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Volker Schulte, Arie Verkuil (Hrsg.): Management für Health Professionals

Cover Volker Schulte, Arie Verkuil (Hrsg.): Management für Health Professionals. Hogrefe (Bern) 2016. 199 Seiten. ISBN 978-3-456-85526-4. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 65,00 sFr.
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Management für Health Professionals

Gegenstand des Werkes ist das Management von Gesundheit. Das Ziel der Autoren ist es, Fachleuten und Interessierten Handlungsempfehlungen und Informationen zu geben, die auf die Gesunderhaltung und -förderung von Menschen abzielt. Dabei geht es um die Mikro-, Meso- und Makroebene, also die individuelle Perspektive, die Betrachtung von Gruppen und Organisationen und politische sowie gesellschaftliche Rahmenbedingungen. Die Autoren definieren Gesundheitsmanagement wie folgt: „Gesundheitsmanagement umfasst die Planung, Organisation und Realisierung der individuellen Gesundheit (Mikroebene), der Gesundheit von Gruppe und Kollektiven (Mesoebene) sowie der Bedingungen für Gesundheit in wirtschaftlicher, sozialer, politischer und kultureller Hinsicht (Makroebene)“ (S.14).

Herausgeber

Herausgeber sind Volker Schulte und Arie Hans Verkuil. Schulte, Prof. Dr., ist Dozent und selbständiger Gesundheitsberater, Leiter Gesundheitsmanagement an der Fachhochschule Nordwestschweiz und Forschungsprojektleiter Klinische Psychologie an der Züricher Hochschule für Angewandte Psychologie. Verkuil, Prof. Dr., ist Dozent für Management und Leadership an der Hochschule für Wirtschaft sowie für Ethik psychologischen Beratens an der Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er leitet das Institut für Unternehmensführung an der Hochschule für Wirtschaft FHNW. Der größte Teil der AutorInnen ist in der Schweiz beschäftigt.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist aus den Themen entstanden, die Gegenstand eines Zertifikatskurses „Management of Medical Units“ mit der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeine Innere Medizin (SGIM) waren.

Aufbau

Das Werk ist in 15 Kapitel untergliedert. Dabei folgen die einzelnen Kapitel keinem einheitlichen Aufbau. Sie umfassen sehr unterschiedliche Aspekte der oben beschriebenen Ebenen des Gesundheitsmanagements.

Inhalt

Im ersten Kapitel „Medical Entrepreneurship und Ressourcenmanagement“ verfasst von Arie Hans Verkuil wird das Spannungsfeld zwischen Organisation des medizinischen Betriebs und dem Patienten beleuchtet. Unter Medical Entrepreneur werden medizinisch geschultes Fachpersonal wie Ärzte, Apotheker, Pflegefachpersonen und Therapeuten verstanden. All diese Personen stehen in dem Spannungsfeld zwischen Patientenwohl und ökonomischen Abwägungen, hinzukommen ethische Gesichtspunkte. Ökonomie im Kontext von Gesundheit geht davon aus, dass unter optimalen Marktbedingungen knappe Ressourcen rational für eine qualitativ hochwertige an den Bedürfnissen orientierte und notwendige Patientenversorgung eingesetzt werden. Auf der Makroebene ist Gesundheit ein Gut öffentlichen Interesses, das in den Sozialzielen der schweizerischen Bundesverfassung verankert ist. Auf der betriebswirtschaftlichen Mesoebene ist das DRG-System in der Schweiz implementiert. Die Leistungserbringung erfolgt nach dem Marktprinzip des regulierten Wettbewerbs, das bedeutet, dass Beschäftigte im Gesundheitswesen nicht rechtlichen Aspekten auch über betriebswirtschaftliche Kenntnisse verfügen müssen. Auf der Mikroebene schließlich hat der sogenannte „Medical Entrepreneur“ zwei Aufgaben zu bewältigen, innovative und Routineaufgaben, bei deren Bewältigung eine Orientierung an Effektivität und Effizienz erforderlich ist.

