socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Thomas Gurr, Yvonne Kaiser u.a.: Schwer erreichbare junge Menschen

Cover Thomas Gurr, Yvonne Kaiser, Laura Kress, Joachim Merchel: Schwer erreichbare junge Menschen. Eine Herausforderung für die Jugendsozialarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 374 Seiten. ISBN 978-3-7799-3346-5. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 45,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Der §13 SGB VIII definiert eine heterogene Zielgruppe, die auf besondere, teils individuell ausgerichtete Unterstützungsangebote angewiesen ist. Im Teilbereich der arbeitsweltbezogenen Jugendsozialarbeit kommt es häufig zu einer fehlenden Passung zwischen den Projekten und ihren Teilnehmern, die dadurch nicht selten zu „schwer erreichbaren“ jungen Menschen werden. Ihre Ziele und Motivationen können nicht mit den Organisationsformen, die sie unterstützen sollen, in Einklang gebracht werden.

Die vorliegende Studie betrachtet sowohl die biografischen Erfahrungen der jungen Menschen, die sie schlussendlich zu ‚Maßnahmekarrieren‘ haben werden lassen, als auch Strukturen, die ‚erreichen‘ verhindern bzw. ermöglichen.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung geht aus dem Forschungsprojekt „Schwer erreichbare junge Menschen als Zielgruppe der Jugendsozialarbeit“ hervor, das bis März 2015 an der Fachhochschule Münster unter Leitung Joachim Merchels durchgeführt wurde.

Aufbau und Inhalt

In der Darlegung des Forschungsstands wird unter dem Stichwort Jugendsozialarbeit auf die Schnittstellenproblematik zwischen SGB II und SGB III eingegangen. Es folgt ein kurzer Überblick über die im Rahmen des SGB III bzw. SGB VIII geförderten Übergangsmaßnahmen und Bundesprojekte. Als Zwischenfazit wird die wachsende, jedoch zahlenmäßig nur schwer fassbare Gruppe der „nichterreichten“ jungen Menschen als Zielgruppe der vorgestellten Studie definiert.

Um sich der Zielgruppe der „schwer erreichbaren jungen Menschen“ zu nähern, wird auf Untersuchungen bezüglich NEET (Not in Employment, Education or Training) zurückgegriffen. In diesem Kontext werden auch Forschungen aus Großbritannien und der Europäischen Union mit einbezogen und kritisch hinterfragt.

Hinzu kommen Befunde aus der Übergangsforschung.

Forschungsschritte: Dieses Kapitel beschreibt detailliert das mehrstufige Forschungsdesign der Untersuchung. Im ersten Forschungsschritt wurde versucht das Feld anhand offen angelegter Expertengespräche kennenzulernen, Gatekeeper für den weiteren Untersuchungsverlauf zu gewinnen und Themen- und Problembereiche für die Leitfadenerstellung herauszustellen. Die daraus resultierende Fragebogenerhebung sowie die Leitfadeninterviews bilden die nächste Phase. Ergänzt wurden die Erkenntnisse durch Organisationsanalysen der beteiligten Träger.

Dezidiert wird auf die Interviewführung mit einer Zielgruppe eingegangen, die aufgrund von Bildungsferne und ungeübten Erzähltechniken, gewisse Schwierigkeiten im Umgang mit Erzählungen und Narrationen aufweist. Dabei werden auch „Fehlschläge“ im Forschungsverlauf thematisiert.

Das Kapitel Ausgewählte Aspekte der Lebenssituation der schwer erreichbaren jungen Menschen fasst die Erkenntnisse zum Lebensverlauf der Zielgruppe aus den qualitativen Interviews heraus zusammen und verdichtet damit die ersten Aussagen, die ausgehend von Forschungsstand und erster Forschungsphase getroffen wurden. Bereits in der Darstellung der Ergebnisse, werden erste Ansatzpunkte für Handlungsmöglichkeiten hervorgehoben.

In den Unterkapiteln werden anhand vieler Interviewpassagen die Aussagen der jungen Menschen dargestellt und bilanziert. Als besonders relevant wurden von den befragten jungen Menschen hinsichtlich eines schulisch und beruflichen Erfolgs bzw. Misserfolgs und eine schwere Erreichbarkeit durch und in Unterstützungsangeboten die Erfahrungen in der Familie und in und mit der Organisation Schule benannt.

Neben familiären Episoden werden im Kontext Familie auch Erfahrungen mit Organisationen Sozialer Arbeit thematisiert.

Ihre Schulbiografie bewerten die jungen Menschen in der Regel als ein Nichtbestehen und die Disqualifikation von weiterführendem Bildungs- und Ausbildungserfolg.

