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Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus

Cover Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. LAIKA-Verlag GmbH & Co. KG (Hamburg) 2015. 232 Seiten. ISBN 978-3-942281-67-6. D: 28,00 EUR, A: 28,80 EUR.
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Thema

Die Frage, wie der Kapitalismus entstand, ist keine bloß für HistorikerInnen interessante Frage, sondern von zentraler Bedeutung, um die heutige kapitalistische Gesellschaft zu begreifen und zu überwinden. Dies stellt Ellen Meiksins Wood in ihrem Buch heraus. Sie geht den Ursprüngen des Kapitalismus und den Diskursen über diese Ursprünge nach und zeigt, dass die Entwicklung hin zu einer kapitalistisch produzierenden Gesellschaft keine gradlinig abzuleitende Fortschrittsgeschichte war, sondern von kontingenten Bedingungen abhing. Die Entstehung der kapitalistischen Produktionsweise verortet Meiksins Wood im englischen Agrarkapitalismus und wendet sich damit gegen Positionen, welche den Kapitalismus aus dem Handel entstanden wissen wollen und eine Ausweitung der Tauschbeziehungen als Erklärung für die Entwicklung des Kapitalismus sehen und deren Wirkung es ist, „die Kontinuität zwischen nicht kapitalistischen und kapitalistischen Gesellschaften zu betonen und die Spezifizität des Kapitalismus zu bestreiten oder zu verschleiern.“ (S. 13) In kritischer Auseinandersetzung mit klassischen, marxistischen und (post-)modernen Positionen zeigt Meiksins Wood die Tendenz auf, die „Entstehung dieses Systems […] als die natürliche Verwirklichung allgegenwärtiger Tendenzen“ zu behandeln. (S. 11) Durch ein solches Geschichtsverständnis verfestige sich die Auffassung, „dass es keine Alternative gibt und geben kann“ (S. 10) – wogegen Meiksins Wood sich mit ihrem Buch richtet.

Aufbau und Inhalt

In drei Hauptteilen befasst sich Meiksins Wood mit dieser Fragestellung, wobei immer die zentrale Bedeutung herausgestellt wird, welche die Betrachtung der historischen Entstehungsbedingungen des Kapitalismus für eine heutige Analyse von Gesellschaft hat. Zunächst werden in „Teil I Geschichte des Übergangs“ Debatten klassischer Ökonomie wie Marxistischer Theorie zu den Ursprüngen des Kapitalismus diskutiert und festgestellt, dass sie um das „Kommerzialisierungsmodell“ kreisen, welches auf anthropologischen Grundannahmen beruhe, die letztlich einen ‚ursprünglichen Hang‘ zum Tausch attestierten und diesen bloß verallgemeinerten.

In „Teil II Der Ursprung des Kapitalismus“ führt Meiksins Wood über die Abgrenzung zu Erklärungen, welche den Kapitalismus aus einem erweiterten Handel ableiten, hin zu den Grundlagen der kapitalistischen Produktion im englischen Agrarkapitalismus.

In „Teil III Agrarkapitalismus und darüber hinaus“ werden beide Linien wieder zusammengeführt und einer erweiternden Debatte um Imperialismus, Nationalstaat und Moderne/Postmoderne zugeführt. – In allem wird deutlich, wie wichtig die Kontroverse um ‚Ursprünge‘ für das Handeln in kapitalistischen Gesellschaften ist. Vor allem stellt Meiksins Wood heraus, wie Ideologien über das Wesen des Kapitalismus sich hartnäckig in der Wissenschaft behaupten.

