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Robert W. Roeser, Kimberly Schonert-Reichl (Hrsg.): Handbook of Mindfulness in Education

Cover Robert W. Roeser, Kimberly Schonert-Reichl (Hrsg.): Handbook of Mindfulness in Education. Springer (Berlin) 2016. 394 Seiten. ISBN 978-1-4939-3504-8. 245,03 EUR.
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Thema

Umfassendes wissenschaftliches Handbuch zum Thema Pädagogik der Achtsamkeit/Mindfulness in Education, mit den besonderen Schwerpunkten LehrerInnenbildung zu Achtsamkeit und achtsamkeitsbasierte Schulprogramme.

HerausgeberInnen/AutorInnen

  • Kimberly A. Schonert-Reichl ist Professorin für Psychologie im Rahmen des Programms „Human Development, Learning, and Culture“ an der Bildungswissenschaftlichen Fakultät der Universität von British Columbia (UBC) in Vancouver und Direktorin des interdisziplinären Forschungsprojekts „Human Early Learning Partnership“ an der Medizinischen Fakultät der UBC.
  • Robert W. Roeser ist Professor für Psychologie und menschliche Entwicklung am Department für Psychologie der Portland State University in Oregon.

Beide HerausgeberInnen haben seit über einem Jahrzehnt wissenschaftliche Fachbeiträge zu Themen aus dem Bereich Pädagogik der Achtsamkeit/Mindfulness in Education veröffentlicht.

Mehr zu den HerausgeberInnen unter www.springer.com/us/ sowie zu den AutorInnen der Einzelbeiträge im Handbuch selbst auf den Seiten xvii-xxvii bzw. unter https://books.google.de.

Aufbau und Inhalt

Das Handbuch besteht aus 22 Einzelbeiträgen, die jeweils selbständig lesbar sind, die nicht durch Querverweise miteinander verbunden sind und die auch einzeln als pdf-Datei online erworben werden können (was bei selektivem Interesse durchaus sinnvoll ist). Das vollständige Inhaltsverzeichnis ist unter www.springer.com/us als Download verfügbar. Ein kursorischer Überblick über alle Beiträge findet sich im Handbuch selbst in Kap. 1, S. 5-11 (auch in Google Books einsehbar unter dem oben genannten Link). Hier eine Übersicht der Einzelbeiträge mit ihren vollständigen Titeln:

Part I: Mindfulness in Education: Historical, Contemplative, Scientific, and Educational Foundations

  • Chapter 1: Schonert-Reichl, Kimberly A. & Roeser, Robert W.: Mindfulness in Education: Introduction and Overview of the Handbook, pp. 3-16. Überblick über eine quantitative Recherche zu den Beiträgen zu Mindfulness in Education 2000-2015 in peer-reviewten Fachzeitschriften (Ergebnis: 155 Artikel entsprechen höheren Qualitätskriterien); Überblick über das Handbuch.
  • Chapter 2: Zajonc, Arthur: Contemplation in Education, pp. 17-28. Der Beitrag setzt kontemplative Erziehung und Bildung der Gegenwart in Beziehung zu Traditionen der spirituellen Schulung in Ost und West und gibt Beispiele für Anwendungen kontemplativer Praktiken in der aktuellen Hochschuldidaktik. (Dieser Beitrag ist als kostenloser Download verfügbar unter www.springer.com/us.)
  • Chapter 3: Young, Shinzen: What Is Mindfulness? A Contemplative Perspective, pp. 29-45. Ein gut argumentierter Vorstoß, Achtsamkeit als aus drei Dimensionen zusammengesetzt zu definieren (Concentration, Clarity and Equanimity – CCE-Paradigm), verbunden mit dem Anspruch, dass diese Definition intuitive Verständlichkeit mit wissenschaftlicher Präzision verbinden könne.
  • Chapter 4: Siegel, D. J., Siegel, M. W. & Parker, S. C.: Internal Education and the Roots of Resilience: Relationships and Reflection as the New R´s of Education, pp. 47-63. Der Beitrag untersucht auf der Basis der Neurowissenschaft, wie Achtsamkeit und innere Reflexion in der Erziehung zu Resilienz beitragen können.
  • Chapter 5: Lawlor, Molly S.: Mindfulness and Social Emotional Learning (SEL). A Conceptual Framework, pp. 65-81. Der Beitrag setzt die neure empirische Forschung zu den Effekten von Achtsamkeitsinterventionen in Bezug zu dem älteren Ansatz des Sozial-Emotional Lernens (Social-Emotional Learning, SEL).