Unabhängig von einer eventuellen Erwerbstätigkeit der Eltern fällt auf, dass das Thema Berufstätigkeit und Arbeit in den Familien nicht offen thematisiert wird und in der Regel negativ im Hintergrund liegt. Einzig finanzielle Aspekte werden angesprochen. Es wird ein Zusammenhang zwischen Erwerbstätigkeit der Eltern und familiärem Leben in Form von Überlastung und daraus resultierende Gewalterfahrungen benannt. Die jungen Menschen besitzen dieser Studie nach dementsprechend keine familiär tradierten Erwerbsnormen, auf die sie zurückgreifen können.

Agency wird als analytischer Rahmen anhand der Diskussion um das Agencykonzept – als Konzept von Handlungsmächtigkeit – vorgestellt und seine Tauglichkeit für die Fragestellung des Forschungsprojekts dargelegt. Dabei werden die Unzulänglichkeiten des Konzeptes ausführlich diskutiert.

Die Offenheit und Unschärfe des als sensibilisierend beschriebenen Konzepts, wird als Vorteil in seiner Anwendung in Bezug auf die Untersuchung gesehen. Auch stellvertretende Agency – als Spielart im Feld Sozialer Arbeit – wird in die Diskussion mit einbezogen.

In der Perspektive auf einzelne Phasen schwerer Erreichbarkeit liegt der Fokus auf Handlungsmächtigkeit als Verknüpfung zwischen dem jungen Menschen und den Organisationen. Bei der Betrachtung der Organisationen, werden diese als Akteure verstanden, die in der Auseinandersetzung mit Strukturen, Kostenträgern und Kooperationsträgern um Handlungsmächtigkeit kämpfen.

Im Kapitel Typisierung von Phasen schwerer Erreichbarkeit werden nicht nur die generierten Typen vorgestellt, sondern auch die Auswertungsschritte in Verknüpfung mit dem Agencykonzept detailliert dargelegt und anhand eines Fallbeispiels exemplarisch erläutert.

Aus der Einzelfallanalyse wurde eine 6-feldrige Grundtypologie erstellt, die sich aus einer Kombination von Lebenslaufagency und der zugeschriebenen Wirkmächtigkeit von Organisationen ergibt. Die Beschreibung der einzelnen Typen wird anhand von Interviewauszügen veranschaulicht und die Herleitung belegt. Abschließend werden Handlungsempfehlungen für Organisationen herausgestellt, die als Antwort auf die einzelnen Phasen zu verstehen sind.

Der Blick auf die Organisationen nimmt die Bedingungsfaktoren in den Organisationen in den Fokus, die zum Einen jungen Menschen den Zugang zu Institutionen erschweren, zum Anderen den Akteuren in den Organisationen den Zugang zu den jungen Menschen verstellen. Dabei betrachtet die Untersuchung die organisationsinterne Definition ihrer Zielgruppe, die für Organisationsmitglieder angenommenen Handlungskompetenzen, die Strukturen und Handlungsprogramme der Organisationen, die Organisationskulturen und sozialen Dynamiken und den sozialräumlichen Kontext der Organisationen. Zur weiteren Differenzierung werden die drei Perspektiven der Jugendlichen, der Organisation und ihrer Mitglieder und der sozialräumlichen organisatorischen Akteure einbezogen.

Die letzten 12 Seiten der Veröffentlichung versuchen Schlussfolgerungen der Studie in Form von Handlungsanweisungen für die Jugendsozialarbeit bzw. Jugendberufshilfe zu formulieren. Der Fokus liegt dabei auf dem methodischen Handeln innerhalb der Organisationen, den inneren Strukturen und Handlungsprogrammen und auf dem institutionellen Umfeld.

Diskussion

Mit der vorliegenden Untersuchung präsentiert sich eine Fachhochschule als Ort qualifizierter Forschung mit einem Theorie-Praxis-Verbindenden Forschungsansatz. Es wird eine Brücke geschlagen von anwendungsbezogenen Aussagen aus der Grundlagenforschung hin zu Handlungsansätzen, die mit den betroffenen Fachpersonen diskutiert und aufgrund des Forschungsstandes entwickelt wurden.

Um in problemzentrierten Interviews mit schwer erreichbaren jungen Menschen eine Gesprächsbasis herzustellen, werden auf Grundzüge der motivierenden Gesprächsführung nach Rogers zurückgegriffen. Schlüsselpersonen werden zum einen unter Zuhilfenahme einer begleiteten Fragebogenerhebung in die Leitfadenerstellung und -formulierung einbezogen, zum anderen wird ihre Gatekeeper-Funktion in Kontaktaufnahme und Erhebung genutzt, um einen Zugang zur Zielgruppe herzustellen. Mit diesem methodischen Ansatz steht die Untersuchung in der Tradition der von Bourdieu geforderten Auflösung der Asymmetrie zwischen Forscher und Informant und der Übersetzung in die Soziale Arbeit und speziell die Jugendsozialarbeit durch Finkeldey (www.socialnet.de/rezensionen/4897.php).

