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Dietmar Telser: Der Zaun. Wo Europa an seine Grenzen stößt

Cover Dietmar Telser: Der Zaun. Wo Europa an seine Grenzen stößt. Styria Media Group AG (Graz) 2016. 208 Seiten. ISBN 978-3-222-13526-2. D: 24,90 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 32,50 sFr.
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„Zäune waren immer schon ein Fetisch der Grenzpolitik“

Wie identifiziert und artikuliert sich nationale Identität? Diese Frage treibt Menschen um, seit sie sich als ethnische Gemeinschaften zusammen schließen, sich als Polis verstehen, in der Staatsvolk, Staatsgewalt und Staatsgebiet deutlich ausgewiesen sind. In der antiken, aristotelischen Vorstellung von einer politischen Gemeinschaft ist grundgelegt, dass sich Menschen zusammen schließen, um individuell und kollektiv nach einem guten, gelingenden Leben für alle Staatsbürger zu streben, weil jeder Mensch kraft seiner Vernunft und seiner Fähigkeit, zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist (Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, 2005, S. 474ff). Die Grenzsteine, Fallgruben, Zäune und Mauern, die Völker um ihr Territorium errichten, sollen Feinde abwehren, sie am unbefugten Betreten des Staatsgebietes hindern und die Eingesessenen schützen. Je höher die Zäune, je martialischer und unüberwindlicher die Mauern um das eigene Territorium gebaut werden, um so deutlicher drückt sich darin Macht aus, oder Angst! Das Niederreißen von Mauern, Zäunen und Todesstreifen hingegen stellt sich als Akt der Freiheit und Befreiung dar. Freizügigkeit wird zum Zauberwort, das die Menschen als Aufklärung, Selbstbestimmtheit und Friedensfähigkeit verstehen. In der Präambel der UNESCO, der Kultur- und Bildungsorganisation der Vereinten Nationen, steht der Satz: Da Kriege im Geist der Menschen entstehen, müssen auch die Bollwerke des Friedens im Geist der Menschen errichtet werden! Zäune und Mauern sind nicht geeignet, Frieden zu schaffen!

Entstehungshintergrund

„Ist die Welt verrückt geworden?“. Diese verzweifelte Frage ist zu hören angesichts der in der sich immer interdependenter und entgrenzender (Einen?) Welt sich zeigenden Entwicklungen von Ethnozentrismen, Nationalismen, Fundamentalismen und Rassismen. „Deutschland den Deutschen“, „Frankreich den Franzosen“, „England den Briten“, „Ungarn den Ungarn“ usw., das sind rechtsradikale und rechtspopulistische Parolen, in denen sich scheinbar Nationalbewusstsein ausdrückt, ein egoistisches Rechtsverständnis und Höherwertigkeitsvorstellungen artikulieren. Besonders deutlich zeigen sich diese Einstellungen, wenn lokal und global ökonomische, Umwelt- und gesellschaftliche Krisen- und Konfliktsituationen auftreten. Die „Flüchtlingskatastrophe“ ist so eine Situation. Weltweit, so weisen es die Statistiken des UNHCR, des Hohen Flüchtlingskommissars der Vereinten Nationen, aus, sind rund 60 Millionen Flüchtlinge unterwegs, davon sind mehr als die Hälfte von ihnen Kinder und Jugendliche. Sie alle suchen als „Binnenflüchtlinge“ oder in benachbarten Ländern Sicherheit und ein friedlicheres Leben. Im Jahr 2015 erreichten rund 1 Million Flüchtlinge Europa. Sie kamen über das Mittelmeer und über die „Balkanroute“, aus den Kriegsgebieten in Syrien und den anderen „failed states“ im Vorderen und Mittleren Orient, aus Afrika und Asien. Die Prognosen der EU-Kommission weisen aus, dass im Zeitraum von 2016/17 bis zu 3 Millionen Asylbewerber nach Europa kommen werden. Die EU-Staaten haben mit dem Schengen-Abkommen festgelegt, dass die Registrierung und Asylentscheidung an den Außengrenzen der Europäischen Union erfolgen solle, und die Flüchtlinge dann nach einem vereinbarten Schlüssel einzelnen Ländern zugeteilt werden. Diese Vereinbarung ist dadurch brüchig und kaum realisierbar geworden, weil eine Reihe von EU-Staaten Grenzbefestigungen errichtet und damit ihre Grenzen gegen die Einreise von Flüchtlingen dicht gemacht haben (Michael Richter, Fluchtpunkt Europa. Unsere humane Verantwortung, 2015, http://www.socialnet.de/rezensionen/19248.php).

