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Victor Chu: Vaterliebe

Cover Victor Chu: Vaterliebe. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-608-98063-9. D: 22,95 EUR, A: 23,60 EUR.
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Thema

Victor Chu schreibt in diesem Buch über das „Glück und die Herausforderungen des Vaterseins“. Sein Werk widmet sich vorrangig der Liebe des Vaters zu seinen Kindern, aber auch umgekehrt: Wie können Kinder ihren Vater lieben, und wie verändert sich die Vaterrolle im Laufe des Lebens für sie. Welchen Einfluss hat die Partnerschaft auf das Vatersein und welche psychischen Folgen hat ein Vatermangel für Töchter und Söhne. Chu erklärt, warum Vaterliebe einzigartig ist und „neben der Mutterliebe das Kostbarste auf der Welt“. Für ihn verbinden sich im Vatersein die beiden Pole des Männlichen: das Aggressive und das Beschützende.

Autor

Victor Chu, ist in Shanghai geboren und kam mit 14 Jahren nach Deutschland. Er ist Arzt und Diplom-Psychologe und arbeitet seit 40 Jahren als Psychotherapeut, Tai-Chi-Lehrer und Ausbilder am Gestalt-Institut Heidelberg. Er und seine Frau haben vier Kinder und leiten gemeinsam eine psychotherapeutische Praxis bei Heidelberg. Seine Gedanken über wichtige psychologische Probleme hat Victor Chu mittlerweile in neun Büchern niedergelegt, sein letztes hieß „Die Kunst erwachsen zu sein“.

Entstehungshintergrund

Die Stellung des Vaters wurde in der neueren Zeit vor dem Hintergrund der Frauenemanzipation erschüttert und in Frage gestellt. Im Beziehungsdreieck Mutter, Vater, Kind erweist sich die Rolle des Vaters oft am schwächsten. Vaterschaft ist jedoch ein wesentlicher Teil der männlichen Identität. In der Folge der vergangenen Jahrzehnte ist auch das Selbstbewusstsein der Männer zusammengebrochen, wie Chu schreibt (S. 12). In den vergangenen Jahren sind wichtige Werke zur Bedeutung und Funktion des Vaters erschienen, wie etwa von Josef Aigner „Der ferne Vater“ und von Hans-Geert Metzger „Fragmentierte Vaterschaften“. Im Mittelpunkt dieses Werks steht die tiefste Emotion, die ein Mensch erleben kann, die Liebe. Chu geht davon aus, dass wir in der Familie wieder selbstbewusste Männer brauchen, die zu ihrer Männlichkeit stehen, „als eine klare männliche Kraft, die anders ist als die weibliche“. Das Buch liefert zudem eine Fülle von wissenschaftlichen Informationen. Durchgängig ist es aus persönlichem Erleben heraus geschrieben, die Überlegungen des Autors werden durch vielerlei Fallsequenzen illustriert.

Aufbau

Nach einer Einführung in das Thema folgt eine Geschichte der Väter seit den Weltkriegen. In diesem Kapitel beschreibt Chu auch die eigene Herkunft und seine Auseinandersetzung mit dem eigenen – fernen – Vater.

Es folgt ein Kapitel über die Vorbereitung des Mannes auf sein Vater sein. Die teils erheblichen Folgen des Vatermangels auf Töchter und Söhne beschreibt Chu in seinem Kapitel über Vaterferne, Vatermangel und Vatersehnsucht. Anschließend berichtet der Autor über alternative Familienformen und zerbrochene Familien.

Seine abschließenden Kapitel befassen sich mit dem alten Elternpaar, den Großeltern. Ein Resümee über die Vaterliebe mit vielerlei Vorschlägen und Wünschen schließt das Buch ab.

Inhalte

In jedem seiner Kapitel geht Victor Chu auf wichtige Bereiche ein, von denen ich im Folgenden einige in Kürze darstellen will. Bereits das Kapitel über die Geschichte der Väter ist faszinierend. Chu geht hier unter anderem auf die Kriegs- und Nachkriegskinder ein, die ihren Müttern beistehen und sie trösten mussten. Dies ließ sie unmerklich die Rolle des Vaters einnehmen und die Bindung an die Mütter wurde immer stärker. Dann kamen viele Väter aus der Gefangenschaft zurück, doch sie waren traumatisiert und desillusioniert. Die einstigen Partner verstanden sich nicht mehr, die Scheidungsrate schnellte nach dem Krieg in die Höhe. Die Söhne blieben oft weiterhin „Herr im Haus“, aber sie hatten ihre Kindheit verloren. Auch hatten sie kein reales männliches Gegenüber, ihnen fehlte das väterliche Vorbild genauso der väterliche Beistand. Nicht selten mussten sie ihre Schwächen hinter einer Pseudomännlichkeit verbergen. In einer Tabelle stellt Chu die Folgen der Weltkriege dar. Sie hatten verheerende Auswirkungen, sowohl auf der kollektiven als auch der individuellen Ebene.

Chu gelingt es durchgängig mit seinen Zusammenstellungen, trotz Verkürzung, eingehend zu informieren und zum assoziativen Denken anzuleiten. So stellt er 15 Punkte zusammen, in denen er darauf eingeht, was ein Mann gewinnt, wenn er Vater wird. Er betrachtet dabei auch den wichtigen Aspekt der Generativität. „Zu behaupten, dass die Erfahrung, Eltern zu sein, für die Entwicklung einer reifen Persönlichkeit notwendig sei, wird in einer immer mehr von Singles dominierten Welt von vielen nicht gerne gehört“ (S. 77). Chu nimmt Positionen ein, die heutzutage nicht unbedingt als „zeitgemäß“ gelten.

