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Frank Jacob, Gerrit Dworok (Hrsg.): Tabak und Gesellschaft

Cover Frank Jacob, Gerrit Dworok (Hrsg.): Tabak und Gesellschaft. Vom "braunen Gold" zum sozialen Stigma. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. 406 Seiten. ISBN 978-3-8487-1628-9. D: 78,00 EUR, A: 80,20 EUR, CH: 109,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Gegenwärtig ist es fast unmöglich, eine Publikation zum Thema Tabak zu veröffentlichen, in der nicht im medizinischen Diskurs über Risiken und Gefahren des Rauchens und Passivrauchens informiert wird und tabakpolitische Maßnahmen, die bis zur Pönalisierung der Konsumenten von Tabak reichen, dargelegt und deren Erfolge gefeiert werden. Unverkennbar dominiert auf diese Art ein „Überschuss des Wollens über das Wissen“ (Spode) sowohl die öffentliche Lesart, als auch die der Experten. Aus diesen Fesseln der Wahrnehmung auszusteigen, scheint fast unmöglich, gelingt aber mit dem vorgelegten Reader. Vielleicht ergab sich die Chance vor allem, weil das Buch sich in der Reihe „Historische Studien zu Nahrungs- und Genussmitteln“ verortet hat und sich von diesem Standpunkt aus der Frage nähert, wie aus einem einstmals hochgeschätzten „braunen Gold“ heute ein „soziales Stigma“ werden konnte.

Aufbau und Inhalt

Den Auftakt in diesem Reader machen die beiden Herausgeber Jacob und Dworok, die kurz den globalen Siegeszug der Tabakpflanze in quasi allen Ländern der Erde nachzeichnen und dann die vielfältigen Facetten einer Auseinandersetzung mit Phänomenen rund ums Rauchen anreißen. Diese reichen von wirtschaftlichen, politischen und kulturgeschichtlichen über gesundheitswissenschaftliche und moralische bis hin sozialen Fragestellungen – Themen die mit dem Kulturgut Tabak verknüpft sind und als solche auch im Zentrum dieses Buches stehen.

Daran anschließend stellt Schmidt eine Reihe sozialer Dimensionen vor, die mit dem Rauchen als soziokulturellem Trägermedium von herausgehobener Bedeutung verbunden sind: Dazu gehören sowohl sozialstrukturelle als auch geschlechtsspezifische Botschaften, aber auch Symbole für luxuriösen Überfluss und zur Markierung von Differenz, Rauchen als kommunikatives Medium, als Medium von Kollektivbildungsprozessen usw.

Lövenich schließt mit einer dezidierten Darstellung der Tabakregulierung in Deutschland an, aus der sich ablesen lässt, dass sich nach der Jahrtausendwende ein Gefährlichkeitsdiskurs über Krankheitswahrscheinlichkeiten für Raucher und nichtrauchende Dritte durchsetzen konnte, der, anders als andere historische Antitabakkampagnen, nicht mehr nur national, sondern weltweit im Gleichklang und in den EU-Staaten mit großer Homogenität vorangetrieben wird. Mit Blick auf die lange wechselvolle Historie, die Tabak bereits hinter sich hat, darf man gespannt sein, ob diesem „Krieg gegen den Tabak (und den Rauchern)“ ein dauerhafter Erfolg beschieden sein wird.

Mit ihren Beiträgen über die Erfolgsstory von Snuff (Pannier), über den Einfluss der Tabakfabrik auf den Ort Fürstenfeld in Österreich (Schöggl-Ernst) und über die k. k. Tabakindustrie in Zisleithanien/Österreich (Warschner) greifen die Autoren Phänomene (Snuff) und einzelne Regionen heraus, um an historischen Daten herauszuarbeiten, welche wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen durch die Ansiedlung der industriellen Zigarren- und später Zigarettenherstellung angeschoben wurden. Insbesondere in den beiden Regionalstudien werden die hoch ambivalenten Einflüsse auf die Lebenslage der Frauen herausgearbeitet: Tabakfabriken waren zu dieser Zeit klassische Frauenbetriebe, die sich auch sozialpolitisch auf ihre überwiegend weibliche Belegschaft einzustellen hatten. Durch diese einzigartige Arbeits- und Zuverdienstmöglichkeit konnten sich Frauen zwar gewisse emanzipatorische Impulse erschließen, dies aber um den Preis einer oft Dreifachbelastung, die sich ergab aus der ansonsten nicht angetasteten sozialen Rolle von Frauen. Diese blieb u. a. als Forderung nach einer Vereinbarkeit von Berufstätigkeit, Mitarbeit in der ländlichen Hauswirtschaft und Mutterschaft, manchmal sogar noch einer Bewirtschaftung der elenden Wohnung durch Bettgänger bestehen.

Auch Steinberg betrachtet in seinem kulturalistisch angelegten Beitrag eine ausgewählte Region: Er analysiert, wie sich Dresden zu einem Zentrum der industriellen Zigarettenherstellung entwickelte, das ausdrücklich und schier ungebrochen über verschiedene Epochen bis heute auf Vermarktungsstrategien setzte, die mit „orientalischer Fremdheit“ argumentierten und auf diese Weise den Käufern hochwertige „Orienttabake“ anpriesen.