Als Kriterium für die in die Untersuchung einbezogenen Träger der Jugendsozialarbeit galt, dass sie nicht durch das „JUGEND STÄRKEN“ Programm gefördert wurden. Es kann also davon ausgegangen werden, dass diese Projekte quer zu der durch Förderprogramme vorgegeben Normierung des Arbeitsfeldes liegen. Dementsprechend können alternative konzeptionelle Herangehensweisen untersucht werden. Trotz dieser Vorauswahl wird referiert der Forschungsstand nur die Evaluation des JUGEND STÄRKEN Programms, auch später wird immer wieder ein Handlungsbezug zu dem JUGEND STÄRKEN – Programm hergestellt, ohne jedoch die Eigenarten der untersuchten Projekte der Träger einzubeziehen. Damit kommt es zur Vernachlässigung von handlungsleitenden Erkenntnissen, welche zu innovativen Herangehensweisen führen könnten, wie beispielsweise einer methodische Kombination gruppendynamischer Prozesse und der Wertschätzung individueller Prioritätensetzung einerseits sowie der Förderung von Agency und der Bewältigung persönlicher Problemlagen andererseits.

In Bezug auf das entwickelte Phasenmodell wird postuliert, dass diese auch im zeitlich begrenzten Kontakt anwendbar sei: „Ein solches Reflexionsinstrument, das den Blick und die Aufmerksamkeit auf die Agencykonstellation des jungen Menschen in der Phase richtet, in der er/sie sich gegenwärtig befindet, ist vor allem im Rahmen von Jugendsozialarbeits-Projekten mit kurzen Laufzeiten (z.T. nur drei bis sechs Monate) als Orientierungshilfe geeignet und nutzbar zu machen und kann insbesondere im Fall einer ausbleibenden Mitteilungsbereitschaft der jungen Erwachsenen zu ihrer Biografie Perspektiven zum Handeln eröffnen“ (S. 266f.).

Das Modell wird dann anwendbar, wenn ein Interviewleitfaden mit dem Schwerpunkt Lebenslaufs- und Identitätsagency für die jeweilige Zielgruppe des entsprechenden Jugendsozialarbeitsprojekts entwickelt wurde. Der Vorteil besteht darin, dass der Fokus nicht auf der Biografie sondern auf Zielen, Motivation und Identität des jungen Menschen liegt. Als Analyseinstrument scheint das Phasenmodell daher geeignet. Die Phasen stellen jedoch Momentaufnahmen dar, um die Erkenntnis nutzbar zu machen, wird ein flexibler struktureller Rahmen benötigt, der keinem starren System von Anwartschaftserfüllung etc. folgt. Daher erscheint eine zielführende Anwendbarkeit weniger für zeitlich begrenzte Projekte möglich, als für vermittelnde und begleitende Stellen, die langfristig und bereichsübergreifend, wie z.B. im Case Management, arbeiten.

Bereits in der Beschreibung der biografischen und familiären Hintergründe der schwer erreichbaren jungen Menschen wird auf die Gewichtung subjektiver Deutungen verwiesen, in denen Erwerbstätigkeit nicht positiv erfahren und dementsprechend nicht subjektiv wertgeschätzt wird. Der Agency-Ansatz hebt gerade die subjektive Komponente, die sich in wertzuschätzenden Tätigkeitskonzepten wiederfindet, in den Vordergrund. Passt man ihn schlussendlich wieder in das etablierte erwerbsorientierte Integrationskonzept der strukturgebundenen Praxis-Pragmatik ein, implodiert der Charme des entwickelten Ansatzes.

Fazit

Für die Praxis: Ein Beitrag zum Verstehen der schwer erreichbaren Klientel, der Ansatzpunkte liefert, um jungen Menschen auf Augenhöhe zu begegnen, die gerade dabei sind, sich aus dem Berufsbildungssystem zu verabschieden.

Für die Forschung: Eine umfassende Darlegung eines Forschungsprogramms, das es schafft, eine durch soziale Position, Habitus und Systemerfahrungen vorgegebene Asymmetrie zwischen Forscher und Untersuchungsgruppe aufzulösen.

Für die Profession: Ein Beweis, dass praxisbezogene Forschung durch Fachhochschulen unter Einbeziehung von Praktikern einen gelungenen Theorie-Praxis-Transfer darstellen kann, der in beide Richtungen wirkt.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. / Dipl. Soz.-Päd. Maria Wolf
E-Mail Mailformular


Alle 11 Rezensionen von Maria Wolf anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Maria Wolf. Rezension vom 07.10.2016 zu: Thomas Gurr, Yvonne Kaiser, Laura Kress, Joachim Merchel: Schwer erreichbare junge Menschen. Eine Herausforderung für die Jugendsozialarbeit. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3346-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20640.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kinderbetreuer/in (m/w/d), Sankt Augustin

Krippenleitung (w/m/d), Jesteburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung