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Anja Henningsen, Elisabeth Tuider u.a. (Hrsg.): Sexualpädagogik kontrovers

Cover Anja Henningsen, Elisabeth Tuider, Stefan Timmermanns (Hrsg.): Sexualpädagogik kontrovers. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. 150 Seiten. ISBN 978-3-7799-3273-4. D: 16,95 EUR, A: 17,50 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Im vorliegenden Sammelband werden differenzierende Beiträge zu Fachdebatten um sexuelle Bildung und Sexualpädagogik (der Vielfalt) vorgestellt: „Der Sammelband will damit sowohl den historischen wie auch den aktuellen Vereinnahmungstendenzen und Diffamierungen von Sexualität, Pädagogik und sexueller Vielfalt entgegen treten“ (S. 14).

Aufbau

Der Sammelband vereint nach der Einleitung elf Beiträge zu heterogenen Themen der Sexualpädagogik, mit der ausdrücklichen Intention, „den aktuellen Vereinnahmungstendenzen und Diffamierungen von Sexualität, Pädagogik und Vielfalt“ entgegenzutreten (Zitat vom Backcover des Buches). Dazu werden einerseits aktuelle Debatten um Vielfalt und Vielfältigkeit von Geschlecht und Sexualität analysiert, andererseits zentrale Prämissen der Sexualpädagogik dargestellt.

  • In der Einleitung der Herausgeber*innen werden widersprüchliche Gleichzeitigkeiten und Sexualpädagogik in der Kontroverse thematisiert (so auch der entsprechende Untertitel der Einleitung) (S. 7-16).
  • Stefan Timmermanns widmet sich in seinem Beitrag unter dem Titel „Vielfalt erwächst aus Freiheit“ der theoretischen Verortung von Sexualpädagogik der Vielfalt (S. 17- 31).
  • Ulrike Schmauch fokussiert sexualpädagogisches Handeln in der Sozialen Arbeit (S. 32-45).
  • Anja Henningsen erkundet in ihrem gleichnamigen Beitrag Professionalität und Zuständigkeit sexualpädagogischer Expert_innen (S. 46-68).
  • Die Didaktik der Sexualpädagogik untersucht Uwe Sielert und geht dabei, wie im Untertitel angedeutet, auf historische und systematische Kontroversen ein (S. 69-88).
  • Ann-Kathrin Kahle fragt in ihrem Beitrag danach, ob Sexualität gelernt werde muss (S. 89-104).
  • Katja Krolzik-Matthei und Heinz-Jürgen Voss thematisieren Gewalt (in Zusammenhängen mit Sexualität) und nehmen aktuelle Forschungen und Debatten in den Blick (S. 105-119).
  • Anja Henningsen liefert in ihrem Beitrag zu sexueller Bildung und Gewaltprävention eine systematische Reflexion zur Prävention sexualisierter Gewalt in pädagogischen Kontexten (S. 120-141).
  • Andreas Kemper beschreibt in seinem gleichnamigen Beitrag die AfD und ihr Verständnis von Geschlecht und Sexualität (S. 142-158).
  • Robert Claus erkundet Sexualitätsdiskurse im Maskulismus, die er zwischen Falschbeschuldigungen und Zeugungsstreik verortet (S. 159-175).
  • Elisabeth Tuider diskutiert in ihrem gleichnamigen Beitrag diskursive Gemengelagen. Das Bild vom „unschuldigen, reinen Kind“ in aktuellen Sexualitätsdiskursen (S. 176-193).
  • Joachim von Gottberg thematisiert Toleranz als Botschaft und beschreibt in seinem Beitrag (so auch der Untertitel), wie Meiden die Sexualethik verändern (S. 194-210).

Das Autor_innenverzeichnis beschließt den Band.

Ausgewählte Inhalte

Wie bei Sammelbänden üblich wird eine zufällig vorgenommene Auswahl von Beiträgen rezensiert.