PART II: Mindfulness in Education: Science and Applications with Educators

  • Chapter 6: Shapiro, S. L., Rechtschaffen, D. & de Sousa, S.: Mindfulness Training for Teachers, pp. 83-97. Dieser grundlegende Artikel über Lehrerbildung zu Achtsamkeit beschreibt Kernelemente von Achtsamkeit (Intention, Aufmerksamkeit und Haltung/Sein) sowie eine Reihe von Themenbereichen und Zielen des Achtsamkeitstrainings in der Lehrerbildung, wie z. B. Selbstfürsorge, generelles achtsames Lehren als Grundhaltung, das Unterrichten von Achtsamkeit anhand spezieller Methodensammlungen u.a.
  • Chapter 7: Skinner, Ellen & Beers, Jeffrey: Mindfulness and Teachers´ Coping in the Classroom. A Developmental Model of Teacher Stress, Coping, and Everyday Resilience, pp. 99-118. Der Beitrag entfaltet ein Modell von Coping als „Selbst-Regulation unter Stress“ und diskutiert den Beitrag, den Achtsamkeit dazu leisten kann.
  • Chapter 8: Lantieri, L., Nambiar, M., Harnett, S. & Keyse, E. N.: Cultivating Inner Resilience in Educators and Students: The Inner Resilience Program, pp. 119-132. Der Beitrag beschreibt das seit 2003 bestehende „Inner Resilience Program“ (IRP) zur Entwicklung von Achtsamkeit und Resilienz bei SchülerInnen und LehrerInnen sowie die empirischen Untersuchungen zur Wirksamkeit des Programms.
  • Chapter 9: Jennings, Patricia A.: CARE for Teachers. A Mindfulness-Based Approach to Promoting Teachers´ Social and Emotional Competence and Well-Being, pp. 133-148. Der Beitrag beschreibt das am Garrison Institute, New York entwickelte achtsamkeitsbasierte Lehrerfortbildungsprogramm „Cultivating Awareness and Resilience“ (CARE for Teachers) und seine Effekte zur Förderung einer prosozialen Klassenatmosphäre.
  • Chapter 10: Roeser, Robert W.: Processes of Teaching, Learning, and Transfer in Mindfulness-Based Interventions (MBIs) for Teachers: A Contemplative Educational Perspective, pp. 149-170. Der Beitrag diskutiert auf der Basis ausführlicher theoretischer Erörterungen die Wirkung von achtsamkeitsbasierten Interventionen in der Erziehung unter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Lehrperson, u.a. am Beispiel des Programms „SMART in Education“.
  • Chapter 11: Smith, Veronica & Jelen, Michaela: Mindfulness Activities and Interventions that Support Special Populations, pp. 171-190. Der Beitrag befasst sich mit Kindern und Jugendlichen mit besonderen Bedürfnissen. Er gibt einen Überblick a) über die bestehenden achtsamkeitsbasierten Programme für LehrerInnen und angrenzende Berufe, die Kinder mit besonderen Bedürfnissen betreuen, sowie b) über entsprechende Programme für SchülerInnen mit besonderen Bedürfnissen. Die noch unzureichenden Ergebnisse der Wirkungsforschung werden diskutiert.
  • Chapter 12: Soloway, Geoffrey B.: Preparing Teacher Candidates for the Present: Investigating the Value of Mindfulness-Training in Teacher Education, pp. 191-205. Der Beitrag beschreibt den Ansatz der Mindfulness-Based Wellness Education (MBWE) und die Ergebnisse einer Dissertation zur Erforschung seiner Effekte. MBWE wurde 2006 an der University of Toronto entwickelt, wird dort seither als Lehrgang angeboten und stellt einen der wenigen publizierten Ansätze zur Erstausbildung von Lehramtsstudierenden in Achtsamkeit dar.
  • Chapter 13: Brown, R. C., Simone, G. & Worley, L.: Embodied Presence: Contemplative Teacher Education, pp. 207-219. Der Beitrag beschreibt die zentralen Ziele und Inhalte des 2-jährigen Master-Lehrgangs „Contemplative Education“ an der Naropa University in Boulder anhand des Grundkonzepts von „Embodied Presence“ (Bedeutung des Körpers für die Präsenz von Lehrkräften) sowie ausgewählter didaktischer Arbeitsformen dazu.
  • Chapter 14: Liston, Daniel P.: On Attentive Love in Education. The Case of Courage to Teach, pp. 221-235. Der Beitrag diskutiert – auf der Basis der „Courage to Teach“-Retreats von Parker Palmer – die Bedeutung von Liebe und Aufmerksamkeit für Lehren und Lernen und beschreibt, wie diese durch kontemplative Übungen gefördert werden können.
  • Chapter 15: Wilensky, Rona: Mindfulness and Organizational Change, pp. 237-249. Der Beitrag geht der Frage nach, inwieweit Achtsamkeitspraxis den individuellen und organisationalen Transformationsprozess in Schulen beschleunigen kann, und bezieht sich dabei auf die Organisationsentwicklungsmodelle „Immunity to Change“ und „Constructivist Listening“.
  • Chapter 16: Gates, Gordon S., & Gilbert, Barbara: Mindful School Leadership. Guidance from Eastern Philosophy on Organizing Schools for Student Success, pp. 251-267. Der Beitrag diskutiert das Konzept von „High Reliable Organisations“ (HROs) von Robert Kegan u.a. und beschreibt, welche Rolle Achtsamkeit und buddhistische Prinzipien darin spielen. Er zieht daraus Schlüsse, wie „Mindful School Leadership“ unter Verwendung des HRO-Ansatzes aussehen könnte.

