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Frank-M. Staemmler: Kränkungen. Verständnis und Bewältigung alltäglicher Tragödien

Cover Frank-M. Staemmler: Kränkungen. Verständnis und Bewältigung alltäglicher Tragödien. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 170 Seiten. ISBN 978-3-608-94585-0. D: 19,95 EUR, A: 20,50 EUR.
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Autor

Frank-M. Staemmler ist Diplom-Psychologe, Psychologischer Psychotherapeut, Gestalttherapeut und Supervisor. Er ist in eigener Praxis tätig und an der Leitung des Zentrums für Gestalttherapie in Würzburg beteiligt. Zu gestalttherapeutischen und psychologischen Themen finden sich von ihm zahlreiche Veröffentlichungen.

Entstehungshintergrund, Thema und Absicht

Dem Autor ist es ein Anliegen, den an einem Kränkungsgeschehen beteiligten Personen zu ermöglichen, „ihre gemeinsame Situation mit Würde und in Verbundenheit zu bewältigen.“ (15, Hervorhebungen im Text)

Dabei kommt dem Begriff der „Würde“ eine zentrale Bedeutung zu als „eine schwer zu erschütternde Haltung der Ernsthaftigkeit, Verantwortlichkeit und Wahrhaftigkeit; sie zeigt sich im Respekt vor anderen Menschen und in einer Selbstachtung, die unempfindlich für Zweifel an den eigenen Menschenrechten und denen von anderen machen.“ (15) Diese hoch gesteckten Ambitionen stehen quer zu der in unserer Kultur verbreiteten Opfermentalität und einfachen Täter-Opfer-Denkmodellen und fragen nach eigenen Anteilen der Interaktion sowie alternativen Sichtweisen.

In diesem Sinne möchte der Autor Hilfestellungen zu einer befriedigenden Beziehungsgestaltung anbieten und entsprechend geht er das Thema in sorgfältigen kleinen pädagogischen Schritten/Abschnitten an.

Die Ausführungen gliedern sich in 18 Abschnitte, deren Hauptgedanken ich im Folgenden in Kürze wiedergebe.

Aufbau und Inhalte

Das Kapitel 1 thematisiert den schwer zu erkennenden Einfluss der uns umgebenden kulturellen Muster und Prägungen, das vielfach wie selbstverständlich angenommene Täter-Opfer-Denken und die Suche nach einem würdevollen Umgang miteinander. So schreibt der Autor „Ich würde mich freuen, wenn Ihnen der Text dabei hilft, Ihre Beziehungen mit den Menschen, die Ihnen am Herzen liegen, auf für Sie befriedigende Weise zu gestalten“ (16) und er lädt ein, ihn bezüglich Anregungen oder Fragen zu kontaktieren.

Kapitel 2 „Ohne böse Absicht“ nennt zwei Prämissen seiner Überlegungen, nämlich, dass Kränkungen in der Regel nicht beabsichtigt sind, deshalb auch die Schuldfrage, bzw. die Täter-Opfer-Sichtweise zu kurz greifen muss.

Kapitel 3 schildert sechs Situationen, in denen Kränkungen aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden.

Kapitel 4 widmet sich bedeutsamen Erlebens- und Verhaltensweisen, die in den angeführten Beispielen zum Tragen kommen: so z.B. Angriff, Rückzug, Erstarrung. Bei den aggressiven Reaktionsmustern („Flucht in die Aktivität“, Vorhaltungen und Beschuldigungen – vornehmlich Moralisieren mit Schuldvorwürfen, Revanche) lässt sich eine gefühlsmäßige Aufladung beobachten, die die eigene Rolle und Mit-Beteiligung an der Situation leicht ignoriert. Staemmler erwähnt das bekannte Täter-Opfer-Retter-Dreieck, in dem die Rollen wechselseitig aufeinander bezogen sind und sich gegenseitig stabilisieren.

