socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Armin Wöhrle (Hrsg.): Moral und Geschäft

Cover Armin Wöhrle (Hrsg.): Moral und Geschäft. Positionen zum ethischen Management in der Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 282 Seiten. ISBN 978-3-8487-2261-7. D: 48,00 EUR, A: 49,40 EUR, CH: 67,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Im Zuge der Einführung der Neuen Steuerung im öffentlichen Sektor in den neunziger Jahren ist auch die Beziehung zwischen Leistungsträger und Leistungserbringer neu geregelt worden. Freie Träger richten sich seitdem zunehmend an den Mechanismen von Markt und Wettbewerb aus. Armin Wöhrle will mit seinem Band der Frage nachgehen, ob und wie diese Mechanismen moralischen und ethischen Prinzipien zu wider laufen.

Herausgeber

Armin Wöhrle ist Professor für Sozialmanagement und Organisationsentwicklung an der Hochschule Mittweida.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist der aktuelle Sonderband der Zeitschriften „Blätter der Wohlfahrtspflege“ und „Sozialwirtschaft“.

Aufbau

Die 16 Beiträge von Autorinnen und Autoren aus Wissenschaft und Praxis, die der Band beinhaltet, widmen sich der Leitfragestellung nach Ethik und Moral in der Sozialwirtschaft aus verschiedenen Perspektiven. An dieser Stelle kann jedoch nicht auf jeden Beitrag eingegangen werden.

Inhalt

In seinem den Band eröffnenden Beitrag lenkt Wolf Rainer Wendt den Blick auf die Beziehung zwischen Klient und Leistungserbringer. Er zeigt, dass es zur Diskrepanz zwischen der Selbstbestimmung des Adressaten und dem Regime des Dienstleisters kommen kann. Als recht und „billig“ und damit ethisch vertretbar kann eine Dienstleistung aufgefasst werden, wenn sie im jeweiligen Einzelfall als gerecht für den Adressaten einzustufen ist.

Prägnant beschreibt Eva Douma die Renditelogik, die aus ihrer Sicht das Agieren in der Sozialwirtschaft bestimmt und unter der nicht zuletzt die Beschäftigten zu leiden haben. Eine Zukunft sieht sie für die Freie Wohlfahrt nur, wenn diese sich auch politisch für das Gemeinwohl engagiert. Zu einem vergleichbaren Schluss kommt Andrea Tabatt-Hirschfeldt. Sie analysiert in ihrem Beitrag die Entwicklung zum neu gestalteten Verhältnis zwischen Leistungsträger und Leistungserbringer und beschreibt die negativen Folgen nicht zuletzt für die Beschäftigten. Es gilt nun verstärkt, das Primat der Sozialen Arbeit vor der Ökonomisierung zu betonen.

Ebenso setzen sich Andreas Laib und Mathias Lindenau für ein politisches Mandat Sozialer Arbeit ein. Am Beispiel der Subjektfinanzierung in der Eingliederungshilfe in der Schweiz verdeutlichen sie, wie sich Finanzlogik und sozialpädagogischer Anspruch widersprechen können. Sozialmanagement hat den Auftrag, die Übertragbarkeit ökonomischer Verfahren und Instrumente kontinuierlich unter fachlichen und ethischen Maßstäben zu prüfen und auch die Politik als Finanzier und Rahmensetzer zu sensibilisieren.

Für konkrete Verbesserungen setzen sich auch Wolfgang Stadler und Marius Mühlhausen vom AWO-Bundesverband ein: Sie plädieren zur Verbesserung der Situation der Beschäftigten für einen einheitlichen Sozialtarif für die gesamte Branche, sind sich aber der Schwierigkeiten bei dessen Durchsetzung allein innerhalb der Freien Wohlfahrt durchaus bewusst (Stichwort: „Dritter Weg“ der kirchlichen Verbände).

Weitere Beiträge beleuchten, teilweise theoriegeleitet, das Verhältnis von Ökonomie und Sozialer Arbeit. Für Helmut Lambers sind Instrumente wie der Social Return on Investment schlicht systemfremd, da sie Soziale Arbeit monetarisieren und von der Sorge um den Menschen ablenken. Einen Gegenpol hierzu bildet der Artikel von Florentina Astleithner und Peter Stepanek, in dem sie der Wirkungsevaluation in SWO (Sozialwirtschaftlichen Organisationen) große Bedeutung zumessen.

Für Paul Reinbacher ist die Ökonomisierung ein Abbild langfristiger Individualisierung als kulturellem Muster. Durch Sozialmarketing kann der Trend für die Soziale Arbeit auch nützlich sein.

Für Alfons Maurer und Katrin Schneiders stellt die Exit-Option aus Bereichen der Dienstleistungserstellung eine mögliche Strategie für eine soziale Nonprofit-Organisation dar, sollten Ansprüche an Ethik und Moral in der Dienstleistungserstellung unter dem Primat der Kosteneffizienz nicht mehr eingehalten werden können. Insgesamt schildern sie ich ihrem Beitrag vier Strategien, wie die Freie Wohlfahrt mit der Ökonomisierung umgeht.