Neben ökonomischen Aspekten ist das Handeln des medizinischen Fachpersonals auch von medizinischen Überlegungen geprägt. Hierzu zählen das Genfer Ärztegelöbnis, das nach dem Hippokratischen Eid neuverfasste Gelöbnis für die ärztliche Ethik. Dieses gerät erwartungsgemäß mit anderen Aspekten in Konflikt, wie etwa der Priorisierung oder Rationalisierung von Leistung, der Sterbehilfe / Lebensverlängerung um jeden Preis, dem Patientenwillen. Auf der Mesoebene stellt der Autor an dieser Stelle neben der Gesundheitsdefinition der WHO von 1948 die Ottawa Charta (1986) und die darin formulierte Forderung nach einer Verankerung der Gesundheitsförderung in allen Politikfeldern vor. Als ein Beispiel wird hier das Betriebliche Gesundheitsmanagement angeführt, bei dem die Medizin Empfehlungen ausspricht und die Umsetzung durch das Management bzw. Gesundheitsorganisationen erfolgt. Nach Ansicht des Autors habe somit die Medizin einen direkten Einfluss auf das Management bzw. die Ökonomie.

Als letzten Punkt geht Verkuil auf die Ethik in der Praxis des Medical Entrepreneurship ein. Hierbei führt er aus, dass die Ökonomie auf der menschlichen Grunderfahrung des Mangels und des damit verbundenen Leids, während die Medizin auf der der Krankheit und des damit verbundenen Leidens basiere. Die daraus resultierenden Menschenbilder spielen auch in der Praxis eine Rolle: der homo oeconomicus steht dem Menschenbild des sozialen Wesens, dem körperlich und seelisch gesunden Menschen gegenüber. Neben Konfliktpotential eint diese beiden Menschenbilder jedoch der gemeinsame Bezugspunkt des homo dignitatis, das die Unantastbarkeit der Menschenwürde spiegelt. Handlungsleitend sind für das medizinische Fachpersonal unterschiedliche Werte, Normen und Prinzipien, die gegeneinander abgewogen oder / und miteinander verwoben werden. Auf dieser Basis und unter Berücksichtigung der oben aufgeführten ethischen Aspekte sei die Balance zwischen Patientenwohl und wirtschaftlichem Organisationserfolg möglich, so der Autor.

Im zweiten Kapitel „Gesundheitspsychologische Beratung und Gesundheitskompetenz“ von Christoph Steinebach, geht es zunächst darum zu klären, welche Rolle die Psychologie für die Gesundheit spielt. Aus Sicht von Steinebach sei dies in erster Linie das Befassen mit Fragen, die die psychische Dimension von Gesundheit und die Prävention psychischer Störungen betreffen. Darüber hinaus seien jedoch auch Fragen der körperlichen und sozialen Gesundheit von Bedeutung. Im Unterabschnitt Gesundheit geht Steinebach zunächst auf das Konzept der Salutogenese von Aaron Antonovsky, Medizinsoziologe, ein. Nach einer kurzen Beschreibung des Modells weist Steinebach darauf hin, dass bereits hier (1979) deutlich wurde, wie ein psychologisches Verständnis von Gesundheit mit den Konzepten „Resilienz“ und „Optimale Entwicklung“ verbunden ist.

In dem Abschnitt Wohlbefinden befasst sich der Autor mit eben diesem und dessen Determinanten. Dazu zählen Selbstakzeptanz, Sinn im Leben, positive soziale Beziehungen, Autonomie, Kontrolle u.a. Insbesondere die letztgenannten drei Faktoren zählten zu den Grundbedürfnissen nach der Selbstbestimmungstheorie von Ryan und Deci, so der Autor, ohne näher darauf einzugehen. Unmittelbar daran anschließend beschreibt Steinebach kurz das Rubikonmodell von Heckhausen und Gollwitzer. Dabei geht es um die Frage, wie der Prozess der Intentionsbildung verläuft und wann auch der Motivation eine Volition erfolgt. Diesen Unterabschnitt schließt der Autor mit einem Verweis auf das sozial-kognitive Prozessmodell gesundheitlichen Handelns von Schwarzer (ohne das Modell konkret zu benennen) und die Rolle von Risikowahrnehmung, Ergebniserwartung und Selbstwirksamkeitsüberzeugung. Im dritten Unterabschnitt geht der Autor auf entwicklungspsychologische Aspekte ein. Auch hier schneidet er verschiedene entwicklungspsychologische Theorien an, wie etwa die Orientierung an Entwicklungszielen oder Systemelemente, die der kybernetischen Theorie entstammen.