Part III: Mindfulness in Education: Science and Applications with Students

  • Chapter 17: Lyons, Kristen E. & DeLange, Jennifer: Mindfulness Matters in the Classroom. The Effects of Mindfulness Training on Brain Development and Behavior in Children and Adolescents, pp. 271-283. Der Beitrag bietet eine differenzierte Diskussion der Wirkungsforschung zu Achtsamkeit, insbesondere aus dem Bereich der Neurowissenschaft, und systematisiert die Ergebnisse nach den Wirkungsbereichen Exekutivfunktion (gegliedert in selektive Aufmerksamkeit, Arbeitsgedächtnis und Impulskontrolle) sowie Emotionskontrolle.
  • Chapter 18: Lavelle Heineberg, Brooke D.: Promoting Caring. Mindfulness- and Compassion-Based Contemplative Training for Educators and Students, pp. 285-294. Der Beitrag diskutiert die Bedeutung von Trainings in Achtsamkeit und Mitgefühl für die Entwicklung von LehrerInnen und SchülerInnen, u.a. im Kontext der Initiative „A Call to Care“ des Mind and Life Institutes (2015). Er konzentriert sich dabei auf die Ansätze (und deren Übertragung auf die Schule) von „Mindfulness-Based Stress Reduction“ (MBSR), „Cognitively-Based Compassion Training“ (CBCT) und „Sustainable Compasion Training“ (SCT) sowie die dazugehörige Wirkungsforschung.
  • Chapter 19: Galla, B. M., Kaiser-Greenland, S. & Black, D.: Mindfulness Training to Promote Self-Regulation in Youth. Effects of the Inner Kids Program, pp. 295-311. Der Beitrag diskutiert den Beitrag von achtsamkeitsbasierten Interventionen zur Verbesserung von Selbstregulation, Exekutivfunktion und Emotionsregulation von Kindern und Jugendlichen. Dabei bezieht er sich insbesondere auf das „Inner Kids Program“ (IKP) von S. Kaiser-Greenland.
  • Chapter 20: Maloney, J. E., Lawlor, M. S., Schonert-Reichl, K. A. & Whitehead, J.: A Mindfulness-Based Social and Emotional Learning Curriculum for School-Aged Children. The MindUP Program, pp. 313-334. Der Beitrag diskutiert, ähnlich wie der vorhergehende, die Wirkungen von Achtsamkeitstraining auf Kinder und Jugendliche, hier aber unter besonderer Bezugnahme auf das von der Schauspielerin Goldie Hawn geförderte „MindUp!“-Curriculum und dessen Beziehung zum SEL-Programm sowie auf die Wirkungsforschung zu „MindUp!“.
  • Chapter 21: Parker, Alison E. & Kupersmidt, Janis B.: Two Universal Mindfulness Education Programs for Elementary and Middle-School Students: Master Mind and Moment, pp. 335-354. Der Beitrag beschreibt die beiden achtsamkeitsbasierten Schulprogramme „Master Mind Program“ (zur Prävention von Risikoverhalten) und „Moment Program“ (zur Verbesserung von Schulleistungen) und die Wirkungsforschung dazu.
  • Chapter 22: Broderick, Patricia C. & Metz, Stacie M.:?Working on the Inside. Mindfulness for Adolescents, pp. 355-382. Der Beitrag beschreibt die Verletzlichkeiten und Entwicklungsthemen des Jugendalters und diskutiert den Beitrag, den Achtsamkeitstrainings und speziell das von P. Broderick entwickelte Programm „Learning to BREATHE“ (L2B) zu deren Bewältigung leisten können.

