socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dieter Sommer, Detlef Kuhn u.a.: Resilienz am Arbeitsplatz

Cover Dieter Sommer, Detlef Kuhn, Antonia Milletat: Resilienz am Arbeitsplatz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. 188 Seiten. ISBN 978-3-86321-176-9. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,00 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Akronym „VUCA-world“ steht für die Begriffe „volatility – uncertainty – complexity – ambiguity“. Einer dieser Anglizismen – für den es aktuell in der deutschen Wikipedia noch keinen Eintrag gibt: Sprunghaftigkeit, Ungewissheit, Komplexität und Vieldeutigkeit prägen unsere Welt. Dieses Konstrukt erscheint fern, abgehoben, ist jedoch in unserem Alltag in vollem Gang: Blicken wir nur auf die Geschwindigkeiten, in der sich Wandel vollzieht und wir in unseren Arbeitszusammenhängen stetig neu gefordert sind! Wir wissen nicht, wie die Zukunft sein wird. Das ist sehr ungewiss. Mit dieser Ungewissheit sind auch Anforderungen an Individuen, Teams und Unternehmen verknüpft. Steigende Erkrankungsraten aufgrund psychischer Diagnosen, scheinen mit Arbeitsverdichtung und -beschleunigung, Führungsfragen und Unternehmenskulturen in Zusammenhang zu stehen. Wo nun ansetzen? Ein sehr konkreter Ansatzpunkt kann der Arbeitsplatz sein.

Autoren/Autorinnen

Alle fünf Autoren und Autorinnen sind tätig im Rahmen des ZAGG – Zentrum für angewandte Gesundheitsförderung und Gesundheitswissenschaften GmbH, Berlin.

Aufbau

Fünf Kapitel strukturieren dieses Buch. Das Thema Resilienz am Arbeitsplatz wird ausgehend von Forschungsergebnissen (Teil 1), über ein Praxismodell für das Arbeitsleben (Teil 2), Trainingsempfehlungen im Überblick (Teil 3), abschließend über die Erfassung von Resilienz mittels eines Resilienzbarometers (Teil 4) und einem Plädoyer (Teil 5) beleuchtet. Im Anhang finden sich Hinweise zur Auswertung des in Teil 4 beschriebenen Resilienzbarometers.

Inhalt

Die Autorinnen und Autoren formulieren dem Credo „‚built what´s strong‘ (Baue aus, was stark ist) statt ‚fix what´s wrong‘ (Bringe in Ordnung, was falsch ist)“ (sic!) zu folgen und stellen es an den Beginn ihrer Ausführungen.

1. Teil: Das sagt die Resilienzforschung. Ergebnisse und Konzepte (Kauai-Studie, Aaron Antonovskys Schutzfaktorenkonzept/Salutogenese, Seligman, road-to-resilience) werden komprimiert vorgestellt. In Kapitel 1.6 „Resilienz von Mitarbeitenden in Unternehmen“ spannen die Autorinnen und Autoren das Feld weiter auf: „Resiliente Organisationen zeichnen sich nach den Forschern durch folgende Merkmale aus: Durch ihre konstruktive Fehler-Lernkultur motivieren sie Mitarbeiter/-innen, Fehler zu melden, sie analysieren Beinahe-Fehler und lernen daraus. Dies erfordert eine offene Kommunikation über Hierarchieebenen hinweg und die Wertschätzung abweichender Meinungen und Wahrnehmungen. Dabei spielt die innere Komplexität der Organisationen eine große Rolle. Sie wird durch die Aufnahme von Mitarbeitenden mit unterschiedlichen beruflichen Qualifikationen durch Jobrotation und konsequente Fortbildung erreicht. Dadurch werden Meinungsvielfalt und ein breites Spektrum an Handlungsoptionen erzeugt. … Eine so geartete Unternehmenskultur stellt die Fähigkeit und Motivation ihrer Mitarbeitenden eigenständig, verantwortlich, wachsam, kooperativ und lösungsorientiert auf der Basis gemeinsam getragener Werte und Prinzipien zu handeln in den Vordergrund. Der Erfolg resilienter Organisationen stützt sich auf eine starke interne Kommunikation.“ Die Autoren schildern von ihnen beobachtete Tendenzen: „ … also das mangelnde Wissen der Personalexpert/-innen, gefährdet das Resilienzkonzept. Die Haltung, den Begriff „Resilienz“ über alte Beratungsansätze zu stülpen, um einem Trend gerecht zu werden, gefährdet das Vertrauen der Mitarbeiter/-innen und ihrer Organisationen. Resilienzförderung darf auch nicht als Ausgleich von Defiziten mißverstanden werden, genauso wenig eignet sich Resilienz als Anforderung für Stellenprofile. Resilienz setzt vielmehr eine gemeinsame Reflexion voraus.“

2. Teil: Ein Praxismodell für das Arbeitsleben. Der Wert der Arbeit in unserer Kultur wird als zentrales Instrument der Sinnstiftung beschrieben. Um am Arbeitsplatz eine gesundheitsförderliche Resilienzkultur zu ermöglichen, brauche es auf Entscheiderebene eine „Offenheit für die seelischen Aspekte des Arbeitslebens.“ Auch Führenden fiele es oft schwer, für sich selbst die eigene Widerstandskraft genügend zu fördern. Das von den Autoren und Autorinnen vertretene Modell beinhaltet folgende Faktoren: Akzeptanz, Stressbewältigung, Selbstwirksamkeit, Soziale Kompetenz, Lösungsorientierung, Handlungsfähigkeit, Bewegung. Den genannten Faktoren werden spezifische Wirkaspekte zugeordnet. Beispiel: für den Faktor „Selbstwirksamkeit“ sind dies

  1. Gefühl der Handlungskontrolle,
  2. Bewusstsein für eigene Stärken,
  3. Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns,
  4. Mitbestimmung,
  5. Zuversicht.

Zu jedem dieser Wirkaspekte finden sich Erläuterungen und im Anschluss die Transferfragen:

  • „Was können Sie selbst tun?“ und
  • „Was kann der Betrieb tun?“.

3. Teil: Resilienz trainieren: Die Trainingsempfehlungen im Überblick. Für alle oben genannten Faktoren werden in diesem Kapitel jeweils drei Ziele formuliert und Trainingsempfehlungen gegeben. Für den Faktor „Selbstwirksamkeit“ lauten die Ziele eins bis drei:

  1. „Kontrollüberzeugung und Selbstwirksamkeitserleben erhöhen“;
  2. „Erfolgserleben in Zusammenhang mit der psychischen Gesundheit thematisieren“;
  3. „Raus aus der Sinnkrise – mehr Sinnerleben bringt Erfüllung“.

Die zugeordneten Ansatzpunkte sind:

  • „Selbstreflexion sowie gemeinsame Team- und Organisationsanalyse“; „
  • Stärkentraining: Arbeit mit den eigenen Interessen und Stärken“;
  • „Engagement als Voraussetzung für das Selbstwirksamkeitserleben begreifen“;
  • „das Flow-Erlebnis“;
  • „meaningful life (Ziele, Visionen, Sinnstiftungen)“; „
  • Kontrollüberzeugung entfalten“.

4. Teil: Die Widerstandsfähigkeit beschreiben: Das Resilienzbarometer
Der Aufbau des Fragebogens wird vorgestellt und Ergebnisse aus bisherigen Auswertungen präsentiert.

5. Teil: Plädoyer für das Engagement zur Förderung von Resilienz auf individueller und betrieblicher Ebene. Und für die oftmals einfachen Dinge: z.B. Pausen auch wirklich zu machen.

Diskussion

Über die Fragen „Was können Sie selbst tun?“ und „Was kann der Betrieb tun?“ verbinden die Autorinnen und Autoren die unterschiedlichen Verantwortungsbereiche und die mit ihnen verbunden Gestaltungsspielräume. Damit wird vermieden, Resilienz als individuelles Phänomen zu etikettieren. Aufgrund der kleinteiligen Aufschlüsselung der Resilienzfaktoren, geht beim Lesen, teilweise das Gesamtbild verloren. Dies wird gegen Ende durch die Teile 3 und 4 kompensiert. Besonders positiv fällt die Berücksichtigung des Faktors „Bewegung“ auf: Er ist fester integrierter Bestandteil dieses Konzepts. Auch wenn die Selbstverantwortung der Leser/-innen durch die bereits mehrfach genannten Fragen gefordert wird, handelt es sich nicht um ein „Selbsthilfebuch“. Es kann konkrete Anregungen und Ideen liefern.

Fazit

Die Autoren und Autorinnen zielen darauf, ein Praxismodell vorzustellen, dessen Nutzen für Beschäftigte und Unternehmen in der konkreten Umsetzung liegt. Die Aufteilung der Kapitel ist sehr übersichtlich, verständlich und transparent. Sprachlich auf den Punkt, stellen sie Faktoren vor, die als Schlüssel für die persönliche Resilienz in der Literatur und Forschung bekannt sind. Jeder „Resilienzbaustein“ wird prägnant beschrieben und in der Folge immer von diesen Fragen flankiert: a) „Was können Sie selbst tun?“ und b) „Was können Betriebe tun?“. Die Antworten auf diese Fragen bieten pragmatische Ansatzpunkte und erste Hinweise, wie Lösungen aussehen könnten. Interessierte können zu einzelnen Resilienz-Aspekten schnell Informationen auffinden. Die Autoren und Autorinnen legen auch dar, mit welchen Schritten sie Trainings durchführen. Hierzu nutzen sie das Instrument Resilienzbarometer: einen Fragebogen (130 Fragen), der den Status quo der Teilnehmerinnen zu Beginn eines Trainings erfasst und die Basis für Interventionsmöglichkeiten bieten soll. Daten bislang durchgeführter Fragebogenauswertungen fungieren als Referenzwerte für die jeweiligen Profile potentieller Teilnehmender, die auf Basis der gegebenen Antworten entstehen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Ines Polzin
Prozessberaterin für KMU im Förderprogramm unternehmensWert:Mensch, Resilienz-Coach/-Trainerin
Homepage www.inespolzin.de
E-Mail Mailformular


Alle 4 Rezensionen von Ines Polzin anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Ines Polzin. Rezension vom 30.06.2016 zu: Dieter Sommer, Detlef Kuhn, Antonia Milletat: Resilienz am Arbeitsplatz. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2014. ISBN 978-3-86321-176-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20603.php, Datum des Zugriffs 20.04.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!