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Paul Mecheril: Einführung in die Migrationspädagogik

Cover Paul Mecheril: Einführung in die Migrationspädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. 240 Seiten. ISBN 978-3-407-25352-1. D: 14,00 EUR, A: 14,40 EUR, CH: 25,70 sFr.

Reihe: Beltz Studium.
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Eine neue Perspektive auf das Thema Migration

Dem Autor geht es darum, eine neue Perspektive auf das Thema Migration zu entwickeln, und dies insbesondere für die Pädagogik. Angesichts vieler pädagogischer und psychologischer Werke, in denen die feinsten Theorien ohne jeden Bezug zu der drängenden gesellschaftlichen Realität, die ja schließlich durch Migration gekennzeichnet ist, formuliert werden, ist dies ein löbliches Unterfangen, und man kann gespannt sein, ob der Autor den Anspruch auf eine neue Perspektive einlöst. Um die Antwort vorwegzunehmen: er tut es - teilweise.

Der Autor

Paul Mecheril ist, wie uns der Klappentext mitteilt, Hochschuldozent an der Universtät Bielefeld. Rassismus, Minderheitenforschung und Migration sind seine Themen, wenn man sich seine Veröffentlichungen im Literaturverzeichnis anschaut. Dieses Buch ist wohl als eine weiterführende Quintessenz seiner bisherigen Arbeiten zu verstehen.

Inhalt

Mecheril weist zunächst darauf hin, dass Migration eine Neugestaltung der Einwanderungsländer erfordert und damit ein "pragmatisch-technisches Problem" darstellt. Gleichzeitig bedeutet Migration für das Selbstverständnis moderner Staaten, die sich auf Gerechtigkeits- und Egalitätskonzepte gründen, eine moralische Herausforderung für die pädagogischen Institutionen und pädagogisches Handeln. Allerdings basiere die Vorstellung, die Herausforderung sei neu, auf falschen Vorstellungen: dass "die Deutschen" jemals unter sich gewesen seien, ist eine Konstruktion, die vernachlässigt, dass das Konzept der Nation eine relativ junge Erfindung ist, dass dieses Konstrukt aus Machtkämpfen erwuchs und dass es immer auch - uner Deutschen wie unter MigrantInnen - Differenzen gab und gibt. Das Ziel des Autors ist es mithin, "nicht bei der Beschreibung und Analyse der dominanten Schemata der Unterscheidung und der Praxen der Unterscheidung zwischen 'wir' und 'nichtwir' stehen zu bleiben, sondern ... auch über die Möglichkeiten der Verflüssigung und Versetzung dieser Schemata und Praxen nachzudenken. (S. 12)" Die Bedingungen dafür sind in Schule und Sozialer Arbeit - die der Autor ständig zueinander in Beziehung setzt, womit er die Gefahr der einseitigen Sicht von Schul- oder Sozialpädagogik bannt - unterschiedlich. Während die Schule aufgrund der Schulpflicht keine Notwendigkeit sah, Unterschiede wahrzunehmen, ist Soziale Arbeit darauf angewiesen, Differenzen zu entdecken und zu bestätigen, um ihr Eingreifen zu legitimieren. Während also Schule durch Ignoranz gegenüber Differenzen gekennzeichnet ist, Homogenität unterstellt und Heterogenität als Störung definiert, zielte Soziale Arbeit von Anfang an auf die Wahrnehmung von Unterschieden.

Im zweiten Kapitel beschreibt Mecheril die Geschichte der verschiedenen Formen von Migration (Aussiedlung, Arbeitsmigration, Flucht) und analysiert Begriffe, die sich mit Migration verknüpft haben. Die Analyse erfolgt auf der Basis der Diskurstheorie. Mecheril betont zu Recht: "... weil Diskurse in komplexer Weise mit Institutionen verbunden sind, konstituieren sie sich als materielle Wirklichkeit", weil Sprache ein "wirklichkeitstragendes und -konstituierendes Phänomen" ist (S. 43). In Diskurse gehen Machtverhältnisse mit ein, un daher ist es so wichtig, sich über Begriffe zu veständigen. "Diskurse über Andere machen die Anderen zu dem, was sie sind und produzieren zugleich Nicht-Andere" (45). So unterscheiden - neben den formalen Unterscheidungen - "Zugehörigkeitsdiskurse" darüber, wer als deutsch gilt und wer nicht. Dabei gibt es drei migrationswissenschaftliche Perspektiven, die den pädagogischen Diskurs über Migration bestimmten: Immigration, "multikulturelle Gesellschaft" und Transmigration. Der Begriff Immigration suggeriert ethnische Minderheiten, ohne die Konstruktion von Ethnizität ausreichend wahrzunehmen. Er suggeriert ferner die Idee der Assimiliation, in dem die Minoritäten ihre Eigenart aufgeben. Der Begriff der multikulturellen Gesellschaft hingegen impliziert zwar ein friedliches Miteinander. Er unterstellt jedoch, dass die Minderheiten in ihrer Identität kulturell bestimmt sind. Die Heterogenität von Gruppen, die Möglichkeit, sich von einer Gruppe abzusetzen und die strukturellen Benachteiligungen werden dabei außer Acht gelassen. Transmigration beinhaltet die Selbstverständlichkeit des Pendelns zwischen Ethnien/Kulturen, wobei es zu "hybriden Identitäten und Mehrfachzugehörigkeiten" kommt und die Vorstellung der "Reinheit" oder Absolutheit einer Zugehörigkeit aufgehoben wird. Es ist erfreulich, dass der Autor hier auch Schichtunterschiede thematisiert. Während in der Kulturwelt und bei Intellektuellen hybride Personen durchaus angesehen sind, wird bei Jugendlichen, die verschiedene Sprachen sprechen, nur die "doppelte Halbsprachlichkeit" als Defizit diagnostiziert (S. 78).

