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Andreas Hinz, Tanja Kinne u.a. (Hrsg.): Von der Zukunft her denken

Cover Andreas Hinz, Tanja Kinne, Robert Kruschel, Stephanie Winter (Hrsg.): Von der Zukunft her denken. Inklusive Pädagogik im Diskurs. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 291 Seiten. ISBN 978-3-7815-2081-3. 21,90 EUR.
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Herausgeber*innen

Die Herausgeber*innen des Sammelbandes zeichneten verantwortlich für die Konzeptionierung, Planung und Durchführung der Jahrestagung. Sie forschen und lehren in der Philosophischen Fakultät III-Erziehungswissenschaften der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und sind im Bereich Inklusiver Bildung engagiert.

Entstehungshintergrund und Thema

Der vorliegende Band fasst Diskussionen und Beiträge der 29. Jahrestagung der Integrations-/Inklusionsforscher*innen in deutschsprachigen Ländern zusammen, die im Jahre 2015 an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg stattgefunden hat.

Die Fachtagung beabsichtigte den Stand der wissenschaftlichen Inklusionsdebatte angesichts der seit der Ratifizierung der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung (UN-BRK) erfolgten politischen Reaktionen und Strategien selbstkritisch zu reflektieren und sich deren Ursprünge, Entwicklungen und strategischen Positionierungen zu vergewissern. Der selbstkritische Rückblick wurde verbunden mit dem Bemühen, theoretische, forschungsbezogene und politische Perspektiven einer gesellschaftlichen Inklusionsorientierung voranzutreiben, die dem menschenrechtlichen Anspruch einer angewendeten UN-BRK gerecht(er) werden.

Für die Konzeption der Fachtagung wurde ein innovatives methodisches Vorgehen gewählt, das der grundgelegten reflexiven kritischen Zielsetzung geschuldet war und die Teilnehmenden auf eine ungewohnte Art ansprach. Konsequent verzichtet wurde auf vorbereitete Inputbeiträge durch Keynote-Speaker*innen – stattdessen prägte(n) die mehrtägige Veranstaltung eine Reihe methodisch unterschiedlich angelegter wechselnder Diskussionsrunden zu selbstgesteuerten inhaltlichen Schwerpunkten, so dass Themenstellungen, Diskussionsverläufe und Ergebnissicherungen zunächst offen blieben und nicht zu antizipieren waren.

Den formellen methodischen Rahmen bildete die Theorie U (vgl. Scharmer 2009, vgl. die Rezension), die im vorliegenden Band in einem 1. Teil mit Blick auf ihr Potenzial für inklusive Pädagogik vorgestellt und diskutiert wird. Als besonders spannend herausgestellt hat es sich, dass sich das anvisierte Moment kritischer Selbstreflexion nicht lediglich auf die aufgeworfene Themenstellung bezog, sondern auch auf die methodisch provozierte Form der mehrtägigen Veranstaltung selbst. Die entsprechenden kritischen Stimmen finden sich im abschließenden 4. Teil des Bandes wieder, so dass der vorliegende Reader gewissermaßen ein zweites möglicherweise von den Veranstalter*innen so nicht antizipiertes Thema erhält – Antworten auf die Frage nach einem Tagungsformat, das auf Reflexion und Selbstkritik zielt und nicht auf fachliche Selbstrepräsentation oder wissenschaftliche Performance.

Aufbau

Die beiden Abschnitte dazwischen konzentrieren sich auf Rückblicke, Rundblicke und Ausblicke (Teil 2) sowie aktuelle Entwicklungen und Impulse (Teil 3) im pädagogischen Inklusionsdiskurs. Dieser Aufbau des Tagungsbandes führt die Idee der innovativen Tagungsgestaltung mit dem Anspruch fort, ergebnisoffen selbstkritischen Reflexionen Raum zu geben und führt zu einer ebenso unkonventionellen Ergebnissicherung, deren Gesamtlektüre in weitaus stärkerem Maße als dies bei Tagungsbänden üblicherweise der Fall ist, zu einem anhaltend spannenden und lohnenden Unterfangen wird.

