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Sabine Hellwig, Andreas Wölfl (Hrsg.): Was macht wirklich satt? – Musiktherapeutische Ansätze (Essstörungen)

Cover Sabine Hellwig, Andreas Wölfl (Hrsg.): Was macht wirklich satt? – Musiktherapeutische Ansätze in der Behandlung von Essstörungen. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2016. 96 Seiten. ISBN 978-3-95490-161-6. D: 18,00 EUR, A: 18,50 EUR.

Beiträge zur Musiktherapie Band 18. 23. Musiktherapietagung am Freien Musikzentrum München e. V. (28. Februar bis 1. März 2015).
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Thema

Diese Publikation beleuchtet zentrale theoretische und fachpraktische Erkenntnisse sowie Erfahrungen aus der stationären und ambulanten Behandlung von Patientinnen und Patienten mit Essstörungen.

Herausgeberin und Herausgeber

Sabine Hellweg ist Diplom-Musiktherapeutin, Heilpraktikerin Psychotherapie und Lehrmusiktherapeutin. Sie arbeitet seit 1990 in psychiatrischen und psychosomatischen Kliniken.

Andreas Wölffl hat ebenfalls ein Diplom für Musiktherapie, ist außerdem Klinischer Musiktherapeut, Lehrmusiktherapeut, Supervisisor und Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut.Er leitet die Musiktherapie-Ausbildung am Freien Musikzentrum in München.

Entstehungshintergrund

Die Veröffentlichung basiert auf Vorträgen der 23. Tagung des Freien Musikzentrums in München vom 28.2. bis 1.3. 2016.

Aufbau und Inhalt

Zunächst legt Dr. Jörg-Hilmar Deubner die medizinischen Grundlagen von Anorexie und Bulimie (epidemiologische und diagnostische Kriterien sowie einige somatomedizinische Aspekte) dar. Im zweiten Teil seines Beitrags erläutert er die Indikationsstellung für die stationäre Behandlung, beschreibt ein mögliches Behandlungssetting, das auf dem Verständnis basiert, dass die Symptome einer Essstörung aus unbewussten Vorgängen resultieren. Auf diese wirkt ein multidisziplinäres Team mit vielfältigen Therapieelementen ein. Die stationäre Behandlung wird als „hilfreiche Unterbrechung“ der verhärteten psychosozialen Muster verstanden.

Gudrun Schmalhofer-Gerhalter, Musiktherapeutin und systemische Familientherapeutin an einer Tagesklinik, stellt ihr Behandlungskonzept vor, bei dem methodische Zugänge wie die „Klingende Familie“, die „Musikalische Zeitreise des Symptoms“ und die „Innere Ambivalenzarbeit“ sich besonders bewährt haben, um innere Prozesse zu externalisieren. Bei der „Klingenden Familie“ weist die Patientin den Mitgliedern der Therapiegruppe Musikinstrumente zu, die zu den einzelnen Personen ihrer Familie passen. In einer gemeinsamen Improvisationen stellen die Mitpatientinnen dar, wie es in der Familie der Patientin zugeht. So werden ihr die verborgenen psychosozialen Prozesse ihres Familiensystems hörbar und bewusst.

Ähnlich geht es bei der „Musikalischen Zeitreise des Symptoms“. Die Initialfrage ist: „welche Instrumente können hörbar machen, wie die Essstörung in den Phasen meines Lebenslaufs war?“ Auf diese Weise externalisiert können Veränderungen des Verhaltens entdeckt und musikalisch probehandelnd für zukünftiges Handeln erlebbar werden. Ein exemplarischer Therapieverlauf über acht Einheiten sowie zwei Fallgeschichten veranschaulichen die Vorgehensweise und ihre Wirksamkeit.

Die Tanz- und Psychotherapeutin Else Diederichs beschreibt in Anlehnung an die US-amerikanische Kinderpsychiaterin Judith Kestenberg, wie sich das Körperbild im Alter von 0 bis 5 Jahren und dessen emotional-mentale Besetzung über entsprechende Körperrhythmen entwickelt. Als Körperrhythmen werden sich rhythmisch wiederholende Sequenzen angespannter und frei fließender Muskelspannung verstanden. Die Autorin erläutert, wie sich während der einzelnen Entwicklungsphasen dieser rhythmische Wechsel zwischen angespannt und frei fließend darstellt: im 1. Lebensjahr ist der Wechsel zwischen saugen und beißen bestimmend, im 2. Lebensjahr verdrehen (z.B. Haare um die Finger wickeln, Ringe drehen) und pressen (z.B. Lippen zusammenpressen, Stifte drücken). Während des 3. und 4. Lebensjahres liegen die Körperrhythmen zwischen fließen (z.B. in die Couch sinken) und stoppen (z.B. schnelles klopfen oder mit Stift und Füßen wippen) und im 4. / 5. Lebensjahr zwischen wiegen (z.B. hin- und herschaukeln, streicheln) und wogen (z.B. langes ein- und Ausatmen). Die Körperrhythmen sind während des 5. und 6. Jahres zwischen hüpfen und springen angelegt. Da sich diese Bewegungsmuster gut mit bestimmten Musikrichtungen und Musikrhythmen verbinden lassen, können durch gezielt ausgewählte Musik bestimmte Körperrhythmen unterstützt und damit verbundene Lebensthemen aktualisiert werden.

Da bei Patientinnen mit Essstörungen das Körpergefühl nachhaltig gestört ist (z.B. „ich bin zu dick“), kann über Tanz- und Musikerfahrungen zu den verschiedenen Körperrhythmen Kontakt hergestellt werden, die für unterschiedliche Phasen der Lebensentwicklung kennzeichnend waren.

