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Stefan Deißler: Eigendynamische Bürgerkriege

Cover Stefan Deißler: Eigendynamische Bürgerkriege. Von der Persistenz und Endlichkeit innerstaatlicher Gewaltkonflikte. Hamburger Edition (Hamburg) 2016. 370 Seiten. ISBN 978-3-86854-297-4. D: 35,00 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Dem Autor stellt sich zunächst die Frage, welche Qualitäten es sind, die einen Bürgerkrieg Jahre oder gar Jahrzehnte andauern lassen und er sucht nach Erklärungen für diese Langlebigkeit. Es ist die Frage nach den bestimmenden Faktoren persistenter innerstaatlicher Kriege aufgrund unterschiedlicher kultureller, politischer und sozialer Kontext- und Konfliktlagen, sowie der sich daraus entwickelnden Gewaltorganisationen bzw. Akteuren. Dabei geht Deißler hauptsächlich von den kriegerischen Entwicklungen nach Beendigung des Ost-West-Konflikts aus und setzt mit Beginn der 1990er Jahre ein, sich zugleich aufgrund seines erkenntnisleitenden Interesses gegen schablonenhafte Deutungsmuster aufgrund heute veränderter Gegebenheiten und Einflussfaktoren analytisch zur Wehr zu setzen.

Der Autor möchte mit der vorliegenden Arbeit nicht nur neue definitorische Ansätze entwickeln, um so zu einem besseren Verständnis von innerstaatlichen Gewaltkonflikten zu gelangen, sondern es geht ihm zugleich darum, bestehende Erkenntnisdefizite hinsichtlich klarerer Deklarierungen und Einordnungen zu beseitigen, indem er Antworten insbesondere auf die Kernfrage nach den die Gewaltkonflikte bestimmenden eigendynamischen Prozessen zu finden und zu geben sucht: es „wird ein Ansatz entwickelt, der es ermöglicht, in der äußerst heterogenen Schar der Bürgerkriege nicht typische Kriegsverläufe oder Interdependenzbeziehungen, sondern wiederkehrende Prozesslogiken sichtbar zu machen“ (S. 23).

Autor

Stefan Deißler studierte zunächst Maschinenbau an der Universität Karlsruhe, danach Soziologie und Philosophie an der Georg-August-Universität Göttingen; er lebt und arbeitet derzeit in London.

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Untersuchung eigendynamischer Bürgerkriege basiert auf der Dissertation, die im April 2015 mit dem Friedrich-Christoph-Dahlmann-Preis für die beste Dissertation des Promotionsstudienganges Sozialwissenschaften ausgezeichnet wurde und von der Hans-Böckler-Stiftung gefördert worden ist.

Aufbau

Der Inhalt des Buches weist – nach einem einleitenden Vorwort – eine klar nach Kapiteln nummerierte Struktur auf und beinhaltet abschließend je ein Abkürzungs-, ein Abbildungs- und ein Literaturverzeichnis; letztendlich folgt eine Danksagung. Die sieben Hauptkapitel verfügen über nicht weiter durchnummerierte Unterkapitel; das abschließende Kapitel VIII ist mit „Ergebnisse und Impulse“ überschrieben.

Inhalt

Der Autor stellt in seiner Einleitung heraus, dass er bei den von ihm thematisierten zahlreichen Bürgerkriegen der Jahre nach 1945 den Fokus auf die persistenten Konflikte legt. Er sucht zunächst das Phänomen Bürgerkrieg definitorisch zu erfassen, ausgehend davon, dass er den Bürgerkrieg als eine äußerst komplexe soziale Konstellation begreift, was wiederum zu Überlegungen hinsichtlich erweiterter Handlungsmuster führt.

Deißler erarbeitet in seinem ersten Kapitel – vorwiegend mittels Literaturrecherche – die „Charakteristika des Bürgerkrieges“ und kehrt sowohl wesentliche wie auch unwesentliche Merkmale heraus, dabei die unterschiedlichen Bürgerkriegsformen voneinander unterscheidend. Er stellt fest, dass mindestens zwei „organisationsförmige Akteure“ beteiligt sein müssen, innerstaatliche Gewalt von „kriegerischer Intensität und Qualität“ zu beobachten sein muss, „rudimentäre Aussagen über die Zielsetzungen“ der Kriegführenden feststellbar sind und schließlich, dass die Zivilbevölkerung als „ein integraler Bestandteil des Bürgerkriegs“ erkannt wird (vgl. S. 39ff.). Damit schafft sich der Autor zugegebenermaßen die Ausgangsbasis für seine nachfolgenden Untersuchungen und Ausführungen.

In seinem zweiten Kapitel werden „Eigendynamische soziale Prozesse“ einer Analyse mit dem Ergebnis unterzogen, dass sich durch die Bearbeitung der Wesensmerkmale eines Bürgerkriegs „jeder beliebige soziale Prozess und jede beliebige Prozessklasse auf eigendynamische Qualitäten hin untersuchen lässt“ (S. 76).