Kapitel 5 – 9 geben „Einsichten in den kulturellen und psychologischen Hintergrund, vor dem sich Kränkungen abspielen“ (47):

  • Kap. 5 problematisiert die Anwendung von Metaphern (psychische Kränkungen nach dem Muster körperlicher Verletzungen verstanden) als zu mechanistisch und nicht angemessen für das, was in menschlichen Beziehungen stattfindet. Derartige Metaphern suggerieren, dass hier eine Ursache-Wirkungs-Verkettung vorliege.
  • Kap. 6 greift die Mechanik des Täter-Opfer-Denkens explizit auf: Der Kampf (meist) um den Opferstatus ist ein „manipulativer Machtkampf“ (58), bei dem es um moralische Überlegenheit geht, gleichzeitig aber die eigene Mitbeteiligung am Handlungsgeschehen verleugnet wird.
  • Kap. 7 thematisiert einen sogenannten „Attributionsfehler“ (63), bei dem aus einzelnen Erlebnissen generalisierende und prospektive Eigenschaften einer Person abzulesen versucht werden.
  • Kap.8 differenziert kontingentes Erleben von kausalen Verknüpfungen, d.h., dass eine von Person A als Kränkung erlebte Handlung kausal als von der anderen beteiligten Person B verursacht angenommen wird. Doch „das, was andere Menschen tun, ist niemals die Ursache für das, was wir fühlen“ (Rosenberg 2003, 138 H.d.V. zit. bei Staemmler 69).
  • Das Aufgeben dieser weit verbreiteten destruktiven, „rigiden und mechanistischen Logik“ (70) ist deshalb so wichtig, weil sie eine negative Spirale an Schuldzuweisungen in Gang setzt. (Kap. 9). Wichtig sei es vielmehr, auf die Rolle der Emotionen zu schauen, die von den meisten Menschen allerdings als etwas erlebt werden, das ihnen zustößt.

Kapitel 10 vertieft diese Zusammenhänge u.a. mit Referenzen zu Maturana und Varela, den Kronzeugen des biologischen Konstruktivismus. Wir sind durch Handlungen anderer nicht determiniert, in einer bestimmten Weise handeln zu müssen. Interaktionen sind Anlässe, Auslöser, Anreger für unser Handeln, keineswegs Instruktionen oder Kausalitäten. Meine emotionale innere Verfassung und der äußere Kontext werden eine geeignete Reaktion hervorrufen, die keineswegs bei allen Personen die gleichen Handlungen auslöst. Ein Ursache-Wirkungs-Denken ist bei Kränkungen also irreführend und kontraproduktiv.

Kapitel 11. Alle Menschen sind mehr oder weniger empfänglich für Kränkungen, weil alle der Anerkennung und Achtung anderer bedürfen. Insofern wir aber Konstrukteure unserer eigenen Wirklichkeiten sind, macht erst unsere Bewertung oder Interpretation eines Ereignisses dieses zu einer Kränkung, wir hätten auch die Chance, es vorbeiziehen zu lassen und unseren Selbstwert anders zu regulieren.

In Kapitel 12 schildert Staemmler die durch eine Kränkung hervorgerufene Wirkung als mangelnde und „misslungene empathische Abstimmung“ (98), die eine Beziehungsstörung als „Bruch mit der Verbundenheit zwischen den Beteiligten“ (113) verdeutlicht.

Kapitel 13 beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Perspektiven und Bedeutungskontexten der an der Kommunikation Beteiligten und wie und wodurch diese zu einem Scheitern der Verständigung führen können.

In Kapitel 14 fasst der Autor das bisher Gesagte zum Verständnis von Kränkungen unter dem „zentralen Konzept“ der „Interpretation“ zusammen (114): Mein Anspruch auf Anerkennung und emotionale Resonanz sowie meine kulturell geprägte Wahrnehmung der Situation entscheiden darüber, ob ich etwas als Kränkung ansehe oder nicht.

Ab Kapitel 15 kommt die Ratgeber-Intention zum Tragen: „Welche praktischen Konsequenzen man aus alldem für sein eigenes Leben ziehen kann“. (117)

Und so geht es in Kapitel 16 um „Sofortmaßnahmen“ (119f), um aus dem Täter-Opfer-Schema aussteigen zu können und entstandenes Leid zu mindern. Dafür ist es wichtig, sowohl das Tun und Erleben der gekränkten Person als auch das derjenigen, die die Kränkung ausgelöst hat, wahrzunehmen; ferner sollten die Beteiligten sich ihre jeweiligen Bezugssysteme verstehbar machen und sich „ehrlich um Verzeihung bitten“ (152). Dafür, wie dies erfolgen könnte, macht Staemmler eine Reihe sehr konkreter Vorschläge. (119-152)