Für die Praxis bedeute dies, dass der Prozess sehr komplex sei. Um selbstbestimmtes Handeln in Bezug auf die eigene Gesundheit zu erreichen, benötige der Mensch die so genannten „vier R“: Resilienz (resilience), Unnachgiebigkeit/Hart sein gegen sich selbst (relentlessness), Unermüdlichkeit (restlessness), Risikobereitschaft (risk taking).

Zu dem Themenkomplex Beratung definiert Steinebach den Begriff als bevormundungsfreien Prozess, der auf allen Ebenen (Verhalten, Handeln, Erleben) von statten geht. Theorien, die der psychologischen Beratung zu Grunde liegen, sind vielfältig. Dazu zählen psychoanalytische (hier subsumiert der Autor die Transaktionsanalyse), Verhaltenstherapeutische (Basis hier seien Lerntheorien) und systemische Ansätze. Schließlich geht der Autor an dieser Stelle noch auf Kompetenzen ein. Hier verknüpft er entwicklungspsychologische Überlegungen mit dem Thema Selbstkompetenz. Unterschieden werden Kompetenz als Persönlichkeitsmerkmal, Wissens- und Fähigkeitsvoraussetzung, Bewältigung komplexer Anforderungssituationen sowie Selbstorganisationsdisposition. Diese werden kurz beschrieben ohne Überschneidungen und Redundanzen zu thematisieren. Als spezielle Kompetenz hebt Steinebach die Gesundheitskompetenz hervor. Er betont, dass Gesundheitskompetenz nicht nur auf gesundheitsbezogenes Wissen reduziert werden darf, sondern dass ein umfassenderes Verständnis auch und gerade in der Beratungssituation notwendig sei. Abschließend beschäftigt sich der Autor mit den Herausforderungen der Beratung/-ssituation. Hier identifiziert er die Aspekte Team und Organisation, Gender und Kultur und geht kurz auf deren Interdependenzen mit Gesundheit ein.

In Kapitel drei wird „Selbstmanagement aus gesundheitsförderlicher Perspektive“ von Anita Graf aufgearbeitet. Sie beschreibt Selbstmanagementkompetenz als wesentlichen Erfolgsfaktor für die Balance zwischen salutogenen und pathogenen Kräften. Die Selbstmanagementkompetenz stellt Graf in den Kontext der Stressforschung, u.a. mit Blick auf die Arbeitsstressforschung. Ausführlich geht Graf dabei auf die Ergebnisse der BiBB/BAuA-Erwerbstätigenbefragung in Deutschland ein. Sie resümiert die Ergebnisse, verweist auf bedeutende Faktoren, wie etwa Effort-Reward Imbalance.

Im Anschluss führt die Autorin das Modell der Selbstmanagement-Kompetenz ein, das aus neun Bausteinen besteht, die in einem integrativen und dynamischen Modell, so Graf, zusammengefügt sind. Graf unterscheidet dabei drei Ebenen mit den drei Bausteinen Selbstverantwortung, -erkenntnis und -entwicklung. Die anderen Bausteine repräsentierten weitere zentrale Themenbereiche eines wirkungsvollen Selbstmanagements. Dazu stellt sie Verhaltensindikatoren und mögliche Reflexionsfragen zu diesen Bausteine vor.

Schließlich geht Graf noch auf Ansatzpunkte zur Entwicklung von sowie die Verantwortungsbereiche in Unternehmen für Selbstmanagement-Kompetenz ein. Hinsichtlich ersterem hat laut der Autorin Selbstmanagement mit klaren Entscheidungen, Verzichten-Können und Verzichten-Müssen zu tun. In Unternehmen komme insbesondere den Führungskräften eine entscheidende Rolle zu, indem sie persönlichkeits- und gesundheitsförderliche Rahmenbedingungen schaffen. Hierzu formuliert Graf im Detail die Verantwortungsbereiche und mögliche Ansatzpunkte.

Das vierte Kapitel ist von einem mittlerweile im Ruhestand befindlichen Chefarzt, Roman Vogt, verfasst worden. Der Titel „Die Top 10+1 eines ehemaligen Chefarztes“ wecken Erwartungen, die Vogt durch kurzweilige an Praxisbeispielen orientierten Ausführungen vollkommen erfüllt. Bei jedem Punkt ergänzt Vogt zudem einen Literatur- oder zuweilen Filmtipp, die das jeweilige Thema entsprechend veranschaulichen. Die TOP 10+1 umfassen dabei elf Aspekte des Führungshandelns. Durch die Praxisbeispiele veranschaulicht der Autor das Thema und erarbeitet darauf aufbauend zentrale Aussagen für Führungskräfte und solche, die es werden wollen.

