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Lynn Schelisch: Technisch unterstütztes Wohnen im Stadtquartier

Cover Lynn Schelisch: Technisch unterstütztes Wohnen im Stadtquartier. Potentiale, Akzeptanz und Nutzung eines Assistenzsystems für ältere Menschen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 306 Seiten. ISBN 978-3-658-11307-0. D: 39,99 EUR, A: 41,11 EUR, CH: 42,50 sFr.
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Thema

Wohnen im Alter kann in verschiedene Rubriken oder auch Phasen unterteilt werden: das selbständige Wohnen der Rüstigen und das Wohnen der körperlich und manchmal auch schon geistig Beeinträchtigten. Wenn die Kräfte zunehmend schwinden, dann ist man auf Hilfe und Unterstützung angewiesen seitens der Angehörigen oder auch seitens beruflich Helfender. Neben menschlichem Beistand sind in den letzten Jahrzehnten technische und auch computerunterstützte Helfersysteme entwickelt worden, vom einbaubaren Treppenlift über mobile Notrufanlagen bis hin zu EDV gestützten Assistenzsystemen im Haushalt. Die vorliegende Publikation beschäftigt sich mit diesen Innovationen hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Brauchbarkeit im Alltag betagter Menschen.

Autorin

Lynn Schelisch ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachgebiet Stadtsoziologie der Technischen Universität Kaiserslautern mit den Forschungsschwerpunkten „Neues Wohnen“, genossenschaftliches Wohnen und intelligente Technik in der Praxis. Die vorliegende Studie wurde 2014 als Dissertation vom Fachbereich Raum- und Umweltplanung der Technischen Universität Kaiserslautern angenommen.

Aufbau und Inhalt

Die Publikation ist in acht Kapiteln nebst Anhang (Interviewleitfaden und Kurzfragebogen Techniknutzung) untergliedert.

In Kapitel 1 (Einleitung, Seite 15 – 19) werden neben dem Aufbau der Arbeit die Forschungsfragen der Untersuchung kurz skizziert. Es geht vor allem um die Akzeptanz von technischen Unterstützungssystemen seitens älterer Menschen im Haushalt. Es wird untersucht, ob diese Hilfsmittel einen Beitrag zur Bewältigung des Alltags leisten können und ob sie zusätzlich Gelegenheit zur Vernetzung mit den Hilfs- und Unterstützungsangeboten und sozialen Netzwerken im Nahbereich bieten können.

Kapitel 2 (Leben und Wohnen im Alter, Seite 20 – 61) beschreibt recht ausführlich den Stand der Forschung bezüglich des Gegenstandsbereiches Leben und Wohnen älterer Menschen, wobei u. a. neben Gesundheitszustand, Partnerschaft und Familie, Einkommen und Vermögen auch auf die verschiedenen Wohnformen im Alter eingegangen wird. Ca. 93 Prozent der Älteren wohnen in Privathaushalten (Wohnung oder Haus), zwei Prozent im „Betreuten Wohnen“, vier Prozent in Heimen und ein Prozent in traditionellen Altenwohnungen. Des Weiteren werden die Alltagsgestaltung, die Freizeitaktivitäten und die sozialen Kontakte der Älteren einschließlich der Unterstützungssysteme im Nahbereich dargestellt. Hieran anschließend wird das Spektrum an individuellen Maßnahmen zur Aufrechterhaltung eines selbständigen Wohnens im Alter wie Inanspruchnahme von Unterstützungsleistungen von Angehörigen oder Dienstleistungsanbietern, Umbaumaßnahmen in der Wohnung und ein Umzug in eine altengerechte Wohnung (Betreutes Wohnen u. a.) aufgezeigt. Den Abschluss bilden Hinweise auf neue Modelle des „vernetzten Wohnens“ und „integrierter Quartierskonzepte“ zur verstärkten Einbindung der Älteren in die bestehenden Hilfe- und Unterstützungsstrukturen einschließlich der Kontaktangebote im unmittelbaren Nahbereich.