Anja Henningsen, Elisabeth Tuider und Stefan Timmermanns konstatieren widersprüchliche Gleichzeitigkeiten und eine Sexualpädagogik in der Kontroverse in ihrer gleichnamigen Einleitung. Darin wird zum einen auf die kritische Sexualwissenschaft verwiesen, zum anderen auf die Ideologisierung des Sexuellen und der Sexualwissenschaft. Widersprüchliche Gleichzeitigkeiten machen sie aus im Hinblick auf sich verändernde Gesetzeslagen und sich verändernde Sichtweisen im medizinisch-psychiatrisierenden Blick auf das, was jeweils als sexuelle Perversion gilt (und, da der Sammelband lange vor der Abstimmung der „Ehe für alleerschien, wäre es sicher äußerst spannend zu sehen, wie die AutorInnen als Abstimmungsergebnis einordnen). Mit Verweisen auf Glücks (et al.) 1991 erschieneneHeiße Eisen in der Sexualerziehungwird auf Homosexualität als das damalige heiße Eisen verwiesen, mit der (eher rhetorischen) Frage, ob sie das bis heute geblieben sei. Daneben wird auf veränderte Gesetzeslagen für Transsexuelle verwiesen. Im knapp skizzierten Diskursverlauf sexualpädagogischer Fachdebatten wird auf die Sexualpädagogik der Vielfalt (als Gefahrenverursacherin) rekurriert. Die AutorInnen geben dazu auch als Ziel des Sammelbands an, „… sowohl den historischen wie auch den aktuellen Vereinnahmungstendenzen und Diffamierungen von Sexualität, Pädagogik und sexueller Vielfalt entgegen zu treten“ (S. 14).

Ulrike Schmauch thematisiert in ihrem Beitrag sexualpädagogisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Nach einer einleitenden Vorbemerkung zur Relevanz sexualpädagogischen Handelns in der Sozialen Arbeit wird auf Körperlichkeit und Sexualität im Kontext von Nähe, Distanz und Grenzen rekurriert. Darin wird auf die widersprüchliche Einheit der paradoxalen Anforderungen in der Profession eingegangen, Nähe und Distanz zuzulassen, Körperlichkeit wahrzunehmen, einzusetzen (und auch wieder zurückzunehmen), während der Bereich Sexualität vorrangig als Thema in verschiedenen Arbeits- und Praxisfeldern (etwa der Kinder- und Jugendhilfe oder der Altenarbeit) dargestellt wird. Gefühle und Reaktionen sozialer Fachkräfte stehen im Mittelpunkt des nächsten größeren Themenabschnitts. Formen und Gründe von Unsicherheit werden darin thematisiert und vorrangig in Sprachhemmnissen, Grenzüberschreitungen von Seiten der Klient*innen und abweichenden Verhältnissen in Bezug auf die Sexualmoral gesehen. Daran schließen sich Beispiele für gelungenes berufliches Handeln an. Die Bewertung als gelungenes Handeln sieht Schmauch gegeben, da hier „ … das Körperliche und Sexuelle dazu dienen, nichtsexuelle Bedürfnisse von Kindern abzuwehren und zu verbergen“ (S. 39). Im Anschluss stellt Ulrike Schmauch grundlegende Annahmen zu Sexualität und sexueller Bildung vor (mit folgenden Positionen: Sexualität als komplexes Ganzes, heterologes Konzept von kindlicher Sexualität, Pluralität sexueller Sinnaspekte, ungeteiltes Sexualitätskonzept, Alltagsbezug des Sexualitätsthemas, Sexualität als Luxusthema, aktuelle Themen im sexualpädagogischen Fachdiskurs, sexuelle Vielfalt und sexuelle Vielfalt und Regenbogenkompetenz). Sie rundet ihren Beitrag mit der Forderung ab, sexuelle Bildung in sozialen Studiengängen curricular zu verankern.

