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Bernd Zschiesche: Die ideale Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke

Cover Bernd Zschiesche: Die ideale Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke. Eine wirksame Hilfe ; Struktur, Funktion und Führung einer Selbsthilfegruppe. Eigenverlag 2013. 251 Seiten. ISBN 978-3-00-040800-7. D: 21,95 EUR, A: 23,05 EUR, CH: 27,00 sFr.
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Thema

Der Autor beschreibt die Arbeit in Selbsthilfegruppen für Alkoholkranke und vermittelt Grundlagenwissen über Alkoholismus. Es werden die unterschiedlichen Arbeitsweisen von verschiedenen Suchthilfeorganisationen dargestellt. Interessierten Gruppenleitern soll hierdurch eine Arbeitsanleitung zur Verfügung stehen und den Lesern die Bedeutung einer Selbsthilfegruppe deutlich werden.

Autor

Bernd Zschiesche ist Elektrotechniker, er wurde während seiner Tätigkeit in einem Großkonzern mit der Thematik Alkoholismus konfrontiert und ließ sich daraufhin in der betrieblichen Suchtkrankenhilfe ausbilden. Seit 22 Jahren leitet er eine Selbsthilfegruppe und führt bundesweit Seminare für Führungskräfte und Arbeitnehmervertreter durch. Zudem richtete er in der Münchener Agentur für Arbeit die betriebliche Suchtkrankenhilfe ein.

Entstehungshintergrund

Der Autor möchte zum Verständnis der Alkoholkrankheit beitragen, Vorurteile gegenüber Alkoholkranken beseitigen und einen objektiven Einblick in das Krankheitsbild geben. Aus seiner jahrelangen Erfahrung weiß er um die Bedeutung von Selbsthilfegruppen und möchte diese Erfahrungen und Erkenntnisse weiter geben.

Aufbau und Inhalt

Das erste Kapitel „Aufnahme in eine Selbsthilfegruppe“ vermittelt Grundlagenwissen über Alkoholismus, Co-Abhängigkeit sowie über die möglichen Wege in eine Selbsthilfegruppe. Ein möglicher Beginn der Zusammenarbeit von neuen TeilnehmerInnen und der Selbsthilfegruppe wird vorgestellt. Zunächst werden die verschiedenen Abhängigkeitstypen aufgezeigt und auf das gesellschaftliche Bild von Alkoholiker eingegangen, im Weiteren werden Empfehlungen zum Umgang mit neuen Gruppenmitgliedern gegeben.

Im zweiten Kapitel „Arbeitsweise und Führung einer Selbsthilfegruppe“ werden mögliche Arbeits- und Führungsweisen einer Selbsthilfegruppe betrachtet. Es wird eine Abgrenzung gegenüber therapeutischer Arbeit vorgenommen und dargestellt zu welchem Zeitpunkt welche Hilfemöglichkeit für den Betroffenen geeignet sein könnte. Zudem wird beleuchtet auf welche Art und Weise mit anderen Suchterkrankungen in einer für Alkoholiker konzipierten Gruppe umgegangen werden sollte.

Grundlegende Umgangsformen innerhalb der Selbsthilfegruppe werden im dritten Kapitel „Umgang in der Selbsthilfegruppe“ thematisiert. Hierzu zählen die Regelungen zur Schweigepflicht, Anredeform, Gesprächsdauer, Umgang mit alkoholisierten Gruppenmitgliedern, die Themenauswahl und Freizeitaktivitäten der Gruppe.

Das vierte Kapitel „Struktur der Selbsthilfegruppe“ zeigt auf, wie mit den unterschiedlichen Hintergründen der TeilnehmerInnen bezüglich Sprach- und Bildungsniveau umzugehen ist. Außerdem wie es gelingen kann alle TeilnehmerInnen positiv in die Gruppengespräche einzubinden und ihre Motivation zur Mitarbeit zu stärken. Des Weiteren werden die Voraussetzungen von Menschen die unter Zwang an der Gruppe teilnehmen, wie MPU-Anwärter und Straffällige die einer Gerichtsauflage nachkommen, betrachtet.

Im fünften Kapitel „Gespräche in der Selbsthilfegruppe“ werden mögliche Gesprächsszenarien thematisiert, wobei der Autor zunächst darstellt warum es sehr wichtig ist das Alltagserleben der Teilnehmer immer wieder zum Gesprächsthema zu machen. Weitere wichtige Themen in der Selbsthilfegruppe wie der Umgang mit einem Rückfall oder Kontrollverlust. Die Arbeit nach dem Schema von E.M.Jellinek wird vorgestellt und eine Darstellung seiner Forschungsergebnisse eingebunden. Abschließend werden die Bedeutung der Vererbungstheorie und Friedrich von Bodelschwingh thematisiert.

