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Marion Jettenberger, Susanne Moser-Patuzzi: Sinnesaktivierungen für Bettlägerige

Cover Marion Jettenberger, Susanne Moser-Patuzzi: Sinnesaktivierungen für Bettlägerige. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2016. 31 Seiten. ISBN 978-3-8346-3090-2. D: 14,99 EUR, A: 15,50 EUR, CH: 18,00 sFr.

Karten-Set mit Ideen für die Pflegepraxis.
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Thema

Bettlägerige Menschen geraten im Pflegealltag oft in Vergessenheit. Die Interaktion mit ihnen beschränkt sich leider nur zu oft auf die notwendigsten körperlichen Versorgungstätigkeiten. Dadurch werden die Betroffenen zum Objekt von Pflegehandlungen degradiert und leiden vielfach unter sensorischer, aber auch sozialer Deprivation mit ihren bekannten negativen Auswirkungen. Die Gründe dafür liegen einerseits in der durch die unzureichenden personellen Rahmenbedingungen bedingten „Pflege im Akkord“, andererseits aber auch darin, dass Betreuende im Umgang mit Bettlägerigen oft überfordert sind und daher Berührungsängste haben. Es ist deshalb umso wichtiger, bettlägerige Menschen endlich stärker in den Fokus der Pflege und Betreuung zu rücken, denn „Das Herz kennt keine Immobilität oder Demenz!“, wie die Autorinnen plakativ bemerken. Und: „Die Grundbedürfnisse nach Herzlichkeit, emotionaler Wärme, Ansprache und Zuwendung bleiben bis zuletzt, bis zum letzten Atemzug, erhalten.“

Aufbau und Inhalte

Mit ihrer Publikation wollen die Autorinnen professionellen und ehrenamtlichen Pflege- und Betreuungskräften, aber auch Angehörigen praxisrelevante Hilfestellungen für die Begleitung immobiler Menschen geben. „Achtsame Zuwendung“ lautet dabei ihr Zauberwort. Sie untergliedern den Ablauf einer Zuwendung in die fünf Schritte

  1. Vorbereitung,
  2. Beginn,
  3. Zuwendung,
  4. Abschied und
  5. Nachbereitung.

Dabei sollten alle Zuwendungen immer von den beiden „grundlegenden Zuwendungen“ Ansprechen und Berühren begleitet sein. Auch betonen die Autorinnen die Notwendigkeit einer empathischen Haltung sowie der Reflexion des eigenen Tuns.

Neben einem Heftchen mit einer kurzen theoretischen Einführung in das Thema besteht das eigentliche Kartenset aus zwanzig Karten (sowie vier Zusatzkarten), die praktische Interventionen bzw. Zuwendungen beinhalten. Diese sind nach den fünf Sinnen Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Tasten gegliedert und allesamt einfach in die Praxis umzusetzen. Jedem dieser fünf Abschnitte ist eine kurze Einführung zum jeweiligen Sinnesbereich vorangestellt.

Diskussion

Auf einen aus meiner Sicht negativen Aspekt sei verwiesen: Die Autorinnen beschreiben ausführlich die Kontaktaufnahme mit dem pflegebedürftigen Menschen: „Atmen Sie vor der Zimmertür durch, bevor Sie eintreten. Fallen Sie nicht mit der Tür ins Haus. Setzen Sie sich zu Ihrem Betreuten …“ Ich vermisse an dieser Stelle jedoch den Hinweis auf die Notwendigkeit des Anklopfens an der Zimmertür, das – wie sowohl die Praxis als auch gerontologische Untersuchungen zeigen – vor allem in Pflegeheimen leider nicht überall selbstverständlich ist. Es ist meines Erachtens jedoch unabdingbar, denn es entspricht der allgemeinen gesellschaftlichen Konvention und symbolisiert – auch für den Besucher selbst – die Achtung vor der Privatsphäre des Pflegebedürftigen. Das Ritual signalisiert dem Pflegebedürftigen, dass ein Fremder Einlass in seinen Privatbereich begehrt. Da der Pflegebedürftige dieses Begehren auch ablehnen kann, muss der Besucher nach dem Anklopfen abwarten, bis er hereingebeten wird. Sofern der alte Mensch dazu aufgrund seines Krankheitsbildes nicht mehr in der Lage ist, sollte trotzdem ein Moment abgewartet werden, damit sich der Pflegebedürftige auf den Besuch einstellen kann, bevor der Besucher vorsichtig die Tür öffnet und sich durch eine freundliche Ansprache sofort verbal zu erkennen gibt.

Fazit

Abgesehen von dieser Kritik ist das Kartenset für die Pflege- und Betreuungspraxis jedoch zu empfehlen. Es zeigt einfach umsetzbare Handlungsmöglichkeiten auf, die bettlägerigen Menschen Freude, Abwechslung und Sinnesanregungen in den Alltag zu bringen können. Darüber hinaus thematisiert die Publikation die besondere Lebenssituation einer oft weitgehend vernachlässigten Personengruppe und trägt damit hoffentlich zu deren Verbesserung bei.


Rezensent
Michael Graber-Dünow
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Zitiervorschlag
Michael Graber-Dünow. Rezension vom 31.05.2016 zu: Marion Jettenberger, Susanne Moser-Patuzzi: Sinnesaktivierungen für Bettlägerige. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2016. ISBN 978-3-8346-3090-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20590.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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