Im fünften Kapitel setzt sich Thomas Witmer mit dem Thema „Vorsorgeplanung für selbstständig erwerbende Gesundheitsfachleute“ auseinander. Nach einer Einführung in die Thematik, bei der er betont, dass Finanzplanung Lebensplanung sei und an etlichen Entwicklungsabschnitten von großer Bedeutung ist, geht der Autor auf das Thema Risikomanagement ein. Dieses müssen Selbständige in wesentlich umfassenderer Weise berücksichtigen als etwa Angestellte. Witmer geht anschließend auf das Drei-Säulen-Modell, auf dem das Schweizerische Sozialversicherungssystem beruht, ein. Dieses besteht aus staatlicher, beruflicher und privater Vorsorge. Auch die weiteren Unterkapitel 'Unfallversicherung UVG', 'Tagegeldversicherung', 'Invalidenversicherung IV', 'Alters- und Hinterlassenenversicherung AHV' und 'berufliche Vorsorge gemäß BVG' beziehen sich auf das Schweizerische Sozialversicherungssystem. Die Ausführungen sind für die Leser/innenschaft aus der Schweiz umfassend, für Leser/innen aus anderen deutschsprachigen Ländern interessant aber nicht unmittelbar anwendbar.

Das sechste Kapitel „Management Accounting für Gesundheitsorganisationen“ von Emilio Sutter fokussiert – so offensichtlich auch der Auftrag der Herausgeber an den Autor, die Schweiz. Das Kapitel ist gut aufgebaut und potentiell für die angesprochenen Leser/innen hilfreich, da der Autor anhand von Beispielen die Thematik der Finanz- und Betriebsbuchhaltung aufarbeitet. Er geht dabei auf Kostenarten, -stellen und -träger ein, die er durch Beispiele entsprechend veranschaulicht.

Im siebten Kapitel „'Mergers & Acquisitions' (M&A) im Gesundheitswesen “ von Rolf-Dieter Reineke geht es um Fusionen und Aufkäufe im so genannten Healthcare-Dienstleistungssegment. Diese nehmen aufgrund des hohen Konkurrenzdrucks immer mehr zu. Reinecke stellt den komplexen Prozess von Fusionen und Ankäufen ausführlich in sechs Teilprozessen dar: strategische Notwendigkeit sicherstellen, Strategieentwicklung, Zielunternehmen suche und auf ihre Eignung für Fusion/Ankauf prüfen (Due Diligence), Verhandlung, Integration sowie Erfolgsmessung und Feedback.

Thomas Helbling und Barbara Müller setzen sich im achten Kapitel mit „Marketing-Management für Gesundheitsorganisationen“ auseinander. Sie gehen auf die Bedeutung des Marketings an sich und dessen übergeordnetem Ziel der Kundenbindung und Gewinnung neuer Kunden ein. Die Autoren beschreiben, dass sich Leistungserbringer an den Bedürfnissen der aktuellen und potenziellen Kunden ausrichten, wobei Kunden in diesem Kontext sowohl Patienten als auch Kostenträger seien. Dadurch gewinnt die Marketingphilosophie einen ganz anderen Stellenwert. Das nächste Unterkapitel thematisiert strategisches Marketing, dabei sind Marktforschung und Situationsanalyse, Marketingstrategien und die Implementierung einer Positionierung, der richtige Marketing-Mix, von Bedeutung. Auf diesen gehen Helbling und Müller abschließend ein und differenzieren zwischen dem Marketing-Mix-Patienten und Marketing-Mix-Zuweiser.

Im neunten Kapitel „Medicine for Managers – ein Plädoyer“ geht Jens Hellermann darauf ein, dass in Krankenhäusern Ärztinnen und Ärzte zunehmend häufiger mit Manager/innen zu tun haben, die eben nicht Mediziner/innen sind. Er hält ein Plädoyer dafür, für diese Kolleg/innen ein Weiterbildungsangebot zu konzipieren, das das gegenseitige Verständnis verbessert. Anhand eines Beispiels beschreibt er, wie der Einblick eines Geschäftsführers in die praktische Arbeit des operierenden Arztes zu neuen Erkenntnissen im Hinblick auf teure Investitionen führen kann. Neben Überlegungen zu Zielen, Zielgruppen und Kompetenzen, befasst sich Hellermann auch mit der Didaktik, die in solchen Weiterbildungsangeboten auf Fachhochschulniveau zur Anwendung kommen sollen. Schließlich stellt er den von der Fachhochschule Nordwestschweiz angebotenen Kurs „Medicine for Managers“ – bestehend aus fünf Modulen – vor.

Im zehnten Kapitel befassen sich Susanne Hübenthal, Rolf-Dieter Reinecke und Volker Schulte mit dem Thema „Innovatives Rekrutierungsmanagement als Teil zukünftigen Personalmanagements“. Zunächst gehen die Autor/innen auf verschiedene Fakten ein, wie etwa die Feminisierung der Medizin bzw. des Gesundheitswesens, der demographische Wandel und damit einhergehende Multimorbidität im Alter etc. Des Weiteren besprechen sie Bedarfsprognosen (auf die Schweiz bezogen), etablierte und innovative Personalerhaltungs- und Entwicklungsmaßnahmen und gehen hierbei auf verschiedene Funktionen und Möglichkeiten ein. Nur kurz gehen Hübenthal et al. Auf das Thema „Pflegeheime als Renditeobjekt“ ein.

Im elften Kapitel beschreibt Denise Angelique Camenisch „Trends im innovativen Case Management“. Die Autorin beschreibt, dass zukünftig zwei Trends in der Schweiz das Case Management maßgeblich bestimmen werden, nämlich der zunehmende Fokus auf Früherkennung und die damit verbundene zeitliche Vorverlegung des Case Managements mit dem Ziel der Aufrechterhaltung der Erwerbsfähigkeit. Der zweite Aspekt betrifft die Bemühungen Case Management und die einzelnen Schritte transparenter, effizienter und messbarer zu machen. Auf diese beiden Aspekte geht die Autorin im Weiteren ausführlich ein, insbesondere die einzelnen Verfahrensschritte stellt sie vor und erörtert Möglichkeiten, wie diese messbarer gemacht werden könnten.

Thomas Mattig und Lukas Weber gehen im zwölften Kapitel auf „Betriebliches Gesundheitsmanagement heute“ ein. Die Autoren plädieren für ein umfassenderes Gesundheitsverständnis im Rahmen von BGM und stellen ein in der Schweiz entwickeltes System dafür vor. Das Label „Friendly Work Space“ beinhaltet sechs BGM-Kriterien. Hierbei handelt es sich um

  1. BGM und Unternehmenspolitik
  2. Aspekte des Personalwesens und der Arbeitsorganisation
  3. Planung von BGM
  4. Soziale Verantwortung
  5. Umsetzung des BGM
  6. Gesamtevaluation

Im 13. Kapitel befasst sich Volker Schulte mit der Versorgung am Lebensende „End of Life Care im Spiegel von Palliation und Spiritualität“. Der Autor beschreibt, dass sich in der Gesellschaft ein Gegenpol herausgebildet hat zu der Gerätemedizin. Dieser gehe einher mit einer „romantischen Vorstellung“ vom Sterben. Schulte macht Ausführungen zur Palliativversorgung und dem Verständnis derselben. Der Fokus liegt hier nach Cecily Saunders darauf, den Tagen mehr Leben zu geben und nicht dem Leben mehr Tage. Der Autor setzt sich für einen um die Spiritualität erweiterten Gesundheitsbegriff gemäß der Bangkok Charta der WHO (2005) ein. Er stellt die Bedeutung der Spiritualität für den Menschen in einer Abbildung dar, die die eingangs beschriebenen Ebenen (Makro-, Meso-, Mikro) wieder aufgreift. Abschließend stellt Schulte noch kurz ein halbstrukturiertes Interview zur Erhebung einer spirituellen Anamnese vor.

Das vorletzte 14. Kapitel des Buches widmet sich dem Thema „Technologiebasiertes Patientenmonitoring im Spannungsfeld von Lebensqualität und Personalressourcen“. Autoren sind Jürgen Graalfs und Volker Schulte. Hier beschreiben die Autoren unterschiedliche Systeme der Telemedizin der ersten bis vierten Generation und analysieren Marktpotenzial und Hemmnisse. Des Weiteren gehen die Autoren auf die eHealth-Strategie von Weltgesundheitsorganisation und EU ein und stellen abschließend aktuelle Telemonitoringprojekte vor.