Zentrum der Kritik Meiksins Woods bildet das ‚Kommerzialisierungsmodell‘, welches die Entstehung des Kapitalismus aus einer ‚Befreiung‘ der Märkte erklärt. Entwicklung der Städte und des Merkantilismus werden in solchen Erklärungen ebenso herangezogen wie die technische Entwicklung, welche die ‚industrielle Revolution‘ ermöglicht habe. In all solchen Argumentationen, welche Meiksins Wood sowohl in klassischen (ausgehend von Adam Smith) und konservativen Theorien als auch in Marxistischen Diskursen nachweist, ist ein „Zirkelschluss“ festzustellen: „Sie haben die vorherige Existenz des Kapitalismus vorausgesetzt, um seine Entstehung zu erklären. Um den charakteristischen Antrieb des Kapitalismus zu erklären, haben sie die Existenz einer universellen Rationalität der Profitmaximierung vorausgesetzt.“ (S. 12) Ausgehend von einer anthropologischen Neigung zum Tausch wird hier die Entwicklung hin zu einer Marktgesellschaft als ein gradliniger und logischer Prozess der Erweiterung dieses Prinzips des Tausches aufgefasst. Es wird also eine Naturalisierung kapitalistischer Prinzipien zur Grundlage der Erklärung des Kapitalismus. Die Wirkung solcher Argumentation, welche „Kontinuitäten“ und nicht die „Spezifität des Kapitalismus“ herausstellt (S. 13), hält Meiksins Wood für fatal: Sie besteht in der „Überzeugung, dass es keine Alternative gibt und geben kann“. (S. 10) Daher macht die Autorin deutlich, wogegen ihre theoretischen Bemühungen angesichts der hartnäckigen Rezeption und Verbreitung dieses Kommerzialisierungsmodells gerichtet sind: „Meine primäre Absicht ist es, die Naturalisierung des Kapitalismus infrage zu stellen und die besondere Art und Weise zu unterstreichen, in der er eine historisch spezifische gesellschaftliche Form und einen historischen Bruch mit früheren Formen darstellt.“ (S.16)

In Auseinandersetzung mit marxistischen Diskursen zum Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus wird deutlich, wie tief diese Vorstellung einer sich verallgemeinernden Tendenz zu Tausch und Handel in der bürgerlichen Theorie verwurzelt ist. Entgegen der Annahme von Maurice Dobb und R. H. Hilton bspw., „dass die Auflösung des Feudalismus und der Aufstieg des Kapitalismus das Ergebnis der Befreiung der kleinen Warenproduzenten“ (S. 52) gewesen sei, argumentiert Meiksins Wood, dass nicht eine Befreiung ausschlaggebend war, sondern ein Zwang entstand, für den Markt zu produzieren und stellt heraus, dass es „einen qualitativen, nicht einfach quantitativen Unterschied zwischen kleiner Warenproduktion und Kapitalismus“ gibt (S. 57), welchen es zu erklären gilt. Auch anhand von Perry Andersons Auseinandersetzung mit der Rolle des Absolutismus im Übergang zum Kapitalismus zeigt Meiksins Wood, dass es sich dabei (nur) um „eine Verfeinerung […] des Kommerzialisierungsmodells“ (S. 61) handelt. Als „Marxistische Alternativen“ dieser Debatte stellt die Autorin „Die Brenner-Debatte“ und E. P. Thompsons „The Making oft the Englisch Working Class“ vor und zeigt vor allem anhand der daran sich entzündenden Diskurse, wie (politisch) bedeutsam und brisant die Auseinandersetzung mit der Entstehung des Kapitalismus ist. Brenner habe klar gemacht, „dass die Auflösung des Feudalismus in Europa mehr als ein Ergebnis hatte“, (S. 68) und er unternimmt es, einen „Prozess des Übergangs“ zu erklären, welcher sich nicht in dem Zirkelschluss verfängt, das zu Erklärende (die Durchsetzung des Kapitalismus) in der Erklärung bereits vorauszusetzen.

Meiksins Wood verortet dagegen den Ursprung des inzwischen globalen Kapitalismus im englischen Agrarkapitalismus und begründet damit, dass er ausgehend von einer politisch sich zunächst lokal durchsetzenden Umstrukturierung der Eigentumsverhältnisse zu finden ist, deren Folge die Abhängigkeit der Landpächter vom Markt war. Erst damit ist zu erklären, warum sich der Markt eben nicht als Möglichkeit (Tausch von Luxusgütern), sondern als Imperativ (Tausch, um die Existenzgrundlage zu sichern) entwickelte: Nicht als Möglichkeit, Überschüsse auszutauschen, sondern als Imperativ, profitabel zu produzieren, wirkte sich diese Revolutionierung der Eigentumsverhältnisse auf die Produzenten aus und brachte zugleich jene Menge an eigentumslosen Bauern hervor, die dann die Grundlage städtischer industrieller Produktion bildeten. Mit der seit dem 16. Jahrhundert sich so in England durchsetzenden „Ethik der ‚Verbesserung‘“ (improvement) (S. 124 ff.), welche auf Produktivität und Profit der Bearbeitung des Landes ausgerichtet war, wurde eine qualitativ neuartige Produktionsweise begründet. Diese Ineinssetzung von ‚Verbesserung‘ und ‚Profitsteigerung‘ ist in der Theorie von John Locke paradigmatisch festgehalten und in dieser historischen Epoche zunächst in England neu hervorgetreten. Nicht ‚Arbeit‘ – so Meiksins Wood – sondern Tauschwert schaffende Arbeit begründet hier ‚Verbesserung‘ des Landes und damit Eigentum. „Diese Betonung der Schaffung von Tauschwert als Grundlage von Eigentum ist ein entscheidender Schritt bei der Theoretisierung kapitalistischen Eigentums.“ (S. 131) Damit ist bereits bei Locke ‚produktiv‘, was Profit erzielt; nicht der ‚Fleiß‘ begründet in seiner Theorie das Eigentum, sondern die Profitabilität/Verbesserung.

Dies ist nur die theoretische Legitimation der realiter sich durchsetzenden Umstrukturierung von Eigentumsverhältnissen, welche sich ausgehend von England vollzog. Meiksins Wood zeigt, dass nur „eine Transformation der gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse, die die Menschen dazu zwang, konkurrenzförmig zu produzieren (und nicht nur billig zu kaufen und teuer zu verkaufen), eine Transformation, die den Zugang zu den Mitteln der Selbstreproduktion vom Markt abhängig machte, […] die dramatische Revolutionierung der Produktivkräfte erklären [kann], die für den modernen Kapitalismus auf einzigartige Weise charakteristisch ist.“ (S. 165)

So setzt sich Meiksins Wood auch mit dem Imperialismus auseinander und zeigt, wie durch die von Locke (bloß) ausformulierte Ideologie Rechtfertigungsnarrative für eine imperialistische Ausdehnung des Kapitalismus bereitgehalten wurden, indem – die Verschmelzung von Ökonomie und politischer Herrschaft begleitend – ökonomische Prinzipien zu moralischen wurden: „Diese Kolonisatoren fanden ihre Rechtfertigung jetzt in einer ökonomischen statt in einer außerökonomischen Moral und religiösen Prinzipien, oder genauer gesagt, ökonomische Prinzipien nahmen eine moralische und religiöse Bedeutung an.“ (S. 189) Gleichwohl bleibt festzustellen, dass kapitalistische Gesellschaften „einen irreduziblen Bedarf an ‚außerökonomischer Unterstützung‘ [haben], deren räumliche Reichweite niemals ihrer ökonomischen Reichweite gleichkommen kann.“ (S. 207) Es bedarf „größere[r] lokale[r] Gewalten des Zwangs und der Verwaltung“ (S. 206) und damit ist die Verbindung zwischen Kapitalismus und der Entwicklung von Nationalstaaten angesprochen, wobei Meiksins Wood zugleich hervorhebt, dass es sich bei diesen Entwicklungen nicht um ein kausales Verhältnis handelt, aber sie auf den gleichen „gesellschaftlichen Transformationen“ beruhten. (vgl. S. 196)

Abschließend setzt sich Meiksins Wood kritisch mit den Begriffen „Moderne“ und „Postmoderne“ auseinander. Im Wesentlichen knüpften solche Bestimmungen an Max Webers Theorie der fortschreitenden Rationalisierung an und verschleierten durch eine Ineinssetzung von Kapitalismus und Moderne (Aufklärung sowie bürgerliche Revolution) nicht nur die Spezifität einer kapitalistischen, sondern auch die einer möglichen nicht kapitalistischen Moderne. (vgl. S. 209 f.) Dies führt im Begriff der Postmoderne zu einer unreflektierten Abwendung von Errungenschaften der Aufklärung und zugleich einem Unvermögen, den Kapitalismus analytisch zu erklären. „Die Spezifität des Kapitalismus geht wieder in den Kontinuitäten der Geschichte verloren, und das kapitalistische System wird in dem unvermeidlichen Prozess der ewig aufsteigenden Bourgeoisie naturalisiert.“ (S. 220)

