socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Karl Georg Zinn: Vom Kapitalismus ohne Wachstum zur Marktwirtschaft ohne Kapitalismus

Cover Karl Georg Zinn: Vom Kapitalismus ohne Wachstum zur Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. VSA-Verlag (Hamburg) 2015. 157 Seiten. ISBN 978-3-89965-651-0. D: 16,80 EUR, A: 17,30 EUR, CH: 24,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Der Vf. geht aus vom Ende des Wachstums, genauer vom Ende der profitwirtschaftlichen Akkumulation, aufgrund sinkender Endnachfrage. Daraus folgt für ihn die notwendige Suche nach Alternativen. Neben dem Übergang zu einem „oligarchischen“ Kapitalismus bei Fortsetzung der gegenwärtigen Politik sieht er die Möglichkeit, ein sozialstaatliches System zu etablieren, das gesamtwirtschaftliche Planung mit Marktwirtschaft verbindet. Es geht Zinn dabei nicht um einen utopischen Entwurf, und „einem revolutionären Aktivismus“ erteilt er eine Absage (124). Vielmehr: „Die endogenen Entwicklungsprozesse des Industriekapitalismus wirken auf seine Transformation hin“ (115). Dabei beruft sich der Vf. auf Keynes und Schumpeter.

Autor

Zinn hatte eine Professur für Volkswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt „Außenwirtschaft und Geschichte der politischen Ökonomie“ an der TH Aachen. Er war immer ein streitbarer Vertreter seines Faches, der sich mehrfach zu politischen Fragen öffentlich zu Wort gemeldet hat. Verteilungs- und Beschäftigungspolitik, Markt und Plan sind seit den 1970er Jahren immer wieder Thema seiner wissenschaftlichen Publikationen. Er nimmt für sich die Weiterentwicklung des ökonomischen Ansatzes von Keynes in Anspruch.

Aufbau und Inhalt

In einem Vorwort kennzeichnet der Vf., ausgehend von Hinweisen auf die ökonomische und politische Situation der Gegenwart (Stagnation, Legitimationsverlust), sein Vorhaben. Dann entwickelt er seine Argumentation in vier Kapiteln. „Abschlussbemerkungen mit Blick auf die Generationen nach uns“ schließen das Ganze ab.

Im 1. Kapitel unterzieht Zinn anthropologische Dogmen wie angeborenes Konkurrenzstreben und Aggressionstrieb der Kritik. Die Erwirtschaftung eines Mehrprodukts wird als Universalie der Menschheitsgeschichte gekennzeichnet (19), während Mehrproduktion mit profitwirtschaftlicher Zielsetzung ein Spezifikum des Kapitalismus sei, was den Wachstumsfetischismus impliziere (19). Zinn legt dabei Wert auf den Begriff „Industriekapitalismus“ als einer historischen Variante des Kapitalismus. Es folgt eine elementarisierende Darstellung des Produktionsprozesses im Allgemeinen und eine Differenzierung des Begriffs Investition, die für die weitere Argumentation bedeutsam ist (23). Auf derselben Ebene werden Mehrproduktverwendung und -anstieg erläutert. Die Ausplünderung des Rests der Welt samt Sklaverei (1.4) wird als Voraussetzung der industriekapitalistischen Dynamik des 19. Jahrhunderts (1.5) gesehen. In 1.6 wird die nachfolgende Entwicklung bis zur „Entkoppelung von Realkapital und fiktivem Kapital“ (44) im Finanzkapitalismus nachgezeichnet.

Das 2. Kapitel behandelt „Bewegungsgesetze des Industriekapitalismus und die endogene Wachstumsstagnation“. Der Vf. unterscheidet zwischen kurzfristigen Zyklen und langfristigen, irreversiblen Veränderungen (49), wozu er das Erlahmen „kapazitätswirksamer Investitionen“ in den letzten Jahrzehnten zählt (53). Er führt den Begriff der „säkularen Investitionsfunktion“ als Funktion des Kapitalstocks ein (55). Steigender Produktivität stehe der sinkende Grenznutzen von Gütern/Produkten gegenüber (57). Erhöhte Sparquoten aufgrund von Krisenerfahrung verschärfen das Problem etc. Die industriellen Überkapazitäten haben Konzentrationsprozesse, das Ausweichen auf die „Naturrente“ (60, 72), die Privatisierung öffentlicher Dienste und generell Spekulation zur Folge, schließlich „Spekulation statt Produktion“ (67). Zinn legt Wert auf einen historischen Beobachterstandpunkt. Deshalb erinnert er an Ricardos frühe Einsicht in die Folgen eines abnehmenden Anteils lebendiger Arbeit (2.3). Die Enthistorisierung der politischen Ökonomie bedingt für Zinn die Blindheit für die Einmaligkeit der Akkumulationsdynamik im 19. Jahrhundert (2.4). Das Kapitel schließt mit einem heuristischen Modell zur Darstellung des säkularen Verlaufs von gesellschaftlicher Ersparnis und Nettoinvestitionen (2.5).

