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Barbara Wolf: Kinder lernen leiblich

Cover Barbara Wolf: Kinder lernen leiblich. Praxisbuch über das Phänomen der Weltaneignung. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2016. 224 Seiten. ISBN 978-3-495-48789-1. D: 29,99 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.

Pädagogik und Philosophie, 8.
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Thema

Frau Wolf bedient sich der Sprache der Neuen Phänomenologie um zu zeigen, dass das kindliche Lernen mehr ist als die bloße Ausbildung von kognitiven Schematisierungen und Begriffen. Sie eröffnet als Pädagogin und Philosophin einen neuen Anschauungsraum für den Reichtum kindlicher Lernprozesse. Kindliches Lernen gelingt gar nicht ohne den Leib. Entgegen einem auch möglichen pädagogischen Sensualismus bleibt sie konsequent bei ihrem neophänomenologischen Zugang und geht hier eigene Wege.

Autorin

Barbara Wolf ist Professorin und Kollegin an der Fakultät für Sozial- und Rechtswissenschaften der SRH Hochschule Heidelberg. Sie leitet den Bachelorstudiengang Kindheitspädagogik und ist zugleich Prodekanin der Fakultät. Sie gehört der „Gesellschaft für Neue Phänomenologie“ wie auch dem „Neophänomenologischen Arbeitskreis München“ an. Sie versteht sich als Pädagogin und hat eine Promotion in Soziologie an der Universität Koblenz gemacht, wofür ihr im Jahre 2013 der Koblenzer Hochschulpreis verliehen wurde.

Entstehungshintergrund

Frau Wolf zählt sich selbst zur Neuen Phänomenologie und nimmt an deren Jahrestreffen regelmäßig teil, mitunter auch mit einem eigenen Beitrag. Sie hat in den letzten Jahren über pädagogische Themen mit leibphänomenologischer Ausrichtung mehrfach publiziert (Atmosphären des Aufwachsens, 2015). Da sie sich auch als Praktikerin versteht, bereichert sie die noch junge Forschungsrichtung um einen weiteren Erfahrungsraum: Die Pädagogik.

Aufbau

Die Monographie hat neben einer Einleitung (4 Seiten) zwei Teile, einen theoretischen „Einführung in die Sprache der leiblichen Kommunikation“ und einen praktischen „ Leibliche Kommunikation im Erziehungsalltag“ sowie einen kurzen „Schluss“ (3 Seiten). Letzterer wird dem 2. Teil angehängt, ist aber offenkundig als Resümee für beide Teile geschrieben. Nach dem Literaturverzeichnis folgt noch ein Glossar, das die Begriffe beschreibt und als Lesehilfe dient.

Inhalt

Der Titel des Buches „Kinder lernen leiblich“ ist programmatisch als die leibphänomenologische Voraussetzung von Barbara Wolf zu verstehen. Sie vertritt den Standpunkt der sogenannten „Neuen Phänomenologie“, der durch Herrmann Schmitz eingeführt und begründet wurde. In ihrer Anwendung auf die Pädagogik konzentriert sich Barbara Wolf auf die praktische Frage, wie sich Kleinkinder in einem Kindergarten lernend verhalten und wie wir bzw. ErzieherInnen dieses Verhalten beschreiben können. Als Beschreibungsinstrument dient ihr die Sprache der Neuen Phänomenologie; beschrieben wird aus der Wahrnehmung der pädagogischen Experten – ErzieherInnen und KindheitspädagogenInnen. Ausgegangen wird vom alltäglichen Lernverhalten in Spiel- und Handlungssituationen, die die Erzieher anstoßen, begleiten oder beobachten.

Ihre zahlreichen Beispiele machen recht schnell deutlich, dass es ihr keineswegs um distanzierte Beobachtung geht, sondern um die Erfahrung, dass Erwachsene in den Lernraum und -prozess von Kindern nolens volens hineingenommen werden, sobald sie sich sympathisch verhalten. Ihr geht es darum, das, was wir beim Lernen von Kindern spüren, so beschreiben zu lernen, dass wir dieses Lernen in seiner Individualität überhaupt verstehen werden und es mitgestalten können. Tatsächlich findet also ein doppelter Lernprozess statt: zum einen der des Erlernens einer leibphänomenologischen Sprache und dem der Anwendung derselben auf kindliche Lernbeispiele. Beides bedingt sich, denn die Lernprozesse werden erst dadurch anschaulich, dass sie leibphänomenologisch verstanden werden.

Nachvollziehbar ist, dass der Lernprozess des/der Erziehers/in nur implizit vor sich geht und selbst nicht Gegenstand der Beschreibung wird, was dem Buch allerdings nicht gut tut. Denn die Stärke – oder besser gesagt – die Besonderheit des neuen Zugangs wird so nicht herausgestrichen. Zwar bemüht sich Barbara Wolf zu zeigen, dass Erziehung nicht dem Intuitionismus des Spürens überlassen werden muss. Aber die Überlegenheit der Neuen Phänomenologie über andere pädagogische Methoden kommt so nicht zum Vorschein. Das sieht man sofort, wenn man den Kampfbegriff der neuen Pädagogik ins Spiel bringt: den Kompetenzbegriff. Während sich viele Pädagogen dem Wunsch und Wille von Eltern und Trägern unterwerfen, wenn sie nachweisen, was ihre Kinder schon können, muss der leibphänomenologische Erzieher darauf pochen, den kindlichen Lernraum abzugrenzen und vor jedem technologischen Zugriff zu schützen. Eine recht verstandene pädagogische Provinz ist der Raum, in dem Kinder in „Atmosphären des Aufwachsens“ (Barbara Wolf) zu sich kommen können. Was sich dann vollzieht wird von Barbara Wolf ausführlich beschrieben und dargestellt. Einen solchen leibphänomenologisch aufgeklärten Erzieher wünscht sich letztlich jede Mutter und jeder Vater; aber nur dann, wenn sie wollen, dass ihr Kind zu einer eigenständigen Person heranwachsen darf.

Diskussion

Barbara Wolf versteht den Leib als denjenigen Ort – Oder sollte man eher „Raum“ sagen? – der allen motorischen, kognitiven, psychischen und sozialen Lernbereichen zuvor liegt. Allerdings stellt sie sich nicht den theoretischen Fragen dieses Zuvor-Liegens, ob es nun als Grundlage oder als Voraussetzung oder als Boden oder als Bedingung der Möglichkeit zu verstehen ist. Sie verlässt sich darauf, dass Hermann Schmitz diese Fragen schon ausführlich und zu genüge behandelt hat.

Frau Wolf versteht ihre Publikation als ein Praxisbuch, jedoch ist es weit mehr als das. Sie wünscht sich zwar, dass vor allem PraktikerInnen es lesen und sich aufklären und bilden lassen. Aber tatsächlich leistet ihr Buch deutlich mehr, denn sie schließt uns Erfahrungsräume auf, die den meisten bisher verschlossen und daher unbekannt waren. Sie zeigt, dass Erfahrungsräume von Kindern in sich sehr behutsam ausgestaltet sind und von uns wahrgenommen werden. Allerdings ist darin der Leib nicht nur der Mittler, der das Lernen zugänglich macht. Vielmehr ist der Leib auch der Raum, in dem das Lernen und Gelingen gespürt wird. Vielleicht hat sie davor zurückgeschreckt, weil der Rekurs darauf mitunter zu manchen Übertreibungen verführt etwa der, dass der Leib ein eigenes Gedächtnis habe. Der Raum der Kommunikation zwischen Kind und Erzieher ist das, was Barbara Wolf in Anknüpfung an die Neue Phänomenologie die Atmosphäre nennt. Dass es unterschiedliche „Atmosphären des Aufwachsens“ gibt, die entscheidend die Sozialisation von Kindern prägen, ist der eigene Zugang von Barbara Wolf. Zugleich ist er auch eine interpretatorischer Begriff für das Zwischen, einem Begriff, der in Husserls Philosophie der Intersubjektivität merkwürdig unbestimmt blieb.

Fazit

Ich wünsche dem Buch all die Leser, die noch auf der Suche sind nach einer Pädagogik, die man zu Recht als humanistisch bezeichnen dürfte. Einer Pädagogik, die Kinder und Kindheit gegenüber allen technischen Zugriffen verschließt, indem sie diese offen hält für eigene Erfahrungswelten, sei es im Spiel oder in der Begegnung. Wer lernen will, was die Neue Phänomenologie der Kindheitspädagogik zu bieten hat, der muss dieses Buch lesen. Die erste Auflage ist, wie ich soeben höre, schon so gut wie verkauft. Diese Nachricht ist die beste Empfehlung für ein Buch, das gerade erst erschienen ist. In 2017 wird eine zweite korrigierte Auflage erscheinen.


Rezensent
Prof. Dr. Knut Eming
SRH Hochschule Heidelberg/KIT (Karlsruher Institute of Technology)


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Zitiervorschlag
Knut Eming. Rezension vom 22.12.2016 zu: Barbara Wolf: Kinder lernen leiblich. Praxisbuch über das Phänomen der Weltaneignung. Verlag Karl Alber (Freiburg /München) 2016. ISBN 978-3-495-48789-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20616.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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