Das letzte Kapitel des Buches ist überschrieben mit „Human Enhancement für Beauty und Leistungssteigerung“. Autoren sind Franzisca Schulte und Volker Schulte. In den zweieinhalbseitigen Vorbemerkungen machen die Autoren zunächst Ausführungen zur Jahrtausende alten Verwendung von Aufputschmitteln, Amphetaminen, psychotropen Substanzen usw., neuerdings als pharmakologisches Neuroenhancement bezeichnet. Ferner berichten sie über „Doping am Arbeitsplatz“. Insbesondere der Gebrauch/Missbrauch von Ritalin zur Stimmungssteigerung wird ausführlich behandelt. Schließlich gehen die Autoren noch in einem Abschnitt auf Schönheitsoperationen ein. Auf den letzten andershalb Seiten des Kapitels schneiden die Autoren die Themen Marktvolumen der Schönheitschirurgie, Nachfragetrends und damit einhergehender Medizinaltourismus an.

Diskussion

Durchweg muss der/die Leser/in sich in den unterschiedlichsten Bereichen gut auskennen, um den Gedankengängen problemlos folgen zu können. Kritisch anzumerken ist, dass die Literaturangaben nicht alle im Text wiederzufinden sind. Zudem beziehen sich viele Kapitel ausschließlich auf die Schweiz, was dazu führt, dass Leser/innen aus anderen deutschsprachigen Ländern einen eigenständigen Transfer leisten müssen. Dieser gestaltet sich als nicht einfach, da verschiedene Aspekte nur kurz angeschnitten werden, oftmals ohne Benennung von führenden Forscher/innen auf dem Gebiet geschweige denn einer (vollständige) Nennung der zu Grunde liegenden Theorie. Im zweiten Kapitel bezieht der Autor Gesundheitspsychologie zunächst nur/primär auf Fragen zur psychischen Gesundheit. Das ist aus Sicht der Gesundheitspsychologie eher nicht zutreffend. Er führt weiter aus, dass das Konzept der Salutogenese verbunden sei mit Resilienz. Es ist grundsätzlich anzunehmen, dass sich Überlegungen zur Resilienz u.a. an den Ausführungen zum Kohärenzsinn orientiert haben. Auch hier werden verschiedene theoretische Ansätze wie Antonovsky, Ryan und Deci, Heckhausen etc. kurz angerissen und quasi als bekannt vorausgesetzt. Leider ohne die Gemeinsamkeiten / Überschneidungen der Ansätze herauszuarbeiten. Ohne profunde Kenntnisse der verschiedenen psychologischen Theorien ist der komplexe Ansatz des Autors kaum nachvollziehbar.

3. Kapitel: Auch das dritte Kapitel zeichnet sich leider dadurch aus, dass Schlagwörter „in den Raum geworfen“ werden, die ohne Kenntnis der dazugehörigen Modelle (z.B. Effort-Reward-Imbalance/Gratifikationskrisenmodell von Johannes Siegrist) Worthülsen bleiben. Hinsichtlich des Modells der Selbstmanagement-Kompetenz ist kritisch anzumerken, dass Graf dieses als aus neun Bausteinen bestehend beschreibt, letztlich aber drei Bausteine auf drei Ebenen angesiedelt sind und weitere sechs Aspekte zwei dieser Ebenen untergliedern. Der Eindruck, der erweckt wird, dass es sich um neun gleichberechtigte / gleichwertige Bausteine handelt, kann so nicht aufrecht erhalten werden. Inwieweit die dazugehörigen Verhaltensindikatoren validiert worden sind oder ob diese primär zur Selbstreflexion, wie der „Tipp“ empfiehlt, dienen, ist unklar. Ebenso warum das Modell zweifach abgebildet worden ist. Selbstmanagement hat mit klaren Entscheidungen, Verzichten-Können und Verzichten-Müssen zu tun, so die Autorin – das hieße, es ginge immer um Sieg oder Niederlage; damit sind Überlegungen wie sie das Harvard-Konzept postuliert, nämlich Win-Win-Situationen zu schaffen und verschiedene Interessen zu verschmelzen hinfällig. Der Fokus auf das medizinische Fachpersonal geht in diesem Kapitel vollständig verloren. Kapitel vier ist durchweg lesenswert! Auch das fünfte und sechste Kapitel sind sehr stark auf die Schweiz ausgerichtet, für Leser/innen aus anderen deutschsprachigen Ländern ist ein eigenständiger Transfer notwendig. Um den komplexen und spannenden Prozess von Fusionen und Ankäufen im Detail nachvollziehen zu können, bedarf es einiger Vorkenntnisse, über die das medizinische Fachpersonal und auch andere im Gesundheitswesen Tätige nicht selbstverständlicher Weise verfügen. Das im achten Kapitel behandelte Thema ist aktueller denn je: der Trend zeigt seit Jahren, dass einerseits durch Qualitätsmanagementoffensiven und andererseits durch das Thema Patientensicherheit/-souveränität eine konkrete Ansprache sowie Transparenz über das Leistungsspektrum und (neutrale?) Bewertungsportale an Bedeutung zunehmen. Praxen wie Krankenhäuser stehen verstärkt im Wettbewerb. Das Plädoyer im neunten Kapitel für eine medizinische Weiterbildung von Managern stellt einen wichtigen Aspekt dar, der die (notwendige) Multiprofessionalität in Arztpraxen, Versorgungszentren und Krankenhäusern durch mehr Verständnis füreinander unterstützt. Case Management, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Palliativversorgung sind für sich genommen wichtige Themen. Die inhaltlich gut aufbereiteten Kapitel stehen losgelöst von anderen Inhalten, wobei zumindest letzteres wieder die eingangs beschriebenen Ebenen (Makro-, Meso-, Mikro) aufgreift. Wenngleich die Schönheitschirurgie sich großer Nachfrage erfreut, bleibt die Frage, welchen Nutzen das Thema in dieser Form der Aufbereitung hat.

