Miriam Aced, Tamer Düzyol et al. (Hrsg.): Migration, Asyl und (post-)migrantische Lebenswelten (...)
Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 16.03.2016
Miriam Aced, Tamer Düzyol, Arif Rüzgar, Christian Schaft (Hrsg.): Migration, Asyl und (post-)migrantische Lebenswelten in Deutschland. Bestandsaufnahme und Perspektiven migrationspolitischer Praktiken. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2014. 370 Seiten. ISBN 978-3-643-12463-0. 39,90 EUR.
Wenn Einwanderung einem realpolitischen Verdrängungsmechanismus und pragmatischem Kalkül unterliegt
Im kontroversen, wissenschaftlichen Diskurs zum migrationspolitischen und mentalitätsgesteuerten Spannungsfeld von Immigration herrschen insbesondere zwei grundlegende Einschätzungen und Analysen vor: Die eine ist die Insistenz darauf, dass Wanderungsbewegungen immer schon die Evolution der Menschheit bestimmt haben und Wandel eine zutiefst menschliche Eigenschaft ist; die andere, mit Blick auf die deutsche Migrationspolitik, dass die Mehrheitsbevölkerung ein unbestimmtes, wenig reflektiertes Verhältnis zum Fremden und zum Anderen hat. Ressentiments, Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rassismen zeigen sich demnach nicht mehr nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern in deren Mitte.
Entstehungshintergrund
Migration als ein Phänomen, das sowohl lokal als auch global zum aktuellen Menschheitsthema geworden ist, wird in der Migrationsforschung überwiegend interdisziplinär behandelt. An der Universität Erfurt bietet die „Willy Brandt School of Public Policy“ als öffentliche Forschungs- und Ausbildungseinrichtung der Staatswissenschaftlichen Fakultät seit 2002 den Studiengang „Master of Public Policy (MPP)“ an. Im Sommersemester 2013 fand, in Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg- und der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema „Migration, Integration, Inklusion – Chancen, Herausforderungen, Perspektiven“ statt. Die Ergebnisse der Veranstaltung werden vom Herausgeberteam – Miriam Aced, Tamer Düzyol, Arif Rüzgar und Christian Schaft – als Sammelband vorgelegt. Der Fokus liegt dabei vor allem in der Analyse, dass der Begriff „Migration“ sowohl als Erklärungs-, als auch Schlagwort die öffentliche Diskussion bestimmt, und gleichzeitig „Einwanderung einem realpolitischen Verdrängungsmechanismus bzw. einem pragmatischem Kalkül unterliegt“; und zwar sowohl bezogen auf „(Post-)MigrantInnen“ mit den Zuschreibungen „Migrationshintergrund“, als auch bei Flüchtlingen und AsylbewerberInnen in der aktuellen Situation durch populistische und rassistische Ausgrenzungsmechanismen und neuen Grenzziehungen.
Aufbau und Inhalte
Die Analysen machen deutlich, dass die weltweiten Migrationsprobleme nicht mehr national alleine gelöst werden können, sondern als internationale Herausforderung zu verstehen und zu bewältigen sind. Im Sammelband wird dies berücksichtigt, indem die einzelnen Beiträge in drei Kapitel gegliedert werden:
- Im ersten werden „Problemfelder deutscher und europäischer Migrationspolitik“ thematisiert;
- im zweiten geht es um „Diskriminierung und Alltag in (post-)migrantischen Lebenswelten“; und
- im dritten Kapitel werden „Perspektiven (selbstbestimmter) migrationspolitischer Praktiken“ vorgestellt.
Insgesamt 24 ReferentInnen diskutieren theoretische und praktische, fachspezifische und -übergreifende Aspekte und berichten über ihre Erfahrungen. Die Berichte über die vielfältigen, differenzierten gesellschaftlichen Transformationsprozesse basieren auf dem Dreiklang „Migration – Asyl – Postmigration“. Sie präsentieren damit gewissermaßen eine Bestandsaufnahme (2013/14) des aktuellen deutschen, gesellschaftlichen Diskurses. In alphabetischer Reihenfolge werden die AutorInnen genannt: Miriam Aced, Michael Achhammer, Iman Attia, Ole Hinrich Bassen, Federica Benigni, Sara Y. Ceyhan, Lisa Deppler, Tamer Düzyol, Daniel Greve, Sören Herbst, Sabine Hess, Katharina Mevissen, Marika Pierdicca, Serpil Polat, Arif Rüzgar, Christian Schaft, Julia Schulze Wessel, Ulrike M. Vieten, Viola Voigt, Friederike Vorwergk, Constantin Wagner, Angelina Weinbender, Christian Widdascheck und Carmen Wienand.
Fazit
Es sind die eindringlichen Berichte, Fallbeispiele und Analysen, die sowohl Einzelschicksale dokumentieren, als auch die historischen, gesellschafts- und machtpolitischen „Ist-Zustände“ in der (Einen?) Welt darstellen. Dass sie nicht als Fingerzeige daher kommen, sondern sich als realpolitische Wirklichkeiten zeigen, bietet Chancen zum notwendigen, lokalen und globalen Diskurs in den schulischen und außerschulischen Bildungsbereichen.
Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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