Im 3. Kapitel „Kapitalismus ohne Wachstum und die neofeudalen Versionen“ macht Zinn den „Versuch, positivistisch darzulegen, wie ein Kapitalismus ohne Wachstum funktionieren könnte“ (86). Er bezieht sich dabei zunächst auf J.M. Keynes und führt typische Maßnahmen keynesianischer Wirtschaftspolitik ins Feld. Sodann erörtert er die verschiedenen Varianten der Programmatik, die als „grünes Wachstum“ firmiert, wobei er sich darüber im Klaren ist, dass dort „nicht nur verschiedene, sondern teils unvereinbare Handlungskonzepte präsentiert“ werden (103). Für viele gelte aber: „Das ist Ersatzbau und nicht Zubau“ (ebd.) – ein Argument für die Möglichkeit eines Kapitalismus ohne Wachstum. Dieser wird vorgestellt als ein Zusammenspiel von marktwirtschaftlicher Allokation und gesamtwirtschaftlicher Investitionsplanung (104). Die Entwicklung dahin ist für den Vf. möglich, aber nicht notwendig. Er skizziert zwei Versionen einer mehr oder weniger neuen Formation, die er als „Neofeudalismus“ bezeichnet: „sozialstaatliche“ und „oligarchisch kapitalistische Versionen“ (3.6).

Das 4. Kapitel „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus und Schumpeters Sozialismus-Modell“ weist stärker in die Zukunft, wobei der Vf. prognostische oder prophetische Texte aus dem Spätwerk von Joseph Schumpeter (1883-1950) heranzieht, von dem wenige dergleichen erwarten würden. Aber gerade Schumpeter, der die Innovationskraft des Unternehmers betont hatte, beobachtete gegen die Mitte des 20. Jahrhunderts, wie sich mit der Etablierung der großen Konzerne und Trusts ein Managerregime herausbildete, das die soziale Funktion des Unternehmers überflüssig machte. „Der technische Fortschritt wird in zunehmendem Maße zur Sache von geschulten Spezialistengruppen“, so Zinn (129). Warum also nicht die Großunternehmen vergesellschaften? Das würde auch die Klein- und Mittelbetriebe, die in privater Hand bleiben sollen, von Abhängigkeiten befreien. Zinn verweist mehrmals auf die Wirtschaft der VR China als ein mögliches Entwicklungsmodell, von dem sich zumindest eine „katalysierende“ Wirkung erwarten lasse (107).

Diskussion

Das Buch ist auch für Laien gut lesbar, eine unkonventionelle Publikation aus der Hand eines Wirtschaftswissenschaftlers. Über die Unterscheidung zwischen Kapitalismus und Industriekapitalismus lässt sich streiten. Und der Begriff Neofeudalismus für Gesellschaftsformationen des Übergangs wirkt befremdlich. Aber darüber kann man hinwegsehen. Aufs Ganze gesehen, legt der Vf. äußerst interessante Überlegungen zur Entwicklung unseres Wirtschaftssystems vor, die ein wenig Hoffnung für die Zukunft schöpfen lassen. Der Autor ist sich dabei darüber im Klaren, dass kein Automatismus zu erwarten ist. Der Industriekapitalismus im jetzigen Stadium der endogenen Stagnation gibt lediglich mögliche Entwicklungspfade vor. Über die Weichenstellung werden Machtfragen entscheiden. Andererseits ist die Kombination von markt- und planwirtschaftlichen Elementen nicht völlig neu und revolutionär. Zinn verweist nicht nur auf China, sondern erinnert auch an das Nachkriegseuropa und an Jugoslawien, seltsamer Weise nicht an die NÖP der 1920er Jahre in der SU. Vorsicht verrät die Formel „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“. Welche Form von Sozialismus sich erstreiten lassen wird, muss offen bleiben. Man kann nur hoffen, dass die Ressourcen des Planeten bis dahin nicht erschöpft sind.

Fazit

Eine äußerst interessante Streitschrift, die allen politisch wachen Geistern zu empfehlen ist, die die globale gesellschaftliche Entwicklung und die Plünderung unseres Planeten mit Sorge verfolgen.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
E-Mail Mailformular


Alle 67 Rezensionen von Georg Auernheimer anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 19.04.2016 zu: Karl Georg Zinn: Vom Kapitalismus ohne Wachstum zur Marktwirtschaft ohne Kapitalismus. VSA-Verlag (Hamburg) 2015. ISBN 978-3-89965-651-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20655.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Geschäftsführer/in, München

Stellvertretende/r Geschäftsführer/in, Siegen

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung