendig“ sei (S. 19, Hervorh. d. Verf.).

Empirische Befunde bei Jugendlichen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung (Romuald Brunner & Franz Resch). Hier wird der aktuelle Stand der Forschung zu folgenden Themen dargestellt:

  • Prävalenz und Verlauf
  • Komorbidität
  • Neurobiologie
  • Genetik
  • Bildgebung
  • Endokrinologie und autonomes Nervensystem
  • Schmerzwahrnehmung
  • Umwelteinflüsse

Früherkennung und Diagnostik der Borderline-Persönlichkeitsstörung im Jugendalter (Gloria Fischer & Michael Kaess). In diesem Kapitel stellen die Autoren umfassend die Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-5 dar. Die Diagnose im Jugendalter weise eine vergleichbare Stabilität wie im Erwachsenenalter auf. Die einzelnen Symptome werden umfassend anhand von Fallbeispielen veranschaulicht, um dann auf Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen aufmerksam zu machen. Abschließend werden die aktuellen Diagnoseinstrumente (Interviews und Fragebögen) sowohl für Borderline-Persönlichkeitsstörung, Selbstverletzendes Verhalten und Komorbiditäten vorgestellt.

Grundprinzipien der Frühintervention von Borderline-Störungen im Jugendalter (Michael Kaess). Nachdem der Autor hier erneut die Vorteile von entsprechenden Frühinterventionen darstellt, werden deren Grundlagen beschrieben. Hierbei sollten im Wesentlichen vier Strategien verfolgt werden:

  1. Arbeit an der therapeutischen Beziehung
  2. Sicherstellung eines konsistenten Behandlungsprozesses
  3. Ressourcenorientierung
  4. Commitment/Therapiemotivation

Anschließend werden deutsche Modellbeispiele für Frühintervention von Borderline-Störungen im Jugendalter vorgestellt, konkret folgende:

  • Station „Wellenreiter“ in Lübeck
  • Ambulanz für Risikoverhalten und Selbstschädigung (AtR!Sk) in Heidelberg

Des Weiteren werden Evidenzen und Empfehlungen zu Psychotherapie und Pharmakotherapie des Störungsbildes geliefert.

Anschließend werden in jeweils eigenen Kapiteln die derzeit am besten evaluierten Therapiekonzepte vorgestellt:

  • Dialektisch Behaviorale Therapie für Adoleszente (DBT-A, Anne Kristin von Auer) – die derzeit am besten evaluierte Behandlungsstrategie; klar verhaltenstherapeutisch orientiert.
  • Behandlung von Jugendlichen mit Identitätsstörungen (AIT, Susanne Schlüter-Müller & Klaus Schmeck) – ein auf tiefenpsychologische Konzepte (Objektbeziehungstheorie) zurückgehendes, integratives Therapiekonzept, dass auch verhaltenstherapeutische Interventionen einbindet.
  • HYPE – ein kognitiv-analytisches Therapieprogramm zur Prävention und Frühintervention bei Borderline-Persönlichkeitsstörung (Chanen et al.) – eine „ganzheitliche Kurzzeittherapie“ (S. 119), die ähnlich wie die AIT auf die Objektbeziehungstheorie zurückgeht und zusätzlich kognitive Aspekte mit in den Vordergrund stellt und in Australien erfolgreich angewendet wird.

Die Herausgeber runden das Buch mit einer Zusammenfassung und einem Ausblick auf die weiteren Forschungsfelder in diesem Bereich ab.

Diskussion

Das rezensierte Buch ist rundum zu empfehlen. Es widmet sich einem immer noch eminent wichtigen Thema und bringt den aktuellen Stand des Wissens übersichtlich auf den Punkt. Die Literaturangaben sind gut recherchiert und sowohl für klinisch tätige als auch forschende Menschen sehr hilfreich. Es richtet sich in Anspruch und Form jedoch auch offensichtlich an Fachpersonal. Für Laien dürfte es zu komplex seien. Besonders hervorzuheben sind folgende Aspekte:

  1. Die Herausgeber beziehen in erfrischender Weise klar Stellung. So kritisieren sie beispielsweise ab Seite 15 die immer noch gängige klinische Praxis, entsprechende Diagnosen zu meiden sehr anschaulich anhand eines Fallbeispieles, das zum Nachdenken anregen kann.
  2. Insgesamt werden immer wieder anschauliche Fallbeispiele gebracht.
  3. Es wird ein guter Überblick über die aktuellen Diagnostikinstrumente gegeben. Hier wäre allerdings eine Bewertung wünschenswert gewesen.
  4. Der schulenübergreifende Ansatz ist besonders positiv hervorzuheben. So werden sowohl verhaltenstherapeutische (DBT-A) als auch auf tiefenpsychologisch orientierte Ansätze vorgestellt (AIT/HYPE). Entscheidend ist hier immer die Frage: Was wirkt?

Auch wenn es zu diesem Thema bereits andere hervorragende Bücher gibt, die auch auf Socialnet rezensiert wurden (z.B. Brunner & Resch, 2009; Fleischhaker et al., 2011; Schmeck & Schlüter-Müller, 2009), so ergänzt sich dieses sehr gut mit den genannten. Außerdem hält es eine Debatte „am Leben“, die immer noch wichtig ist, geführt zu werden.

Fazit

Das Buch ist hervorragend aufgebaut, recherchiert und gestaltet. Es richtet sich an Fachleute, die regelmäßig mit Jugendlichen mit Borderline-Persönlichkeitsstörungen arbeiten. Es verfolgt einen konsequent evidenzbasierten schulenübergreifenden Ansatz und sollte somit für die genannte Zielgruppe zur Pflichtlektüre werden.


Rezensent
Dr. Alexander Tewes
Leitender Dipl.-Psychologe, Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP) - Haus 4
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 11.08.2016 zu: Michael Kaess, Romuald Brunner (Hrsg.): Borderline-Störungen im Jugendalter. Früherkennung und Frühintervention. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2015. ISBN 978-3-17-024307-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20547.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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ISSN 2190-9245

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