Kapitel 3 befasst sich mit den verschiedenen Ansätzen der Pädagogik: Ausländerpädagogik und interkulturelle Pädagogik.

Der und die natio-ethno-kulturelle Andere in der „Ausländerpädagogik“ und der „Interkulturellen Pädagogik“


Ausländerpädagogik

Interkulturelle Pädagogik

Konzept des Anderen

Spezifischer Anderer

Universeller Anderer

Unterscheidungskriterium

Pass/Herkunft

Kultur

Thematischer Fokus

(Sprach-) Kompetenz

Identität

Relationierungsform

Defizit

Differenz

Behandlungsperspektive

Assimilation

Anerkennung

Behandlungskonzept

Förderung, Kompensation

Begegnung, Verstehen

S. 90

Die Ausländerpädagogik hat im Zentrum "den Ausländer", der/die durch einen fehlenden deutschen Pass, also ein Defizit identifiziert wird. Die interkulturelle Pädagogik erkennt zwar die Differenz an, wobei - wie bei dem Begriff der multikulturellen Gesellschaft - die Unterschiede auf die kulturelle Ebene reduziert werden. Der Nachteil ist die fehlende Wahrnehmung von Unterschieden im Hinblick auf Schicht und Geschlecht. In jedem Fall dürfen Unterschiede nicht geleugnet, sondern sollten als Differenz anerkannt werden. Die Anerkennung bezieht sich sowohl auf die individuelle Identität wie auf die Kultur, die sie mit sich bringt. Und hier kommt der wesentliche Einwand gegen Mecheril: bis zu welchem Grad sind unterschiedliche Kulturen mit der unsrigen kompatibel? Diese Frage stellt sich im Hinblick auf die Menschenrechte, die wir in unserer Kultur zumindest verbal und im Gesetz errungen haben, und in der die Geschlechter und die Generationen gleiche Rechte für die Entwicklung ihrer Identität haben. Was aber ist, wenn wir mit einer Kultur konfrontiert sind, die die gleichen Rechte von Frauen leugnet, und die Gewalt gegenüber Frauen und Kindern mit deren minderem Status und der Überlegenheit von Männern legitimiert?

Im vierten Kapitel plädiert Mecheril für eine Pädagogik, die sich um das Verstehen der Kontextabhängigkeit von Praktiken bemüht. Dazu gehören biografische Arbeit wie auch theoretische Reflexion. Migrationspädagogik sollte sich daher:

  • auch an MigrantInnen wenden, nicht nur an "Deutsche"
  • Migrationsandere als Subjekte pädagogischen Tuns anerkennen,
  • den Ort des Handelns reflektieren und keine abstratken interkulturellen Kompetenzen vermitteln,
  • die kulturelle Differenz durch die Bewusstheit von der Beschränktheit der eigenen Wahrnehmung anerkennen und "selbstironische Fehlerfreundlichkeit" entwickeln (S. 127).

Denn Verstehen, so Mecheril, heißt auch "Prozesse der Begegnung abzuschließen und nicht zu eröffnen". So steht Verstehen "zwischen Reflexion und Bemächtigung" (ebenda). Aber auch hier wieder die Frage: wie geht Pädagogik damit um, dass es kulturelle, und - unglückseligerweise - auch noch religiös begründete Unterschiede in Werten und Normen gibt, die den einen (Männern) die Macht, und den anderen (Frauen) die Minderwertigkeit zuweisen? Für ErzieherInnen, LehrerInnen und Sozialarbeiter/innen entstehen hier jeden Tag schwer lösbare Dilemmata. Und hier versagt das Buch.