Im Zentrum des Buches steht das Kapitel über Vater werden und Vatersein. Der Autor geht darin auf alle Prozesse und Phasen der Vaterwerdung ein, auf Entwicklungsstränge während der Elternschaft, auf den Vater als berufliches Vorbild und auf Väter und Töchter. Die Tochter nimmt besonders wahr, wie der Vater ihre Mutter behandelt. Hieraus entwirft sie ein Bild für ihre späteren Liebesbeziehungen: Die Themen Nähe und Distanz, Männlichkeit und Weiblichkeit, Eros und Sexualität spielen eine größere Rolle als beim Sohn (S. 159). Sie findet im Vater Bestätigung oder Ablehnung ihrer Weiblichkeit. Chu geht auch auf die Gefahren der Vater-Tochter-Liebe ein, auch auf die möglichen inzestuösen Wünsche eines Vaters und den darin lauernden Gefahren.

Das wichtigste Ziel des Autors ist es beharrlich aufzuzeigen, wie – trotz eines Kindes oder mehrerer – eine stabile Paarbeziehung erhalten bleiben kann. Er verdeutlicht, welche Gefahren aus der frühen Kindheit drohen, so dass es auch zu spaltenden Dreiecksbeziehungen kommen kann. Denn leicht kann sich ein Partner in einem Beziehungsdreieck ausgeschlossen fühlen, so dass es zu Neid und Eifersucht kommen kann. „Aus eigener Bedürftigkeit wird das Herz eng“ meint Chu, was zur Entsolidarisierung der Eltern führen kann. Wie Chu in Kürze die wichtigsten Gefahren aufzählt, hat mir an dieser Stelle besonders gefallen.

In einer anderen Tabelle führt Chu auf, welche Interessen und Bedürfnisse von Kindern, Müttern, Vätern, der Wirtschaft etc. zu berücksichtigen sind, die sich überkreuzen und miteinander in Widerstreit geraten können. Dabei kann das Kind leicht aus dem Blickfeld geraten, wie ich aus eigenem therapeutischem Erleben bestätigen kann. Was ich an Chus Buch so überzeugend finde, sind seine gefühlsbetonten Abschnitte. Noch nirgends habe ich eine solch berührende Zusammenstellung gelesen, die sich damit befasst, warum es sich lohnt, gemeinsam alt zu werden. Oder wenn er beispielsweise über seine Frau schreibt: „Die gleiche wundersame Erfahrung mache ich, wenn ich meine Frau anschaue. Ich sehe sie als ältere Frau, gleichzeitig scheint die frische mädchenhafte Frau durch, in die ich mich vor fast vierzig Jahren verliebt habe“ (S. 225). Neben solchen emotionalen Bereichen, scheut Chu sich auch nicht, seine Wünsche darzustellen und Empfehlungen zu geben. Vielleicht ist eine der wichtigsten die folgende: „Liebe und respektiere die Mutter Deiner Kinder, egal ob ihr zusammen oder getrennt lebt“ (S. 290). Dabei wird deutlich, was Chu unter Liebe versteht: Sie braucht Tugenden wie Zuverlässigkeit, die fortwährende Bereitschaft, Konflikte zu bewältigen, und sie verlangt Treue.

Diskussion

Was unterscheidet dieses Buch von anderen Büchern über den Vater? Zunächst ist das Buch ein überzeugtes Plädoyer für Vatersein, für die Familie und die Paarbeziehung. Chu hat klare Vorstellungen und deutliche Ideale von Liebe zu den Kindern, von Paarbeziehung und Familie. Dabei berichtet er auch über die Veränderungen der Paarbeziehungen, er berichtet über zerbrochene Familien und alternative Familienformen: Er schreibt von Trennungen, über die Patchwork Familie, von Kuckuckskindern und spricht auch über die Genderfrage. Er diskriminiert nichts, aber er macht auch keinen Hehl daraus, dass er sich für eine unproblematische Entwicklung von Kindern bestimmte Voraussetzungen wünscht. In den Nachkriegszeiten war es zu viel Strenge, zu viel Strafe, zu wenig Einfühlung. Heute ist es gelegentlich zu viel Verwöhnung, nicht selten Vernachlässigung, sind es zu wenig strukturierende Grenzen. Weil vor allem Grenzen und väterliche Struktur eingefordert werden müssen, werden Psychotherapeuten, die sich mit den Bedürfnissen und Erfordernissen von Kindern befassen, mittlerweile gerne in eine konservative bis reaktionäre Ecke gedrängt. An dieser Stelle möchte ich feststellen: Victor Chu hat ein wichtiges, ein notwendiges Buch geschrieben, dessen Inhalte von allen zur Kenntnis genommen werden sollten, die sich mit Eltern, Kindern und deren Beziehungen befassen.

Fazit

Das Buch ist allgemeinverständlich geschrieben und leicht zu lesen. Es kann darum auch allen Eltern empfohlen werden. Es liefert aber auch eine Fülle von wissenschaftlichen Informationen, die sorgfältig aufbereitet wurden. Zudem ist es aus persönlichem Erleben herausgeschrieben und enthält die Erfahrungen eines langen beruflichen Lebens, das dem psychisch leidenden Menschen gewidmet war und ist. Das Buch hat mich bewegt und zum Weiterdenken verleitet. Es vermittelt gleichzeitig eine Fülle von bedeutsamen Erkenntnissen, und ist darum nicht nur allen Psychoanalytikern, sondern auch Pädagogen, Kinderärzten und Kinder- und Jugendpsychiatern zu empfehlen.


Rezensent
Dr. Hans Hopf
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Zitiervorschlag
Hans Hopf. Rezension vom 18.04.2016 zu: Victor Chu: Vaterliebe. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-608-98063-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20610.php, Datum des Zugriffs 19.10.2019.


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