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Gemma Correll: Kein Morgen ohne Sorgen

Cover Gemma Correll: Kein Morgen ohne Sorgen. Handbuch für Verzweifelte. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2016. 112 Seiten. ISBN 978-3-95614-101-0. D: 12,95 EUR, A: 13,40 EUR.
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Thema

Die Autorin Gemma Correll wird auf dem Buchdeckel als „ungekrönte Königin aller Nervenbündel und Pessimisten, Profizweifler und Verzweifelten“ vorgestellt, die allen ihren „Leidensgenossinnen“ mit diesem Buch zeigen will „Du bist nicht allein! Und: Es könnte alles noch viel, viel schlimmer sein!“. Es enthält Cartoons, die „Seelenbalsam für echte Angstneurotiker und ganz normale Hasenfüße – also für uns alle sind! Sie machen uns glücklich – zumindest bis zur nächsten Panikattacke… „ (Covertext)

Autorin

Gemma Correll wurde1984 in England geboren und lebt seit Kurzem in den USA. Obwohl sie ungewöhnlich schlecht sieht schafft sie es, ihr Leben als freie Cartoonzeichnerin, als Autorin und Illustratorin zu bestreiten. Nicht selten eckt sie mir ihrem Blick auf die Welt an. Von Gemma Correll sind bereits mehr als zehn Cartoonbände erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist im DIN A 5 Format Hardcover erschienen und umfasst 104 Seiten. Es gliedert sich in sieben Kapitel. Die Kapitel bestehen aus bunten Cartoons, die betitelt sind bzw. durch kurze Texte ergänzt werden. Die Cartoons wurden auf griffiges Papier gedruckt. Das Cover ist in Weiß gehalten und in der Mitte sieht man einen großen roten Stern, der ins Auge fällt. Im Stern sieht man eine Frau im Trainingsanzug mit ihrem Hund im Supermannkostüm. Beide Figuren sind von Gedankenblasen umgeben, die unsortiert alle möglichen Gedanken ausdrücken, die der Frau durch den Kopf schwirren- teilweise sind sie unsinnig oder paradox. Dieser farbenfrohe assoziative Stil zieht sich durch das ganze Buch.

  1. Wellness für Hypochonder
  2. Modewahn
  3. Menü der Angst
  4. Liebe und anderer Kummer
  5. Fiese Feiertage
  6. Moderne Malaisen

Mithilfe einer Kunstfigur bringt Gemma Correll der Leserschaft ihre Sicht auf die Welt nah. Diese ist in lustige Geschichten aus dem Alltag verpackt, die Spaß vermitteln und gleichzeitig darauf hinweisen, dass es Menschen gibt, deren Leben voller Sorgen und Probleme ist. Dazu passt der Untertitel „Handbuch für Verzweifelte“, in dem sich die Autorin aber nicht nur quasi Tagebuch schreibend die Seele erleichtert, sondern mit diesem Handbuch verknüpft sie eine Botschaft an die Leserschaft:“ Ihr seid nicht allein!“

Die Autorin präsentiert eine Reihe von Zeichnungen, Cartoons, Comics, die zeigen, was in ihrem Innersten vorgeht. Das ist die eine Seite, die andere ist, dass sie sich damit auch lustig macht über die emotionalen, unausgesprochenen und manchmal einfach nur albernen Dinge, die wir tun. An einer Stelle lesen wir davon, was ein Fötus im Mutterleib denkt. Er macht sich Sorgen darüber, wie die Hebamme sein Aussehen findet. Auf den Seiten 18 und 19 sieht man folgende Szenen: Links wird eine Frau beim workout aus Anzeigen für Fitnessstudios gezeigt. Sie lacht, macht eine gute Figur, hat einen rosigen Schimmer auf der Haut, eine tolle Haltung, schwitzt nicht etc., auf der gegenüberliegenden Seite sieht man die Autorin beim Workout: die Haut leichenblass, verzweifelter Ausdruck, schwitzend wie ein Schwein oder ein Pferd. Von solchen Gegenüberstellungen findet man einige und genau in den dargestellten Kontrasten liegt der Witz. Ist es eigentlich besser, dass der eigene Körper eine Birnen- oder eine Apfelform entwickelt? Für die Autorin ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass er die Form von verkochtem Brokkoli besitzt – der aus lauter Problemzonen besteht. Auf Partys versteckt so mancher sich lieber gleich im Klo statt misslungene Smalltalk-Versuche zu ertragen oder beim Yoga kann man sich schwer entspannen, wenn einen die Angst plagt, dass die eigenen Füße stinken.