Autor

Der Berliner tagespolitische Karikaturist Klaus Stuttmann bringt die aktuelle Situation der europäischen Einzäunung, Einmauerung und Eingrenzung mit seiner Karikatur „Das zukünftige Weltkulturerbe Österreichs…“ in den Blick: Das Bergland, Urlaubsland und Kulturland hat sich im Stil der historischen chinesischen Mauer eingezäunt! (HAZ vom 29.4.16, S. 2). Bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise zeigen sich in den einzelnen europäischen Ländern ganz unterschiedliche Reaktionen und Verhaltensweisen. Sie reichen von einer erfreulichen und aktiven Willkommenskultur vor allem durch zivilgesellschaftliches Handeln von Individuen und Gemeinschaften, bis hin zu massiven, ideologisch gelenkten, radikalen und populistischen Xenophobien. Es sind die allzu einfachen Erwartungshaltungen von unpolitischen oder verführten Menschen, die auf komplizierte Situationen Ja-Nein-Lösungen erwarten, während es differenzierter Antworten bedarf. Um zu erkennen, welche Ursachen hinter den Fluchtphänomenen stehen, braucht es vor allem die Auseinandersetzung mit den individuellen Schicksalen von Flüchtlingen (Melanie Gärtner, Grenzen am Horizont. Drei Menschen. Drei Geschichten. Drei Wege nach Europa, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19770.php).

Der Politikredakteur bei der Koblenzer Rhein-Zeitung, Dietmar Telser, hat sich zusammen mit dem Kölner Fotografen Benjamin B. Stöß 2014 auf den Weg gemacht, um über die Flüchtlingssituationen an den EU-Außengrenzen zu berichten. Sie haben mit Grenzschützern, Bürgermeistern, „Frontex“-Mitarbeitern, Politikern, Flüchtlingen und Menschenrechtsaktivisten in Bulgarien, Griechenland, Türkei, Italien, Tunesien und Marokko gesprochen. Dabei haben sie iemandem angetroffen, der der Situation an den Grenzen gleichgültig gegenüber gestanden hätte. Alle waren der Auffassung, dass die Bedingungen für Einwanderungswillige an den europäischen Grenzen menschenunwürdig seien. Über die Lösungsmöglichkeiten freilich gab es ganz unterschiedliche und konträre Meinungen. Einig waren sie sich in zwei Dingen: Zum einen darin, dass die Vereinbarung, dass der Schutzsuchende in dem Land den Asylantrag stellen solle, das er in Europa zuerst betrete, nicht funktionieren könne; und zum zweiten, dass Zäune und Mauern die Flüchtlingskrise eher verschärfen und nicht mildern würde.

Aufbau und Inhalt

„Man muss an den Anfang zurück, um nachvollziehen zu können, was in diesen Monaten an Europas Grenzen geschieht“; am Anfang nämlich der Erzählung eines Flüchtlings, der als einer der Wenigen die Überfahrt von Zuwarah in Libyen nach Italien in einem seeuntauglichen, völlig überladenen Schlauchboot überlebte. Es sind Fragen, warum Menschen ihr Leben riskieren und rund 3.500 von ihnen 2014 im Mittelmeer ertranken; weshalb sie ihr erspartes geliehenes und von der Familie gesammeltes Geld an Schlepper und Kriminelle geben, um sich einen Platz in einem überfüllten Boot zu erkaufen. Das Autorenteam will mit dem Bericht keine Antworten auf diese Fragen geben, sondern das spärliche und nicht selten falsch gelenkte Wissen über die Lebensbedingungen und politischen Zustände der Flüchtlinge in ihren Herkunftsländern füllen helfen, und dazu beitragen, dass die Menschen in den europäischen Ländern eigene Meinungen bilden können und nicht den Demagogen, Fremdenfeinden und Rassisten auf den Leim gehen.

Sie gliedern ihren Bericht in sechs Kapitel.

  1. „Europas Rand“,
  2. „Inseln der Hoffnung“,
  3. „Am Drehkreuz“,
  4. „Tod auf dem Meer“,
  5. „Verschollen“ und
  6. „Im Ghetto“.

