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Melanie Groß: Und plötzlich gärtnern alle

Melanie Groß: Und plötzlich gärtnern alle. Theoretische, konzeptionelle und methodische Perspektiven für Gardening und Commons in der Jugendarbeit. oekom Verlag (München) 2016. 118 Seiten. ISBN 978-3-86581-758-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema

Gardening-Projekte und Commons entwickeln sich heute vielerorts als neue Formen kollektiver Gemeingüter und Teil einer alternativen und meist urbanen Lebensweise. Beide sind Bestandteile einer übergreifenden Entwicklung neuer Formen des Wirtschaftens, Produzierens und Zusammenlebens als Antwort auf gesellschaftliche Krisenerfahrungen.

Autorin

Melanie Groß ist Professorin für Jugendarbeit an der Fachhochschule Kiel. Ihre Arbeit umfasst Interventionsstrategien junger Menschen in gesellschaftliche Verhältnisse und die Einbeziehung von Urban Gardening in die Jugendarbeit.

Entstehungshintergrund

Anlass für das Buch war das Projekt „G(a)arden(ing)! – ein interkultureller, urbaner Garten im Kieler Stadtteil Gaarden (2013-2016)“, das durch eine dreijährige Projektförderung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge ermöglicht wurde. Zielgruppe waren Jugendliche zwischen 12 und 20 Jahren.

Aufbau

Umwelt-, Ressourcen- und Finanzkrise(n) werden im ersten Teil des Buches als Kontext und Ausgangspunkt dargestellt. Daran anschließend werden die Chancen und Herausforderungen für die Jugendarbeit analysiert. Im Zentrum steht dabei das o.g. Gardening-Projekt. Zentrale Frage hierbei ist, wie die Handlungs- und Widerstandsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen gestärkt werden kann. Anschließend werden grundlegende Konzepte und Methoden vorgestellt – immer mit Blick auf deren praktische Umsetzung.

Inhalt

Im ersten Teil des Buches stehen Commons und Gardening-Projekte und deren politische Entstehungskontexte in ihrer Bedeutung für das Soziale und die Soziale Arbeit im Mittelpunkt. Im zweiten Teil geht es um ein konkretes Gardening-Projekt in der Jugendarbeit und die Einschätzungen der beteiligten Mitarbeiterinnen, Mitarbeiter und Jugendlichen. Im dritten Teil des Buches werden Projektideen für die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe gezeigt, die Studierende der Lehrveranstaltungen der Autorin 2014/15 initiiert haben.

Gardening-Projekte und andere Commons werden als Mittel verstanden, „durch die Menschen versuchen, sich die Verfügung über ihre Lebensgrundlagen wieder anzueignen, die sie zunehmend als entfremdet und fragmentiert erleben. Insofern fungieren solche zivilgesellschaftlich organisierten Projekte als Aneignungsprozesse in Zeiten von Krisen, mit denen immer auch versucht wird, Teilhabe und damit Integration in die Gesellschaft zu erlangen“ (S. 34). „Gardening-Projekte sind auf besondere Weise geeignet, um emanzipatorische Bildungsprozesse anzuregen und gesellschaftlich Teilhabe jenseits der Fokussierung auf Erwerbsarbeit sozialräumlich erfahrbar zu machen.“ Aus Sicht der Autorin bieten sie „ein großes Potenzial für die Entwicklung von Handlungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen“ (S. 35).

Commons, Gemeingüter, Allmenden: „Ressourcen werden gemeinsam bewirtschaftet, öffentliche Flächen für gemeinwohlorientierte Nutzungen reklamiert, Wissen kostenfrei zur Verfügung gestellt“ (S.42). Dies kann auch beinhalten, „dass Aufgaben, die vormals dem Staate zugedacht sind, wie etwa Care-Tätigkeiten, gerade durch Commons auch wieder an die Gemeinschaft und die Individuen zurückdelegiert werden können“ (S.43).

Gerade im „Postwachstumsdiskurs“ wird prognostiziert, dass „ein zu erwartender Systembruch (…) die Menschen dazu zwingen werde, sich wieder selbst zu versorgen und regional und lokal zu denken. (…) Die zentralen Stichwörter hier sind Resilienz, Subsistenz und Suffizienz.“ Es wird auch darauf verwiesen, „dass Mikro-Gardening im Grunde effektiver sein könnte als industrialisierte Landwirtschaft“ (S. 44).

In dem Projekt „G(a)arden(ing)! – ein interkultureller, urbaner Garten im Kieler Stadtteil Gaarden“ standen drei Bereiche im Vordergrund: Integration durch Subjektbildung, Integration durch Empowerment, Integration durch Teilhabe (S. 51). Subjektbildung hat zum Ziel, Jugendlichen Möglichkeiten zu eröffnen, sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen kritisch auseinander zu setzen und sie infrage zu stellen, statt sich ihnen unkritisch und passiv zu unterwerfen (S. 52). Im praktischen Tun „erfahren die Jugendlichen, dass sie mit eigener Kraft etwas erschaffen können, sie erfahren sich als wirksam.“ Sie erfahren, dass „verantwortungsvolles gemeinschaftliches Handeln erforderlich ist, um gemeinsam Ziele zu erreichen“ (S.53). Dabei muss „ehrlicherweise … gesagt werden, dass die beschwerliche Gartenarbeit gerade im ersten Jahr nicht immer Begeisterungsstürme bei den Jugendlichen ausgelöst hat“ (S. 61).

Diskussion

Inhalt und vorgestelltes Beispiel sind durchaus interessant, aber an manchen Stellen hätte dem Buch ein sorgfältiges Lektorat gut getan, um Redundanzen zu vermeiden und sprachliche Verbesserungspotenziale auszuschöpfen. Etwas lieblos aneinander gestückelt erscheint die unkommentiert bleibende Zusammenstellung kurzer Interviews mit beteiligten Jugendlichen, in denen sich diese über das Gartenprojekt äußern. Das gleiche gilt für die Aneinanderreihung von elf Projektideen bzw. Praxisbeispielen, die „von Studierenden der Sozialen Arbeit an der FH Kiel im Rahmen zweier Lehrveranstaltungen entstanden sind.“ Ohne jeden „Abspann“ schließt das Buch mit dem Literaturverzeichnis.

Fazit

Thema sind „theoretische, konzeptionelle und methodische Perspektiven für Gardening und Commons in der Jugendarbeit“. Nach einer grundsätzlichen Betrachtung des Themenfeldes „Gardening und Commons“, das fast die Hälfte des Buches einnimmt, wird als Beispiel ein konkretes Projekt mit Jugendlichen im Kieler Problemstadtteil Gaarden vorgestellt. Eine Zusammenführung der zuvor entwickelten theoretischen Grundlagen und des Beispiels selbst gelingt nicht ganz; die zum Schluss vorgestellten Interviews und Projektvorschläge werden nur aufgelistet und verbleiben unkommentiert.


Rezensent
Dr. Thomas van Elsen
Deutsche Arbeitsgemeinschaft Soziale Landwirtschaft DASoL
Homepage www.soziale-landwirtschaft.de
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Zitiervorschlag
Thomas van Elsen. Rezension vom 21.04.2017 zu: Melanie Groß: Und plötzlich gärtnern alle. Theoretische, konzeptionelle und methodische Perspektiven für Gardening und Commons in der Jugendarbeit. oekom Verlag (München) 2016. ISBN 978-3-86581-758-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20592.php, Datum des Zugriffs 01.05.2017.


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