In Kapitel 17 „Prävention. Verhinderung von Leid“ beschäftigt sich der Autor mit dem Aspekt der Fürsorge für den Anderen, d.h., wie kann es gelingen, den Anderen nicht mehr zu kränken – hier ist in einem hohen Maße Achtsamkeit gefragt (156) Staemmler zitiert hier die sogenannte „Goldene Regel“ (und ähnlich lautende, dem Kantischen Imperativ angelehnte Maximen): „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem Andern zu!“ (163) Aber es braucht auch ein Interesse dafür, ob andere nicht möglicherweise ganz anders empfinden als ich, dann wäre es fatal, die eigene Sicht als allgemeingültig anzunehmen.

Ein weiterer Aspekt dieses Kapitels ist die Selbstfürsorge, d.h., wie kann es mir gelingen, etwas an meiner Kränkbarkeit zu ändern und weniger empfänglich für Kränkungen zu werden. Hier sind Selbstreflexivität und Introspektion gefragt, unsere Einstellungen und Überzeugungen zu erkunden, an denen sich bislang Kränkungen anderer festmachen konnten. „Die eigene Kränkbarkeit zu reduzieren, beginnt damit, die eigene Gewissheit zu reduzieren“ (167, kursiv im Original). Das Anerkennen dieser Unsicherheit hat eine große Bedeutung, wenn es um eigene narzisstische Verwundungen und Verletzungen aus unsicherer Bindung geht. In diesem Zusammenhang versucht Staemmler den Begriff des Bedürfnisses zu entmystifizieren und schlägt vor, statt dessen von Wünschen zu sprechen: „Die Wahrscheinlichkeit, sich gekränkt zu fühlen, sinkt, je weniger man an seine Wünsche die Erwartung, die Forderung oder den Anspruch koppelt, sie müssten so erfüllt werden, wie man es sich zunächst vorgestellt hat.“ (181, kursiv im Original) Viele meditative oder spirituelle Wege haben eine Selbstrelativierung zum Ziel und so kann es durchaus sein, dass Frustrationen und das Nicht-Erfülltwerden von Wünschen sich langfristig als „glückliche Wendungen“ (182) erweisen können. Staemmler bringt hier den Begriff der „Demut“ ins Spiel, d.h., die eigene Person ist nicht mehr der absolute Mittelpunkt im eigenen Erleben (185), auch dadurch werde die Kränkbarkeit reduziert.

Im abschließenden Kapitel 18 benennt Staemmler noch einmal in Kürze sein Anliegen, sich gegen Vereinfachungen und einschränkende Schematisierungen zu wenden und zu betonen, dass Kränkungen das Ergebnis von Interaktionen sind, „an denen zwei Menschen beteiligt sind, deren spezielles Zusammenwirken das Zustandekommen einer Kränkung zur Folge hat.“ (190, kursiv im Original)

Diskussion

Es ist ein klug geschriebenes Buch, das wichtige Autoren und Stimmen des gegenwärtigen psycho-sozialen Diskurses zur Kenntnis nimmt (u.a. Habermas, Buber, Honneth, Bieri).

Was dabei meines Erachtens überschätzt wird, ist die Möglichkeit, Emotionen durch kognitive Einsichten zu lenken. Auf S. 45 schreibt Staemmler selbst: „Bei Kränkungen, die extrem wehtun und bei denen die betroffene Person abwechselnd vom Rückzugs- in das Angriffsmuster fällt, werden die heftigen Emotionen bisweilen als eine Art ‚Gefühlssturm‘ erlebt, der über sie hinwegfegt und sie hin und her beutelt. (…, C.H.) Die gekränkte Person selbst ist unter diesen Umständen oft aber nicht mehr in der Lage, eine selbstkritische Beobachter-Perspektive bezüglich des eigenen Erlebens zu beziehen (…, C.H.).“ (45) Dies offenbart gleichzeitig auch die Grenzen eines so auf Einsicht angelegten Ratgebers: alle guten Vorsätze sind wie ausradiert, wenn existenzielle Kränkungsmuster berührt werden. Doch was kann da wirklich helfen, aus dem Täter-Opfer-Verhalten rauszukommen?