Die Aufgaben und Anforderungen die mit einer Gruppenleitung verbunden sind, werden im sechsten Kapitel „Die Gruppenleitung“ behandelt. Hierbei werden sowohl Gesprächsführung wie auch der Gesamtablauf und kritische Situationen Beispielhaft betrachtet.

Im abschließenden siebten Kapitel beschäftigt sich der Autor mit den „Aktivitäten des Gruppenleiters außerhalb der Selbsthilfegruppe“. Hierbei wird thematisiert in welcher Art Kontakte zu Gruppenmitgliedern während eines Klinikaufenthalts angebracht und hilfreich sein können. Ebenso wie sich der Kontakt zu den helfenden Institutionen (Therapieklinik, psychosoziale Beratungsstelle) gestaltet.

Diskussion

Deutlich spürbar sind für mich als Leser die langjährige Praxiserfahrung des Autors und sein intensives Interesse an der Thematik. Sichtbar wird dies auch an der Breite des thematisierten Inhalts. Der Autor hat sich sehr darum bemüht alle wichtigen Aspekte einfließen zu lassen. Es werden viele interessante Daten und Fakten genannt bei denen jedoch häufig unvollständige oder fehlende Quellenangaben für Verunsicherung bezüglich ihrer Qualität sorgen. Es erschwert auch die Trennung zwischen Fakten, Erfahrungen oder Ansichten des Autors.

Sehr intensiv behandelt der Autor die Arbeitsweise der Anonymen Alkoholiker. Hier wird zu vielen Zitaten Bezug genommen. Leider gibt es keine Zitate aus den Konzeptionen der anderen Gruppen, was es dem Leser erschwert sich eine eigene Meinung zu bilden. Auch wird keinerlei Bezug auf die Gruppen freier Träger wie z.B. der AWO oder der DROBS genommen. Dass eine intensive Thematisierung den Umfang des Buches sprengen könnte ist vorstellbar, für die inhaltliche Vollständigkeit des Buches wäre aber mindestens eine Erwähnung dieser Angebote nötig.

Im fünften Kapitel führt der Autor die Bedeutung der Vererbungstheorie für die Selbsthilfegruppe an. Hierbei fällt die Erklärung des Begriffs „Vulnerabilität“ meiner Meinung nach nicht differenziert genug aus. Es wäre ein Verweis auf unterschiedliche Auslegungen der Begrifflichkeit in medizinischer, psychologischer und soziologischer Auffassung wünschenswert. Ebenso ein Verweis auf die Definition die der Autor seinen Ausführungen zu Grunde legt und darauf das sich die Vulnerabilität eines Menschen im Verlauf seines Lebens verändert.

Fazit

Das rezensierte Werk wird deutlich durch die langjährige Praxiserfahrung des Autors geprägt. Auf seinen 251 Seiten gelingt es viele Themen zu behandeln und dadurch einen Überblick in die Komplexität der Arbeit einer Selbsthilfegruppe zu geben. Der Leser wird zunächst über Definitionen und Erklärungen des Alkoholismus zu der Auseinandersetzung mit der Bedeutung einer Selbsthilfegruppe für Betroffene geleitet. Nachfolgend werden mögliche Entwicklungen des Suchtkranken innerhalb der Selbsthilfegruppe thematisiert. Ebenso setzt sich der Autor mit rechtlichen Bedingungen und sehr intensiv mit grenzüberschreitendem Verhalten auseinander. Er beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Hintergründen der TeilnehmerInnen und wie es gelingen kann jeden positiv in das Gruppengeschehen einzubinden. In gelungener Art werden Erfahrungen aus der Praxis und wissenschaftliche Erkenntnisse angeführt. Leider liegt hier auch der größte Fehler des Werks, das mangelnde Kenntlichmachen von Quellen. Dies erschwert es Angaben des Autors auf ihre Qualität zu prüfen oder in Bezug zu setzen.

In der inhaltlichen Auswertung der Selbsthilfegruppen beschränkt sich der Autor auf Angebote religiöser Träger ohne dies deutlich zu machen. Es erweckt eine unvollständige Darstellung des Hilfeangebots und sollte zwingend erwähnt werden. Da es bisher wenig Literatur zu diesem Themenbereich gibt, legt das Werk jedoch einen Grundstein, der in einer überarbeiteten Ausgabe ein gelungenes Fundament bilden könnte.


Rezensentin
Anna-Lena Mädge
BA Soz.Päd./Soz.Arb.
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Zitiervorschlag
Anna-Lena Mädge. Rezension vom 08.04.2016 zu: Bernd Zschiesche: Die ideale Selbsthilfegruppe für Alkoholkranke. Eine wirksame Hilfe ; Struktur, Funktion und Führung einer Selbsthilfegruppe. Eigenverlag 2013. ISBN 978-3-00-040800-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20605.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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