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Frank Früchtel, Mischa Straßner u.a. (Hrsg.): Relationale Sozialarbeit

Cover Frank Früchtel, Mischa Straßner, Christian Schwarzloos (Hrsg.): Relationale Sozialarbeit. Versammelnde, vernetzende und kooperative Hilfeformen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-7799-2356-5. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Soziale Arbeit ist immer Beziehungsarbeit, wichtig das Verhältnis zwischen Profis und Adressaten. Dabei wird oft das Potential unterschätzt, das in dem jeweiligen sozialen Umfeld der Adressaten und deren Verbindungen untereinander liegt. Die gemeinschaftliche Unterstützung kann einen Hilfeprozess wirksam befördern, ja erst nachhaltig machen. Es gilt darüber hinaus, in vielen Konfliktfällen, nicht nur wenn es zu Delinquenz kommt, den sozialen Frieden wiederherzustellen.

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

  • Dr. Frank Früchtel ist Sozialarbeiter und Soziologe, war u.a. in Singapur und Neuseeland tätig, lehrt an der FH Potsdam.
  • Mischa Straßner ist Sozialarbeiter und arbeitet als Systemischer Berater und Therapeut in Berlin.
  • Christian Schwarzloos BA/MA ist Sozialarbeiter und in der Familienhilfe („Familienrat“) in Berlin tätig.

Die anderen sechzehn Autorinnen und Autoren kommen aus der Praxis in verschiedenen Feldern der Sozialen Arbeit, etwa Straffälligenhilfe, Rehabilitation, Beratung, Supervision, Betreutes Wohnen, Gewaltprävention und/oder lehren bzw. lehrten an Hochschulen in London, Kiel, Potsdam, Dresden, Heidelberg und Frankfurt.

Aufbau

Der Band versammelt sieben Artikel zu „theoretischen Postionen“ und acht zu den „Relationalen Methoden des Versammelns“ und schließt mit einer Zusammenfassung von F. Früchtel.

Inhalt

Soziale Arbeit ist „relational“, wenn sie die Beziehungen der Adressaten untereinander und zu ihrem sozialen Umfeld wahrnimmt und nutzt. Sie kann dabei auf die Grundsätze und Erfahrungen zurückgreifen, die zum Schutz indigener Völker vor der Kolonialisierung ihrer Lebenswelten entwickelt und insbesondere von den Maori Neuseelands durchgesetzt wurden. Das betrifft vor allem die sog. Family Group Conference in dem Fall, dass ein Jugendlicher auf die schiefe Bahn geraten ist. Die Profis der Sozialen Arbeit sorgen dafür, dass alle Betroffenen eingeladen und Vereinbarungen protokolliert und umgesetzt werden. Die Eltern haben ein „Heimspiel“, wenn sie mit möglichst vielen Verwandten, Nachbarn, Lehrer usf., natürlich auch mit dem Jugendlichen dessen Verhaltensauffälligkeit besprechen und nach Lösungen suchen. Christian Schwarzloos stellt die Konzeption und Praxis der Familienkonferenz vor, die daraus in Deutschland entwickelt worden sind.

Ute Straub ordnet diese Adaptionen in den Kontext der Indigenisierung Sozialer Arbeit ein. Diese ist oft darauf verkürzt worden, den kulturellen Faktor zu berücksichtigen oder gar die Kolonialisierung zu unterstützen. Manche halten diese auch für kontraproduktiv, wenn Soziale Arbeit weltweit gleiche Standards und Werte haben soll. Demgegenüber betont Straub die Chance, die Theorie und Praxis der nördlichen Sozialarbeit mit indigenen Ansätzen anzureichern. Und eben dazu gehören die relationalen Weltsichten, also der Blick auf die Familien, Ahnen und Nachkommen, die Verbundenheit in der Wir-Gruppe und der Respekt gegenüber dem Anderssein, Verantwortung und Unterstützung füreinander in „kreisförmig angelegten Verfahren“ („Circles“) und mithin die Rückgewinnung lebensweltlicher Kompetenzen (Ownership).

