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Sigrid Kallfaß (Hrsg.): Altern und Versorgung im nachbarschaftlichen Netz eines Wohnquartiers

Cover Sigrid Kallfaß (Hrsg.): Altern und Versorgung im nachbarschaftlichen Netz eines Wohnquartiers. Zur Kooperation eines Altenhilfeträgers und einer Wohnbaugenossenschaft bei der quartiersbezogenen Gemeinwesenarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 192 Seiten. ISBN 978-3-658-09140-8. D: 34,99 EUR, A: 35,97 EUR, CH: 37,00 sFr.
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Thema

Segensreiche intergenerative Inklusionen für in ihrer Kompetenz eingeschränkte alte Menschen wie Seniorenbüros oder Mehrgenerationenhäuser sind, das zeigt die Erfahrung, keine Selbstläufer. Sie bedürfen vielmehr einer professionellen Sicherung von Konstanz und Kontinuität sowie der Bewahrung davor, durch subjektive Sicht der Ehrenamtlichen in Schieflagen zu geraten. Die Probe aufs Exempel machte jetzt der Versuch der Stärkung eines nachbarschaftlichen Engagements in einem homogenen Wohngebiet einer Baugenossenschaft im baden-württembergischen Ravensburg. Die begleitende supervisorische Forschung leisteten die Hochschule Ravensburg-Weingarten und die Steinbeis-Innovationsstiftung Stuttgart mit ihrem Innovationszentrum Sozialplanung, Qualifizierung und Innovation in Meersburg. Der aus dieser Begleitforschung entstandene, 192seitige Band „Altern und Versorgung im nachbarschaftlichen Netz eines Wohnquartiers“ ist im Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden erschienen. Er plädiert für die Stützung eines nachbarschaftsförderlichen und seniorenfreundlichen Verhaltens der Baugenossenschaft durch die Beibehaltung und Ausweitung der gemeinwesenarbeitlichen Aktivitäten der Baugenossenschaft. Denn der professionellen Versäulung und dem Glauben der Laien an die ausschließliche Kompetenz der Professionellen soll gegen gewirkt werden.

Herausgeberin und Autorinnen

Die Beiträge der sich in Ravensburg betätigenden fünf sozialwissenschaftlich vorgebildeten Verfasserinnen hat Professorin Dr. rer. soc. Sigrid Kallfaß herausgegeben und teilweise selbst verfasst. Sie lehrt die Gebiete Sozialplanung und Gemeinwesenarbeit an der Hochschule Ravensburg-Weingarten und leitet das Informationszentrum Sozialplanung, Qualifizierung und Innovation der Stuttgarter Steinbeis-Stiftung am Standort Meersburg.

Aufbau und Inhalte

Ziel der begleitenden Aktionsforschung war es, in dem abgegrenzten Wohngebiet Galgenhalde von rund 500 Mieterinnen und Mietern (von etwa 240 Wohnungen der Wohnbau-Genossenschaft Bau- und Sparverein Ravensburg) die Einflüsse von begleitender Gemeinwesenarbeit auf die Verbesserung des nachbarschaftlichen Verhaltens vor allem zugunsten der älteren Bewohner und Bewohnerinnen zu eruieren. Als Partner des Forschungsvorhabens fungierten der Fachbereich Soziale Arbeit der Hochschule Ravensburg-Weingarten, die im und um das Wohngebiet mehrere Dienste der Altenhilfe betreibende Stiftung Liebenau sowie die Wohnbaugenossenschaft Bau- und Sparverein.

Ausgangspunkt waren die Überlegungen vom partnerschaftlich-sozialen Mehrwert von Sozialkapital im Anschluss an die Ressourcen-Kapital-Lehre Pierre Bourdieus. Das in der Galgenhalde vorfindliche Beziehungsnetz sollte für Aktivitäten und Stützungen nutzbar gemacht werden. Die bereits vorhandene, von Genossenschaft und Stiftung Liebenau finanzierte Teilzeit-Stelle für Gemeinwesenarbeit wurde mit den Projektmitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung aufgestockt, um damit Haustürgespräche, Hauspaten und Hilfemixturen zu initiieren. Die Hauspaten wurden anhand der Berichte über die Probleme in ihren Häusern, die sich um Ordnungsvorstellungen, Zukunftsängste und Abnahme der Kontakte drehten, geschult.