Leider verliert sich der Fokus auf das medizinische Fachpersonal immer wieder. Ebenso ist kein wirklicher roter Faden erkennbar, manche Kapitel scheinen willkürlich hintereinander geschaltet – Hauptsache das Stichwort „Management“ steht im Titel. Dem Buch hätte es gut getan, wenn der vielversprechende Titel einhergegangen wäre mit einem konsequent strukturierten Aufbau (Makro-, Meso-, Mikroebene), den das erste Kapitel nahe gelegt, der aber leider nicht eingehalten hat.

Durch die vielen Andeutungen, angeschnittenen Themenfelder und Schlagworte ist das Buch eingeschränkt und in erster Linie nur für in der Schweiz tätige Leser/innen mit zahlreichen Vorkenntnissen empfehlenswert. Für andere Leser/innen ist ein hohes Maß an eigenständiger Transferleistung notwendig, um die einzelnen zumeist durchaus relevanten Themenbereiche für den eigenen Alltag als Medical Entrepreneur nutzen zu können. Es bestehen Zweifel, ob das medizinische Fachpersonal die Zeit aufbringen kann, sich diese Kenntnisse aus den Bereichen Sozialversicherungsrecht, Gesundheitspsychologie, Finanzbuchhaltung, Betriebswirtschaft u.v.a.m. anzueignen.

Fazit

Ein Teil der ausgewählten Themen ist aus Sicht des Medical Entrepreneurs von Bedeutung. Manche Themen leiden darunter, dass sie ausschließlich die Schweiz fokussieren und damit andere deutschsprachige Leser/innen vor die Aufgabe stellen, Transferleistungen zu erbringen um einen Nutzen für die eigene Tätigkeit, das Krankenhaus, die Praxis zu ziehen. Ein weiterer Teil der Kapitel ist ohne profunde Vorkenntnisse im Detail kaum zu verstehen. An vielen Stellen werden Theorien, Modelle kurz angeschnitten, teils auch nur mit einem Begriff in den Raum gestellt, ohne dass für den/die unerfahrene/n Leser/in nachvollziehbar wäre, worum es ginge. Manche Kapitel sind trotz der Bedeutung der jeweiligen Themen losgelöst.

Dem Buch hätte eine bessere Strukturierung, die man nach dem ersten Kapitel hätte erwarten können, gut getan. Insgesamt verspricht der Titel wesentlich mehr.


Rezensentin
Dr. Dagmar Starke
Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen Referentin für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung
Homepage www.akademie-oegw.de
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Zitiervorschlag
Dagmar Starke. Rezension vom 10.10.2016 zu: Volker Schulte, Arie Verkuil (Hrsg.): Management für Health Professionals. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85526-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20589.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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