Besonderes Vergnügen bereitet der Aufsatz von Ulbricht, in dem er der Wahrheit und dem Mythos des Tabakkonsums von Frauen in der Zeit von 1650-1800 nachgeht und zu seinem Ausgangspunkt die oft übersehene Selbstverständlichkeit macht, dass Frauen in keiner Gesellschaft ein homogenes soziales Kollektiv sind, sondern sich in diversen Aspekten unterscheiden und deshalb auch der Bezug zu Tabakkonsum besonders sorgfältig nachzuforschen ist.

Eine bisher kaum gekannte Näherung an das Tabakrauchen unternimmt Thum mit ihren Analysen von Gemälden mit den Bildnissen rauchender Künstler vom 17. Jahrhundert bis heute. Entlang ihres Wissens um sehr unterschiedliche Deutungskontexte zeichnet sie nach, warum der rauchenden Maler in vielen Werken als Deutung seiner Ingenium zu verstehen ist. Diese Interpretation entwickelt sich aus der Idee, dass Inspiration nichts anderes als „Einhauchung“ heißt und diese sich im Zuge rauschhafter Verzückung mit göttlicher Eingebung einstellt – eine Wunschvorstellung, die mit der historischen Deutung des Tabakrauchens als Tabaktrinken schnell ihre Bezüge zum Alkoholtrinken offenbart.

Mit einer Auseinandersetzung mit den Zigarettensammelbildern schließt Kümper die Betrachtungen zu Tabak für den deutschsprachigen Raum. Dieser Beitrag beschreibt den Siegeszug der den Tabakwaren beigelegten Sammelbilder als Werbemedium, die bald zu einem Erziehungsmedium und später für die nationalsozialistische Propaganda benutzt wurden. Mit diesem Wissen bekommen die Erlasse der EU, zukünftig auf allen Tabakschachteln mit drakonischen Bildern gegen das Rauchen zu appellieren, eine weitere nachfragende Dimension.

Erweitert werden diese Skizzen zu sozialen Entwicklungen rund um den Tabak durch englischsprachige Beiträge, die sich mit der Tabakgeschichte in Griechenland, Wales, in der Sowjetunion nach dem 2. Weltkrieg, im Osmanischen Reich und der Türkei auseinandersetzen und damit, wie Chen in einem Übersichtsartikel herausstellt, Mosaiksteine zur überkulturellen politischen Bedeutung des Weltkulturerbes Tabak zusammentragen, die sowohl die damit verbundenen produktiven als auch die problematischen Entwicklungen aufzeigen müssen.

Während Bakalis den Einfluss des Tabaks auf politische und soziale Entwicklungen in Griechenland nachzeichnet, widmet sich Vardaglt vor allem den politischen Facetten, die der Tabak im Osmanischen Reich hatte und die sich auch heute noch in der Türkischen Republik finden lassen.

Friedmann beschließt diesen Reader mit einem Beitrag, der den Tabakkonsum in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg in den Blick nimmt. Er stellt dar, dass das Geschäft mit dem Tabak auch in der früheren Sowjetunion höchst ambivalent zwischen hoher sozialer Bedeutung für die Bevölkerung und politischer Pönalisierung durch die Staatsführung schwankte und auch hier Rauchwaren z. B. mit Namen wie Lajka (die „Weltraumhündin“) und Sojuz Apollon (das erste gemeinsame Raumfahrtunternehmen zwischen der UdSSR und den USA) in propagandistische Zwecke eingebunden wurden.

Fazit

Der Reader löst den eigenen Anspruch ein, dem aktuellen medizinlastig geführten und zudem auf das Thema gesundheitliche Gefährlichkeit zugeschnittenen öffentlichen Diskurs zu Tabak und Tabakkonsum komplementäre und für die soziale Entwicklung ebenso weitreichende Einflussfaktoren dazu zu stellen. Mit sehr unterschiedlichen Beiträgen wird verdeutlicht, welche über gesundheitliche Themen hinausgehenden Aspekte es wert sind, in eine Betrachtung der Tabakpflanze und des Tabakkonsums einbezogen und auch weiter beforscht zu werden. Auf diese Weise könnten konzeptionelle Leitideen entstehen, mit denen auch andere psychoaktive Substanzen einer komplexeren Betrachtung zugänglich gemacht und so dem substanzfixierten Paradigma (Quensel) entrissen werden könnten. Insofern wünscht man dem Reader viele Leser. Diese mögen von den Texten so angeregt sein, dass der Ärger über die interessanten, aber drucktechnisch schlechten Graphiken nicht zu gravierend wird. Ein Farbdruck im Anhang wäre angesichts der durchaus verständlichen Kostenabwägungen gewiss ein besserer Kompromiss gewesen, zumal der Preis des Buches eine hohe Erwartungshaltung erzeugt.


Rezensentin
Prof. Dr. Gundula Barsch
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Zitiervorschlag
Gundula Barsch. Rezension vom 31.08.2016 zu: Frank Jacob, Gerrit Dworok (Hrsg.): Tabak und Gesellschaft. Vom "braunen Gold" zum sozialen Stigma. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2015. ISBN 978-3-8487-1628-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20567.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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