Im fünften Kapitel geht es um die Schlechter-Stellung von Migrationsanderen. Hier kommt die Kritik, die auch andere AutorInnen an der Elemtarpädagogik, an der Schulpädagogik üben. Mecheril bringt eine Komponente in diese Kritik, die zunächst hilfreich ist. Er kritisiert die fehlende "lebensweltliche Bezogenheit" der Schule (142) und weist unter Bezug auf Bourdieu darauf hin, dass deren Gleichheitspostulat sich diskriminierend auswirkt. Denn die SchülerInnen sind ungleich und brauchen von daher pädagogische Methoden, die diese Unterschiedlichkeiten anerkennen. Das Gleichheitspostulat beinhaltet die Illusion von der Chancengleichheit und führt "zu einer raffinierten, da maskierten Form der Reproduktion von Ungleichheit ..., weil die nicht zufällig, sondern aufgrund ihrer sozialen Herkunft und Zugehörigkeit Privilegierten von diesem 'gleichen Wettbewerb unter Ungleichen' profitieren (S. 145). Eine wesentliche Rolle bei der Re-Konstituierung von Ungleichheit spielt die "habituelle Disponiertheit", "das Zusammenspiel von Gewohnheiten des Denkens, des Empfindens, des Handelns, des Geschmacks und des Urteilens, das Zusammenspiel von aus Erfahrungen resultierenden Dispositionen, welche die Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Zusammenhängen anzeigen" (S. 148). Eltern und Kinder mit Migrationshintergrund verfügen über diese Disponiertheit in deutschen Institutionen nicht, sie fühlen sich von daher in der Schule fremd und werden als Fremde behandelt. Gleiches gilt im übrigen - hier ein Kommentar der Rezensentin - für die Angehörigen der deutschen Unterschicht. Mecheril fordert eine eine multikulturelle und reflexive Schule, einen Ort, in dem Mehrsprachigkeit zur Selbstverständlichkeit wird, und der als Institution zur Selbstreflexion in der Lage ist. Aber auch hier erhebt sich wieder die Frage: was ist, wenn die "habituelle Disponiertheit" die Abwertung bestimmter Gruppen innerhalb der eigenen Kultur oder auch in der deutschen beinhaltet? Wie sollen Pädagoginnen damit umgehen, wenn ein Mädchen nicht schwimmen, nicht auf einen Ausflug mitfahren darf? Und was sollen LehrerInnen tun, deren männliche, z.T. auch weibliche Schüler Morde an Frauen gut heißen?

Im sechsten Kapitel übt Mecheril Kritik an der Fremdheit, indem er den Rassismusbegriff thematisiert. Rassismus ist demnach "als ein Phänomen zu verstehen, in dem im Hinblick auf ethnisch-'rassische' und kulturelle Merkmale das Verhältnis von gesellschaftlichen Minderheiten und gesellschaftlicher Mehrheit erneuert, bestätigt, symbolisiert und praktiziert wird" (S. 194). Rassismus ist eine "Errungenschaft" der Moderne, da diese, mit Unterstützung der Wissenschaft, Eindeutigkeiten geschaffen hat, wo eigentlich Mehrdeutigkeit angesagt ist. Problematisch am Rassismusbegriff ist die Beschränkung nur auf Weiße - eine weise Erkenntnis des Autors. Problematisch ist ferner, wenn engagierte Antirassisten sich für die besseren Menschen halten und in der persönlichen Kommunikation oder in Lernzusammenhängen rassistisch geprägte Auffassungen als "schlecht" brandmarken, weil diese dann verheimlicht und an anderer Stelle umso stärker gelebt werden.

In seinem letzten Kapitel entwickelt der Autor eine migrationspädagogische Orientierung, indem er gleichzeitig die Anerkennung und Verschiebung von Zugehörigkeitsordnungen fordert. Anerkennung bedeutet auch die Anerkennung von Verhältnissen, ist damit nicht unbedingt die Schlüsselkompetenz. Dennoch: "Anerkennung ist der Selbst-Anerkennung vorgelagert" (218), von daher geht nichts in der Pädagogik ohne sie. Eine Pädagogik der Mehrfachzugehörigkeit ermöglicht die Entwicklung individueller Dispositionen, der adäquate Begriff für diese Form der Integration ist der der Akkulturation. Es gibt dann ein Spannungsverhältnis zwischen Anerkennung, Akkulturation und Verschiebung von Zugehörigkeitsordnungen. Aber diese Spannung gilt es auszuhalten und als eigene Handlungsmöglichkeit zu erfahren.

Fazit

Es wird an dieser ausführlichen Darstellung der Inhalte des Buches deutlich, wie reflektiert der Autor mit dem Thema Migration, Migrationsandere und Migrationspädagogik umgeht. Er gibt für Professionelle, andere Individuen und für Institutionen wertvolle Hinweise für einen anderen Blick auf "die Anderen" und auf sich selbst. Leider fehlt die Gender-Perspektive, so dass viele PädagogInnen in der Praxis sich nach wie vor angesichts der immensen Herausforderunge des Aufeinanderkrachens unterschiedlicher Auffassungen zur Rolle der Frau hilflos fühlen werden.


Rezension von
Prof. Dr. Hilde von Balluseck
Sozialwissenschaftlerin, emeritierte Hochschullehrerin an der Alice Salomon Hochschule Berlin mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Geschlecht und Sexualität, Migration, Frühpädagogik, etablierte 2004 den ersten Studiengang für ErzieherInnen in Deutschland und war von 2008 bis Ende 2015 Chefredakteurin des Internetportals ErzieherIn.de


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Zitiervorschlag
Hilde von Balluseck. Rezension vom 19.04.2005 zu: Paul Mecheril: Einführung in die Migrationspädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2004. ISBN 978-3-407-25352-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2066.php, Datum des Zugriffs 27.11.2021.


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