Ist da nicht eine Ebene, die unterhalb der rationalen kognitiven Ebene ansetzt, nämlich beim Atmen, beim Vegetativum, auf der Körperebene oder beim „Autopiloten“ [1] möglicherweise hilfreicher und „erfolgsversprechender“?

Dennoch ist dieses Buch ein lohnender Anstoß, sich auf kognitiver Ebene mit unseren kulturspezifisch geprägten und so unbewusst funktionierenden Denk- und Bewältigungsmustern auseinanderzusetzen.

Doch: Ist dieses Verstehenwollen (Interpretieren: Interpretation als zentrales Konzept) nicht ein typischer westlicher Bemächtigungsmodus – und darum nicht zuletzt auch in der qualitativen Forschung in Verruf geraten?! Die frühen Ethnologen meinten durch Beobachtung und Beschreibung das Wesentliche ihrer Forschungssubjekte/-objekte erfassen zu können. Die Krise der Repräsentation [2] hat diese „schöne“ Illusion nachhaltig gestört und deutlich werden lassen, dass alle Aussagen über die Außenwelt immer Aussagen über unsere eigenen Prämissen sind. Darum kann ich eigentlich nur meine eigene Wahrnehmung und mein Erleben erforschen. Natürlich brauchen wir unsere Umwelt und unsere Mitmenschen, um uns in unseren Möglichkeiten erfahren zu können. Aber jede Interpretation eines Verhaltens von Anderen bleibt letztlich eine Aussage über mich selbst. Hier zeigt sich in dem Buch von Staemmler ein eigenartiger Bruch: er betont ja durchaus, dass wir unsere eigene Welt und unser eigenes (emotionales) Erleben konstruieren. Aber wie ist es zu verstehen, dass er die vorgebrachten Beispiele (Kap. 3) interpretiert und nicht die Betroffenen selbst zu Wort kommen lässt? Dass die von ihm geforderte Introspektion und Selbstreflektion für den Verfasser des Ratgebers nicht gilt? Und zunächst wäre einmal zu fragen: warum schreibt einer einen Ratgeber? Warum nicht eine Selbstexploration?

Warum sprechen mich Autoren, die über ihren eigenen Weg und über sich berichten, die „sich zeigen“, so viel mehr an, als wenn sie mir etwas beibringen/zeigen, mich beraten wollen – und sei es noch so gut gemeint? [3]

Wenn Staemmler schreibt, dass „keine der Beteiligten die Macht hat, der jeweils anderen ihre eigene Deutung der gemeinsamen Situation aufzuzwingen – es sei denn, die andere macht dabei mit“ (190) so mutet es merkwürdig an, dass die betroffene Klientin in dem von ihm angeführten Beispiel nicht zu Wort kommt, sondern nur seine eigene Interpretation angeboten wird.

Vor allem in den ersten Kapiteln betont er die Abhängigkeit des eigenen Kränkungs- und Beziehungserlebens von biographischen, situativen, emotionalen und anderen kontextualen Aspekten. Um dann in Kapitel 13 so fragwürdige und selbst in Psychologenkreisen inzwischen umstrittene Konstrukte wie „Projektive Identifizierung“, „Übertragung“ und „Szenisches Verstehen“ heranzuziehen. Wie steht es um die Eigenverantwortung des Therapeuten, wenn er sich zum „Mitspielen“ genötigt sieht? Staemmler schreibt selbst, dass das, was nichts mit uns zu tun hat, uns emotional gar nicht berührt und erreicht. Gilt das nicht für Therapeuten? Diese Exkurse schmecken eigenartig.