„Der Ursprung des Kapitalismus hat das entscheidende Geheimnis des Kapitalismus offenbart.“ (S. 222) Es gab laut Meiksins Wood keine notwendige Entwicklung hin zur kapitalistischen Produktion, sondern diese setzte sich – einmal lokal entstanden – unter historisch kontingenten Bedingungen durch, nachdem sich die Logik kapitalistischen Profitstrebens als Imperativ entwickelt hatte. „Wenn die Marktimperative einmal die Bedingungen der gesellschaftlichen Reproduktion festgelegt haben, dann sind alle ökonomischen Akteure […] den Forderungen der Konkurrenz, der Steigerung der Produktivität, der Kapitalakkumulation und der intensiven Ausbeutung der Arbeitskraft unterworfen.“ (S. 223) Das Wesen des Kapitalismus ist nicht in der Ausweitung des Marktes zu finden, nicht in einer quantitativen Entwicklung des Anhäufens von Eigentum – so auch die treffenden Anmerkungen zur „sogenannten ursprünglichen Akkumulation“ bei Marx (S. 47 ff.). „Was Reichtum in Kapital transformierte, war eine Transformation der gesellschaftlichen Eigentumsverhältnisse.“ (S. 49) Und es wird so, durch die Untersuchung der historischen Grundlagen des Kapitalismus, das Wesen kapitalistischer Gesellschaften deutlich in den Blick genommen, sodass Meiksins Wood am Schluss auch begründen kann, warum Forderungen nach einem sozialen oder ökologischen Kapitalismus als ideologisch aufzufassen sind. „Die Geschichte des Agrarkapitalismus und von allem das, was ihm folgte, sollten deutlich gemacht haben, dass es, wo immer Marktimperative die Ökonomie regulieren und die gesellschaftlichen Reproduktion beherrschen, keinen Ausweg aus der Ausbeutung geben wird. Es kann mit anderen Worten nicht so etwas wie einen ‚sozialen‘ oder ‚demokratischen‘ Markt, geschweige denn einen ‚Marktsozialismus‘ geben.“ (S. 223) – „Ohne beständig die Grenzen des Schutzes der Umwelt zu überschreiten, ohne beständig die Grenzen der Verschwendung und der Zerstörung auszuweiten, kann es keine Kapitalakkumulation geben.“ (S. 226) Die einzige Alternative, um die zerstörerischen Auswirkungen dieses Systems zu stoppen, bleibt die Überwindung dieses Systems, „bleibt der Sozialismus“ (S. 226).

Diskussion

Meiksins Woods Blick auf die Geschichte der Theorie der Entwicklung des Kapitalismus ist aufschlussreich, um die heutige kapitalistische Gesellschaft zu begreifen, und lässt Kontinuitäten bis in die heute vorherrschenden Interpretationen Marxscher Theorie erkennen. Der Fokus auf Kontinuitäten in der Geschichte, die Ableitung des Kapitalismus aus der Universalisierung des Tausches erklären weder Wert noch das Wesen kapitalistischer Gesellschaften, sondern verschleiern diese. Damit werden Alternativen für unmöglich erklärt. Diese zu eröffnen ist das Anliegen von Meiksins Wood: Durch das Nachdenken über die Geschichte des Kapitalismus das Bewusstsein wachzuhalten, dass er weder als (in sich notwendiger) Fortschritt der Menschheitsgeschichte noch als das Ende der Geschichte zu begreifen ist. „Das Nachdenken über zukünftige Alternativen zum Kapitalismus verlangt von uns, über alternative Konzeptionen seiner Vergangenheit nachzudenken.“ (S. 17) Dass solche ‚alternativen Konzeptionen‘ fundiert sind in bereits geführten Debatten, wird im Werk Meiksins Woods deutlich, wie auch, dass herrschende Geschichtsschreibung weiterhin – wenn auch als kritische sich wähnend – die Geschichte der Sieger (so nach Benjamin) dokumentiert und interpretiert.

