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Georg Peez (Hrsg.): Art Education in Germany

Cover Georg Peez (Hrsg.): Art Education in Germany. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. 154 Seiten. ISBN 978-3-8309-3265-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 35,50 sFr.
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Thema

„Art Education in Germany“ ist die erste englischsprachige Publikation über Theorie und Praxis, Diskurs und Strömungen der Kunstpädagogik in Deutschland. Mit einer Sammlung von über 20 unterschiedlichen Beiträgen wird die Vielfalt kunstpädagogischer Entwicklungslinien und Reflektionen in der bundesdeutschen Bildungslandschaft aufgezeigt. Für die vorliegende Publikation wurden Texte aus den Jahren 2007 bis 2012 ins Englische übersetzt und thematisch geclustert. Themenblöcke sind

  • „Tätigkeitsbereiche, Prozesse & Beispiele“,
  • „Entwürfe, Konzepte und Denkweisen“,
  • „Studien, Ideen und Einsichten“ und
  • „Transitionen, Horizonte und Perspektiven“.

Das Buch stellt zudem Informationen über den „Bund Deutscher Kunsterzieher e.V.“ bereit und listet einschlägige Publikationen und Referenzen, die für den interessierten Leser eine vertiefende Befassung mit der Thematik ermöglichen.

Herausgeber

Der Sammelband wurde von Georg Peez, Professor für Kunstpädagogik an der Goethe-Universität Frankfurt am Main, herausgegeben. Georg Peez hat sich als Autor von viel rezipierten Büchern, wie z.B. „Kinder zeichnen, malen und gestalten. Kunst und bildnerisch-ästhetische Praxis in der KiTa2“ (2015) oder „Einführung in die Kunstpädagogik“ (2012, 4. Aufl.) Anerkennung und Reputation erworben. Mit der Herausgabe dieses ersten englischsprachigen Buchs verwirklicht er sein Vorhaben, den internationalen Diskurs über kunstpädagogische Themen, Fachdidaktik und Praxisbeispiele um deutsche Entwicklungen und Perspektiven zu erweitern.

Entstehungshintergrund

Anlass und Ausgangspunkt des Buchprojekts ist die zunehmende Vernetzung und Internationalisierung in Bildung und Erziehung. Um in einer international vernetzten Fachwelt sichtbar zu sein, stellen englischsprachige Veröffentlichungen eine unabdingbare Voraussetzung dar, wie Peez in der Einleitung konstatiert (S. 9). Muss hier den erziehungswissenschaftlichen Disziplinen in Deutschland derzeit noch ein deutlicher Nachholbedarf bescheinigt werden, ist mit dem jetzt vorliegenden Buch ein erster vielversprechender Auftakt gemacht. Die Beiträge des Sammelbands wurden allerdings – mit Ausnahme der Einleitung des Herausgebers – nicht eigens für dieses Buch konzipiert. Vielmehr stellen sie eine Auswahl von Texten dar, die erstmals auf der heute nicht mehr aktiven Internet-Plattform „Kunstdidaktisches Forum“ für einen deutschsprachigen Adressatenkreis veröffentlicht wurden.

Aufbau und Inhalt

In Gegenstand, Zielsetzung, Struktur und Auswahlkriterien der Textsammlung führt Georg Peez im ersten Kapitel, überschrieben mit „Art Education ‚Made in Germany‘“, ein. In dieser grundlegenden Orientierungshilfe für Leser_innen, die mit den Besonderheiten des Bildungsföderalismus in Deutschland nicht vertraut sind, erläutert er diese kurz. Unter Hinweis auf die heterogenen Rahmenrichtlinien der Bundesländer sichert er sich gegen mögliche Erwartungen ab, Kunstpädagogik in Deutschland als kohärente Einheit porträtieren oder verstehen zu können. Kurz wird die Funktion der Ständigen Kultusministerkonferenz erwähnt und auf die Möglichkeit verwiesen, sich auf der ministeriellen Website grundlegend über das Bildungssystem in Deutschland informieren zu können.

Mit historischen und aktuellen Konzepten befasst sich der unter der Rubrik „Prolog, Developments & Tasks“ subsumierte Beitrag von Fritzsche, Klinkner und Peez. Mit drei Seiten Text, der die Zeit vor 1933 kurz streift, auf den Missbrauch der Kunstpädagogik durch den Nationalsozialismus eingeht, um dann die Neustrukturierung des Faches nach 1945 bis zur gegenwärtigen Situation zu skizzieren, gibt dieser Beitrag einen eher knappen bis stark verkürzten zeitlichen Überblick. Der Quellenangabe am Ende des Textes ist zu entnehmen, dass es sich bei diesem Beitrag um einen Text der Website des „Bund deutscher Kunsterzieher e.V.“ handelt.