Vom traurigen, gottverlassenen Ort Golyam Dervent an der türkisch-bulgarischen Grenze erzählen sie, einer Gegend, in der es viele geheime, kaum zu kontrollierende Wege gibt, um von der Türkei in den EU-Raum gelangen zu können, mit Schlepperhilfe und auf eigene Faust, in jedem Fall inoffiziell, weil am offiziellen Grenzübertritt ein Zaun gebaut wurde, der Bulgarien umgerechnet knapp vier Millionen Euro gekostet hat, und trotzdem eher Symbolcharakter hat, als wirksam sein zu können. Die Vorwürfe stehen im Raum, dass durch Korruption, Misswirtschaft und chaotische Sicherheitsstrukturen die Flüchtlinge, die Bulgarien als erstes EU-Land erreichen, unmenschlich untergebracht und behandelt werden und mit allen Mitteln schnellstens versuchen, das Land zu verlassen und weiterziehen zu können in EU-Länder, die ihnen bessere Möglichkeiten und ein Willkommen bieten könnten. Der UNHCR, der in Bulgarien die Zustände überwacht und mit erheblichen finanziellen Mitteln auch dafür sorgt, dass sich die unmenschlichen Zustände bei der Aufnahme, Registrierung, Asylprüfung und schließlich bei der Rückführung von Flüchtlingen, die in anderen EU-Ländern angekommen sind, nach dem Dubliner Abkommen wieder nach Bulgarien zurück überstellen, ändern. Ein noch perfekter und undurchdringlicher Zaun entlang der türkisch-bulgarischen Grenze soll es richten: „Die Flüchtlinge sind verzweifelt, sie wollen ihr Land verlassen und einen Ort finden, wo sie sicher sind, wo sie ein neues Leben beginnen könnten. Sie suchen neue Routen und damit vermutlich auch gefährlichere Strecken, unter denen besonders Kinder leiden“.

Nach der Erkenntnis, dass Konflikte und Katastrophen, ähnlich wie beim Dominospiel, anderswo ihre Ursachen haben, und damit auch humane Lösungsmöglichkeiten an ihren Ursprüngen und Zwischenstationen zu suchen sind, schauen die Autoren des „Zaun“-Berichts auf die weiteren Vorposten Europas, auf die griechischen Inseln Chios, Kos, Lesbos, Samos, Leros und Farmakonisi, die nur wenige Kilometer von der Türkei entfernt liegen und als vermeintlich einfache, teilweise sichtbare und sichere (Zwischen-)Zielorte für Flüchtlinge scheinen. Es braucht also anscheinend keine seetüchtigen Schiffe, sondern es genügen Schlauchboote, ausgemusterte und lecke Fischerboote, um möglichst viele, in den meisten Fällen zu viele Flüchtlinge für rund 3.000.- Euro pro Person nach Europa zu bringen. Was die Flüchtlinge dort erwartet, können und wollen sich die Flüchtenden nicht vorstellen: Unterbringung in überfüllten Containern, Zelten, menschenunwürdige sanitäre Hygiene-Einrichtungen, lange Wartezeiten beim Asylanerkennungsverfahren, aber auch ungesetzliche sofortige Rückführung in die Türkei. Die aktiveren Flüchtlinge wählen einen anderen Weg: Sie warten nicht auf die Asylentscheidung, sondern lassen sich eine begrenzte Aufenthaltserlaubnis von den Grenzbehörden ausstellen, die sie verpflichtet, Griechenland spätestens nach sechs Monaten zu verlassen. Der weitere Leidensweg beginnt. In den Aufnahmelagern der griechischen Inseln herrschen sowohl ernsthaftes und humanes Bemühen, das Recht auf Asyl auch zu verwirklichen, als auch – mehr und mehr – Verzweiflung und Zynismus angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen: „Gebt uns genügend Polizisten, oder Krokodile und Piranhas“, sagt einer der griechischen Grenzschützer.

Ein anderer Elends-, Verzweiflungs- und gleichzeitig Hoffnungsort für Flüchtlinge ist das Stadtviertel Aksaray in Istanbul. Es ist ein Umschlagplatz für Menschen, die Europa als einen lebenswerten und sicheren Kontinent betrachten und alles Menschenmögliche unternehmen, um dort besser und sicherer als bisher leben zu können. Es ist ein riesiger Geschäftsort für Schlepper, die für Flüchtlinge gegen viel Geld ein Versteck auf einen der LKWs organisieren, die von der Türkei aus in die europäischen Länder Waren bringen; oder sie in ausgetüftelte Zwischenräume auf Frachtschiffen pferchen. Der Markt wächst und wächst. Es gibt Berechnungen, dass Flüchtlingsschmuggel nach Europa in den letzten 15 Jahren einen Gewinn von rund 16 Milliarden Euro eingebracht hat.