Uwe Sielert zeichnet in seinem Beitrag die Didaktik der Sexualpädagogik in Bezug auf historische und systematische Kontroversen nach. Nach einem kurzen einführenden Abschnitt erläutert er diskursiv und chronologisch die Zeitgeschichte sexualpädagogischer Didaktik. So wird der Repressionsdiskurs ebenso thematisiert wie der Befreiungsdiskurs, der sich daran anschließende Aufklärungsdiskurs als auch der Gefahrendiskurs und der Professionalisierungsdiskurs. Im Anschluss reflektiert Sielert didaktische Themen der Sexualpädagogik. Beginnend mit dem Sexualitätsverständnis leitet er über zur Frage der Sexualität (in) sexualpädagogischer Didaktik, greift den Komplex der Wissenschaftsorientierung in der sexualpädagogischen Didaktik auf und beleuchtet Fragen der Didaktik der Sexualpädagogik im Kontext einer kritischen Präventionstheorie. Der letzte Abschnitt beantwortet die Frage, wie viel Professionalität sexualpädagogische Didaktik braucht, mit weiterführenden Reflexionsfragen, aber auch mit (impliziten) Forderungen nach einer soliden empirischen Didaktikforschung zur Sexualpädagogik.

Elisabeth Tuider beschreibt in ihrem Beitrag diskursive Gemengelagen – insbesondere das Bild vom „reinen, unschuldigen Kind“ in aktuellen Sexualitätdiskursen. Sie konstatiert darin eine Diskursivierung von sexueller Vielfalt und Sexualpädagogik als normatives Verhandlungsfeld. In dieses Verhandlungsfeld stoßen die von ihr rekonstruierten Angriffe (genauer: der antifeministischen Diskreditierungen) vor. Das rekonstruierte Muster der Angriffe wird zum einen in diskursiven Verkettungen deutlich: „zentrales Muster der Diskreditierung von sexualpädagogischer Praxis und Sexualwissenschaft ist die diskursive Verkettung (im Original unterstrichen) von Altersangabe, Reizwort … und dem Stichwort ‚praktische Übungen‘, wobei letzteres die Imagination nicht nur von Sexualität im Klassenzimmer, sondern auch von Sexualität zwischen ‚verführtem Kind‘ und sexualpädagogisch tätigem Erwachsenem nahe legt“ (S. 179), zum anderen in Dekontextualisierungen und dem Angst-Schüren. Alle drei Muster werden im Kinderschutzdiskurs zusammengefasst und aktualisiert (das Kind vor sexueller Gewalt schützen, indem es [letztlich] vor Sexualität geschützt wird). Gleichzeitig wird das Kinderschutzargument eingebettet in Rassismus-, Sexismus- und Nationalismuskontexte und damit letztlich in Biopolitik-Kontexte verwoben.

Diskussion

Anja Henningsen, Elisabeth Tuider und Stefan Timmermanns berichten in ihrer ebenfalls so betitelten Einleitung über widersprüchliche Gleichzeitigkeiten und eine Sexualpädagogik in der Kontroverse. Darin wird neben Homo- auf Transsexualität verwiesen, wobei hier kritisch anzumerken ist, dass sich inzwischen längst eher der Begriff Transidentität durchgesetzt hat (und aus verschiedenen Ideologiekritiken gespeist wird), daher bleibt es eher unverständlich, warum weder die Kritik noch der Begriff aufgenommen wurde.

Ulrike Schmauch thematisiert sexualpädagogisches Handeln in der Sozialen Arbeit. Die vorgestellten Praxisbeispiele für gelungenes berufliches Handeln werfen jedoch an sich mehr Fragen auf, als an Antworten dann vorgeschlagen wird. Fast allen Praxisbeispielen ist eine psychodynamische Orientierung unterstellt – die Abwehr der Gefühle stellt dann das gelungene Handeln dar. Die sich hier (fast zwangsläufig) ergebenden Frage nach der „Richtigkeit“ der Interpretation der Situation wird weder gestellt noch beantwortet. Im größeren, abstrakten Maßstab gesehen: Professionalität ist dann gegeben, wenn Situationen (mit der sexuellen Tönung) von Seiten der sozialen Fachkraft abgewehrt werden? Und um den Bogen zurück zum Titel zu schlagen: wann ist sexualpädagogisches Handeln in der Sozialen Arbeit nach Schmauch gegeben? Der sich aufdrängende Schluss: gemäß der Autorin dann, wenn abgewehrt wird … und (rhetorisch überspitzt): Profession als Abwehr?

