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Gisela Eife: Analytische Individual­psychologie in der therapeutischen Praxis

Cover Gisela Eife: Analytische Individualpsychologie in der therapeutischen Praxis. Das Konzept Alfred Adlers aus existentieller Perspektive. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-17-026864-7. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.
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Thema

Um die Individualpsychologie war es längere Zeit eher still geworden; aber in jüngerer Zeit tritt sie wieder in den Vordergrund, etwa mit dem Handbuch der individualpsychologischen Beratung in Theorie und Praxis von Fuest u.a. 2014. Auch die Veröffentlichung von Gisela Eife zählt hierzu; die Individualpsychologie bereichert damit den Fundus an Formen der Therapie und der Beratung. Das vorliegende Buch ist auf therapeutische Praxis zentriert. Es betrachtet therapeutische Arbeit als „existenzielle Herausforderung“ für die gesamte Person.

Autor

Gisela Eife ist Ärztin für Psychoanalyse und Individualpsychologie. Sie ist als Dozentin, Supervisorin und Lehranalytikerin am Alfred Adler Institut München tätig.

Entstehungshintergrund

Über den Entstehungshintergrund des Buches erfährt der Leser recht wenig, auch nicht in dem knappen Vorwort. Implizit wird jedoch deutlich, dass dieses Buch aus reichhaltigen Erfahrungen in therapeutischer Praxis sowie in der psychotherapeutischen Lehrtätigkeit entstanden ist. Im Vorwort wird zudem darauf hingewiesen, dass der reichhaltige Erkenntnisschatz unterschiedlicher psychotherapeutischer Ausrichtungen für die spezifischer individualpsychologische Arbeit nutzbar gemacht werden soll.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst etwa 250 Seiten. Es ist in zwölf Hauptkapitel gegliedert:

  1. Eine Einführung soll in Adlers Denken einstimmen, stellt Grundkonzepte und -begriffe dar, beleuchtet die Differenz zwischen Adler und Freud und bietet dann eine Aufarbeitung einiger Besonderheiten der Adler´schen Theorie.
  2. Die Lebensbewegung: Lebensstil in jedem Phänomen: Hier werden drei kurze Fallvignetten dargestellt und aus diesen die Bedeutung des Lebenstil-Konzepts sowie die „ganzheitliche“ Sichtweise herausgearbeitet.
  3. Das Subjektiv-Individuelle in der Lebensbewegung: Dieses Kapitel führt die Fallvignetten in Form einer ausführlicheren Falldarstellung einer Patientin mit Borderline-Persönlichkeitsstörung fort. Hier soll der holistische Charakter und dessen Funktion zum Verstehen deutlicher herausgearbeitet werden. Von dort ausgehend werden eine entwicklungspsychologische und die individualpsychologische Perspektive erörtert. Eine ausführliche Falldeutung schließt sich an.
  4. Das Leiden an den Zielen: Wiederum von einer Falldarstellung ausgehend werden Aspekte der Finalität diskutiert. Dabei erfolgt eine vertiefende, vergleichende Diskussion zur Psychoanalyse (Ideal-Ich, moi nach Lacan). Die Dynamik der Störungen wird differenziert analysiert, auch „das Leiden an der Neurose“.
  5. Das Ziel erzwingen: Mit diesem besonderen Aspekt beschäftigen sich die Ausführungen unter 5., wiederum anhand eines Fallbeispiels.
  6. Veränderungen im Verlauf der Therapie: Aus einem Beispiel wird herausgearbeitet, inwiefern das Verständnis von Gesamtzusammenhängen Veränderungen in der Therapie möglich macht und anstößt. Der Schwerpunkt liegt in der Herausarbeitung und Diskussion dieser Veränderungen.
  7. Zwei Perspektiven auf die Phänomene einer Therapiestunde: Hier wird ein psychoanalytisches Therapieprotokoll aufgegriffen, um die Differenzen zur individualpsychologischen Arbeit deutlich zu machen, auch spezifisch ihre Eigenheiten. Dies erfolgt auch durch Kommentierung der psychoanalytischen Sicht.
  8. „Augenblick der Begegnung“: Hier erfolgt die Setzung einer Art Kontrapunkt zur Zielorientiertheit des Lebensstils. Herausgearbeitet wird das Erfordernis der Offenheit für Erfahrung, auch für das Unbekannte und Unerkennbare.
  9. Das Auftauchen des Gemeinschaftsgefühls im Augenblick der Begegnung: Dieses Kapitel führt die Diskussion um Grundkonzepte der Individualpsychologie weiter, wobei das Erleben von Gemeinschaft und weniger der Störungsaspekt in dieser Hinsicht in den Vordergrund gestellt wird.
  10. Verschiedene Perspektiven auf die Phänomene: Es werden Stundenprotokolle einer Therapie aufgegriffen, die an anderer Stelle aus unterschiedlichsten therapeutischen Richtungen heraus diskutiert wurden – und für die in dieser Arbeit recht ausführlich eine individualpsychologische Perspektive beigetragen wird, einschließlich des Vergleiches mit anderen Richtungen.
  11. Psychoanalytische Konzepte in individualpsychologischer Sicht: Hier finden sich gleichsam Abgrenzung und Gemeinsamkeiten – das Letztere will Gisela Eife sogar in den Vordergrund stellen. Dabei wird, auf Basis der knappen Einführung, die Theorie von Adler vertieft und differenziert diskutiert. „Meine Absicht war, hinter den Begriffen die Phänomene zu entdecken …“ (S. 208).
  12. Die doppelte Dynamik: In diesem abschließenden Kapitel wird die Komplexität der therapeutischen Arbeit und des therapeutischen Prozesses in der Analytiker-Patient-Interaktion ausgelotet.

Im Literaturverzeichnis werden Adlers Schriften gesondert aufgeführt, nochmals getrennt in die Studienausgabe sowie die weiteren Schriften. Es folgt das allgemeine Literaturverzeichnis. Sehr bereichernd sind ein Personen- und ein Sachregister.

Diskussion

Es ist ausgesprochen erfreulich, dass die Individualpsychologie in jüngerer Zeit wieder verstärkt mit Publikationen auf sich aufmerksam macht. Sie bereichert damit in erheblicher Weise das Feld der Psychotherapie, aber auch dessen Ausläufer (etwa Beratung und Supervision). Hierzu liefert Gisela Eife ohne Zweifel einen bedeutsamen Beitrag. Die Stärken des Buches liegen in den beeindruckenden Praxiserfahrungen der Verfasserin, die hier reichhaltig eingebracht werden, in ihrer vertieft individualpsychologischen Fundierung – und in der kritischen, differenzierten Auseinandersetzung insbesondere mit psychoanalytischen Sichtweisen.

Auf der anderen Seite bleibt das theoretische Grundkonzept, rekurrierend auf die Wurzeln der Individualpsychologie bei Adler, zunächst recht knapp. Allerdings ist festzustellen, dass es im Verlauf des Buches, immer wieder ausgehend von Fällen aus der therapeutischen Praxis, letztlich aspektreich entwickelt wird. Diese Entwicklung über das Buch hinweg geht allerdings etwas auf Kosten der Systematik. Auch die Bezeichnung „Analytische Individualpsychologie“ im Titel erschließt sich eher im Textfluss. Des Weiteren ist festzustellen, dass die im Vorwort deutlich werdende Intention, die Erfahrungen aus anderen Formen der Psychotherapie aufzugreifen, auch eher implizit denn systematisch eingelöst wird – und stark auf die Psychoanalyse zentriert bleibt. Das Buch wird von seiner Herangehensweise her insbesondere in den ersten beiden Dritteln primär praxis- und nur sekundär theoriebezogen entwickelt – was jedoch durchaus dem Titel entspricht. Der wissenschaftliche Leser vermisst hier, wie auch an anderer Stelle der Diskussion (Fuest u.a. 2014), dass die theoretische Basis der Individualpsychologie, von den durchaus bedeutsamen Arbeiten Alfred Adlers ausgehend, stärker systematisiert in die Gegenwart und Zukunft geführt würde. Allerdings wird ein deutliches Stück dieses Weges durchaus im vorliegenden Buch gegangen, etwa im Rahmen der Auseinandersetzungen Individualpsychologie-Psychoanalyse, aber auch im Rahmen der differenzierten Vertiefungen und Aufnahmen verschiedenster Ansätze und Sichtweisen in dem die Theorie weiterentwickelnden Kap. 11. Wünschenswert wäre, dass die Vertreter der Individualpsychologie dies, theoriebasiert, weiter und insbesondere systematischer bearbeiten würden. Hierzu zählte auch die Auseinandersetzung mit anderen Formen der Psychotherapie; so erstaunt den Leser – nur beispielhaft – angesichts mancher Ausführungen in Kap. 8, dass selbst im Literaturverzeichnis Fritz und Laura Perls völlig fehlen. – Die Individualpsychologie böte das Potenzial zu einer solchen Bereicherung der aktuellen und zukünftigen Psychotherapielandschaft; das vorliegende Buch erweist sich in seinem Textfluss als ein wichtiger Schritt auf diesem – noch konsequenter zu gehenden – Weg.

Dabei bietet Gisela Eife durchaus das, was sie im Titel anspricht: eine Auseinandersetzung mit Analytischer Individualpsychologie aus der therapeutischen Praxis heraus – und für diese. Ausgehend von vielen Fallbeispielen entwickelt sie transparent das Konzept und die konkrete Arbeit der Individualpsychologie. Dies geschieht ausgesprochen fachkompetent, die Brücke zwischen Praxis und Theorie schlagend und – aus der Fülle der Erfahrung schöpfend – packend geschrieben. Nach und nach entwickelnd, insbesondere in den späteren Kapiteln des Buches, reichen die Ausführungen in das Desiderat weiterer individualpsychologischer Theoriebildung hinein.

Fazit

Im Gesamtbild liegt hier eine von der therapeutischen Praxis ausgehende, für die Praxis geschriebene Darstellung von und Auseinandersetzung mit individualpsychologisch-therapeutischem Arbeiten vor, in der sich Individualpsychologie als erfreulich lebendig erweist – und mit der die Therapiediskussion durchaus erheblich bereichert wird. Es finden sich zudem wertvolle Beiträge für die weitere Theoriebildung. Das Buch sei Psychotherapeuten unterschiedlichster Ausrichtungen, aber auch Professionellen anderer sozialer Berufe empfohlen, die sich mit therapeutischem Verstehen beschäftigen.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
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Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 28.10.2016 zu: Gisela Eife: Analytische Individualpsychologie in der therapeutischen Praxis. Das Konzept Alfred Adlers aus existentieller Perspektive. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-026864-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20554.php, Datum des Zugriffs 20.01.2020.


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