Das dritte Kapitel ist mit „Zirkuläre Bürgerkriegsdynamiken in der Literatur“ überschrieben und geht der Frage nach, inwieweit der Stand der sozialwissenschaftlichen Kriegs- und Konfliktforschung bezüglich der eigendynamischen Charakteristik von Bürgerkriegen fortgeschritten ist. Deißler hält nach Auswertung der Literatur einen Perspektivwechsel ob der neuen eigendynamischen Qualitäten für unumgänglich, um sodann einen neuen Theorierahmen entwickeln zu können.

Das vierte Kapitel wendet sich nun der im vorherigen Kapitel gestellten Aufgabe zu und postuliert „eine makrosoziologische Perspektive auf den Bürgerkrieg“. Deißler analysiert hier zunächst die Elemente bürgerkriegstypischer Konstellationen und Strukturen und will damit zugleich deutlich machen, dass die Forschungslage hierzu ziemlich dürftig zu sein scheint, auch wenn er hinsichtlich der organisations- und makrosoziologischen Ebene ein Rekurrieren auf das Frühwerk von Amitai Etzioni deshalb für sehr geeignet erachtet, weil dessen Theorie moderner Organisationen aus den 60er Jahren komplexe Argumentations- und Forschungsstränge bis hin zur Entwicklung makroskopischer Entitäten und Relationen entwickelt. Die Erkenntnisse aus Etzionis Theorie bilden den Kern des theoretischen Rahmens, den Deißler sich zur Analyse und Darstellung der Eigendynamiken des revolutionären Guerillakriegs und des ethnisierten Sezessionskriegs zunutze macht (vgl. S. 108). Anschließend wendet er sich der Reproduktion bürgerkriegstypischer Strukturen zu, analysiert unter Zuhilfenahme von Immanuel Kants hypothetischem Imperativ und Andrew Abbots strukturellem Imperativ den imperativischen Modus der Reproduktion bürgerkriegstypischer Strukturen.

Im fünften Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Eigendynamik des revolutionären Guerillakriegs, nennt und untersucht die Protagonisten genauso wie die angewandten Handlungsmuster, um sodann wieder auf die Eigendynamik der Strukturen in diesem Zusammenhang zurückzugreifen, dabei insbesondere sowohl kriegsverlängernde wie auch kriegsverkürzende Struktureffekte herausstellend. Das spezifische Element des Guerillakriegs wird von Deißler deshalb hervorgehoben, weil es hierbei um eine spezielle Kriegsform geht, bei der es sich s. E. in der überwiegenden Zahl aller Fälle „ausschließlich“ um eine Form handelt, „die auf der Vermeidung der offenen Schlacht und der Zermürbung des Gegners durch wiederholte Angriffe beruht“ (S. 166); hinzu tritt „eine komplexe innerstaatliche Akteurskonstellation, die nicht nur die verschiedenen kriegführenden Organisationen, sondern auch Teile der Zivilbevölkerung umfasst“ (S. 167). Es folgt eine Differenzierung der einzelnen Akteure etwa von den Guerillaorganisationen, über die staatlichen Streitkräfte, bis hin zu den Milizen und paramilitärischen Organisationen, aber auch bis zur ruralen Zivilbevölkerung. Im Anschluss werden die jeweils spezifischen Handlungsmuster der angeführten Akteure stärker beleuchtet, ehe Deißler auf die Struktur des Guerillakriegs zu sprechen kommt und hier zwei Ebenen feststellen zu können glaubt, indem er einerseits den Schauplatz der direkten militärischen Auseinandersetzungen und zum anderen das Konkurrieren der Konfliktparteien um Gefolgschaften in der Bevölkerung erkennt. Schließlich kommt der Autor zu dem Schluss, dass es sich bei dem Guerillakrieg um einen eigendynamischen Prozess handelt, der durchaus sowohl kriegsverlängernden wie auch kriegsverkürzenden Struktureffekten unterliegt. Darunter fallen Faktoren, wie etwa eine „Auszehrung“ durch den Verbrauch aller kriegswichtigen Ressourcen, eine asymmetrische Veränderung der Kräfteverhältnisse, aber auch eine Wandlung der militärischen und politischen Zielsetzungen, oder gar letztlich die Vernichtung der gegnerischen Konfliktpartei.

Aufgrund der seitens des Autors sich schwieriger gestaltenden Nachweisführung hinsichtlich eigendynamischer Qualitäten und Prozesse im Bezug auf ethnisierte Sezessionskriege (wie etwa im Bosnienkrieg der 90er Jahre oder im 2009 beendeten Bürgerkrieg in Sri Lanka) beschäftigt er sich im sechsten Kapitel seiner Arbeit ausschließlich mit dieser Thematik. Auch hier werden zunächst die Protagonisten genannt und näher untersucht, ebenso wie eine Darstellung der Handlungsmuster und der eigendynamischen Reproduktion der Struktur dieses Kriegstypus erfolgt.