Noch weiter geht Andreas Strunk, in dem er für einen grundlegenden Kurswechsel der Wohlfahrt plädiert und sich auch mit Formen von Widerstand auseinandersetzt.

Wolfgang Faust kritisiert in seinem Beitrag die herrschende Ökonomielehre der Neoklassik, da sie Institutionen und Kollektivität ausblendet. Erst mit einer Erweiterung um Theorien der Institutionenökonomie geraten Motivations- und Kontrollprobleme und damit auch Fragen nach Verantwortung, Vertrauen und Moral in den Fokus, dies trägt zu einer größeren Realitätsnähe bei.

Auch für Georg Kortendieck bietet die Institutionenökonomie – und darin die Principal-Agent-Theorie – ein wichtiges Reservoir zum Verständnis von Informations- und Kontrollproblemen, die er praxisnah an der Sozialen Arbeit veranschaulicht. Um steigende Kontrollkosten zur Einhaltung moralisch-guten Handelns zu vermeiden, setzt er auf stärkeres Vertrauen der Akteure zueinander.

Wie die genannten Autoren so greift auch Klaus Schellberg auf den Principal-Agent-Ansatz zurück und beschreibt damit die Beziehungen im sozialrechtlichen Dreieck aus Leistungsträger, -erbringer und -nehmer. Er plädiert dafür, dass Gewinn in der Sozialwirtschaft per se noch nichts Unmoralisches ist, da dieser zweckkonform zum Erhalt der Sozialorganisation oder für neue soziale Innovationen genutzt werden könnte.

Auch für Armin Schneider ist Gewinn in der Sozialwirtschaft legitim, allerdings nur dann, wenn ethische Standards beachtet werden. In seinem Beitrag formuliert er dafür zehn praxisnahe Gebote. Letztlich aber, so schlussfolgert er, kann die Frage eines gerechten Gewinns nur im Dialog aller Beteiligten geklärt werden.

Armin Wöhrle gibt in seinem Nachwort konkrete Hinweise, wie in der Praxis mit dem Spannungsfeld zwischen Moral und Geschäft umgegangen werden kann und hebt dabei die Bedeutung einer stetigen Reflexion des eigenen Tuns unter Beachtung des Organisationsumfeldes hervor. Markt und Konkurrenz sollten nicht länger zu einer Abwärtsspirale der Kostensenkung führen, vielmehr spricht er sich für neue Spielregeln im Sinne der Klienten und Beschäftigten aus.

Diskussion und Fazit

Die 16 Aufsätze machen klar, dass die Sozialwirtschaft dringend ihr Tun unter ethischen und moralischen Gesichtspunkten reflektieren sollte. Die sehr unterschiedlich gesetzten Schwerpunkte verdeutlichen, wie breit gefächert und komplex diese Anstrengung ist. Eine Reihe von Beiträgen geht die Thematik theoriegleitet an (etwa mittels der Principle-Agent-Theorie) und stellt Fragen nach Macht, Motivation, Kontrolle und Wirkung in der Sozialwirtschaft. Autoren wie Wolfgang Faust, Georg Kortendieck oder Klaus Schellberg kommen dabei zu durchaus unterschiedlichen Schlussfolgerungen, was zu einem insgesamt diskursiven und damit lebendigen Charakter des Bandes führt. Weitere Beiträge, etwa von Eva Douma, Andrea Tabatt-Hirschfeldt, Andreas Strunk, Armin Schneider oder Wolfgang Stadler und Marius Mühlhausen, haben einen appellativen Charakter und fordern zu einem ethisch verantwortlichen Handeln in der Sozialwirtschaft auf. Ein Hauptaugenmerk liegt dabei in der Verbesserung der Situation der Beschäftigten, beispielsweise durch die Einführung eines einheitlichen und übergreifenden Sozialtarifs.

Der Herausgeber Armin Wöhrle will mit seinem Band Impulse für ein besseres Verständnis und für eine Aktivierung geben – und das ist gelungen. Der Band rüttelt auf; er macht klar, dass eine funktionelle Befassung mit Sozialmanagement und Sozialwirtschaft zu kurz greift, sondern vielmehr ethische und moralische Maßstäbe ebenso beachtet werden müssen. Dies gilt zum einen für Lehre und Forschung an den Hochschulen, an denen die Akteure von morgen ausgebildet werden, zum anderen für die Verantwortlichen in der heutigen Praxis – für beide Bereiche zeigt der Band neue Aufgabenstellungen und Perspektiven auf.


Rezensent
Dr. Sebastian Noll
E-Mail Mailformular


Alle 2 Rezensionen von Sebastian Noll anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Sebastian Noll. Rezension vom 08.04.2016 zu: Armin Wöhrle (Hrsg.): Moral und Geschäft. Positionen zum ethischen Management in der Sozialwirtschaft. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2261-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20576.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!