Die Geschichte des Kapitalismus ist nicht als Geschichte seiner Ermöglichung zu begreifen, sondern als die der Durchsetzung seiner Imperative. Und diese entwickelten sich nicht in logischer Konsequenz aus ‚menschlichen Trieben‘ oder feudalen Strukturen heraus, sondern wurden – so stellt Meiksins Wood fest – in England durch die politisch durchgesetzte Umwandlung der agrarischen Eigentumsverhältnisse initiiert. Auch die Rolle der „bürgerlichen Revolution“ und die überlicherweise stattfindende Ineinssetzung von ‚bürgerlich‘ und ‚kapitalistisch‘ stellt Meiksins Wood infrage: Während es im revolutionären England um einen ökonomischen Kampf um Eigentumsrechte zwischen kleinen Bauern und großen Landherren ging, handelte es sich im Frankreich der bürgerlichen Revolution um einen politischen Kampf um Privilegien und Steuerverteilung. Laut Meiksins Wood hatte die englische Revolution „mehr und unmittelbarer mit dem Aufstieg des Kapitalismus und der Definition des kapitalistischen Eigentums zu tun als die Revolution in Frankreich.“ (S. 141) Die „Tendenz, bürgerlich mit kapitalistisch zu verschmelzen“ (S. 217), ist Grundlage des vorherrschenden Konzepts der Moderne und die Autorin macht deutlich, warum diese Verschmelzung letztlich zu irrationalen und anti-emanzipatorischen Tendenzen besonders in postmodernen Theorien führt: „Der entscheidende Punkt ist, dass wir aufgefordert werden, all das, was das Beste an der Aufklärung ist – insbesondere ihre Verpflichtung gegenüber einer universellen menschlichen Emanzipation –, aufzugeben und diese Werte für die destruktiven Wirkungen verantwortlich zu machen, die wir dem Kapitalismus zuschreiben sollten.“ (ebd.) Auch bei solchen Argumentationen handelt es sich um Naturalisierungen der Geschichte. Demgegenüber bleibt festzuhalten, dass das Ideal der Emanzipation mit der bürgerlichen Gesellschaft und durch die Philosophie sich artikulierte. „Die Theorie seiner Verwirklichung führt von der Philosophie zur Kritik der politischen Ökonomie.“ (Horkheimer) Eine unmittelbare Entsprechung von ‚bürgerlich‘ und ‚kapitalistisch‘ müsste eine solche kritische Potenz bürgerlicher Ideen leugnen, weshalb Meiksins Wood diese in sämtlichen Theorien ‚der Moderne‘ untergehende Differenzierung hervorhebt.

Eine Universalgeschichte ist damit keineswegs zu konstruieren, sondern es wird gerade der Bruch und der qualitative (nicht bloß quantitative und auch nicht als aus dem Quantitativen ins Qualitative umschlagend zu begreifende) Unterschied gesellschaftlicher Reproduktion und Herrschaft herausgestellt, welcher damit einherging. „Nur wenn es anders hätte werden können; wenn die Totalität, gesellschaftlich notwendiger Schein als Hypostasis des aus Einzelmenschen herausgepreßten Allgemeinen, im Anspruch ihrer Absolutheit gebrochen wird, wahrt sich das kritische gesellschaftliche Bewußtsein die Freiheit des Gedankens, einmal könne es anders sein.“ (Adorno) Diese geschichtsphilosophische Überlegung wird von Meiksins Wood ausbuchstabiert und mit historischen Untersuchungen ausgewiesen. Mehr noch zeigt sie, indem sie in Theorien unterschiedlichster politischer Richtungen sich durchhaltende Argumentationsmuster ausfindig macht, die konservativ-ideologische Funktion solcher Argumentationen und erkennt diese als den „zur Wirklichkeit gewordene[n] Schein“ (Adorno). – Eine Wirklichkeit, welche es zu verändern gilt und welche – das macht dieses Buch deutlich – auch veränderbar ist.