Es sind immer neue Routen und vermeintlich sichere Wege, die Flüchtlinge in ihrer Verzweiflung suchen und nehmen. Der Landweg über Bulgarien ist zugemauert und immer undurchdringlicher. Über die Ägäis? Von Libyen aus nach Italien? Die europäische Grenzschutzagentur „Frontex“ mit ihrer Zentrale in Warschau. Über Sinn und Unsinn, über Erfolg und Misserfolg und über Humanität und Inhumanität dieser Einrichtung wird gestritten. Der Bundestagsabgeordnete der Grünen und Menschenrechtsexperte Tom Koenigs charakterisiert die Situation so: „Wir haben an unseren Grenzen Monster geschaffen, und ‚Frontex‘ ist Teil dieser monströsen Strukturen“. Der Zwiespalt wird deutlich: Während auf der einen Seite die Organisation mit ihren Schiffen und Flugzeugen viele Flüchtlinge vor dem Ertrinken im Meer rettet und sicher in die europäischen Häfen bringt, haben Rambo- und gewaltsame Methoden von Frontex-Angehörigen gegenüber Flüchtlingen ein Gesicht gezeigt, das sich als unmenschliche Fratze darstellt. Der Empathie, wie sie sich in der Person und Arbeit des italienischen Polizeihauptmeisters Angelo Milazzo aus Syrakus vorbildhaft zeigt, steht die Ohnmacht gegenüber, die in den personell und finanziell unzulänglich ausgestatteten Rettungsaktionen zu Tage treten.

Wenn auch meist nicht als Schlagzeilenmeldungen, so doch als Kurzberichte und Notizen in den Medien erscheinen Meldungen darüber, dass wieder Menschen, die auf dem Meer Europa erreichen wollten, ertrunken sind und deren Leichname an den Küsten in Nordafrika oder Europa angeschwemmt wurden. Oft ist es nicht möglich, die Identität der Toten festzustellen, und sie werden auf Friedhöfen anonym verscharrt. Dass jedoch auch Tote, und deren Angehörige, ein Recht darauf haben, menschenwürdig beerdigt zu werden, steht außer Frage. Das Autorenteam hat sich deshalb in El Ktef, im tunesischen Grenzgebiet zu Libyen, umgeschaut, um nach den Ursachen zu fragen, wie Flüchtlinge auf ihren Wegen von Tunesien nach Libyen gelangen, und von dort aus ihr „Himmelfahrtskommando“ anzutreten. Es sind anonyme und offizielle Orte, wie das Transitlager Choucha an der tunesisch-libyischen Grenze, an denen Flüchtlinge registriert oder auch nicht identifiziert werden. Ertrinkt einer von ihnen und wird, entweder mit keinen Ausweis- oder gefälschten Papieren geborgen, ist es meist unmöglich, seine wahre Existenz festzustellen.