Im weiteren Verlauf ihrer Abhandlung weist die Autorin die Tragfähigkeit ihres Therapiekonzepts anhand mehrerer Patientenbeispiele nach. Die Berichte stehen unter Leitbegriffen, wie „Angst vor Ablösung“, „Verharren im Press-Rhythmus“, „Trauer und unterdrückte Wut“, „Ohnmacht – Press- und Verdreh-Rhythmus“, „Perfekte Tochter“, „Pressrhythmus am Mund- und Kiefergelenk“, „Zugehen auf Gleichaltrige, Jungen werden interessant“.

Als Fazit ihrer Arbeit mit ihren Patientinnen hebt Else Diederichs hervor, dass Patienten mit Essstörungen meinen, sich satt und zufrieden zu fühlen, durch Anerkennung, Perfektion und Leistung verdienen zu müssen. Demgegenüber erfährt ein Mensch Sattheitsgefühl aber erst dann, „wenn er positive Bindungserfahrungen machen kann“, in denen er „mit allen seinen Anteilen dazugehören darf.“

Einen weiteren Beitrag liefert Hedwig Brun aus psychoanalytischer Sicht. Für sie dienen die Symptome der Essstörung zu Regulation der Emotionen im Kontext eines narzisstischen Lebensstils. Auf der Grundlage einer vertrauensspendenden und haltgebenden therapeutischen Beziehung können Patienten „das Ziel der Lebendigkeit und Beziehungsfähigkeit“ erreichen.

Unter dem Titel „Essstörungen und musikalische Gestalt“ stellt Berndt Reichert, Musiktherapeut am Universitätsklinikum Münster und Lehrbeauftragter für Klinische Musiktherapie an der Musikhochschule Münster, eine Studie vor, durch die der Zusammenhang zwischen psychotherapeutischem Krankheitsverständnis und musiktherapeutischer Improvisation nachgewiesen werden sollte. Die Untersuchung basiert auf der Morphologischen Psychologie und Forschungsmethodik (Salber 1983, 2009) und belegt, dass bereits in den ersten musikalischen Improvisationen von Patienten grundlegende Dispositionen ihres psychosozialen Verhaltens, ihrer Lebensmuster und -stile hörbar wahrgenommen und nachempfunden werden können. Die Improvisationen von vielen unterschiedlichen Patienten wurden anonym einem Team von Musiktherapiestudenten vorgespielt, die schriftlich ihre Höreindrücke niederlegten. Diese Charakterisierungen wurden hinsichtlich der sie kennzeichnenden Psychodynamik und Polaritäten in unterschiedlichen Gruppen zusammengefasst. Bei zwei der so entstandenen Gruppen von Höreindrücken korrelierten die Hörbeschreibungen mit den Behandlungs- und Lebensgeschichten von Anorexie-Patientinnen, eine Gruppe stimmte mit bulimischen Patientinnen überein. Eine Fallgeschichte schließt diese Forschungsarbeit ab. Dabei wird deutlich, dass auch aus kasuistischer Perspektive das enge Zusammenwirken von musikalischen und psychosozialen Verhaltensweisen deutlich nachweisbar ist.

Zum Abschluss dieser Tagungsdokumentation liefert Stephanie Lahusen einen Beitrag mit sozialtherapeutischem Akzent. Sie beschreibt ihre Arbeit in einer „Gemeinschaftspraxis für Gesundheit und Kreativität“: „Ich bewohne mein Körperhaus“ „… an einem sinnlichen Ort“, „… mit meinem Bedürfnis nach Ruhe und Entspannung“ „… mit Bewegung und Tanz“ „… mit Farben und Klängen“ „…mit Information und Körperwissen“.

Einen weiteren Schwerpunkt ihres Beitrags legt sie darauf, ihre therapeutischen Erfahrungen für die Prävention zu nutzen. In einer einjährigen Projektarbeit haben fünf junge Frauen und ein junger Mann Texte, Bilder und Lieder in eine Ausstellung eingebracht, die sie „Klang des Körpers“ nennen. Sie verdeutlichen „auf eindrucksvolle und berührende Weise die emotionale Komplexität der Krankheit.“

Die Ausstellung hat inzwischen 86000 Schülerinnen und Schüler erreicht. Ähnliche Projekte sollen an Schulen und Jugendeinrichtungen dauerhaft implementiert werden, so dass gefährdete und erkrankte Jugendliche früh angesprochen werden können und deren Freundinnen und Freunde unterstützt werden können. Außerdem sollten sich Schulen und regionale Hilfeeinrichtungen über solche Ausstellungsprojekte nachhaltig vernetzen können.

Diskussion

Die Publikation belegt auf eindrucksvolle Weise, wie komplex Essstörungen sind und dass auf Seiten der Behandler ein umfangreiches Maß an Multiprofessionalität und Interdisziplinarität gegeben sein muss, um den Bedürfnissen der betroffenen Patientinnen und Patienten gerecht zu werden.

Fazit

Das Buch liefert einen fachlich fundierten Überblick über medizinische, psychische und soziale Aspekte der Anorexia nervosa, Bulima nervosa und das Binge Eating Syndrom, deren biographische Hintergründe, verursachende Zusammenhänge, Verläufe und Therapiemöglichkeiten. Letztere werden fachlich überzeugend abgeleitet und nachvollziehbar beschrieben. Ihre Wirksamkeit wird durch Fallstudien und empirische Forschung belegt.


Rezensent
Prof. Hartmut Kapteina
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Zitiervorschlag
Hartmut Kapteina. Rezension vom 03.03.2017 zu: Sabine Hellwig, Andreas Wölfl (Hrsg.): Was macht wirklich satt? – Musiktherapeutische Ansätze in der Behandlung von Essstörungen. Dr. Ludwig Reichert Verlag (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-95490-161-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/20668.php, Datum des Zugriffs 21.08.2019.


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