Ausgangspunkt für die „Multifamilientherapie“ ist, wie ja auch in der bekannten Sozialpädagogischen Familienhilfe, die Frage, wie die Eltern (wieder) handlungs- und erziehungsfähig werden und die Fremdunterbringung eines Kindes abzuwenden ist. Wie Cornelia Adolf, Eia Asen, Früchtel und Katrin Stratmann berichten, ist jedoch die Hilfe nicht in der einzelnen Familie angesagt, vielmehr werden etwa 6- 8 Familien in einer Tageseinrichtung zusammengebracht, damit die Eltern voneinander und miteinander ihr Erziehungsverhalten überprüfen und verändern können.

Zu den relationalen Methoden gehört prominent auch der sog. Täter-Opfer-Ausgleich, der inzwischen einen festen Platz in der deutschen Strafrechtspflege gewonnen hat. Die Autoren Otmar Hagemann und Sophia Bergemann legen indessen großen Wert darauf, die Beteiligten als Personen zu sehen, die nicht auf diese eine Rolle als Opfer oder Täter festgelegt und reduziert werden. Wie Annett Züke/Nadine Helm darlegen, gehen die „Restorative Circles“, die seit ca. 20 Jahren in Favelas in Brasilien praktiziert werden, darüber hinaus, wenn sie aus allen Personen, die sich von einem Konflikt betroffen fühlen und/oder zu dessen Regelung beitragen können, eine „Konfliktgemeinschaft“ bilden, nämlich konkret Gesprächskreise formen; im Falle einer Schlägerei Jugendlicher, um ein Beispiel anzudeuten, wird auch ein Onkel einbezogen, der die Jungs zu aggressivem Verhalten anstachelt.

Wenn es um die persönliche Zukunftsplanung eines jungen Menschen geht, wie im Beispiel von Anja Wetzel, können Kreise der Vertrauten, der Freunde, der Bekannten und der Professionellen gebildet werden, die den Protagonisten dabei unterstützen, sich klar zu machen, welche Wünsche und Träume, welche Spannungen und Schwierigkeiten ihn bewegen, auch im Falle von Behinderung. Am Ende einer mehrstündigen Versammlung steht eine Zukunftsplanung, die auf den persönlichen Stärken aufbaut und mit einem „Unterstützerkreis“ rechnen kann.

In den USA haben sich Eltern in sog, Tough-Love-Programmen zusammengetan, um die Probleme ihrer heranwachsenden Kinder, etwa Konflikte in der Schule oder drohende Drogenkarrieren gemeinsam anzugehen, schon allein dadurch, dass sie sich austauschen und emotional unterstützen.

Als eine spezifische Form der Gemeinwesenarbeit können die sog. Friedenszirkel gelten, die Silke Fiedeler vorstellt. Es geht auch hierbei darum, den sozialen Frieden wiederherzustellen, der durch das Verhalten einer Person gestört wurde. Eine Variante besteht darin, dass sich Geschädigte mit Personen, die sich im Strafvollzug befinden, mit denen sie jedoch nicht durch eine Straftat verbunden sind, „einfach so“ in Gesprächskreisen treffen und zur Gemeinschaftsbildung beitragen.

Das Soziale an dieser Sozialen Arbeit ist also, Menschen zu versammeln, Verbindungen zu schaffen, Bewegungen anzustoßen. In diesen Prozessen geben und erhalten Menschen Hilfe, weil sie sich als Teil einer Gemeinschaft fühlen. Relationale Arbeit, so macht Früchtel mehrfach deutlich, hat keinen Überlegenheits- oder Allmachtsanspruch. Allein mit „Community“ sind soziale Probleme nicht zu lösen, zumal wenn sie auf gesellschaftlicher Ungleichheit und Ungerechtigkeit beruhen.