Kapitel 3 (Stand der Forschung: Alter(n) und Technik, Seite 63 – 109) weist auf den gegenwärtigen Stand der Forschung zum Themenfeld Altern und Technik mit dem Schwerpunkt Computer- und Internetnutzung hin. So verfügen z. B. im Jahr 2012 59 Prozent der Altenhaushalte in der Altersgruppe 70 bis unter 80 Jahre über einen Computer, 52 Prozent nutzen das Internet und 80 Prozent besitzen ein Mobiltelefon. Untersuchungen zeigten auch, dass viele Ältere auch Furcht vor Neuerungen technischer und nichttechnischer Art zeigen, denn sie möchten teils nicht von ihren vertrauten Gewohnheiten ablassen. Der rasche technische Wandel lässt sich nicht so leicht verkraften. Es folgt ein Überblick über das bestehende Angebot an technischen und EDV gestützten Systemen des unterstützten Wohnens im Alter: u. a. „Smart Home“ und „AAL“ („Ambient Assisted Living“). Bei dem „Smart Home“ handelt es sich um eine Vernetzung verschiedener Bestandteile des Haushaltes – Haustechnik (Energiezähler, Alarmanlagen, Heizungs- und Lichtsteuerung), Elektrohaushaltsgeräte (Herd, Kühlschrank u. a.) und Multimedia-Geräten (Fernseher u. a.) – meist per Kabel oder Funk. Die Vernetzung dient bei Älteren vor allem der Sicherheit, der Erleichterung der Haushaltsführung und der Wirtschaftlichkeit (Energie sparen u. a.).

In Kapitel 4 (Ein Assisted-Living-System im Einsatz, Seite 111 – 142) werden bereits praxistaugliche Unterstützungssysteme ähnlich dem „Smart Home“ anhand von Erprobungsversuchen in Altenwohnanlagen in Kaiserslautern und Speyer vorgestellt: der „Persönliche Assistent für Unterstütztes Leben“ (PAUL) und die Projekte „Ambient Assisted Living – Wohnen mit Zukunft“ und „Technisch-soziales Assistenzsystem“ (TSA).

Kapitel 5 (Methodisches Vorgehen der empirischen Untersuchungen, Seite 143 – 154) erläutert das Untersuchungsinstrumentarium der Erhebung: standardisierte schriftliche Befragungen und qualitative mündliche Befragungen der Nutzer der Unterstützungssysteme im Haushalt. Die Gesamtuntersuchung bestand aus insgesamt 24 Studien und wurde in dem Zeitraum von 2006 bis 2014 in Kaiserslautern und Speyer durchgeführt.

In Kapitel 6 (Erfahrungen mit der Assisted-Living-Technik im Alltag, Seite 155 – 239) werden die Ergebnisse der Nutzerbefragungen bezüglich des Unterstützungssystems PAUL recht ausführlich teils mit wörtlichen Zitaten der Befragten referiert. Die Anwendungsfelder dieses Systems umfassen folgende Funktionen: Sicherheit (Türkamera und Besucherliste), Komfort (Diensteportal, Licht- und Rolladensteuerung), Unterhaltung/Freizeit (Radio, Spiele/Rechnen, Bücher lesen, Videogalerie, Bilderansicht, Zitate / Spruch des Tages), Alltagshelfer (Notizen, Erinnerungsfunktion, Wecker, Kontakte, Tagebuch), Kommunikation (Schwarzes Brett und Videotelefon), Information (Internet, Nachricht (vor-)lesen) und Gesundheit (persönliche Inaktivitätsansicht). Gefragt wurden u. a. die Beurteilung der Hardware, der Standort des Touchscreen-Computers und die Bedienbarkeit des Systems. Des Weiteren wurden Daten hinsichtlich der Nutzung der Einzelfunktionen (Komfort, Sicherheit, Gesundheit, Kommunikation und Unterhaltung) erhoben.