In Kapitel sieben folgt Deißlers exemplarische Darlegung und Analyse des eigendynamischen und persistenten innerstaatlichen Krieges in Kolumbien, wobei er in dieser Fallstudie wiederum die gleiche Untergliederung vornimmt, sich also zunächst mit den Protagonisten und anschließend mit den Handlungsmustern und eigendynamischen Qualitäten bzw. Faktoren auseinandersetzt. Er kommt zu dem Schluss, dass es sich bei diesem Beispiel um ein „Produkt eines komplexen Geflechts kriegsverlängernder Prozesse“ (S. 326) handelt, sich somit die Eigendynamik als Motor der Gewalt entwickelt und zudem durch zusätzliche aktive Militärhilfe passiver Akteure weitere Beförderung findet.

Im abschließenden achten Kapitel fasst der Autor seine Ergebnisse und Impulse zusammen, indem er zunächst seine eingangs der Arbeit aufgelisteten Leitfragen nochmals in den Fokus rückt und auf ihren „output“ hin hinterfragt. Er prüft, inwieweit er insbesondere Antworten gefunden hat hinsichtlich der Fragen nach dem eigendynamischen Prozess, nach der Art eigendynamischer Qualitäten von Bürgerkriegen, nach den notwendigen Bedingungen hierfür und schließlich nach dem Zusammenhang zwischen der Eigendynamik und der Persistenz von Bürgerkriegen. Schließlich kommt Deißler zu dem Schluss, dass wegen der wiederkehrenden Dynamiken bei Bürgerkriegen, welche seiner Ansicht nach ein hochkomplexes soziales Phänomen darstellen, keine Patentrezepte bzw. allgemeine Empfehlungen für friedenschaffende Maßnahmen möglich erscheinen.

Diskussion

Die Arbeit von StefanDeißler ist klar als Resultat einer Dissertation zu erkennen; sie erhebt durchaus einen nicht geringen wissenschaftlichen Anspruch, ohne dabei zu verkopft beim Leser rüberzukommen. Sie ist handwerklich sauber angefertigt, weist eindeutige Wissenschaftsbezüge auf, generiert fast ausschließlich die Erkenntnisse aus einer fundierten Literaturrecherche, wirkt stilistisch sicher und aufgeräumt und setzt didaktisch wichtige Akzente, was wiederum einer ansprechenden Lesefreundlichkeit zugutekommt.

In den Mittelpunkt seiner Darlegung und Analyse stellt der Autor immer wieder eine angenommene bzw. postulierte Eigendynamik und Prozesshaftigkeit in der Persistenz von Bürgerkriegen bzw. innerstaatlichen Gewaltkonflikten. Dies offensichtlich deshalb, weil es letztlich als das Kernelement in der Demonstration von im Rahmen einer Dissertation notwendigerweise geforderten wissenschaftlichen Eigenständigkeit Gültigkeit beansprucht. Sind doch all die anderen Faktoren der Arbeit, seien es nun das Herausstellen charakteristischer Merkmale von Bürgerkriegen oder aber das Herausfinden der an ihnen beteiligten Protagonisten, ebenso wenig neu zu erklären wie es nicht um spektakuläre definitorische Klärungen oder friedensstiftende Patentrezepte gehen kann. Diesbezüglich bedürfte es wohl tiefer gehender Recherchen vor Ort und nicht allein der Literaturexegese.

Fazit

Das vorliegende Werk greift ein Thema auf, das aufgrund der Vielzahl von aktuellen oder nicht lange zurückliegenden Bürgerkriegen und innerstaatlichen kriegerischen Auseinandersetzungen in unterschiedlichen und weltweit verbreiteten Konfliktherden von besonderer Aktualität ist. Dabei wird deutlich, dass es eben nicht nur vordergründig politische Differenzen oder wirtschaftliche Interessen verschiedener Organisationen und Akteure sind, die zu kriegerischen Auseinandersetzungen führen, sondern eben auch soziale Spannungen und ethnische Differenzen, eine latente Gewaltbereitschaft, Ausweglosigkeitsdenken, Einflussnahmen und Herrschaftsansprüche. All dies greift Deißler in seinem Werk auf, analysiert, stellt dar und beschreibt – und dies in sehr ansprechender Weise, klar gegliedert und strukturiert, wissenschaftlich belegt und gedanklich konsequent durchdacht.

Es ist ein auch äußerlich in seiner Gestaltung sehr ansprechendes Werk, das man all jenen andienen möchte, die sich mit den Konflikten in der Welt tagtäglich über die Medien konfrontiert sehen und die nähere Aufschlüsse über den Bürgerkrieg als solchen, seinen Ausformungen, Hintergründen und Entwicklungen erwarten und erhalten wollen.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 05.08.2016 zu: Stefan Deißler: Eigendynamische Bürgerkriege. Von der Persistenz und Endlichkeit innerstaatlicher Gewaltkonflikte. Hamburger Edition (Hamburg) 2016. ISBN 978-3-86854-297-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20626.php, Datum des Zugriffs 20.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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