Diskussion

Der vorliegende Band präsentiert einerseits Methoden der Sozialen Arbeit, die gar nicht immer erst konzipiert oder lange theoretisch begründet zu werden brauchen, sondern sozusagen naturwüchsig sind. Andere gehen weit über das hinaus, was in Deutschland und anderen europäischen Ländern gesellschaftlich möglich ist. Und damit stößt die relationale Arbeit doch an eine entscheidende, nämlich kulturelle Grenze. Es ist kein Zufall, dass für die vorgestellten Konzeptionen vielfach indigene Praxis die Grundlage bildet. Welche Ansätze sind übertragbar?

Wir wissen ja, dass Selbsthilfegruppen gemeinschaftsbildend sind, aber eben auch, dass sie Offenheit und Vertrauen voraussetzen. In statusbetonten und kompetitiven Gesellschaften jedoch, in denen Individualisten ihr Privatleben nicht preisgeben wollen, ist es eben nicht so leicht, dass sich Eltern, die mit ihren Kindern nicht zurechtkommen, zusammentun, also auch ihr Familienleben öffentlich machen.

In unserer Gesellschaft, in der jeder sein Recht einfordert, in der Effektivität und Durchgreifen zählen, Sozialarbeiter die Persönlichkeitsrechte der Klientel achten und Vertraulichkeit und Datenschutz wahren müssen, ist es da vorstellbar, dass z.B.

  • Gesprächskreise im Kiez auch Nachbarn und Lehrer einbeziehen,
  • der Profi nur Makler, nicht Macher und Mechaniker ist, oder
  • in Prozessen von Friedenskreisen sich eines Tages sogar Jugendgangs aussöhnen, selbst wenn es vordem Mord und Totschlag gab?

Warum eigentlich (noch) nicht? Es muss nicht immer gleich nach dem Staat gerufen werden. Früchtel und Straßner lassen freilich keinen Zweifel daran, dass sie keine Vergemeinschaftung meinen, die fundamentalistisch geschlossen ist, alle bevormundet und in das Leben der Menschen ungefragt eindringt. Aber die sozialen Probleme unserer Zeit sind durch ein „Geschäft“ allein zwischen einem Profi (Soziale Arbeit, Justiz etc.) und einem Kunden/Nutzer etc. bestimmt nicht zu lösen: Soziale Arbeit muss selbstverständlich relational sein! Wenn, wie im Schlusskapitel illustriert wird, nicht nur einzelne Familien, sondern alle Eltern sich darauf verständigen, ihren Kindern Grenzen zu setzen, könnte die Drogenszene effektiv von der Peergroup, der Schule ferngehalten werden.

Mit illustrativen Anschauungsbeispielen, klaren Konzeptionen und feinen theoretischen Überlegungen ist den Mitwirkenden an diesem Band eine Publikation gelungen, die für die Soziale Arbeit als Wissenschaft, Profession und Praxis neue Maßstäbe setzt, alte schon mal ins Wanken bringt. Hilfe ist ein Verständigungsprozess, so Früchtel, und zwar nicht erster Linie zwischen Fachkräften, sondern zwischen Betroffenen und einer großen Zahl von Beteiligten.

Wenn etwas kritisch angemerkt werden könnte, dass sind es die Komma-Fehler in einigen Beiträgen und die etwas künstlich wirkende Zweiteilung des Bandes in Theorie und Methodik.

Fazit

Auch wenn der Begriff der relationalen Sozialarbeit etwas sperrig wirkt, ist der Grundgedanke überzeugend und zukunftsfähig: Soziale Arbeit versammelt, verbindet, ist eben: sozial.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 05.05.2017 zu: Frank Früchtel, Mischa Straßner, Christian Schwarzloos (Hrsg.): Relationale Sozialarbeit. Versammelnde, vernetzende und kooperative Hilfeformen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-2356-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20641.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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