Jede Seite beschäftigt sich mit einem anderen Thema von Hypochondrie über Mode, Essen, Liebe, Wellness, Feiertage, das Erwachsenen-Leben bis hin zu anderen „Malaisen“ wie „Tierkreiszeichen des Grauens“, „die 9 nicht biblischen Plagen“ oder die „schlechten Stimmungsringe“. Ein Ring mit einer roten Perle steht für PMS und der Ring mit der schwarzen Perle steht für „wahrscheinlich tot“. Die aktuelle Farbkollektion für den Januar besteht aus 16 Feldern, die mit grauer und schwarzer Farbe gefüllt sind und Titel wie „düstere Vorahnung“ bis „nackte Verzweiflung“ tragen.

Diskussion

Das hier vorgelegte Buch „Kein Morgen ohne Sorgen“ gibt Einblicke in die Art, wie Gemma Corell die Welt sieht. Es ist ein ungewöhnliches Buch, denn es gelingt der Autorin Freud und Leid eng beieinander darzustellen.

Die Cartoons stammen mitten aus dem Leben und die Bilder vermitteln die Wahrnehmung der Autorin, teilweise eine realistische, teilweise eine fiktive, auf jeden Fall aber recht ungewöhnliche, zuweilen paradoxe Wahrnehmung. Auch wenn es durch die bunten Farben und die Art der Zeichnungen wie ein Bilderbuch für Kinder aussieht, ist es das nicht. Es ist ein Bilderhandbuch für Erwachsene, das zum Schauen, Schmunzeln und Nachdenken anregt, mancher Cartoon wirkt oberflächlich einfach und der tiefere Sinn entfaltet sich erst beim längeren Schauen und Einwirken lassen.

Erst bei diesem zweiten Blick habe ich erkannt, was die Kraft des Buches ausmacht: Gemma Correll drückt das aus, was man sich nur schwer traut zuzugeben bzw. lieber verschweigt. Damit hält sie uns Lesenden schamlos den Spiegel vor. Sie kennt die wunden Punkte und verpackt diese in ihren Bildern. An manchen Stellen habe ich nach dem Sinn oder Humor der einen oder anderen Zeichnung gesucht. Vielleicht ist es eine Frage, welchen Humor man hat oder vielleicht ist der Witz durch die Übersetzung aus der Originalausgabe verloren gegangen. Wenn mich jemand fragen würde, welches meine Lieblingsseiten sind, müsste ich passen, denn je öfter ich das Buch in die Hand nehme, desto stärker wird meine Begeisterung, so als müsse der Humor der Autorin erst heranreifen, um seinen ganzen Ausdruck und vor allem seinen tieferen Sinn zu entfalten.

Fazit

Endlich ein Buch für „alle Nervenbündel und Pessimisten, Profizweifler und Verzweifelten“! Die Autorin will mit diesem Buch ihren „Leidensgenossinnen“ zeigen, dass sie nicht alleine sind und das es eigentlich nicht viel schlimmer sein könnte. In dieser Relation wirken die Cartoons auch nicht so abschreckend wie sie aufgrund der angesprochenen Themen sein könnten, sondern sie wollen „Seelenbalsam für echte Angstneurotiker und ganz normale Hasenfüße – also für uns alle“ sein. (Covertext).

Das Buch zeigt schaurig schön, dass in jedem Ernst auch eine witzige Seite steckt, die es zu entdecken gilt. Damit kann es gelingen, Angst zu lindern oder Verzweiflung umzudeuten. Am Ende des Buches bleibt die Erleichterung, dass da jemand mit den gleichen Problemen wie man selbst zu kämpfen hat und dabei den Humor nicht verliert. Vielleicht ist der Titel auch zweideutig gemeint: Bedeutung 1: man wacht auf und jeder Morgen bringt Sorgen. Bedeutung 2: wie gut, dass das Morgen Sorgen bereithält, dann kann man wieder das Buch zur Hand nehmen und über den ganz normalen Wahnsinn der Welt lachen.

Ich spreche eine klare Kaufempfehlung für Menschen aus, die ihr Leben nicht so ernst nehmen wollen und sich gerne inspirieren lassen, den Blick zu wechseln!


Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 26.04.2016 zu: Gemma Correll: Kein Morgen ohne Sorgen. Handbuch für Verzweifelte. Verlag Antje Kunstmann GmbH (München) 2016. ISBN 978-3-95614-101-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20611.php, Datum des Zugriffs 04.08.2020.


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