Als Probleme der Überforderung der Paten wurden erkannt die Zunahme von Migranten als Bewohnern, die Respektlosigkeit junger Bewohner und das notorische Brechen der Ordnungs-Normen. Positiv wirkten sich nach den Berichten der Hauspaten aus der Einsatz älterer, männlicher, ehrenamtlicher haustechnischer Hilfsdienste sowie der vom Bau- und Sparverein beförderte Familiennachzug jüngerer Verwandter von Altbewohnern in die Galgenhalde. In einigen Fällen ergab sich den Berichten der Hauspaten zufolge ein förderlicher Mix aus nachbarschaftlich Engagierten, familial Helfenden und professionellen Diensten. In anderen Fällen wurden jedoch die ehrenamtlich Tätigen durch Professionelle verdrängt unter Unterstützung durch entfernt wohnende jüngere Angehörige, die ihre alten in der Galgenhalde wohnenden Nahestehenden lieber im Schutz Professioneller als in der Obhut ehrenamtlicher „Laien“ sehen wollten. Aus den vom Projekt initiierten kollegialen Fallbesprechungen mit den Professionellen von Stiftung Liebenau, Bau- und Sparverein sowie städtischer Altenhilfe ergab sich die Erkenntnis, dass Nachbarschaftshilfe wachsen sollte und dass sich Ehrenamtler und Profis ohne Vorbehalte und ohne Besitzansprüche verständigen könnten. Eine Vergleichsuntersuchung der Situation der gemeinwesenarbeitlich geförderten Galgenhalde-Bewohnerschaft mit anderen Bewohnergebieten des Bau- und Sparvereins ergab höhere Zufriedenheitswerte der Galgenhalde-Bewohner.

In der Bilanz konnte festgestellt werden, dass der Wohnungsbauträger mit seinen integrativen Maßnahmen die Kohäsion in seiner Bewohnerschaft hatte erhöhen können.

Diskussion

Die sich gut lesende Ravensburger Untersuchung zum stützenden nachbarschaftlichen Verhalten für ältere Bewohner in einem homogenen Wohngebiet zeigt hilfreiche Ansätze wie die Hauspaten, kostenlose haustechnische Dienste und kollegiale Fallbesprechungen sozialer Dienste auf. Zugleich ist zu sehen, dass es noch viel Aufklärungsarbeit bedarf. Die Professionellen der Altenhilfe reklamieren zuviel an Aufträgen und Einsätzen da für sich, wo vorpflegerische Hilfen angebracht wären und integrativ wirken könnten. Zum anderen können sich Angehörige im von außerhalb agierenden Delegationsmodus kaum vorstellen, dass nachbarschaftliche und ehrenamtliche Hilfen bei ihren alten Angehörigen bereits viel an Problemen aufzufangen in der Lage wären.

Hier bringt die Ravensburger Untersuchung neue Lichter in die Pflegemix-Landschaft und erstellt Fingerzeige in die richtige Richtung. Die Generalisierbarkeit des gemeinwesenarbeitlichen Ansatzes in Ravensburg wird von den Autorinnen der Studie allerdings mit der Frage an die Struktur des jeweiligen Wohngebiets beantwortet und damit doch relativiert. Auch sind die Gesamtheiten der in die Untersuchung eingeflossenen Daten teilweise so gering (acht leitfadengestützte Interviews zum intergenerativen Austausch; zehn referierte von 18 kollegialen Fallbesprechungen), dass sich die Frage der repräsentativen Übertragbarkeit stellt. Die Stichprobe zum Unterschied der Wohnqualität zwischen sanierten und unsanierten Häusern wird von einer Autorin selbst als zu gering zur Verifikation von Aussagen bezeichnet (Seite 94).

Fazit

Setze lieber auf Profis, die machen ohnehin alles besser: Diese Maxime wird in der Altenhilfe auf Dauer nicht mehr tragen. Das ist das Fazit einer lesenswerten, in Ravensburg initiierten Studie zur Belebung eines nachbarschaftlichen Netzes für lebensaltrige Bewohner. Generalisierungen auf andere Wohngebiete sollten mit Bedacht erfolgen.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 11.04.2016 zu: Sigrid Kallfaß (Hrsg.): Altern und Versorgung im nachbarschaftlichen Netz eines Wohnquartiers. Zur Kooperation eines Altenhilfeträgers und einer Wohnbaugenossenschaft bei der quartiersbezogenen Gemeinwesenarbeit. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-09140-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20584.php, Datum des Zugriffs 26.07.2017.


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