In Kapitel 7 (Zusammenfassende Betrachtung: Potentiale technisch unterstützten Wohnens, Seite 241 – 263) wurden die Präferenzen hinsichtlich der Nutzung des Unterstützungssystems PAUL genau dargestellt. Neue Funktionen wie Türkamera und Rolladensteuerung wurden praktiziert, bei Funktionen der Rubrik Unterhaltung hingegen wie Radio- und Fernsehnutzung blieb man jedoch bei den herkömmlichen und vertrauten Geräten. Auch Funktionen der Informationsnutzung wie das „schwarze Brett“ fanden keinen Anklang, hier wurden die vertrauten Kommunikationsformen des Telefonats und der persönlichen Ansprache vorgezogen. Auch die Funktionen der Freizeitgestaltung (Video, Bücher, Tagebuch) wurden nicht wahrgenommen. Die Untersuchung zeigte auch, dass die Nutzer überwiegend nicht bereit waren, für bestimmte Dienste wie z. B. Notfallalarmierung zusätzliche Kosten tragen zu wollen.

In Kapitel 8 (Fazit und Ausblick, Seite 265 – 268) fasst die Autorin wesentliche Erkenntnisse mit der Nutzung der Unterstützungssysteme nochmals zusammen: die Technik kann im Falle der Immobilität und der Hilfe- und Pflegebedürftigkeit keine menschlichen Hilfeleistungen ersetzen, sie können jedoch Ergänzungsleistungen hinsichtlich einer verbesserten Vernetzung der Nutzer mit dem sozialen Umfeld und den entsprechenden Anbietern von personennahen Dienstleistungen bieten. Des Weiteren konstatiert die Autorin den Sachverhalt, dass der rasche technologische Wandel besonders im IT-Bereich mit den neuen Geräten Smartphone und App-Nutzung zu vielen Angeboten auf dem „Massenmarkt“ auch im Bereich „Smart Home“-Nutzung geführt hat. Das heißt u. a., dass die zielgruppen- und damit seniorenausgerichteten Unterstützungssysteme, die nie das Stadium der Projekterprobung weit überschritten haben, letztlich veraltet sind und von neuen Angeboten technologisch überholt wurden.

Diskussion und Fazit

Die Autorin konnte mittels ihrer Studien und Erhebungen das weite Feld der möglichen Techniknutzung als Unterstützungspotential im Alter allgemeinverständlich darstellen. Es zeigt sich, dass ältere Menschen bereit sind, neuere technische Angebote zu nutzen, wenn sie sich davon einen Vorteil im Alltag versprechen. Funktionen hingegen, die eher an eine versteckte Infantilisierung erinnern wie Spiele etc. werden nicht als altersgerecht empfunden und entsprechend auch abgelehnt bzw. nicht genutzt. Des Weiteren gelang es der Autorin deutlich aufzuzeigen, dass Technik gegenwärtig noch keine menschlichen Hilfe- und Pflegeleistungen ersetzen kann. Der Pflegeroboter ist augenblicklich trotz intensiver technologischer Forschungen weltweit noch Zukunftsvision. Doch die Unterstützungssysteme erleichtern das selbständige Leben in einem Privathaushalt mittels diverser Funktionen. Sie können jedoch im Falle einer ständigen Pflegebedürftigkeit und einer demenziellen Erkrankung nicht den Umzug in den Heimbereich vermeiden.

Es kann das Fazit gezogen werden, dass hier eine solide Arbeit vorliegt. Diese wissenschaftlichen Ergebnisse verdienen es, in den Fachkreisen der Bau- und Wohnungswirtschaft und der Stadt- und Sozialplanung als ein Element wesentlichen Orientierungswissens berücksichtigt zu werden.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 13.09.2016 zu: Lynn Schelisch: Technisch unterstütztes Wohnen im Stadtquartier. Potentiale, Akzeptanz und Nutzung eines Assistenzsystems für ältere Menschen. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-658-11307-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20591.php, Datum des Zugriffs 18.06.2019.


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