Die zweite Rubrik ist mit dem Titel „Areas of Activity, Processes & Examples“ überschrieben. Den Auftakt bildet ein Überblickstext über Kunstpädagogik in der Grundschule von Constanze Kirchner, Professorin an der Universität Augsburg. Aufgaben und Lernziele, ästhetische Erfahrungen, Wahrnehmung und Kreativität sowie Medienkompetenz und die Frage der Leistungsbewertung werden thematisiert. Um Inszenierungen, den spielerischen Charakter künstlerischer Prozesse, Materialflexibilität und Freiheit in der Materialverwendung geht es im sich anschließenden Beitrag von Petra Kathke, Professorin der Universität Bielefeld. An diese Beiträge reihen sich vier weitere Texte an, die über Kunstwerkstätten, Integrierte Kunst-Computer-Werkstätten und „Mixed Reality-Projekte“, „Fan Art“ und Sozialräumliche Ansätze in der Kunstpädagogik berichten. Jeder Beitrag an sich stellt einen Einblick in einen kleinen Mikrokosmos gelebter Kunstdidaktik und -praxis dar, so dass bereits zu diesem Zeitpunkt dem Leser die enorme Vielfalt und Bandbreite der Kunstpädagogik deutlich vor Augen steht.

Weiter verstärkt wird der Eindruck von Diversität und Heterogenität des Faches mit der Lektüre der nächsten Rubrik „Drafts, Concepts & Ways of Thinking“. Die hier versammelten fünf Beiträge von bekannten Lehrenden oder ehemals Lehrenden der Kunstpädagogik konturieren Elemente künstlerischer Lern- und Aneignungsprozesse, skizzieren den Diskurs dominierende fachliche Orientierungen, fragen nach der Relevanz von Bildkompetenz in der Gesellschaft, greifen die Bedeutung technologischer Entwicklungen für Unterrichtsinhalte und Didaktik auf und problematisieren Methoden und Kriterien für die Bewertung und Benotung von Schülerleistungen.

Die Ebene konzeptioneller und didaktischer Überlegungen wird durch das nächste Themencluster „Studies, Ideas & Insights“ abgelöst und um empirische Ergebnisse, Einblicke und Schlussfolgerungen ergänzt. In dem Beitrag von Martin Oswald, Kunstpädagogik-Professor an der Pädagogischen Hochschule Weingarten, werden Parameter der Wahrnehmung in Zeichnungen von Kindern und Jugendlichen identifiziert und altersspezifische Wechselwirkungen in der Rezeption und Darstellung von Farbe, Form und Raum erörtert. Interessante Schlussfolgerungen für das Unterrichten in verschiedenen Klassenstufen werden gezogen. Mit der Bedeutung eines experimentellen Zugangs und Settings im Kunstunterricht befasst sich der anschließende Text. Weitere Schlaglichter werden auf den Zusammenhang zwischen Biographie und Profession der Kunstlehrer_innen geworfen. Datenbasis der aufschlussreichen Ergebnisse stellen im Jahr 2008 durchgeführte autobiographisch-narrative Fallstudien dar, an denen Studierende der Universität Duisburg-Essen mitgewirkt haben.

Mit „Transitions, Horizons & Perspectives“ befasst sich das letzte inhaltliche Kapitel des Buches. Neben Reflektionen über die Bedeutung von Spiel, Spiel und Sprache und Ästhetische Erfahrung werden interdisziplinäre Schnittmengen und Übergänge sowie interkulturelle und transkulturelle Aspekte einer in der globalen Welt verorteten Kunstpädagogik skizziert.

Abgerundet wird die Textsammlung durch eine Zusammenstellung von Informationen zu Verbänden, Literatur und weiteren Ressourcen, von denen die meisten allerdings ausschließlich in deutschsprachiger Version erhältlich sind.

Diskussion

Impuls und Signal, die von dem ersten englischsprachigen Buch über Kunstpädagogik in Deutschland ausgehen, sind als positiv und wegweisend einzuschätzen. Eine Publikation wie diese setzt das markante Zeichen, dass 1. internationale Entwicklungen an der Fachdisziplin Kunstpädagogik nicht vorüber gehen und 2. diese Fachdisziplin für sich eine Beteiligung am Diskurs nicht nur reklamiert, sondern aktiv anregt und 3. eine Vielfalt an interessanten und impulsgebenden Aspekten zu bieten hat. Damit ist ein grundlegender wichtiger Schritt getan, den Fachdiskurs verstärkt zu internationalisieren und transnationale Netzwerke und Kooperationsstrukturen weiter auszubauen. Insofern kann die von Georg Peez editierte Publikation als modellhaft und – bis jetzt – einzigartig eingestuft werden.