Die aktuelle politische Bedeutung dieser Kritik der Geschichtsschreibung wird besonders deutlich, führt man sich vor Augen, dass derzeit linke theoretische Bemühungen verbreitet sind, welche genau dieses von Meiksins Wood entlarvte Argumentationsmuster zur Grundlage haben und in den Vordergrund stellen: Der Tausch und der aus diesem ableitbare Wert werden zur Grundlage genommen, den Kapitalismus erklären zu wollen; „die radikalen Philosophen von heute [finden] die ‚Wertabstraktion‘ furchtbar vielsagend und sind desinteressiert an der Ausbeutung der Lohnarbeiter, ja eigentlich an der ganzen Ökonomie, die Marx kritisiert.“ (Gegenstandpunkt) Solcherlei Theorien erkennen dann eben nicht den mit der Herrschaft des Kapitals gesetzten Imperativ der Ausbeutung als das zu Kritisierende und Abzuschaffende, sondern versuchen eine Kritik an der durch den ja immer schon vollzogenen Tausch verursachten Abstraktion, womit sie sich vor allem um „Erläuterungen, die die Haltbarkeit der Gesellschaft zum Thema haben“, bemühen (ebd.). Dies scheint entweder unsinnig (Arbeitsteilung und Tausch an sich sind keine Übel) oder eben den Kern kapitalistischer Gesellschaften interessiert „verschleiernd“ (S. 13) und damit dem Bewusstsein einer Alternative entgegenarbeitend.

Meiksins Wood argumentiert gegen jegliche legitimatorische Geschichtsschreibung und stellt dem das Bewusstsein entgegen, dass Geschichte von Menschen gestaltet werden kann – und muss. „Die Hoffnung, einen humanen, wirklich demokratischen und ökologisch nachhaltigen Kapitalismus zu erreichen, ist offensichtlich unrealistisch geworden.“ (S. 226) Die Frage, die an dieser Stelle aufkommen könnte, ist, wann und wodurch eine solche Hoffnung unrealistisch geworden ist. Das Buch zeigt eindrücklich, dass es sich um systematische Imperative handelt, welche der Kapitalismus erzeugt und welche einen solchen ‚humanen Kapitalismus‘ unmöglich machen. Ebenso stellt sich diese Frage bei der Formulierung: „Wir haben jetzt den Punkt erreicht, an dem die zerstörerischen Auswirkungen des Kapitalismus seine materiellen Vorteile übertreffen.“ (S. 225) Auch hier fragt sich, wie ein solcher ‚Punkt‘ zu bestimmen ist – sicher nicht durch eine Verrechnung von Opfern und Profiteuren. Dies macht Meiksins Wood bereits deutlich, wenn sie darauf hinweist, „dass dieser Markt seinen speziellen Charakter nicht nur aus seiner ungewöhnlichen Größe, sondern auch aus seinen Begrenzungen, der relativen Armut der Konsumenten bezog, die preiswerte Güter für den täglichen Bedarf nachfragten.“ (S. 163)

So sind diese Fragen nicht als Einwände gegen die Argumentation des Buches zu verstehen, sondern als Irritationen, welche sich gerade aufgrund der ansonsten konzisen Argumentation einstellen. Diese anscheinend herausspringenden Formulierungen verweisen jedoch auf die Notwendigkeit der Praxis, auf die des Eingreifens der Subjekte und haben damit auffordernden Charakter. Eine „wirkliche Alternative“ ist denkbar und muss (historisch) erkämpft werden.

Fazit

Ellen Meiksins Wood zeigt in diesem Werk auf, welche politische Bedeutung die Debatten zu den Ursprüngen des Kapitalismus haben, und macht damit auch die Aktualität dieser Thematik deutlich, finden sich doch die von ihr herausgearbeiteten Argumentationsmuster auch in jüngeren Publikationen wieder. Der Anspruch des Buches, durch die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Kapitalismus etwas über das Wesen des Kapitalismus herauszufinden, wird erfüllt. Dass die Grundlage des Kapitalismus nicht ein gleichsam allgemein menschlicher Drang ist; dass die Geschichte hin zum Kapitalismus nicht als kontinuierliche Fortschrittsgeschichte zu begreifen ist, die auf einen Höhepunkt zustrebt, hält das Bewusstsein wach, dass es Alternativen gibt und dass Menschen in die Geschichte eingreifen müssen, um sie zu gestalten. Meiksins Wood plädiert überzeugend dafür, diesen Blick nicht durch scheinbare Alternativlosigkeit und Resignation aufzugeben.


Rezensentin
Sabine Hollewedde
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Zitiervorschlag
Sabine Hollewedde. Rezension vom 30.05.2016 zu: Ellen Meiksins Wood: Der Ursprung des Kapitalismus. Eine Spurensuche. LAIKA-Verlag GmbH & Co. KG (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-942281-67-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20647.php, Datum des Zugriffs 11.12.2019.


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