Diskussion

Dieses Handbuch ist ein herausragender Meilenstein in der Entwicklung der Fachdiskussion zur Pädagogik der Achtsamkeit. Es ist das erste Handbuch, das Pädagogik in den Mittelpunkt stellt, und es ergänzt damit die bereits 1 bis 2 Jahre früher veröffentlichten Handbücher zu Achtsamkeit in überwiegend nicht-pädagogischen Kontexten (Ostafin et al. 2015, Brown et al. 2015, Ie et al. 2014). Das vorliegende Werk diskutiert die Anwendung achtsamkeitsbasierter Verfahren in der Pädagogik grundlegend.

Von seinen drei großen Teilen – 1. Grundlagen der Pädagogik der Achtsamkeit, 2. Achtsamkeit in der LehrerInnenbildung und 3. Achtsamkeitsprogramme in Schulen – ist v.a. der zweite Teil zur LehrerInnenbildung der aussagekräftigste. An keinem anderen Ort findet sich derzeit ein so umfassender und vielseitiger Korpus an Information zu diesem Handlungsfeld. Dieser Teil des Buches leistet damit einen unersetzlichen Beitrag für die Konsolidierung der Diskussion zur LehrerInnenbildung im Kontext der Pädagogik der Achtsamkeit und zur Bereitstellung eines zusammenhängenden Forschungs- und Praxisüberblicks. Es ist v.a. dieser Teil, der das Buch zu dem zentralen Referenzpunkt der Diskussion in den nächsten Jahren machen dürfte.

Der erste Teil, der die konzeptionellen Grundlagen ausbreitet, wirkt gegenüber diesem ausgezeichneten zweiten Teil etwas knapp und in einzelnen Kapiteln unvollständig-aspekthaft. Er stellt zwar engagierte Versuche zur Klärung wesentlicher Detailfragen vor, diese wirken aber nicht immer umfassend und restlos überzeugend, da sie die Breite der Diskussion in den wissenschaftlichen Fachjournalen nicht ganz widerspiegeln.

Der dritte Teil zu den Achtsamkeitsprogrammen in Schulen und der jeweiligen Wirkungsforschung stellt eine gute Ergänzung zu den vielen bereits in wissenschaftlichen Fachzeitschriften veröffentlichten Untersuchungen dar (für einen Überblick vgl. z. B. Meiklejohn et al. 2012), hat aber nicht in allen Kapiteln dieselbe Frische wie die originalen Forschungsbeiträge. Hier werden z. T. auch Claims abgesteckt und verdiente AutorInnen gewürdigt, was allerdings auch positiv zu sehen ist, da dadurch in diesem Buch tatsächlich viele der maßgeblichen AutorInnen versammelt sind.

Insgesamt stellt das Handbuch einen Kompromiss dar zwischen einerseits einem kohärenten Überblick über die gesamte Landschaft der Pädagogik der Achtsamkeit und andererseits einem Sammelwerk, das engagierte Fachbeiträge zusammenfasst, die einem eigenen Narrativ folgen, gut durchargumentiert sind und großenteils gut zu lesen sind.

Angesichts des anspruchsvollen Titels (als schlechthin dem Handbuch zu diesem Thema) und des extrem hohen Preises (245 Euro) sind hohe Erwartungen gerechtfertigt, denen dieses Buch in weitem Umfang, aber nicht in allen Bereichen gerecht wird. Die Herausgeber sprechen selbst von der vorliegenden Ausgabe als der 1. Auflage und nehmen damit eine verbesserte 2. Auflage ins Visier. Für diese wären folgende Punkte zu bedenken:

  1. Das größte theoretische Defizit des Handbuches liegt darin, dass keine integrierende bildungswissenschaftliche Darstellung des Themas angestrebt wird. Die Herausgeber selbst sind ProfessorInnen für Psychologie und blenden möglicherweise daher die zentralen bildungswissenschaftlichen Fragen aus. So z. B. fehlt eine grundlegende bildungstheoretische Diskussion der Ziele und der theoretischen und gesellschaftlichen Implikationen einer Pädagogik der Achtsamkeit. Lediglich im Beitrag von Arthur Zajonc (Kap. 2, S. 26) wird die Notwendigkeit einer grundlegenden „Theory of Contemplative Pedagogy“ kurz auf einer halben Seite angesprochen, diese wird aber auch dort nur als Desiderat anhand offener Fragen umschrieben. Ein „Handbook of Mindfulness in Education“ sollte diese zentrale Frage nicht ausklammern, sondern sie in den Mittelpunkt stellen und ihr mindestens ein eigenes Kapitel widmen, auch wenn dieses beim gegenwärtigen Stand der Forschung einen erheblichen gedanklichen Aufwand erfordert. Darüber hinaus schließt das Handbuch nicht explizit an die gängigen Themen der bildungswissenschaftlichen Diskussion an, wie etwa pädagogische Beziehung, Klassenführung/Classroom Management oder Lernhaltungen/Disziplin. Diese Themen sind zwar verstreut enthalten, werden aber nicht systematisch entfaltet. Das hat zwar den Vorteil, dass die sonst gelegentlich anzutreffende Verstaubtheit wissenschaftlich-pädagogischer Diskurse zu diesen Themen nicht weiter mitgeschleppt wird. Es verspielt aber die Chance, die Bildungswissenschaft durch eine Konfrontation mit den neuen Konzepten der Achtsamkeitstheorie (wie „embodied presence“, „being mode“ oder „contemplative practice“ u.a.) nachhaltig zu befruchten. Jennings (2015) ist hierzu schon einen kleinen Schritt weiter gegangen als das vorliegende Handbuch. Wenn, wie die Herausgeber in Kap. 1 betonen, die Pädagogik der Achtsamkeit das Potenzial hat, Impulse zu einer grundlegend neuen Sichtweise von Bildung und Erziehung zu vermitteln, dann sollte in einem Handbuch mit wissenschaftlichem Anspruch genau diese Diskussion gesucht werden, damit die neuen Befunde anschlussfähig werden zu bestehenden bildungswissenschaftlichen Diskursen.
  2. Auch unabhängig von dieser fehlenden bildungswissenschaftlichen Integration sind die Beiträge des Handbuches nicht miteinander verbunden, sondern reihen sich additiv aneinander. Damit fehlt eine Synopse der vorgelegten Ergebnisse zu einer in ihrer Eigenart identifizierbaren Pädagogik der Achtsamkeit. Ein Beispiel dazu: Die in Kap. 3 vorgelegte synoptische Definition von Achtsamkeit (die für sich genommen sehr überzeugend dargestellt ist) wird in den folgenden Kapiteln des Buches nicht mehr aufgegriffen; stattdessen formuliert jeder Beitrag seine eigene Bestimmung von Achtsamkeit in unterschiedlicher Weise selbst. Das bildet zwar die Vielfalt der Zugänge ab, entwertet aber den im vorliegenden Handbuch vorgenommenen Versuch der integrierenden Definition und perpetuiert so die bestehende Unschärfe zentraler Begriffe.
  3. Das Handbuch bezieht sich fast ausschließlich auf den nordamerikanischen Kontext und klammert die europäische Diskussion aus (lediglich der herausragende britische Ansatz des Mindfulness in Schools Project (MiSP) wird in Kap. 6 kurz erwähnt). Das schmälert den internationalen Wert des Buches. Einzelne Kapitel hätten von einer Einbeziehung internationaler Forschungsbeiträge durchaus profitieren können, etwa der neueren europäische Forschung zu Mitgefühl (vgl. Singer/Bolz 2013) oder der in deutscher Sprache vorliegenden Ansätze zur Integration des Themas Achtsamkeit in die Bildungswissenschaft (vgl. Dauber 2012). – Die Zentrierung auf etablierte Ansätze und Schulprogramme führt auch dazu, dass die Ergebnisse wichtiger aktueller Sammelreferate nicht berücksichtig werden, die den Forschungsstand auf der Höhe der Zeit und z.T. präziser als im vorliegenden Handbuch darstellen. Hierher gehören z. B. die Synopse der Befunde der Neurowissenschaften durch Tang et al. (2015) oder die Übersicht über schulbasierte Achtsamkeitsangebote für Jugendliche durch Felver et al. (2016) oder die enorm wichtige Metaanalyse von Zoogman et al. (2015).

Noch eine Kleinigkeit am Schluss: Die Papierqualität des Buches lässt zu wünschen übrig – Hervorhebungen mit einem Marker schlagen auf die Rückseite durch. Das sollte sich bei diesem Preis vermeiden lassen.

Fazit

Das vorliegende Handbuch ist das bislang wichtigste Sammelwerk zur Pädagogik der Achtsamkeit. Es stützt sich in vorbildlicher Weise auf empirische Forschung, fasst eine Vielzahl der bisherigen Ansätze in Schule und LehrerInnenbildung zusammen und gibt den Stand der fachwissenschaftlichen Diskussion gut wieder bzw. entwickelt ihn in einzelnen Punkten sogar weiter. Kritisch zu sehen ist die nahezu ausschließliche Zentrierung auf die USA und Kanada sowie die Ausblendung des bildungswissenschaftlichen Theoriezusammenhangs.

Das Buch hat das Potenzial, zum zentralen Referenzpunkt der weiteren – darauf aufbauenden wie sich kritisch davon absetzenden – Fachdiskussion zu werden.

Literatur

  • Brown, Kirk Warren / Creswell, J. David / Ryan, Richard M. (2015): Handbook of Mindfulness. Theory, Research, and Practice, New York: Guilford Press.
  • Dauber, Heinrich (2012): Fallstricke und Chancen von Achtsamkeitspraxis in pädagogischen Kontexten. In: Zimmermann, Michael / Spitz, Christoph / Schmidt, Stefan (Hrsg.): Achtsamkeit. Ein buddhistisches Konzept erobert die Wissenschaft, Bern: Huber, S. 197-208.
  • Felver, Joshua C. / Celis-de Hoyos, Cintly E. / Tezanos, Katherine / Singh, Nirbhay N. (2016): A Systematic Review of Mindfulness-Based Interventions for Youth in School Settings. In: Mindfulness, 7: 34-45.
  • Ie, Amanda / Ngnoumen, Christelle T. / Langer, Ellen J. (2014): The Wiley Blackwell Handbook of Mindfulness (Wiley Clinical Psychology Handbooks), Chichester: Wiley and Sons.
  • Jennings, Patricia (2015): Mindfulness for teachers. Simple skills for peace and productivity in the classroom, New York/London: W. W. Norton.
  • Meiklejohn, John / Philipps, Catherine / Freedman, M. Lee / Griffin, Mary L. / Biegel, Gina / Roach, Andy / Frank, Jenny / Burke, Christine / Pinger, Laura / Soloway, Geoff / Isberg, Roberta / Sibinga, Erica / Grossman, Laurie / Saltzman, Amy (2012): Integrating Mindfulness Training into K-12 Education: Fostering the Resilience of Teachers and Students. In: Mindfulness, Dec. 2012, Vol. 3, Issue 4, pp 291-307.
  • Ostafin, Brian D. / Robinson, Michael D. / Meier, Brian P. (Eds.) (2015): Handbook of Mindfulness and Self-Regulation, New York u.a.: Springer.
  • Singer, Tania / Bolz, Matthias (Hrsg.) (2013): Mitgefühl. In Alltag und Forschung, München: Max Planck Gesellschaft.
  • Tang, Yi-Yuan / Hölzel, Britta K. / Posner, Michael I. (2015): The neuroscience of mindfulness meditation. In: Nature, vol. 16, Apr. 2015, S. 213-225.
  • Zoogman, Sarah / Goldberg, Simon B. / Hoyt, William T. / Miller, Lisa (2015): Mindfulness Interventions with Youth. A meta-analysis. In: Mindfulness, 6: 290-302.

Rezensent
Dr. phil. Karlheinz Valtl
Senior Lecturer für Bildungswissenschaft am Zentrum für LehrerInnenbildung der Universität Wien, Arbeitsschwerpunkt Pädagogik der Achtsamkeit


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Zitiervorschlag
Karlheinz Valtl. Rezension vom 12.08.2016 zu: Robert W. Roeser, Kimberly Schonert-Reichl (Hrsg.): Handbook of Mindfulness in Education. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-1-4939-3504-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20625.php, Datum des Zugriffs 14.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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