Bei aller Begeisterung über dieses Projekt sollen jedoch einige Ungereimtheiten nicht unerwähnt bleiben. Ein strukturell angelegter Nachteil wurde mit dem Umstand eingehandelt, dass Texte, die zunächst für einen deutschsprachigen Leserkreis verfasst worden waren, den Grundstock des Buches bilden. Die Autorinnen und Autoren – durchwegs renommierte und erfahrene Lehrende und Forschende – komponierten ihre Texte folglich aus einer Binnenperspektive heraus und reflektierten in ihren Ausführungen nicht, dass Inhalte, Strukturen und Diskussionen, die ihnen selbstverständlich und voraussetzbar erscheinen, einem Leser aus Nordamerika, England, Schottland oder welcher Nation auch immer unbekannt und von daher erklärungsbedürftig sein mögen. Diese Leerstelle kann m.E. weder durch die Einführung des Herausgebers noch den Prolog über historische und aktuelle Konzepte und Aspekte der Kunstpädagogik ausreichend kompensiert werden. Ebenfalls nachteilig wirkt sich der Rückgriff auf mehrere Jahre zurückliegende Texte aus. Da diese offensichtlich zwar ins Englische übersetzt, aber nicht aktualisiert oder umfassender redigiert wurden, wirken manche Aussagen überholt oder zumindest irritierend. Aus der vorgestellten Perspektive von beispielsweise US-amerikanischen Leser_innen, die sich für die Kunstpädagogik in Deutschland interessieren und sich mit dem Buch einen ersten Einblick in Theorie und Praxis verschaffen wollen, liest sich der Satz „The realm of art education may very well in future be expanded to the Internet“ vermutlich eher „retro“. Dass diese vorgestellten Leser_innen dabei wohlwollend reflektieren, dass es sich bei diesem Satz um eine Aussage aus einem Text aus dem Jahre 2008 handelt, lässt sich nicht voraussetzen. Eine sprachliche Revision dieser Textstellen – ob zur PISA-Debatte oder der Rolle des Internets in ihrer Konsequenz für den Kunstunterricht – hätte dies leicht verhindern können. Sinnvoll wäre zudem eine etwas umfangreichere Darstellung der Strukturen von Ausbildung, Profession und Stellenwert der Kunstpädagogik in Deutschland und ihre Repräsentation im Fächerkanon unterschiedlicher Schularten gewesen. Hier gibt es deutliche Unterschiede zu anderen Ländern, in denen die Entscheidung, ob Kunst überhaupt unterrichtet wird, schlichtweg vom Budget eines Schulbezirks abhängen kann. Mit anderen Worten: Mehr länderspezifische Informationen würden es dem adressierten Leserkreis erleichtern, die einzelnen Textbeiträge in einem Gesamtkontext einzuordnen und mit eigenen Erfahrungen zu kontrastieren.

Fazit

„Art Education in Germany“ ist das erste englischsprachige Buch über Entwicklungen, Konzepte und Praxisprojekte der Kunstpädagogik in der bundesrepublikanischen Bildungslandschaft. Es gewährt einen aufschlussreichen Einblick in die Vielfalt und Unterschiedlichkeit von Theoriebestandteilen, Zugangsweisen und Arbeitsformen bundesdeutscher Kunstpädagogik und skizziert ausgewählte Ergebnisse empirischer Forschung. Es wendet sich an einen internationalen Leserkreis und eröffnet Ausgangspunkte für einen vertiefenden Diskurs, stärkere Vernetzung und zukünftige Kooperation. Im Fokus steht die schulische Kunstpädagogik. Doch auch für Fachkräfte in außerschulischen und/oder sozialpädagogischen Handlungsfeldern europäischer und außer-europäischer Länder stellt die Lektüre des Buches eine Bereicherung dar. Für den deutschsprachigen Leser bietet sich die Lektüre der Originalbeiträge, die über www.archive.org oder www.kunstlinks.de eingesehen werden können, als geeignete Alternative an.

Summary

"Art Education in Germany" is the first book in English about developments, concepts and practice projects of art education in the German educational system. It offers a revealing insight into the variety and diversity of German art education theory components, access ways and work and outlines selected results of empirical research. It addresses an international reader's circle and opens starting points for a deepening discourse, stronger interlinking and future cooperation. The school art education is in the focus. However, also for professional forces in extracurricular and/or social-educational fields of action in European and non-European countries, the reading of the book represents an enrichment. For the German speaking reader the reading of the original contributions, see www.archive.org or www.kunstlinks.de, can be seen as a suitable alternative.

(Übersetzung von Claudia Mehlmann)

Rezensentin
Prof. Dr. Marion Baldus
Hochschule Mannheim
Homepage baldusm.twoday.net
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Zitiervorschlag
Marion Baldus. Rezension vom 07.06.2016 zu: Georg Peez (Hrsg.): Art Education in Germany. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2015. ISBN 978-3-8309-3265-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20667.php, Datum des Zugriffs 26.04.2017.


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