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Giacoma d´Alisa, Federico Demaria u.a. (Hrsg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära

Cover Giacoma d´Alisa, Federico Demaria, Giorgios Kallis (Hrsg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. oekom Verlag (München) 2016. 272 Seiten. ISBN 978-3-86581-767-9. D: 25,00 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

In der Wortschöpfung degrowth steckt die Wendung gegen das Wachstum (engl. growth). „Degrowth ist ein Rahmen, in dem viele Denkrichtungen, Imaginationen und Vorgehensweisen zusammenkommen“ (Geleitwort, 14). Zentral sind die Kritik am wirtschaftlichen Wachstum mit seinen sozialen und politischen Folgen und die Frage nach Alternativen. Und da der Wachstumsimperativ für den Kapitalismus systemspezifisch ist, verbindet sich für viele Vertreter/innen dieser Richtung, aber nicht für alle, die Kritik am Wachstum mit der Kritik am System. „Das erste ist die Kritik am Wachstum. Das zweite die Kritik am Kapitalismus…“ (die Herausgeber, 21).

Herausgeber und Autor/inn/en

Die drei Herausgeber kommen von der Autonomen Universität Barcelona, wo sie am Projekt „Network for Political Ecology“ arbeiten, das am dortigen Institute of Environmental Science and Technology angesiedelt ist. Viele der Autor/inn/en sind Mitarbeitende, zum Teil Doktorand/inn/en an derselben Universität, haben dort promoviert oder sind auf andere Art der dortigen Universität verbunden. Im Übrigen ist die Zusammensetzung aber international und auch nicht auf Europa beschränkt.

Entstehungshintergrund

Die Kritik am Wachstumsimperativ wurde zuerst Anfang der 1970er Jahre, zur selben Zeit, als der Club of Rome warnend auf „Die Grenzen des Wachstums“ verwies, von dem Marxisten André Gorz unter dem französischen Begriff décroissance formuliert. Gerade im frankophonen Raum gab es mehrere Pioniere der Wachstumskritik, die aber bis zur Jahrtausendwende einsame Rufer in der Wüste blieben. 2002 wurde in Lyon ein Institut für „décroissance soutenable“ gegründet, das sich bereits auf Ansätze einer entsprechenden sozialen Bewegung stützen konnte, die vor allem in den romanischsprachigen Ländern mit der globalisierungskritischen Bewegung verbunden war. Die vierte internationale Konferenz für ökologische Nachhaltigkeit und soziale Gerechtigkeit wurde 2014 in Leipzig veranstaltet.

Ein wichtiger Vertreter der Degrowth-Bewegung in Deutschland ist Prof. Dr. Niko Paech, der das Vorwort zur deutschen Ausgabe des Handbuchs schrieb.

Inhalt

Die Herausgeber haben die 53 Artikel des Handbuchs auf vier Kapitel verteilt, überschrieben

  1. „Grundlagen“,
  2. „Der Kern“,
  3. „Handeln“ und
  4. „Bündnisse“.

Ein Nachwort und Informationen über die Herausgeber und Autoren schließen das Buch ab. Im Folgenden sollen exemplarisch je ein bis zwei Artikel aus jedem Teil vorgestellt werden.

Im Teil „Grundlagen“ definiert Susan Paulson „Politische Ökologie“ als „eine Methode, die Ökologie und politische Ökonomie miteinander verbindet, um die Beziehungen zwischen Gesellschaft und Landressourcen sowie zwischen sozialen Gruppen und Schichten zu untersuchen, die unterschiedlichen Zugang zu diesen Ressourcen haben und sie verschieden nutzen“ (59). Hinsichtlich des Verbrauchs von Ressourcen interessiert auch das historische Studium früher Gesellschaften und des Kolonialsystems.

In Teil 2 wird man u.a. über „Commons“ aufgeklärt. Silke Helfrich & David Bollier machen deutlich, dass zum Gemeineigentum „klar definierte Grenzen, der wirksame Ausschluss nicht Nutzungsberechtigter, lokal entwickelte Regeln…, Prozesse kollektiver Entscheidungsfindung“ und anderes mehr gehören (92). „Commoning“ könne zur Entmaterialisierung der Produktion beitragen und die Nutzungsintensität steigern (93).
Unter „Sozialen Grenzen des Wachstums“ wird die zunehmende Verwendung von Einkommen für den Erwerb „positionaler Güter“ diskutiert. Nicht mehr die Befriedigung von Grundbedürfnissen stützt die Volkswirtschaften reicher Länder, sondern das Verlangen nach Statussymbolen. Der Autor (Giorgos Kallis) stellt dabei klar, dass der „Geltungskonsum“ ein strukturelles Phänomen und Problem ist (139).

Im Teil 3 „Handeln“ findet man u.a. einen Artikel über „Kooperativen“, in dem die Autor/inn/en (N. Johanisova, R. Surinach Padilla, Philippa Parry) die Grundsätze oder Organisationsprinzipien von Kooperativen erläutern. Außerdem erfährt man, in welchen Bereichen Kooperativen tätig sind. Weiterhin wird aufgezeigt, wie sichergestellt werden kann, „dass Kooperativen ihrem Ethos verpflichtet bleiben“ (223), deren Unternehmensmodell an sich einer „Degrowht-Ökonomie“ dienlicher sei als das profitorientierte Mainstream-Modell (224).

Im Teil 4 „Bündnisse“ werden zum einen zwei traditionsorientierte indigene Konzepte nachhaltigen Wirtschaftens, nämlich die Idee des „Buen Vivir“ aus den Andenstaaten und „Ubuntu“ aus dem bantusprachigen Afrika, vorgestellt. Zum anderen werden die „Economy of Permanence“, ein Konzept für selbstverwaltete Dorfgemeinschaften in Südindien, und die „Feministische Ökonomie“ als der Degrowth-Ökonomie nahe stehend erläutert.

Diskussion

In den über fünfzig Artikeln wird das ganze Spektrum an theoretischen und praktischen Ansätzen ausgebreitet, die sich mit nachhaltigem Wirtschaften, oder genauer, mit Degrowth verbinden. Nachhaltigkeit ist nämlich für die Vertreter/innen dieser Richtung eine zu schwache Forderung, die unter dem Verdacht steht, ein „weiter so“ zu legitimieren und die radikale Abkehr vom Wachstumsfetisch zu verhindern. Dabei sind in dieser Bewegung sehr unterschiedliche Denkrichtungen und Politikansätze versammelt, wie die Herausgeber des Handbuchs andeuten. Sie selbst scheinen mit antikapitalistischen Positionen zu sympathisieren, während z.B. Niko Paech in seinem Vorwort die „Macht- und Verteilungsfrage“ für irrelevant hält (11). Ein Defizit des Handbuchs kann man daher darin sehen, dass an keiner Stelle die Unterschiede und kontroversen Standpunkte für die Leser/innen geklärt werden. Es hat fast den Anschein, als würde man Kontroversen scheuen, um die noch junge Degrowth-Bewegung nicht zu schwächen. Ungeachtet dessen hat das Handbuch einen hohen Informationswert.

Fazit

Trotz des angesprochenen Defizits ein sehr informatives Nachschlagewerk, unverzichtbar für alle, die mit der Globalisierungs- und Wachstumskritik sympathisieren oder sich darüber kundig machen wollen. Es gehört in jede sozialwissenschaftliche Fachbibliothek.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 08.07.2016 zu: Giacoma d´Alisa, Federico Demaria, Giorgios Kallis (Hrsg.): Degrowth. Handbuch für eine neue Ära. oekom Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-86581-767-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20563.php, Datum des Zugriffs 16.11.2018.


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