Uwe Sielert zeigt in seinem Beitrag Diskursstränge der Didaktik der Sexualpädagogik auf und ordnet diese zeitgeschichtlich ein. In der systematischen Reflexion didaktischer Themen der Sexualpädagogik fällt jedoch auf, dass er auf eine kritische Präventionstheorie rekurriert. Mal abgesehen davon, dass Sielert in diesem Abschnitt „lediglich“ auf Präventionsbemühungen und -anstrengungen verweist, keinesfalls auf eine Präventionstheorie (deren Existenz lediglich postuliert wird, nicht erwiesen), bleibt noch zu fragen und zu kritisieren, wann, wo und von wem eine „kritische“ Präventionstheorie bisher (nicht) aufgestellt wurde. Im Beitrag selbst wird jedenfalls nur zu kritisch zu betrachtenden Einsätzen von Präventionsthemen reflektiert. Der Anspruch einer Reflexion einer kritischen Präventionstheorie wird jedenfalls nicht eingelöst.

Elisabeth Tuider rekonstruiert in ihrem Beitrag diskursive Gemengelagen in aktuellen Sexualitätsdiskursen am Beispiel der Figuration des „unschuldigen, reinen Kindes“. Die identifizierten 3 Muster (diskursive Verkettungen, Dekontextualisierungen und Angst-Schüren) werden in der Figur des unschuldigen, reinen Kindes zusammengeführt, das es vor Gefahren zu schützen gilt. Gleichzeitig wird diese Denkfigur als eingebettet in nationalistische und rassistische Denk- und Argumentationsmuster rekonstruier. Problematisch (aus wissenschaftstheoretischer wie methodologischer Sicht) erscheint hingegen die nicht hergeleitete und nicht begründete, aber kausal erscheinende Verknüpfung des zeitgleich auftretenden Phänomens von Pegida-Demonstrationen und der „ … intensiven Diskursivierung von sexueller Vielfalt und der darin eingelagerten Figur des ‚unschuldigen Kindes‘“ (S. 188).

Fazit

Der Band „Sexualpädagogik kontrovers“ greift eine Vielzahl aktueller Debattenstränge auf, zeigt aber gleichzeitig unreflektiert einen deutlichen nationalen Bezug. So wird bereits in der Einleitung von den Herausgeber*innen darauf verwiesen, dass die Beiträge von Autor*innen stammen, die (vorrangig und/oder ausschließlich) im deutschsprachigen Raum auf Tagungen (und hier wiederum auf Tagungen des Instituts für Sexualpädagogik) Themen vorgetragen haben. Unklar bleibt, warum internationale Autor*innen, Themen und Diskursstränge unbeachtet bleiben – einer fachwissenschaftlichen Debatte ist ein solche Exklusion unwürdig, vermutlich aber eher schädlich. Methodisch fragwürdig ist ein solcher Ausschluss allemal. Insofern vertritt das Buch ausschließlich (und womöglich einseitig) Positionen im Rechtsgebiet der BRD.


Rezension von
Dr. Miriam Damrow
Hochschule Magdeburg-Stendal
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 11.08.2017 zu: Anja Henningsen, Elisabeth Tuider, Stefan Timmermanns (Hrsg.): Sexualpädagogik kontrovers. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2015. ISBN 978-3-7799-3273-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20551.php, Datum des Zugriffs 28.11.2021.


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