Wo Staemmler auf eine in Kap. 3 geschilderte, ihn selbst betreffende Interaktion zurückgreift (104 f.) und feststellt: „Diejenigen, die durch ihr Verhalten die Kränkung bei ihrer jeweiligen Bezugsperson ausgelöst haben, hatten durchaus redliche Gründe und keine bösen Absichten (…). Und diejenigen, die sich gekränkt fühlten, konnten durchaus plausible Gründe für ihr Erleben anführen“(105), verdeutlichen die bewertenden Adjektive, dass hier eine moralische und ‚exkulpierende‘ Ebene durch den interpretierenden Beobachter eingezogen wird. Zumal nur der Autor interpretiert und deutet, zeigt sich hier, wer die Definitionsmacht hat und wie schnell die Wechselseitigkeit der Perspektiven in hierarchischen Beziehungen an Grenzen stößt. Auf S. 110 ff greift der Autor dann auf psychoanalytisches Vokabular zurück: „Agieren“ und „Übertragen“ schaffe neue Probleme, weil traumatische frühere Erfahrungen in den aktuellen Beziehungen mit anderen inszeniert werden: „Um unter den Bedingungen solcher Inszenierungen, während derer man selbst zum Teil der Szene gemacht wird, die notwendige Distanz zu bewahren und sich nicht persönlich betroffen zu fühlen, sondern Verständnis für die Inszenierung aufbringen zu können, braucht es sowohl ein beträchtliches Maß an Engagement und Sensibilität als auch die Fähigkeit, selbst unter solchen schwierigen Umständen gerade das nicht persönlich zu nehmen, was aufgrund der Übertragung sehr persönlich zum Ausdruck gebracht wird. Das ist schon für erfahrene Therapeuten keine kleine Herausforderung (wenn sie sich nicht hinter ihrer Berufsrolle verstecken) und für therapeutisch unerfahrene Menschen im Alltag kaum zu leisten.“ (111/112) Hat der Therapeut hier als Gegenüber seine Autonomie verloren und schlüpft in die Opferrolle? Welche Macht/Täterrolle wird hier dem agierenden und übertragenden Klienten zugewiesen, wenn Therapeuten nur noch „spüren, dass hier etwas mit ihnen geschieht, das sie eigentlich gar nicht wollen.“? (112) Ja, was wollen sie denn stattdessen? In ihrer großartigen Helfer- und Beraterrolle anerkannt zu werden? Gut, strahlend und machtfern???

So notwendig und wichtig es mir scheint, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen: Ich vermisse in diesem Buch das eigene explizit genannte Erkenntnisinteresse des Autors, das Erkenntnissubjekt. Die ihn selbst involvierenden Situationen, die als Beispiele (Kap. 3) herangezogen werden, schildern andere (Klienten), die sich von ihm gekränkt fühlen. Auch wenn es therapeutischer Usus ist, Klienten Interpretationen und Verständnisangebote vorzuschlagen: ohne eine ehrliche Begegnung im Sinne M. Bubers (Ich und Du) wird jede Interpretation eine Wissen anmaßende Machtgeste bedeuten, solange der/die Beschriebene nicht selbst zu Wort kommen, korrigierend eingreifen oder seine/ihre Sicht der Interaktion darstellen kann.

Fazit

Ein klug und sehr kleinschrittig angelegtes Buch, das seinem Anspruch als Ratgeber in jeder Hinsicht gerecht zu werden sucht. Ob es in emotional so hoch aufgeladenen Situationen wirklich helfen kann, mag bezweifelt werden. Eher ist es wohl geeignet, an kulturspezifische Verengungen und Muster unbequeme Fragen zu stellen und eventuell hier neue Denkprozesse zu initiieren. Für die in der Sozialen Arbeit Tätigen kann dieser nützliche und lesenswerte Ratgeber empfohlen werden.


[1] Kabat-Zinn, Jon (2011): Gesund durch Meditation. Das große Buch der Selbstheilung. München: MensSana

[2] S. ausführlich Berg, Eberhard/ Fuchs, Martin (Hg.) (1993): Kultur, Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation. Frankfurt a. Main: Suhrkamp

[3] Ein gutes Gegenbeispiel zum Ratgeber wäre das Buch „Triffst Du Buddha unterwegs“ von dem auch in Staemmlers Buch zitierten S.B. Kopp (Fischer 1993), dessen hier beschriebener Erfahrungsweg gleichsam unbeabsichtigt(?) als Ratgeber wirkt.


Rezension von
Prof. Dr. em. Christel Hafke
em. Professorin der Fachhochschule Emden, lehrte schwerpunktmäßig im Bereich Kultur/Ästhetik/Medien, Soziologie und Ethik
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Zitiervorschlag
Christel Hafke. Rezension vom 27.06.2016 zu: Frank-M. Staemmler: Kränkungen. Verständnis und Bewältigung alltäglicher Tragödien. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-94585-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20549.php, Datum des Zugriffs 14.08.2020.


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