Inhalt

Einführend skizzieren die Herausgeber*innen das inhaltliche Konzept der Tagung und des Sammelbandes. Erstere stand unter dem Motto „Inklusion ist die Antwort! Was war noch einmal die Frage?“ Inklusion verstanden als Antwort auf ein differenziertes und segregierendes Schulsystem, als Antwort auf ein demokratisches Defizit gegenüber als sonderpädagogisch förderbedürftig Adressierten und als Antwort auf unzureichend eingelöste Menschenrechte im Bildungsbereich. Vor dem Hintergrund dieser Diagnose(n) ist die fachliche, wissenschaftliche und politische Entwicklung zu reflektieren, die sich (möglicherweise nicht erst) seit der Ratifizierung der UN-BRK in der hiesigen Gesellschaft vollzogen hat.

Anschließend befassen sich Oliver Koenig und Thomas Schweinschwaller mit der Theorie U als Prozessgestaltung für soziale Transformation. Dabei handelt es sich um die Methode, die dem Tagungsformat zugrunde gelegt war. Ines Boban und Andreas Hinz diskutieren die Methodenwahl in Bezug auf ihre Eignung zur Förderung von Transformationsprozessen in der Inklusion.

Den zweiten Teil des Bandes eröffnet ein intergeneratives Gespräch zwischen Helga Deppe-Wolfinger und Robert Kruschel, die ihre individuellen Zugänge zu Inklusion und aktuelle Herausforderungen skizzieren. Einen kritischen Blick auf das Verhältnis zwischen Inklusionsforschung und ‚inklusiver‘ Politik werfen Clemens Dannenbeck und Andrea Platte. Die rückblickende und resümierende Reflexion des Status Quo der Inklusionsentwicklung aus Sicht von Stakeholdern führen Judy Gummich, Matthias Lessig, Marie-Theres Müller und Christine Pluhar fort. Die Beiträge dieses Teils stellen sämtlich zusammenfassende Transkriptionen von moderierten Fachgesprächen dar.

Der dritte Teil des Bandes beginnt mit Alexander Leuthold, der eine laufende Studie vorstellt, die sich mit der Konzeptionalisierung von Inklusion im Verhältnis zwischen studentischen Eigentheorien und fachwissenschaftlichen Diskursen auseinander setzt. Mai-Anh Boger befasst sich mit Badiou und setzt ihn in Bezug zur Inklusionskategorie. Katharina Hamisch, Kornelia Joachim-Holz und Franziska Koglin skizzieren die Idee eines Forschungsvorhabens, das ein konsequent neues Bildungssystem im Blick behält. Peter Tiedeken analysiert das Verhältnis von Akzeptierender Jugendarbeit zur Inklusion und unterzieht dabei wertorientierte Sozialarbeit einem kritischen Anspruch. Laura Holtbrink befasst sich mit der Frage, welche Haltungen und Orientierungen Lehrerkräfte, Schulleitungen und Schulsozialarbeiter*innen zum Thema Inklusion einnehmen. Vera Moser u.a. stellen das Graduiertenkolleg „Inklusion-Bildung-Schule: Analysen von Schulstrukturentwicklungen“ an der Humboldt-Universität zu Berlin vor. Marcel Veber und Timo Dexel skizzieren Möglichkeiten forschenden Lernens im Rahmen einer inklusionsorientierten Professionalisierung von Lehrer*innen am Beispiel des Einsatzes des Index für Inklusion. Ebenfalls mit dem Index für Inklusion arbeiten Magdalena Gercke und Birgit Jäpelt im Rahmen inklusiver Schulbegleitforschung. Ulrike Barth und Dietlind Gloystein berichten über eine Case Clinic. David Jahr und Christopher Hempel überprüfen den Erkenntnisgewinn eines inklusionsbezogenen Forschungsprojekts zur Unterrichtssimulation mit dem Titel „Dorfgründung“. Katrin Hanelt skizziert eine demokratisch-inklusive Schule als Ergebnis einer Open Space Diskussion. Dass Inklusionsorientierung sich nicht im Blick auf Menschen mit adressierten Behinderungen oder zugeschriebenen sonderpädagogischen Förderbedarfen beschränkt, darauf weisen Ulla Widmer-Rockstroh, Nina Hömberg und Karin Petzold hin, die Geflüchtete als ‚blinden Fleck‘ inklusiver Pädagogik ausmachen. Den Abschnitt schließen Anne Goldbach und Saskia Schuppener mit ihrem Bericht zu einem partizipativen Forschungsprojekt ab, das sich mit Leichter Sprache im Kontext beruflicher Teilhabe von Menschen mit Lernschwierigkeiten befasst.