Die Geschichte holt die Menschen immer wieder ein; diese Erfahrung lässt sich auch in den spanischen Exklaven Ceuta und Melilla machen, die als Überbleibsel der spanischen Kolonialherrschaft in Marokko zu einem stein- und kunststoffgewordenen Versprechen dafür angesehen werden kann, was Europa denjenigen, die aus den Armenhäusern dieser Welt dorthin streben, alles zu bieten vermag (siehe dazu auch: Melanie Gärtner, a.a.o. ). Die Stadt Melilla mit 84.000 Einwohnern, palmenumsäumten Boulevards, Restaurants, Modeläden und Fabrikationsstätten, wird gewissermaßen eingesäumt von 12 ausgesperrten Ghettos an seinen Rändern. Die spanische Stadt mit Hafen und Güterumschlagplatz, ist eingezäunt mit einem martialischen, stacheldrahtbewehrten, sechs Meter hohen, mit Stahlbeton befestigten Zaun, der sich 10 Kilometer um den Ort rundet. Die Europäische Union hat mehr als 100 Millionen Euro investiert, um den Grenzzaun zu errichten. Dahinter, in den Wäldern und Bergen Marokkos, leben Flüchtlinge in meist ethnisch organisierten Lagern, Menschen aus Westafrika, Ost-, Zentralafrika, Asien,auf die seltene Gelegenheit wartend, den Zaun überklettern zu können. Die wenigen, die das schaffen, landen entweder in den Armen und Gefängnissen der Guardia Civil und werden meist zurückgeschickt, oder illegal an Orten, wie etwa der Jesuitenkirche Santiago el Mayor, wo sie mit Lebensmitteln und Medikamenten versorgt und beraten werden, oder dem Café Dolce Vita, wo vermutlich schon Schleuser warten und ihnen gegen viel Geld anbieten, auf einen der täglich ein- und auslaufenden Frachter oder Kreuzfahrtschiffen ein Versteck zur Überfahrt nach Europa zu organisieren. Im Café Dolce Vita aber finden die Flüchtlinge, die den Zaun überwinden konnten, auch Kontakt und Hilfe von Mitgliedern von Hilfs- und Menschenrechtsorganisationen; wie auch von Menschen, die die unmenschlichen Zustände und die Gewalt an den Zäunen durch Berichte und Fotos dokumentieren, wie z. B. den Lehrer José Palazón, der die Hilfsorganisation „Prodein“ gegründet hat und darauf hinweist, dass die Europäer die schmutzigen Geschäfte der Grenzsicherung und Abwehr an diesem Ort weitgehend marokkanischen Polizisten überlassen: „Wir Europäer fühlen uns eben besser, wenn die Marokkaner den Job für uns erledigen“; und er setzt noch einen Zeigefinger drauf: „Wenn sie jemanden beauftragen, um Menschen zu schaden, dann nennen wir das Mafia. Wenn es ein Staat macht, dann ist es Migrationspolitik“.

Auf 32 Seiten des Buches zeigen die Autoren farbige Fotos und weiteres Skizzen- und Kartenmaterial. Es sind nicht nur Illustrationen, sondern Dokumente von Unmenschlichkeit und Versagen der Europäer und der Weltgemeinschaft angesichts der globalen Flüchtlingstragödien. Das Motiv, hier mehr zu tun als nur die unerträglichen Situationen wahr zu nehmen und zu registrieren, nämlich sich selbst mit der eigenen Humanität und dem Bewusstsein eines zôon politikon, eines aktiven und bewussten politischen Lebewesens einzubringen, wird deutlich!

Fazit

Die Tatsachenberichte über die Zäune und Mauern, die die europäischen Territorien vor dem Eindringen von Flüchtlingen schützen sollen, gehen unter die Haut; jedenfalls dann, wenn man sich Empathie und globales Verantwortungsbewusstsein bewahrt hat. Dietmar Telser und B. Stöß wollen mit dem Buch „einen Eindruck vermitteln, wie sich das Leben für die Menschen an unseren Außengrenzen anfühlt“. Sie erhoffen sich die Erkenntnis, „dass es nicht gut ist, so wie es ist“; und der spanische Aktivist José Palazón weist darauf hin: „Die Sache, die endet nicht hier“. Er will damit deutlich machen, dass Aufmerksamkeit ein menschlicher, lebenslanger und über die eigene Existenz hinausreichender Prozess ist, der sich in dem Bewusstsein zeigen muss, dass jeder Mensch in seinem individuellen, alltäglichen und lokal- und globalgesellschaftlichen Denken und Tun die Verantwortung für eine gegenwärtige und zukünftige, gerechte und friedliche Existenz der Menschheit mit sich trägt (angelehnt an eine Aussage von Enrique Barón Crespo, 1992).

„Der Zaun“ ist ein Buch, das von denen gelesen werden sollte, die empathisch und aktiv für eine Willkommenskultur eintreten; weil sie darin neben Informationen und Aufklärung auch finden können, dass sie mit ihrem humanen Denken und Handeln nicht allein sind. Es sollte aber auch von denen gelesen werden, die allzu leichtfertig den Menschenfängern und Ideologen Glauben schenken, dass eine geschlossene, scheinbar einheitliche und ethnisch kulturelle Gesellschaft das beste für sie sei und jede Veränderung und Zuwanderung das übelste wäre!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.05.2016 zu: Dietmar Telser: Der Zaun. Wo Europa an seine Grenzen stößt. Styria Media Group AG (Graz) 2016. ISBN 978-3-222-13526-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20636.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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