Der 4. Teil des vorliegenden Bandes fokussiert die Reflexion der spezifischen methodischen Ausrichtung der Tagung sowohl hinsichtlich eines möglichen Mehrwerts in Bezug auf eine effiziente Tagungsgestaltung als auch hinsichtlich des inhaltlichen Potenzials für die zukünftige Inklusionsforschung. Die Stellungnahmen und Kommentare erfolgen aus subjektiver Sicht von Teilnehmenden, wie in den Beiträgen von Irmgard Bernhard und Claudia Rauch sowie Christine Pluhar. Frank J. Müller nimmt die Geschichte der vergangenen Jahrestagungen in den Blick und fragt nach den Effekten kreativitätsfördernder Methoden. Kritische Anmerkungen auf der Basis der eigenen Erfahrungen formulieren Virgina Falkenberg, Philipp Streit und Rahel Szalai sowie David Jahr, Jens Oliver Krüger und Rahel Szalai. Auch Stephanie Winter fragt nach dem inklusiven Potenzial des Tagungsformats am Beispiel des Dialogspaziergangs.

Schließlich wagen Andreas Hinz und Walter Dreher ein Resümee – was hat das spezifische Tagungsformat in Bezug auf die Zielsetzung selbstkritischer Reflexion gebracht? Zweifellos hat – das spiegelt die Mehrheit der vorliegenden Beiträge – das Tagungsformat die Teilnehmenden nicht kalt gelassen.

Diskussion

Dem Aufforderungscharakter, sich selbst aktiv mit eigenen Anliegen, mit der eigenen fachlichen und politischen Motivation oder auch den eigenen Emotionalitäten einzubringen, konnte man sich schwerlich entziehen. Das Format Tagungsband hingegen konnte trotz augenscheinlichen Bemühens seitens der Herausgeber*innen diesen Anspruch sicher nicht in allen Teilen gleichermaßen einlösen. Gerade die Beiträge der inhaltlichen Abschnitte 2 und 3 können sich nicht immer entscheiden zwischen konventionellen Projektberichten und tagungsbezogenen Positionierungen. So fällt es schwer, in diesen beiden Abschnitten eine innere Systematik zu erkennen, die über die reine Aneinanderreihung interessanter Beiträge hinausreicht. Berücksichtigt man jedoch, dass dies in vielen Fällen ein Grundproblem von Tagungsbänden ist – nämlich dass Einzelbeiträge oft sich sowohl den übergreifenden thematischen Intentionen der Herausgeber*innen als auch einer wechselseitigen Bezugnahme tendenziell zu entziehen trachten – so muss hier doch konstatiert werden, dass das Tagungsformat offensichtlich eine Klammer dargestellt hat, die in höherem Maße als üblich zum Dialog geführt hat. Wie nachhaltig die dadurch gesetzten Impulse in der Community oder auch beim Einzelnen sein mögen, muss der weiteren Entwicklung überlassen bleiben.

Fazit

Der vorliegende Sammelband ist in mancher Hinsicht mehr als die üblicherweise erfolgende Zusammenfassung von gehaltenen Vorträgen, Arbeitsgruppen und Diskussionsrunden. Er spiegelt eine vielfältige Momentaufnahme selbstkritischer Fachreflexion, ohne dass dabei schon klare Richtungen erkennbar werden würden. Das lag aber auch sicher nicht in der Absicht der Veranstalter*innen. Ihnen ging es weniger um eine systematische Bestandsaufnahme des Inklusionsdiskurses, nicht um homogene Ausrichtungen, nicht um Stringenz, sondern darum, das eigene Denken (Haltung), die eigene Praxis (in Forschung und Lehre) und die politischen Positionierungen zu konfrontieren, zu hinterfragen und anzuregen, sich mit dem (vermeintlich) Erreichten nicht zufriedenzugeben, sondern den nicht zuletzt politischen Prozess der gesellschaftlichen Inklusionsentwicklung kritisch zu begleiten und fachlich zu prägen. Dass und wie dies gelungen sein mag, spiegeln die nachträglich im vorliegenden Sammelband zusammengetragenen Überlegungen der Teilnehmer*innen an der 29. Jahrestagung der Integrations-/Inklusionsforscher*innen in deutschsprachigen Ländern.


Rezensent
Prof. Dr. Clemens Dannenbeck
Dipl. Soz., Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut
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Zitiervorschlag
Clemens Dannenbeck. Rezension vom 24.05.2016 zu: Andreas Hinz, Tanja Kinne, Robert Kruschel, Stephanie Winter (Hrsg.): Von der Zukunft her denken. Inklusive Pädagogik im Diskurs. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2081-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20601.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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